Hintertreppenwitze

Internet Die Nachrichtenagentur AP hat jetzt ihr gesamtes Filmarchiv bei Youtube online gestellt, von 1895 bis heute. Brauchen wir das?
Hintertreppenwitze
„Kiss her, you idiot“

Foto: John Shelley Collection/PhotoShot/Imago

Wo und wieso feierte der Popsänger George Michael seinen 35. Geburtstag mit Cowboyhüten und Engelsflügeln? Warum und auf welche Art füllte Prinz Charles bei seiner Hochzeit mit Lady Diana den Begriff kissing a fool mit neuem Leben? Und weshalb war es 2006 eine extrem wichtige Nachricht, dass in einem britischen Roman über einen Zauberschüler namens Harry einige Charaktere womöglich ermordet werden sollten – während die ganz reale britische Armee sich mit 8.900 Soldaten an einer zweifelhaften „Koalition der Willigen“ im Irak beteiligte und damit einer neuen Form von Terrorismus den Boden bereitete? Anders gefragt: Was tut man mit einer halben Million Filmschnipseln aus 120 Jahren (von 1895 bis zur Gegenwart), wenn man kaum Personal und Geld besitzt, das Material gründlich selbst zu sichten und auch nicht genau weiß, wie der Stoff kommerziell zu verwerten ist?

Im Jahr 2015 lautet eine mögliche Antwort: Man lässt die Stoffsammlung von der Crowd entdecken, kontextualisieren und kommentieren. Und zwar indem man der Öffentlichkeit die Erlaubnis erteilt, die Filme im Internet kostenfrei zu sichten und auf privaten Webseiten einzubetten. Dazu hat sich jetzt die Archivabteilung der größten Nachrichtenagentur der Welt, das Associated Press Archive (AP Archive), entschlossen: Ende Juli stellte es, in Zusammenarbeit mit dem Wochenschauarchiv British Movietone seinen Schatz bei Youtube ein, als Geschenk an die Menschheit.

Was kann schon bedenklich daran sein, wenn Youtube-Nutzer rund um den Erdball nun anfangen, die schönsten, witzigsten oder eruptivsten Momente des 20. Jahrhunderts – ob es nun eine Promiparty oder ein politisches Defilee ist – mit ihren Freunden und Followern zu teilen?

Nun, ein Problem könnte darin bestehen, dass der Umgang mit historischem Bildmaterial im Spiel- und Regelwerk der sozialen Medien zu Gewöhnungseffekten führt: zur Gewöhnung an lapidare, ungenaue und vor allem fehlerhafte historische Narrationen und an weitgehend sinnfreie, dafür umso mehr gemütsbewegte Kommentare wie „I love historical footage :)“ oder „Nice to see!“. Eine gute Gelegenheit für all die Verschwörungstheoretiker und Schaumschläger da draußen: Sachliche Irreführungen sind für sie nun, bildhaft untermauert, leichter herzustellen. Dass sich aus vernetzten Interessengruppen im Internet eine verlässliche (Schwarm-)Intelligenz herausbilden könnte, ist längst als Mythos enttarnt: Intelligente Ergebnisse benötigen ein breites Meinungsspektrum und eine möglichst verzögerte Konsensbildung, was schon in kleinen Gruppen meist dem sozialen Anpassungsdruck weichen muss. Die Forenkultur bestätigt dieses Problem.

Die Twister sind am Drücker

Das Material aus dem AP-Archiv ist ein Gebrauchtwarenladen, alle Bilder haben ihr erstes Leben in den News schon hinter sich und können heute nur durch einen bestimmten Kontext, einen besonderen Dreh oder twist ein neues Leben erhalten. Es sind demnach twister, deren Stunde nun angebrochen ist, nicht so sehr die Twitterer. Twisterverfolgen Interessen, die weit über das Teilen von Inhalten hinausgehen, wie das Beispiel des britischen Komikers Russell Brand zeigt: Brand, der die politische, linke Agitation erfolgreich in sein Unterhaltungsrepertoire aufgenommen hat, nutzte jüngst die Hitlergruß-Affäre der englischen Königsfamilie, um ein elaboriertes antimonarchistisches Statement namens Russell Brand vs. Nazi Royals & Queen’s Nazi Salute in seinen Youtube-Kanal einzustellen.

Besagtes Video, eine Lesung antimonarchistischer Standards – es geht etwa darum, „was für eine verrückte Summe die kleine bekrönte Dame den englischen Steuerzahler jährlich kostet“ –, ist mit historischem Schwarzweißfilmmaterial illustriert, welches die spätere Königin Elizabeth als Kind zeigt, wie sie beim Spielen mit ihrem Onkel Edward den Hitlergruß einübte. Kurz bevor Brand es nutzte, war das Material von britischen Boulevardmedien veröffentlicht und skandalisiert worden. Brand beutet die Pikanterie also genüsslich – und humorvoll – für seine Zwecke aus. Was sein gutes Recht ist als Entertainer und Agitator.

Wie reagierte das AP Archive? Es präsentierte prompt eine Playlist mit weiteren erstaunlichen Hiltergrüßen der 1930er Jahre: Schaut mal, will uns jene Playlist sagen, von den Eisbären im Münchner Zoo (1934) bis zum englischen Fußballteam (1936) erbot die Welt dem späteren Massenmörder und Kriegsverbrecher Hitler den Arm zum Gruße. Man kann hier durchaus fragen: Ist dies nicht eine viel krassere Relativierung und eine viel problematischere Verzerrung der Geschichte, als Russell Brands witziges antiroyales Agit-P(r)op-Video?

