Schweinisches Paradoxon

Esskultur Schnitzel, Schinken, Hackepeter: Das Schweinefleisch prägte lange den hiesigen Alltag. Jetzt vergeht vielen der Appetit. Warum eigentlich?
Sarah Khan | Ausgabe 12/2016 6
Schweinisches Paradoxon
Der gute alte Schinken schmeckt vielen nicht mehr
Illustration: der Freitag

Dass Deutschland ein Land von Traditionen ist, die sich auch in der Hausmannskost abbilden, gehört hier zum Selbstbild. Doch wer erinnert sich noch gern an die Hundemetzgereien, die es in deutschen Landen bis in das fortgeschrittene 20. Jahrhundert gab? Pferdemetzger dagegen sind wieder schwer im Kommen, seit Hundeliebhaber das Pferdefleisch als besonders bekömmlich für ihre besten Freunde propagieren. Wie aber steht es um das Schweinefleisch? Liebt der Deutsche seine Mett-, Blut-, Brat- und Leberwurst überhaupt noch, den geräucherten Schinken, das Schnitzel und auch den Hackepeter, oder schämt er sich dessen?

Als die oppositionelle Nord-CDU aus Kiel, mitten in der Fastenzeit, den Antrag formulierte, dass das Schweinefleisch nicht aus deutschen Kantinen zu verbannen sei, nur um vorauseilenden Minderheitenschutz gegenüber Muslimen, Veganern und Vegetariern zu üben, wogte eine kurze Welle der Aufregung durchs Land. Es gab viel ironisches Gefrotzel, mancher fürchtete eine „Pflicht“ zum Schweinefleisch. Doch es schien, als wäre das Thema „Schweinefleisch als bedrohter Identitätsmarker deutscher Kultur“ für eine ernsthafte Betrachtung nicht vornehm genug. „Wenn ich jetzt was essen gehe und es ist kein Schweinefleisch dabei, bin ich dann ein Anti-Deutscher? Wird alles immer schwieriger“, twitterte der grüne Bundestagsabgeordnete Volker Beck, kurz bevor ihn das Crystal Meth talwärts fuhr. Dabei gäbe es aus der Schweinefleischperspektive einiges zu sagen über die Entwicklung des multi- und interkulturellen Lebens in Deutschland.

Nach dem Zweiten Weltkrieg schmeckten den Deutschen fett-, butter- und sahnetriefende Speisen besonders gut. Eine Fresswelle ging durchs Land. Kaum ein Bank-, Schul- oder Fabrikdirektor, der nicht seinen Schmerbauch stolz vor sich hertrug und somit vom ungebrochenen Verhältnis der Eliten zur Völlerei zeugte.

Proletarische Wurstwaren

Als der Arbeitskräftebedarf im Wirtschaftswunderland durch italienische und jugoslawische Gastarbeiter nicht mehr zu stillen war, holte man bekanntermaßen türkische Arbeiter in großer Zahl. Schwere Arbeit wartete auf sie, in der Industrie, auf Werften, in Müllverbrennungsanlagen, Stahlwerken und Autofabriken. Die Leute mussten ordentlich essen, aber in den Kantinen und Restaurants gab es kaum Speisen, die auf die religiösen Gebote und kulinarischen Vorlieben der Türken ausgerichtet waren. Vieles war mit Speck gebraten, ob Bratkartoffeln und Spiegeleier, Gemüse- oder Fischgerichte, etwa Bohneneintopf oder Finkenwerder Scholle. Was mussten die neu ins Land gekommenen Männer nicht alles stehen oder zurückgehen lassen. Sie aßen Sättigungsbeilagen, Fischkonserven, Obst oder gingen – „heute bleibt die Küche kalt“ – in den Wienerwald, so lange, bis sie sich eigene Läden und Lokale geschaffen hatten. Eine Situation ähnlich der von Vegetariern vor 30 Jahren: Von der traurigen Beilagenesserei mussten sie sich erst durch Bioläden emanzipieren.

Wer in den 60er bis 90er Jahren in Deutschland kein Schwein aß oder keinen Alkohol trank – während die Mehrheitsbevölkerung dies noch exzessiv tat –, konnte an bestimmten Erfahrungen nicht teilhaben: Die proletarische Currywurst am Imbisswagen, gemeinsam mit den Kollegen verzehrt, gab es nicht. Genauso wenig wie das Eisbein zur Blasmusik, den sonntäglichen Schweinebraten mit Kruste im Kreis neuer Nachbarn, das Schunkeln im Festzelt oder die alltagspraktische Anwendung der Weisheit: „Arbeit ist Arbeit, und Schnaps ist Schnaps.“ Ihre Speisegebote erschwerten es den gläubigen Muslimen, Kontakte mit den Deutschen zu vertiefen. Von einer bestimmten Erfahrung deutscher Gemütskultur – vulgo Gemütlichkeit – waren sie ausgeschlossen.

Die Italiener dagegen kamen, wenn sie zunächst auch als „Spaghettifresser mit öligen Haaren“ beschimpft wurden, den Deutschen bei Pizza, Chianti und Kerzenlicht schneller näher. Der Döner, angeblich in Berlin-Kreuzberg erfunden, leistete zwar einiges für die Völkerfreundschaft , doch da man ihn nicht am gedeckten Tisch einnimmt, sondern meist „auf die Hand“ kriegt, ist sein gemeinschaftsstiftender Wert höchstens als lauwarm zu bezeichnen. Am besten entwickelte sich ein paralleles Speisen von Deutschen und muslimischen Einwanderern im Fastfood-Bereich, in den Schnellrestaurants von McDonalds, die seit 1971 in Deutschland vertreten sind und ausschließlich Rindfleisch für ihre Hamburger und Big Macs verwenden.

