Reproduktion & Wiederholung

Chiffre Code Die Relativierungs-Maschine
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Am schlimmsten ist es, wenn Abschreiber und Auswendiglerner denken sie sind originell. Wenn sie ihre Texte als ihre ureigene ausgeben. Obgleich sie nur Patchwork sind. Schnell ist aus dem Internet ein Flickenteppich hergestellt.

Oft stell ich mir die Frage, wo ist der Knopf, um die Welt-Mensch-Maschine anzuhalten. Man hat so ein Gefühl, als liefe das Leben an einem vorbei. Diesen ganzen gelehrige Kommentare, diese Flut von Blogs. Die Mitteilungswut. Die Gier nach einem Echo. Es bleibt einfach still, wie nachts auf Montmatre, wenn der Saxophonist mit seinem Instrumentenkoffer eine Kippe raucht und durch die Gassen streift.

Er wohnte auf Montmatre, in einer kleinen Pension.

Zwei Flics begegneten ihm, sie führten einen Mann ab, der in einem Citroën Transporter verschwand. Mit Blaulicht raste der Wagen davon.

Mo wartete vor dem Hotel.

„Hast du Stoff?“

„Du mußt die letzte Lieferung bezahlen, Charlie!“

„Ich war heute schlecht, Mann.“

„Du drückst zu viel. Ich dachte, du zahlst heute.“

„Nur das eine mal, Mo. Ich schwör es.“

„Meine Geduld ist zu Ende.“

„Gib mir Gras. Zumindest das.“

Er öffnete den Sakko. Sein Revolver war zu sehen.

Er warf seine Kippe weg. Eine Filterlose. Ein Auto rollte vorbei, hielt am Kiosk. Der Fahrer warf Zeitungsbündel auf den Asphalt.

Mo gab ihm Blüten.

„Das letzte Mal, Charlie!“

Dem letzten Mal, folgt immer das erste Mal. Die Flucht in die Kunst ist das Bindeglied zwischen Ohnmacht. Leerlauf und Einsamkeit. Du schlägst Zeit tot, um dem Unsinn einen Sinn zu geben, du bist in einer ständigen Beschäftigungstherapie der Ideen und Suche nach Formen.

Der Musiker teilt sich durch seine Musik mit, der Blogger durch seine Texte, der Zeichner durch seine Comics. Das Schweigen ist nur ein fadenscheiniger Trost, so setze ich meine Selbstgespräche fort und höre mir selber zu. Oder ich spiel noch eine Note, oder zwei.

Wie wäre es, wenn alle schwiegen?

Ist nicht alles Reproduktion und Wiederholung?

Das Denken ist erlaubt, wenn es innerhalb gewisser Konventionen bleibt. Es ist besser, Platon nicht anzugreifen. Das schüfe Feinde. Und die Demokratie muß als Status Quo gebetsmühlenartig geachtet werden.

Ja, ich bin ein Demokrat, so lautet die Litanei. Ja, ich darf sagen, ich glaube nicht an Gott und das Geld, obgleich ich jeden Tag damit konfrontiert werde, jeden Tag benötige ich etwas zum essen, und Liebe ist beim Discounter noch nicht erhältlich. Und jeden Tag sagt einer: Es gibt den guten Menschen.

Ich bin gegen das Wachstum. Platon war mehr für den Stadtstaat, der nur wachsen durfte, wenn er sich dadurch nicht gefährdet. Platon wie der Philosoph Karl Popper es sagt, suchte den harmonischen einheitlichen Staat, obgleich er Kluften nannte: er von Wächtern , Kriegern und den Sklaven redete.

Heute darf man nicht von Klassen reden, greift man priveligierte Schichten an, kommt gleich die Neiddebatte auf. Hier im modernen Kontext stellt sich die Frage, ob der Staat sich durch sein Wachstum gefährdet? Und ob dieses Gleichheit bringen kann?

Eher scheint das Gegenteil der Fall zu sein.

Der Mensch ernährt sich aus Illusionen, aus diesen großen Fragen nach Freiheit und Gerechtigkeit, braut der Mensch seine politsche Droge.

Die Frage nach Demut und Bescheidenheit klingt zu christlich, damit ist kein Staat zu machen. Dies führt in der Schlacht der Rhetoriker zu einem Achselzucken.

Ohnehin Bilder kommen besser an heute, besser als Worte.