Dem AP Archive kann es gar nicht um die Wahrheit in der historischen Narration gehen, wenn mit der Materialfreigabe doch vor allem nach einer Möglichkeit gesucht wird, mit altem Plunder neues Geld zu verdienen. Ein kleiner Skandal wie der um die royalen Hitlergrüße kommt da sehr gelegen, denn er macht Nachrichtensender und Zeitungen auf der ganzen Welt auf den Bilderfundus aufmerksam und produziert gleichzeitig einen Interpretationsansatz, der allein durch das Bildmaterial von verführerischer Beweiskraft zu sein scheint. Viele Medien übernahmen nun tatsächlich die Narration von der „gewissen Normalität“ des Hitlergrußes in den 1930er Jahren. Die Münchner Polarbären und das englische Fußballteam können einfach keine vollverblödeten Idioten gewesen sein! Oder doch? Wie gesagt: Eine überfrühe Konsensbildung ist der Erzfeind eines breiten Meinungsspektrums.

Wie kann sich eine Öffentlichkeit zu einem Geschenk verhalten, das für den Einzelnen zwar kostenfrei, aber offensichtlich doch nicht ohne Kosten ist? Das Präsent zurückzugeben ist technisch unmöglich, der visuelle Trödelladen des 20.Jahrhundnerts ist nun in der Welt und niemand wird ihn mehr los. Doch könnte man das AP Archive auffordern, in die Optimierung des Geschenks zu investieren, um den Nutzern einen wirklich mündigen Umgang mit dem Tand zu ermöglichen. Das betrifft vor allem die Beschriftung der Filmschnipsel. Da mangelt es schon am Wichtigsten: der exakten Datierung. Und das betrifft nicht nur Aufnahmen aus der braunen Vergangenheit einer königlichen Familie, sondern auch scheinbar belanglose Aufnahmen.

So bekommen wir vom AP Archive zwar Bilder von der Party zum 35. Geburtstag von George Michael zu sehen, dem Fest, bei dem der Sänger sein längst überfälliges Coming-out erstmals zelebrierte und bei dem die Gäste als Cowboys or Angels zu erscheinen hatten – aber wir müssen uns die Finger wund googeln, um zu erfahren, wann genau das war. Auch zur Militärparade zu Hitlers 50. Geburtstag ist kein Datum angegeben, die Infoleiste schweigt dazu. Dafür findet man eine sehr genaue Angabe zu J. K. Rowlings Bekanntgabe des Erscheinungstermins des finalen Harry-Potter-Bandes: Es geschah am 2. August 2006. Offenbar war bei jenem Großereignis des globalen Marketings das Bewusstsein für die Datierungsnotwendigkeit bei den Mitarbeitern des AP Archive besonders ausgeprägt.

Flüchtigkeit ist das Prinzip

Unweigerlich denkt man bei all dem an die Formel von der „Flüchtigkeit“ des popkulturellen Wissens, eines Wissens, das allzuoft vom naiven Glauben an die Wahrheit der Newsbilder unterhöhlt oder fortgespült wird. Denn das, was vor dem Internetzeitalter an Erzählungen zu den Bildern bereitgestellt wurde, verschwindet mit der Zeit, wenn die digitalen Archive nun so tun, als hätte nicht jede Ära ihre eigenen Mythen, Deutungen und subversiven Narrative geschaffen – Informationen, Interpretationen, Kontexte, die den Gehalt der Bilder ursprünglich ausmachten.

Wie kann man etwa die 25 Minuten und 44 Sekunden des Hochzeitsfilms von Prinz Charles und Lady Diana heute wirklich verstehen, wenn man beispielsweise nicht weiß, dass die englischen Boulevardmedien damals einen tauben Lippenleser engagierten, der uns sagte, was in den Sekunden vor dem tollpatschigen Kuss, den Prinz Charles auf Lady Dianas Lippen platzierte, auf dem Balkon gesprochen wurde? Prinz Edward, Charles’ jüngerer Bruder, zischte den überforderten Bräutigam an: „Küss sie, du Idiot!“

Die Hintertreppengeschichte des 20. Jahrhunderts verschwindet, wenn wir ihre Fußnoten nicht ebenso respektieren wie die blanken Bilder. Das bedeutet, wir müssen intelligente, nichtkonsensuale, abseitige Narrationen systematisch ermöglichen. Dazu braucht es Manpower, Erzähler, die das Material ordnen und vor allem auch: zu-ordnen. Doch wir wissen ja, wie es mit dem geschenkten Barsch meist geht: Man schaut ihm eben lieber nicht ... hinter die Kiemen.

Sarah Khan ist Schriftstellerin. Zuletzt veröffentlichte sie den Erzählband Die Gespenster von Berlin

06:00 07.08.2015
Geschrieben von

Sarah Khan

Jg.71, Autorin, Gespenster-Reporterin, Michael-Althen Preisträgerin, aufgewachsen zwischen Protestanten u Pakistanern in Hamburg
Sarah Khan

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