Mit dem Tourismus wuchsen Weltgewandtheit und Geschmacksneugier der Deutschen, die Lust auf exotische Früchte, Tapas, Sushi und auch der Appetit auf türkisch-griechische Einflüsse, Kräuter, Schafskäse, Fladenbrot, Oliven oder Knoblauchwurst. Inzwischen ist der Einkauf „beim Türken“ für viele Städter ganz normal.Das gute alte Schweinefleisch büßte darüber an Attraktivität ein.

Der Fleischkonsum insgesamt ist, trotz zunehmender vegetarischer Angebote, über die vergangenen Jahre gleich geblieben. Doch beim Segment Schweinefleisch gibt es rückläufige Tendenzen. Der Bundesverband der deutschen Fleischwarenindustrie führt verschiedene Faktoren dafür an: die Skepsis gegenüber Massentierhaltung interessanterweise nicht, dafür aber das Wetter (eine enttäuschende Grillsaison!), die vielen (sonntagsbratenlosen) Kleinhaushalte, gestiegene Preise, auch die Muslime und – Überraschung – die älteren Mitbürger, die sich an die Fresswelle noch erinnern. Verbieten die Ärzte den Senioren das Schwein? Oder setzen sie sich freiwillig auf diese Diät?

Tatsächlich steht das Schwein schon seit den 70ern auf den Abschusslisten deutscher Reformisten und Obskuranten, seit der Homöopath Hans-Heinrich Reckeweg (1905–1985), Erfinder einer Therapieform namens „Homotoxikologie“, seinen Vortrag Schweinefleisch und Gesundheit verlegte. Jener Text taugt heute noch als Ekelschocker. Reckeweg schildert darin unter anderem, dass Hausschweine im Zweiten Weltkrieg eitrige Verbände von Soldaten gefressen hätten, und dass die Soldaten wiederum die Tiere aßen, was zu einem tödlichen Kreislauf von Infekten und Vereiterungen geführt haben soll. Schweinefleischkonsum nannte er eine „Sucht“, und er empfahl den Deutschen dringend, Schafherden zu züchten, „wie in islamischen Ländern“. Das strenge Schweinefleischverbot der Juden und Muslime wünschte er sich auch „für die westliche zivilisierte Welt, nicht zuletzt auch im Sinne der Vermeidung (...) einer weiteren Kostenexplosion im Gesundheitswesen“.

Lebensstilhysterie

Heute verlinken radikale Islamisten wie Naturheilpraktiker auf ihren Webseiten zu Reckewegs Schrift, bei Amazon wird sie von Kundenrezensenten gelobt. Es ist die Pseudologik des „Du bist, was du isst“, die sich mittlerweile in vielen Köpfen verfangen hat. Niemand möchte ein Schwein sein, obwohl es intelligent und dem Menschen gar nicht unähnlich sein soll. Lieber wäre man eine Ananas (wie die Stars in Hollywood), eine Sojabohne (mönchisch-sakral-geschmacksneutral), oder ein Puter (den fettarmen sozialen Aufstieg fest vor Augen).

Die Lebensmittelindustrie reagierte auf die Skepsis, indem sie magerere Schweine züchtete; das Fleisch wurde wässriger, weniger schmackhaft, aber es erschreckte den modernen Büromenschen nicht mehr durch sichtbare Schwarten. Denn Fett am Leib wurde zum sozialen Stigma, gleichbedeutend mit Armut, fehlender Bildung und Krankheit. Auch die Innereien und Extremitäten verschwanden von den Tellern. Niere, Kopf, Schnauze, Füße: alles Bestandteile deutscher Traditionsgerichte, die nur noch bei wenigen Köchen bekannt sind. In vielen Schulkantinen ist das Schwein schon komplett aus den Speiseplänen verschwunden, der Berliner Caterer Luna etwa verarbeitet es prinzipiell nicht mehr, die Schüler können nur zwischen Vegetarischem und einem Rind- oder Geflügelgericht wählen.

Ja, das Schwein in all seiner verzehrbaren Vielfalt ist den Einheimischen fremd geworden. Es passt nicht mehr in den Lifestyle der jungen Generation. Gerade Mädchen – aber das ist eine persönliche Beobachtung – reißen entsetzt die Augen auf, wenn sie ein Stück Fleisch sehen, das noch an ein lebendiges Tier erinnert. Das Schweinefleisch, an das sich Traditionen, Regionen und Historien knüpfen, steht nun in der paradoxen Position, zwar immer noch in so großen Mengen verzehrt zu werden, dass man sich um ein Aussterben des Hausschweins keine Sorgen machen muss. Dennoch droht es in der Gemengelage aus Ökonomie und Lebensstilhysterie aus dem Gemeinwesen zu verschwinden. Wie auch immer man zum Schwein und seiner kulinarischen, ideologischen oder religiösen Aufladung steht: Hier wirkt eine Dynamik, die absolut unheimlich ist.

06:00 26.03.2016
Geschrieben von

Sarah Khan

Jg.71, Autorin, Gespenster-Reporterin, Michael-Althen Preisträgerin, aufgewachsen zwischen Protestanten u Pakistanern in Hamburg
Sarah Khan

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