Der moderne Mensch wird von Bildern gefüttert, die aus dem Internet oder dem, Fernsehen kommen. Diese werden mit Meinungen angereichert, unmerklich, durch einen Sprecher aus dem Off und alles klingt so plausibel. Die Frage stellt sich, wird durch mehr Informationen die Welt demokratischer?

Diese Informationsflut nimmt einem das Denken ab. Man wird zu einem Suchtabhängigen, ohne Internet und Fernseher fühle ich mich einsam.

Aus undurchsichtigen Quellen kommen Bilder und Meldungen, die nicht versiegen. Ständig werden Sachverhalte relativiert, kommentiert, bis zur Unkenntlichkeit, Chiffrier- und Deschiffrierversuche. Es stampfen die Zylinder der Relativierungs- Maschine.

Es geht nicht vorwärts, man kennt die Richtung nicht, die die Fuge nimmt, wird es eine Kurve, oder geradlinig, verläuft sie von Ost nach West, stürzt sie ins Meer.

Heute geht es um Stanley Morgan, dann um Drohnen. Die japanische Atomkatstrophe ist längst kein Thema mehr, Afghanistan wird gerade von Syrien überholt, wo geht die nächste Bombe hoch?

Alles in mir ist Vergangenheit, alles war und nichts wird so sein, wie es war. Jeder Gedanke wird durch die Geschehnisse fortlaufend überholt. Was sich gerade erhellte, wird durch neue Information verschleiert.

Man sucht nach Erklärungen, die den Umstand der Dunkelheit nicht ändern werden, weil die Worte einen behindern, klar zu sehen. Die Worte sind schwächer als das Denken selbst. So bleibt immer ein Schatten auf unserem Denken.

Man schaut auf, die Fuge hat sich verändert, sie ist zur Linie geworden, die auf und ab hüpft wie Töne einer Melodie, von der nicht sicher ist, wohin sie uns führt.

Begriffe werden von der Zeit aufgesogen, die aus Zeichen und Chiffren bestehen, aus Linien, Punkten. Es ist wie ein farbiger Teppich, der ewig in Bewegung ist, flirrend, abstrakt. Die Zeichen schwirren umher, hüpfen auf und ab, kreuz und quer, sie wachsen, schwellen an, sie verschwinden, neue kommen aus dem Nichts auf uns zu. Sie vermehren sich wie Bakterien, sie fressen sich, sie verändern sich, es gibt keine Stillstand, wer frisst, der scheidet aus, aus einer Bakterie werden Tausende, vergrößert sich, wird schwarz wie ein Schwarm Insekten, sie explodieren, verkleiden sich, tragen Masken, sind entstellt bis zur Unkenntlichkeit, niemand kann sie voll erkennen, es steigen Gase auf, wenn eins stirbt, erscheint ein neues, es ist am Wachsen, fällt zusammen, wenn eins stirbt, erscheint ein neues, es ist am Wachsen, fällt zusammen, explodiert, tötet, wird unkenntlich.

Mit du sollte Soziologie, Politik oder Philosophie beginnen, es geht um Komplizenschaft, man hofft, alle würden dasselbe denken und eine philosophisch politische Idee würde die Menschen vereinigen, das ist ein größenwahnsinniger Traum, die Dinge ordnen zu können, als wäre man in der Lage, die Dinge in Gesamtheit zu erfassen, den Strom der Zeit kann keiner aufhalten, die Veränderungen, die einen überrollt und entmündigt.

Man geht mit dem Spaten los, hebt Erde aus, um den Fluss zu begradigen. Es ist unmöglich, ich bin der einzige, der mit dem Spaten in der Hand angetreten ist. Ich bin ein anderer als der andere.

Ich erkenne meine Isolation und Ohnmacht. Mich gähnt meine Hilflosigkeit an, meine eigene. Ich bin der Wassertropfen im Welt Geschehen.

Zunächst geht es um Fasten, kein Fernseher, kein Internet, keine schnellen Kommentare, nur um das Gehirn zu reinigen, löse dich von der Welt, all die Gebete, die man hörte, was man gelesen hat.

Hoffentlich ist von hundert Sätzen einer von mir, ein reiner Satz, ein wahrer Satz.

Die Zeit lässt einen mit einem Unbehagen allein. Ich als Subjekt friere, zittere, wenn ich die Meldungen lese, die sich halbstündlich verändern, immer neue Hiobsbotschaften füttern mein Gehirn, das alles im dunklen Nichts verschwinden lässt, was es nicht verarbeiten kann. Meist erinnere mich an die letzte Message.

