Kindheit mit Monster

Was läuft Das Thema des Missbrauchs entblättert sich in der Miniserie „Patrick Melrose“ so intensiv, dass sich dazwischen Erholungspausen empfehlen. Spoiler-Anteil: 17 Prozent

Angenommen, der edle Lord Grantham, Hausherr in Downton Abbey, hätte Kinder vergewaltigt. Dann hätte Downton Abbey niemals die in aller Welt geliebte Serie sein können, sie wäre schwerlastend, verstörend und grauenerregend ausgefallen – aber auch weniger märchenhaft. Nun gibt es mit Patrick Melrose eine britische Serie (in Deutschland auf Sky verfügbar), die das Thema eines Missbrauchs in der vornehmen Upper Class verhandelt, und dafür das Format der Mini-Serie wählte.

Auf der Grundlage der autobiografischen Romanserie des Schriftstellers Edward St Aubyn – bei dem es sich um einen Abkömmling einer der ältesten Familien des englischen Hochadels handelt – entstanden fünf Folgen, die zwischen den 1960er Jahren und der Gegenwart spielen. Im Zentrum steht der wohlhabende Patrick Melrose (Benedict Cumberbatch), ein typischer Vertreter seines Standes: scharfzüngig, sarkastisch, von nervöser Intelligenz und angesichts seiner Drogenexperimente und Badegewohnheiten über eine erstaunliche körperliche Konstitution verfügend. Patrick Melrose hat einen einzigen Freund aus einer Therapiegruppe und außer „Sohn“ keinen Beruf. Und wenn er mal einen hoffnungsvollen Moment hat, faselt er davon, „in der Gesellschaft einen Beitrag zu leisten“, also Blabla, denn vorläufig ist er mit Drogen, Chaos-Stiften und Üppig-Trinkgeld-Verteilen ausgelastet. Sobald er versucht, etwas Substanzielles zu sagen, zwischen einem Martini und einer Party, kommt ihm ganz sicher ein Kellner dazwischen und zerstört den Moment, und Patrick Melrose kann ihn sich nicht wieder zurückholen.

Der als Sherlock-Holmes-Inkarnation berühmt gewordene Benedict Cumberbatch ist Patrick Melrose, es war ihm ein Herzensprojekt, das er auch als Produzent anstieß. Er spielt Melrose ohne Handbremse, als Kaspar, Schnösel und Nervensäge zugleich. Das alles gibt diese Figur her, sie gehört in eine Reihe exemplarischer britischer Männerfiguren des späten 20. Jahrhunderts, zusammen mit ebenso Film gewordenen, literarischen Gestalten wie Will Freeman aus Nick Hornbys About a Boy oder Karim Amir aus Hanif Kureishis Der Buddha der Vorstadt.

Die Serie beginnt in den 80ern; Patrick erfährt von dem Tod seines Vaters David Melrose. Auf Pillen und Substanzen schwebend, fliegt er nach New York, um die Urne des Vaters entgegenzunehmen. Das ist zunächst ein extrem lustiger Trip, der in Luxushotelsuites, Yuppie-Restaurants, bis ins Drogenghetto der Bronx führt. Dann enthüllt sich in langen Rückblenden seine Kindheit in den Sechzigern, die von einem Monster beherrscht wurde. Patricks Vater (nun gespielt von Hugo Weaving) war ein sadistischer, manipulativer Pädophiler, der jede Form von Empathie als kleinbürgerlich und vulgär diskreditierte, und niemals einen Beitrag zur Gesellschaft leistete. Er sonnte sich in der Umgebung eines duckmäuserischen Freundeskreises, in dem er den Ruf eines Lebemanns und Ästheten genoss. Den Reichtum aber brachte Patricks Mutter (Jennifer Jason Leigh) in die Ehe, eine Amerikanerin, die alkoholsüchtig und lebensuntüchtig ihre Tage mit Trinken und „Charity“ ausfüllt.

Das Thema des Missbrauchs entblättert sich in Wiederholungen und Variationen. Ein einsames Kind, das in einem südfranzösischen Landhaus auf einer Treppe sitzt und sich vergebens von der Mutter Hilfe erhofft, ist dabei ein zentrales Bild. Mal will es sich selbst verletzen, mal konzentriert es sich auf eine Echse an der Wand. Die Hilflosigkeit und Ausgesetztheit, die Patrick trotz Drogen bald nicht mehr verdrängen kann, und die er angesichts der fortdauernden Gefühlskälte unter den Mitgliedern der Upper Class immer wieder erlebt, wirkt so intensiv, dass sich zwischen den Episoden Erholungspausen empfehlen.

Zum Binge-Watching verführt die Serie deshalb nicht, wenn auch die Schauwerte und Orte – die Lebenswelt und Güter der Schönen und Reichen – dem Auge gefallen. Aber das Grauen, das das Gesicht des Darstellers Hugo Weaving trägt – er war schon der duplizierte Bösewicht in The Matrix –, und Patricks Kampf dagegen, macht Patrick Melrose zu einem Ereignis. Die Erfindung des Patrick Melrose half Edward St Aubyn dabei, als Schriftsteller seine Rolle im Leben zu finden, ob aber Patrick Melrose es vergönnt sein wird, so ein Leben zu finden, eines, das sein Monstervater als kleinbürgerlich und vulgär geächtet hätte, sei nicht verraten.

06:00 24.08.2018
Geschrieben von

Sarah Khan

Jg.71, Autorin, Gespenster-Reporterin, Michael-Althen Preisträgerin, aufgewachsen zwischen Protestanten u Pakistanern in Hamburg
Sarah Khan

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