Der Arbeitslose

Tiere Einst schufteten Esel in der Landwirtschaft oder als Lasttier, Seite an Seite mit den Menschen. Viele dieser Jobs fallen nun weg. Zeit für ein Berufscoaching
Der Arbeitslose
Je weniger der Esel noch zu leisten hat, desto stärker wächst unsere Zuneigung
Foto: Artmedia/Printcollector/Getty Images

Ein Esel ist nicht nur ein eigenes Lebewesen; im Verhältnis zum Menschen ist er auch eine Erinnerung an eine vorindustrielle, landwirtschaftlich geprägte und mit harter körperlicher Arbeit verbundene Lebensweise. Vielleicht ist es diese archaische Erinnerung, die er auslöst, die einen bei seinem Anblick überrascht und bewegt. Oder sind es die langen Ohren, die sanfte Schnauze mit dem leichten Überbiss und sein zutraulicher Charakter? Der Esel ist kein kleines Pferd, er hat eine eigene Abstammungslinie, ein anderes Verhalten und er frisst auch anders, braucht eine kargere, ballaststoffreichere Kost und verträgt keine fetten oder feuchten Wiesen. Wenn er gut gehalten wird, kann er 45 Jahre alt werden, Großesel etwa 25 Jahre. Er ist auch kein Fluchttier, wenn ihn etwas irritiert, bleibt er stehen, deshalb galt er lange als störrisch und dumm. Diese Zuschreibungen verschwinden nun, denn der Trend geht zum Esel, Eselwandern ist in Mode und auch die Literatur über die Haltung von Eseln wächst seit einigen Jahren.

Das ist erstaunlich, denn gleichzeitig sind Esel vollkommen out of business – die Langohren sind arbeitslos. Was kann man mit ihnen schon anstellen? Als Reittiere sind sie bei dem durchschnittlichen, hiesigen Körpergewicht von Menschen absolut ungeeignet – sie dürfen nicht mehr als 20 Prozent ihres eigenen Gewichts tragen –, und als Lasten- und Zugtiere, die das Vierfache ihres Gewichts ziehen können, werden sie nicht mehr benötigt. Nun verschwinden die Esel auch aus Südeuropa. Esel, was kommt nach der Arbeit?

Muskeltraining für den Muli

Ich fahre zu Christine Möller, die in dem Dorf Paaren im Glien mit dem Verein „Eselfreunde im Havelland e.V.“ ansässig ist. Ich traf die 55-Jährige erstmals auf der Pferdemesse Hippologica, wo sie an ihrem Stand Esel-Stofftiere und Esel-Schlüsselanhänger verkaufte und für Workshops warb, die da heißen „Eselführerschein“, „Eselkotproben“, „Eselgrundlagen für Kinder“, „Hufbearbeitung“. Aber es war ein bestimmter Satz, den sie sagte, der neugierig machte: „Es ist Arbeit, Eseln Arbeit zu verschaffen.“ Denn Esel brauchen Arbeit, erklärte sie energisch, man dürfe sie nicht nur auf die grüne Wiese stellen und sich an ihrem Anblick erfreuen. Im Gegenteil, die vielen Nährstoffe einer grünen Wiese vertrügen Eselmägen nicht, und Eselshufe seien auf steinige, trockene Böden geprägt, und würden durch Feuchtigkeit nur faulig werden. Zur Erhaltung der Kulturlandschaft eignen sich Esel also auch nur bedingt. Dieses Stigma eines zur Langzeitarbeitslosigkeit verurteilten Arbeitstieres faszinierte mich so, dass ich von Berlin-Spandau aus den Überlandbus ins Havelland nahm.

Christine Möller erwartet mich an der Haltestelle mit ihrem Auto, Kennzeichen: der Eselschrei „IA“. Sie ist die Gründerin der „Eselfreunde“ und widmet sich, nachdem sie in einer Jugendbildungsstätte arbeitete und nun im Vorruhestand ist, der Vereinsarbeit mit voller Kraft. Wir fahren durch das erstaunlich großflächige, luftig bebaute Dorf, in dem sich der Erlebnispark Paaren befindet, wo die BraLa, die Brandenburgische Landwirtschaftsausstellung, abgehalten wird. Frau Möller zeigt mir die vier Koppeln mit insgesamt vier Hektar Sandrasen, auf denen der Verein seine Herde hält. Sie besteht aus 24 Tieren. Es ist eine gemischte Truppe aus Zwergeseln, Großeseln, Eseln mit Zottelfell oder grauem Kurzhaar; es sind ältere wie auch junge, unausgebildete Tiere dabei. Der Verein nimmt ausschließlich Stuten und Wallache, denn züchten möchte man nicht. Es sind gerettete Esel aus schlechter Haltung, die hier ein neues Leben finden, und in die vielfältigen Vereinsaktivitäten eingebunden werden. Alle drei Jahre ist in Paaren der Esel los und aus ganz Europa kommen Esel und ihre Halter, um hier das „Internationale Esel- und Mulitreffen“ abzuhalten und sich in Wettbewerben miteinander zu messen.

Am Hauptstandort des Vereins steigen wir aus. Wir gehen auf die Sandkoppel, und sofort fällt ein landschaftsuntypischer Hügel ins Auge, auf dem drei Esel stehen und auf uns herabblicken.

