Der Boxer oder Die Toten sterben nicht

Erzählung Ein Sarah Liebkind Bunte Illustrierten Roman
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Eines nachts war der Mann da. Ein großer Mann, mit braunen Augen. Er war eine gepflegte Erscheinung, er trug einen Anzug, sein Haar war zurückgekämmt, wellig, silbern schimmernd, wie der Oberlippenbart, es gab ihm eine vornehme Aura, als sei er ein Diplomat.

„Ich bin Carlos.

Jep nickte.

„Bist du auch ein Geist?“

Er nickte: „Die Toten schlafen nicht.“

„Ich habe Angst vor dem Tod, Senor. Und Angst vor mir selbst.“

„Den Mann umhüllt ein Geheimnis, die Angst vor der Niederlage. Sie ist tief als Schmerz in sein Wesen eingebrannt.“

Er schwieg kurz.

„Ich war mal Diplomat in Washington und Paris.“

„Sie sind ein großer kluger Mann.“

„Ach, das kommt durch Erziehung und Bildung. Ich wünschte mir, manchmal, ich könnte ein Schwein sein. Richtig aus mir rausgehen, ohne Etikette. Mich von einer süßen kleinen Chica peitschen lassen. Einer die saftig ist. Deren Vagina vor Leben sprüht.“

„Was suchen wir?“

„Wir warten auf Gott.“

„Ob er kommt?“

„Schwer zu sagen, Senor. Ich hab viele Bücher darüber geschrieben.“

„Da können Sie stolz sein.“

„Nenn mich Carlos. Ich bin nicht stolz. Schreiben ist nur ein Handwerk. Die Bildung hab ich meinem Vater zu verdanken. Er war auch Diplomat.“

„Schreiner wollt ich werden. Holz bearbeiten. Dann kam das Kämpfen.“

„Ich hab über die mexikanische amerikanischen Kriege geschrieben. Texas war ursprünglich ein zur mexikanischen Republik gehörender Staat; es dehnte sich vom Sabine- Fluss im Osten bis zum Rio Grande im Westen, und vom Golf von Mexiko im Süden und Osten bis zum Gebiet der Vereinigten Staaten und New Mexico - damals ebenfalls ein mexikanischer Staat.“

„Das war ein Riesen Gebiet, wir Gringos haben den Mexikanern das Land geklaut.“

„Wenn man so will.“

„Aus diesen Kriegen kommt eure Abneigung gegen uns.“

„Wir hatten Angst vor den Fremden, den Gringos.“

Er sah Jep schweigend an, sagte: „Der Kampf ist der Stachel im Fleisch des Mannes. Es begann mit der Jagd. Du musstest mit dem Tier regelrecht kämpfen. Du hattest kein Gewehr. Wenn der Bär wild wurde, griff er den Jäger an. Oder der Wal riss den Walfänger mit in die Fluten, wie bei Moby Dick.“

„Gibt es ein gutes Ende?“

„Es gibt gar kein Ende.“

Sie schauten sich stumm an.

„Alles wächst weiter“, raunte der alte Mann.

Er stand auf und ging.

Die Nacht war voller Gespenster, voller Gerüche aus fernen Welten, anderen Menschen, es roch nach Zimt und Schokolade, Sterne glühten, wie Zierfische, es waren weise Menschen, diese Geister, fahrende Menschen, Besitzlose, die genug an sich selber hatten.

Er hörte Flügelschlagen. Ein Luftzug. Schwarzes Gefieder war zu sehen. Schwarze Krähen.

Sie schrien. Sie hörten nicht auf.

Sie schrien und schrien.

Die schwarzen Krähen, sie riefen:

Such dir nen großen Freund.

Der bei dir steht.

Er wusste nicht, ob er es sich einbildete, er ahnte, ein Freund war schwer zu finden. Was er von Jack halten sollte, schien sich in seinen Gedanken nicht zu klären. Er war keiner der Menschen sofort verurteilte.

Jack war nicht mehr der alte. Und vielleicht waren sie früher Freunde. Es war ihm klar, wenn er stürbe, würde keiner bei ihm sein.

Die Krähen starrten ihn an, sie saßen auf dem Dach des Hauses. Dann schwangen sie davon. Und es war schade, dass er kein Vogel war. Und ein Geist war er auch noch nicht. Und so schlimm konnte der Tod nicht sein. Jetzt war es ihm bewusst, irgendwas von ihm würde weiterleben. Vielleicht als Grashalm oder Pusteblume auf den Wiesen am Missouri River. Und er würde immer die Hufe der Ponys hören.

(Der Hinweis auf Schwarze Krähen und den Freund ist dem Song Black Crows von Townes van Zandt entnommen.)

18

Der Junge und er saßen im Boot, mit kräftigen Zügen ruderten sie hinaus. Der Hund saß am Heck. Neben ihm Jep. In der Mitte der Junge an den Rudern. Das Boot verdrängte das Wasser, das sich kräuselte, grüne Algen waren zu sehen.

Sie hingen Würmer an die Haken, warfen die Leine raus.

„Heute beißen sie nicht.“

„Champ, sei nicht so traurig.“

„Ich hab das Gefühl, dass sie heute nicht beißen.“

Er zündete eine Zigarre an. Cohiba Siglo No. 1.

