Geisterbeschwörung

Kino Die Wiederauflage der „Ghostbusters“ enttäuscht. Das vielversprechende Team aus weiblichen Stars hat einfach nicht genug zu tun
Sarah Khan | Ausgabe 31/2016

Die Ghostbusters-Filme der 80er Jahre werden von vielen Zeitgenossen mit der Erinnerung an ein vorzüglich unterhaltendes US-amerikanisches Kino veknüpft. Beschwingt und bissig, mit Dan Aykroyd, Harold Ramis (die das Drehbuch schrieben) und Bill Murray besetzt, ging es um eine Gruppe freiberuflicher Physiker und Parapsychologen auf Geisterjagd in New York. Selbst die damalige Tricktechnik ist bis heute sehenswert geblieben, was man von vielen 3-D-Avatar-in-der-Bluebox-Effekten der Gegenwart nicht behaupten kann. Erst kürzlich zeigte der Fernsehsender Vox beide Ghostbusters-Filme hintereinander weg und erzielte damit erstaunliche Einschaltquoten am Samstagabend.

Über dem Asia-Restaurant

Dass es eines Tages den Versuch geben würde, diese Erfolgsgeschichte zu wiederholen, sollte niemanden erstaunen. Dass es allerdings bis 2016 gedauert hat, war der vertraglichen Konstruktion zwischen den Rechteinhabern Sony, Regisseur Ivan Reitman sowie Murray, Ramis und Aykroyd geschuldet, die mit ihren Vetorechten jeden Versuch zur Neuauflage abwechselnd blockierten. Inzwischen ist Harold Ramis verstorben, von dem bekanntlich auch die geniale Komödie Und täglich grüßt das Murmeltier stammt, und Sony durch einen Scheckbuch-Deal zum alleinigen Rechteinhaber geworden. Der aktuelle Reboot aber löst die hohen Erwartungen, die man daran haben konnte, nicht ein.

Die neuen Ghostbusters sind ein weibliches Team und mit den Comedystars Melissa McCarthy und Kristen Wiig (aus Brautalarm) in den Hauptrollen vielversprechend besetzt. Das Drehbuch von Katie Dippold (die auch die Fernsehserie Parks and Recreation schrieb) und Regisseur Paul Feig aber gibt den beiden Frauen, geschweige ihren weiteren Mitspielerinnen, nicht genug zu tun. Melissa McCarthy mimt die immerlustige Dicke, die ihrer Freundin, der Elementarteilchen-Physikerin Erin, eine Karriere an der Universität ausredet, um gemeinsam das Geisterjägerteam aufzubauen.

Die Uni wird dabei als ein Ort karikiert, an dem eine intelligente Wissenschaftlerin aus Karrieregründen großmutterhafte Klamotten trägt und sadistische Ungerechtigkeiten sowie gezielte Herabwürdigungen männlicher Vorgesetzter erduldet. Dass Erin unter den Geisterjägerinnen, die sich postpunkig kleiden (was wiederum eine öde Normierung ist), letztlich total unterfordert ist, da es nicht darum geht, ektoplasmatische Erscheinungen zu berechnen, sondern Geistervideos für Youtube zu drehen, ist eigentlich tieftraurig.

Auch die gesamte ökonomische Situation des Teams bleibt rätselhaft. Das alte Businessprinzip, das der Musiker Ray Parker Jr. im populären Titelsong einst besang – Klient hat Problem, Klient greift zum Telefon, Klient erhält Lösung („Who you gonna call? Ghostbusters!“) –, funktioniert nicht mehr.

Als letzter Ausweg bleibt die Politikberatung, wenn da nur nicht der dumme Bürgermeister wäre, der schlechte PR fürchtet und die Frauen als Hirnis hinstellt. Die alte Feuerwache, in der die Ghostbusters der 80er Jahre noch billig unterkamen, ist mittlerweile natürlich eine kostspielige Luxusimmobilie, aber wieso die Frauen sich alternativ eine Etage über einem Asia-Restaurant leisten können, bleibt im Dunkeln. Die U-Bahn-Angestellte Patty, gespielt von der Stand-up-Komikerin Leslie Jones, bildet eindeutig den interessantesten Charakter – sie rekrutiert sich selbst ins Team und kennt die geschichtlichen Hintergründe Manhattans bestens. Doch selbst diese Figur erhält im Film zu wenig Raum, um ihre Fähigkeiten zu entfalten.

Sehnsucht nach Monroe

Die Angriffe, die Leslie Jones aufgrund ihrer Hautfarbe und ihres Geschlechts durch von professionellen Hatern aufgebrachte männliche Fanhorden in den sozialen Medien erfahren hat, erscheinen in ihrer Massivität als das interessantere Phänomen im Vergleich zur Neuverfilmung von Ghostbusters. Denn der müde Plot, der im weiteren Verlauf von einem bösen Hotelhausmeister handelt, der Manhattan zerstören will, hat kaum die Kraft, bis zum Ende Spannung zu produzieren. Jungstar Chris Hemsworth (Thor) darf in der Tradition von Marylin Monroe den dummen, aber sexy Angestellten Kevin spielen, was ihm sichtbares Vergnügen bereitet. Nur rettet es Feigs Film nicht.

Sehnsüchtig denkt man an die bissige Komödie Blondinen bevorzugt der legendären Hollywood-Autorin Anita Loos zurück, die 1953 mit Marilyn Monroe und Jane Russell in den Hauptrollen den Materialismus und Sexismus weitaus schonungsloser kommentierte („Diamonds are a girl’s best friend“), als McCarthy und Wiig es nun in ihrer zahmen Freundinnenkiste tun. Der letzte Akt besteht nur noch aus animierten Actionsequenzen, die an Godzilla erinnern. Die berühmten, rucksackartig zu tragenden Laserstaubsauger kommen wieder zum Einsatz, wobei die weibliche Freude an Großgeschossen ausgiebig zelebriert wird.

„Busting makes me feel good?“ Sorry, leider nein. Die Kurzauftritte der alten Ghostbusters Dan Aykroyd, Bill Murray und Ernie Hudson (als Onkel von Leslie Jones) sind lahm. Es tut der Kritikerin von Herzen weh, den Veteranen der 80er Jahre keine bessere Nachricht geben zu können. Als Kinderfilm mit FSK 12 kann man dieses Popkornkino ohne große Ansprüche durchaus als Familienzeitvertreib goutieren. Aber kultfähig ist die Neubearbeitung nicht – und das hat nichts mit dem Geschlecht der Geisterjägerinnen zu tun. Es ist allein dem uninspirierten Drehbuch und Produktionsprozess geschuldet. Ein Film mehr, der Hollywoods derzeitiges Kreativitätsproblem verdeutlicht.

Info

Ghostbusters Paul Feig USA 2016, 116 Minuten

06:00 17.08.2016
Geschrieben von

Sarah Khan

Jg.71, Autorin, Gespenster-Reporterin, Michael-Althen Preisträgerin, aufgewachsen zwischen Protestanten u Pakistanern in Hamburg
Sarah Khan

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