Der Hügel, erklärt Frau Möller, wurde mit Hilfe der Gemeinde aufgeschüttet, damit die Esel beim Anstieg ihre Muskulatur trainieren können. Außerdem gibt es Heu-Netze, aus denen die Esel sich ihr Futter selbst herausarbeiten müssen, und eine selbstgebaute Bürsteninstallation, an der die Esel ihr Fell schuppern. Auf einer der Koppeln baute man einen Trail, einen gezäunten Pfad, damit die Esel großräumige Wege gehen müssen, um von Punkt A nach Punkt B zu gelangen; auf der offenen Koppel würden sie nur den kürzesten Weg nehmen. Dies alles sind Beispiele für etwas, was jede Krankenkasse begeistert „Bewegungsaktivierung im Alltag“ nennt. Aber wo ist die Arbeit?

Frau Möller stellt mir die Vereinsmitarbeiterin Nicole vor. Nicole ist eine junge Frau, die nach einer Ausbildung zur Pferdewirtin arbeitslos wurde, und mit Hilfe des 100-Stellen-Programms des Landes Brandenburg beim Eselverein eine 30-Stunden-Stelle fand. Neben der täglichen Eselpflege und der Betreuung der Workshops bildet Nicole die Esel zu Wandertieren aus. Gleich wird sie mit der vierjährigen Eselin Lisa ein paar Kilometer spazieren gehen, denn Lisa muss noch lernen, mit dem Menschen gemeinsam zu laufen. „Die Zukunft der Esel“, sagt Frau Möller, „ist der Tourismus.“

Dazu müsse die Politik aber noch mehr in die Infrastruktur investieren, der Eseltourismus müsse komfortabler und moderner werden. Sie denkt an GPS-geführte Touren, Routen zwischen Sachsen, Polen und Brandenburg oder auf dem deutschen Jakobsweg – da sieht sie noch viel Potenzial. Dass es von Seiten der Bevölkerung ein großes Interesse an Eseln gibt, bestätigt sie vehement. Aber viele Privathalter machten sich falsche Vorstellungen von der Eselhaltung: „Ein Esel ist weder billiger als ein Pferd, noch ist er einfacher zu halten. Wer etwas anderes denkt, ist auf dem Holzweg.“ Deshalb ist ihr Verein vor allem damit beschäftigt, immer wieder die artgerechte Haltung aufzuzeigen.

Weitere künftige Arbeitsfelder für Esel sieht sie in der Sozial- und Therapiearbeit. Esel kommen bei Kindern und Jugendlichen wie auch bei Senioren sehr gut an. Sie sind geduldige Schmusetiere, und ihr Fell löst auch bei Allergikern meist keine allergischen Reaktionen aus. „Unsere Esel können sogar Fahrstuhl fahren und in Altersheimen Stationsbesuche machen“, sagt sie. Sie erzählt noch von den prominenten Filmauftritten, die einige ihrer Esel in diversen Kinder- und Märchenverfilmungen hatten, und dass die Tiere auch – immer in Begleitung eines Vereinsmitarbeiters – für Weihnachtsfeste, Hochzeitsfeiern und sogar für Junggesellen-Picknicktouren zu buchen seien. Und so zeigt sich, dass der Esel ein multifunktionaler Gelegenheitsjobber mit einem sehr schillernden Profil ist: Er kann Sozialarbeit, er hat sowohl Kunstprojekte am Laufen als auch seinen geregelten saisonalen Einsatz im Tourismus.

Der physischen Ausbeutung hingegen sind klare Grenzen gesetzt: Die Erzeugung von Eselsmilch – die für Säuglinge gut verträglich ist und in der Kosmetikbranche nachgefragt wird – ist aufwendig und bringt nur minimale Erträge. Und Eselsalami mag hierzulande auch nicht jeder.

Ein weiterer Tätigkeitsbereich, den Frau Möllers Verein allerdings nicht so sehr im Visier hat, ist die Security-Branche: Esel schützen Schafherden sehr effektiv, denn mit ihrer Beharrlichkeit und ihren flexiblen Hinterläufen sind sie in der Lage, einen Wolf, der in eine Schafherde einbricht, zu stellen – und sogar totzuschlagen.

Was vor allem bei der Arbeitssuche für Esel auffällt, ist, dass sie ohne Schuldzuweisungen auskommt, ohne Schikane und ohne Aufwiegelung. Niemand sagt: „Die Esel sind selbst schuld an ihrer Lage!“ Oder: „Die Esel sind faul und dumm, man muss sie bestrafen, damit sie sich mehr Mühe geben!“. Oder: „Die Esel sollten sich an den Hunden ein Beispiel nehmen!“

Auch wenn es nur begrenzt möglich ist, Esel und Menschen zu vergleichen, so ist doch das gemeinsame Schicksal klar erkennbar: Das Verschwinden der Erwerbsarbeit aus strukturellen Gründen betrifft beide Spezies. Und so kann es kein Zufall sein, dass sich immer mehr Menschen für Esel interessieren, und lernen wollen, geduldig, liebevoll und auch optimistisch an ihrer Seite zu gehen, auch wenn es vorläufig keine blühenden Landschaften sind, durch die man trottet.

Info

Soeben ist ein neues Buch von Sarah Khan erschienen: Das Stammeln der Wahrsagerin. Unglaubliche Geschichten hinter Kleinanzeigen (Suhrkamp, 173 S., 12,95 €). Lesungen in Berlin: 20.4. im Museum der Dinge, 4.5. in der Buchhandlung Die Insel

06:00 10.05.2017
Geschrieben von

Sarah Khan

Jg.71, Autorin, Gespenster-Reporterin, Michael-Althen Preisträgerin, aufgewachsen zwischen Protestanten u Pakistanern in Hamburg
Sarah Khan

Kommentare 8