Jack hatte ihm frei gegeben. Willy und er waren in

Guadalajara.

Jep war lieber allein, mit dem Hund, dem Jungen. Über das Leben nachdenken. Sein Leben.

19

Nach dem Training war er wie tot im Bett gelegen. Erschlagen. Es klingelte. Es war Jack. Sein Trainer und Manager.

Sie gingen in den Rosengarten.

Er druckste herum. Räusperte sich: „Der Schwarze ist gestorben.“

Jep nahm den Stuhl und schleuderte ihn gegen die weiße Gartenmauer. Rigley bellte.

„Ich hab ihn getötet.“

„Nein.“

„Das war Mord. Mord im Ring.“

Jack umarmte ihn. Jep schubste ihn weg, schlug ihn, Bum. Die Nase blutete.

„Tut mir leid, Champ. Das ist ne Fügung, die keiner wollte.“

Er hielt die Nase.

„Es war ein unglücklicher Schlag.“

Jep krümmte sich, beugte sich vor, übergab sich. Der Hund wedelte mit dem Schwanz.

„Ich kann nicht mehr boxen.“

Jack hielt ihn fest.

Ein Lautsprecherwagen fuhr vorbei, der Werbung für den Boxkampf machte: The Champion Superior Fight…

Jep setzte sich. Jack brachte ein Glas Wasser.

Jep wurde es schwarz vor Augen, er sackte zusammen. Jack rief den Arzt.

Als er kam, gab er ihm Spray, nahm Blut ab, maß den Blutdruck. Jep duschte. Er war schwach.

Er rief Sam an, nachdem Jack weg war.

Sam war früher sein Manager. Er brauchte jemand zum Reden. Einen Kumpel. Einen Freund. Jack war kalt. So empfand er das.

Das Gespräch mit Sam beruhigte ihn. Sam’s Bassstimme war vibrierend, warm. Leben kroch in seinen Körper zurück. Er blühte auf, bekam rote Wangen. Das Gesicht war aufgedunsen.

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In die Bar war er gewankt. Wie ein Cowboy. Besoffen wie tausend Russen. Und er hatte Lee und Ena umarmt und war mit beiden nach oben. Er gab ihnen Greenbacks, duftende Dollars. Sie kicherten, wie Kinder.

„Hast du Kinder, Champ?“, fragte Lee.

„Nein.“

„Willst du welche?“

„Kinder gibt nur Ärger.“

„Warum?“

„Ich bin zu unzuverlässig.“

Sie zogen sich aus. Er legte sich hin. Lee öffnete seine Hosen. Sein Ding verschwand im kleinen süßen Mund, der sich wie eine Rose öffnete. Ena küsste ihn am Hals.

Die Frauen hatte Frieden geschlossen. Sie umarmten sich, zärtlich. Küssten sich. Sie rochen wie Rosen.

Unten lief La Paloma auf mexikanisch. Quetschkommode.

Ein Skorpion kroch über das Laken. Schwarz, mit Stachel am Schwanz. Es war süß, wie ein Schmerz, als er Lee’s Mund mit Sperma füllte, warmer milchiger Samen. Eine Spinne hing von der Decke.

Er war matt, ausgepumpt. Lee massierte ihn, er lag allen vier’n ausgestreckt auf der Matratze. Nach einer Pause stieg Ena auf sein Ding, sie ritt auf ihm.

„Orange!“, raunte er. „Wo ist Orange?“

„Du träumst von der Schwarzen, während wir dich massieren.

Er stöhnte. Seine Spermien schossen durch Ena’s Möse. Er bumste mit Ena und dachte an Orange, Mann, was war los?

Lee wusch ihn, in der Hand ein Tuch, ne Schale Wasser, er gab Trinkgeld, streifte seine Jeans über, das Poloshirt. Er stolperte in seine Cowboystiefel.

Dann draußen stockdustere Nacht. Er sieht Orange, Rico. Er schlägt sie. Sie rauft mit ihm, wie eine Katze. Sie reißt sich los. Rennt. Er schießt. Zwei Schuss.

Sie ist abgetaucht, im silbernen Mondlicht, in den Gassen der Stadt. Jep sucht sie.

Er findet sie. Er tröstet und umarmt sie, wie ein väterlicher Freund. Er nimmt sie mit, geht mit ihr nach La Floresta.

Rigley, der Hund, begrüßt beide.

Sie gehen in den Rosengarten´. Jep kocht Kaffee. Sie duscht.

Es ist ein schönes Gefühl, ne Frau im Haus zu haben, den Herzschlag, den Atem zu spüren.




Sarah Liebkind alias Tom Bourgeoise

Seemann, Musiker, Chansoneur, Chef.

Der Mann mit der Ibanez Joe Pass Serie Gitarre

Immigrant in Kanada & USA

Lebt in Ajiic, Mexiko

Meist auf der Plaza vor der Kathedrale

Oder am See Chapala

Oder auf der Sierra Wandern

Part Time Stuttgart

Meist im Bix oder Cafe im Kunstmuseum

05:45 29.06.2012
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