Überall kommt es zu Implosionen. Es ist ein kolossaler Druck entstanden, die Welt schaut aus, als könne sie jeden Moment explodieren. Ich kann mich nur auf mich verlassen, ich breche unter den Informationen zusammen. Sie erdrosseln mich. Meine geistige Kapazität geht zur Neige, es könnte zu einem Hirn Crash kommen, der mich desillusioniert, der mein Unbehagen erweitert, ich erkenne nichts mehr, anstelle der Information ist die Desinformation getreten, eine subversive Kraft erklärt mir alles, aber ich verstehe nichts, ich werde infiltriert, Meinungsagenten bewachen mich. Es sind viele, es ist eine Quantität, eine Macht, sie beherrscht den öffentlichen Raum.

Ich kann nur nachbeten, was sie sagen. Oder sagen: ja, ich bin ohnmächtig, einer von vielen. In den Schichten der Macht bin ich ein Staubkorn.

Wenn ich Glück habe, bekomme ich in diesem Brei der Meinungen noch Luft. Es fällt mir schwer, mich zu konzentrieren. Ein umgeschriebener Satz kann in einer Meldung alles verändern, ein Komma an anderer Stelle gesetzt, führt zu einem ganz anderen Inhalt, die Meldung wird von jemanden relativiert, der ein journalistischer Fälscher sein kann, er passt die Meldung an die Meinung an, die er zu vertreten hat, da ihn jemand bezahlt, es wird gerufen:

Alles halb so schlimm, zwar treten die Flüsse über die Ufer, es kommt zu mehr Wirbelstürmen, bitte, kommt die Einschränkung, es ist durch das Gutachten nichts bewiesen, ob für die Umweltverschmutzung der Mensch selbst verantwortlich ist, obwohl die Meldung Nahrung aus einem wissenschaftlichen Gutachten saugt, das besagt, der Mensch würde mit seinem Verhalten, den Autoabgasen die Naturkarostrophen hervorrufen.

Nun bin ich ständig diesem Hin und Her der Botschaften ausgesetzt.

Ich weiß nun nicht mehr, was ich glauben soll. Ich bin irritiert, verstört. Dieses Untergangsszenarium, was sich in meinem Kopf abspielt, wenn ich die Meldungen studiere, es wird alles durchgeschüttelt. Ich träume von Bürgerkriegen, der großen Flut.

Ich zitterte, kämpfe um die Wahrheit. Aus einer Meldung wird eine Tatsache gemacht, denn ich kann nicht widersprechen, den Nachrichtensprecher und mich trennt das Medium, der Redakteur sitzt in seinem Büro, der Fernseher und die Zeitung schweigen.

Es werden nur noch Inhalte hin und her gewälzt, mit Zahlen versehen, von denen ich nichts verstehe. Einer Interpretation folgt eine neue Berichtigung.

Ich bin Polen ausgesetzt, Magneten, positive wie negative, die Relativierungsmaschine spuckt schizophrene Zeichen aus.

Es wird eine Haltung ersichtlich, die sich aus Wahnsinn speist, die Natur zu unterjochen oder Menschen auszubeuten, der Mensch ist selbst Ware, sei es Körperkraft oder Wissen, es ist ein latenter Kriegszustand um Ressourcen entbrannt, der je heftiger wird, je knapper diese werden. Es ist ein Krieg um Öl, Ressourcen, Lebensmittel, Rohstoffe. An dem ich apathisch indirekt teilnehme, da ich Konsument bin. Die Insel für mich als Selbstversorger konnte ich nicht finden.

Es werden mir von vermeintlichen Experten fortwährend Dinge erklärt, wie ich die Welt zu verstehen habe. Auf der einen Seite wird gesagt, die Welt würde zerstört durch Abgase, am Verbrennungsmotor wird festgehalten. Oder in einer anderen Meldung wird die Erderwärmung relativiert: Halb so schlimm, heißt es.

Dies kommt mir vor wie schizoide Botschaften die zur Desinformation und Paranoia des Publikums führt, die sich in Gewaltakten Luft verschafft. Oder mit kleinen Botschaften, sei es Graffiti. Oder Protesten, wie Demonstrationen.

Während vom Humanismus und Weltfrieden als Mega Politikmetapher die Rede ist, werden im gleichen Atemzug Waffen gebaut und verkauft.

Es ist eine Krankheit, die unbeherrschbar scheint, eine Schizophrenie, die wuchert, die unaufhaltbar ist.

Die fremden Meinungen werden von der Relativierungsmaschine aufgegriffen, vereinnahmt, außer dem Stottern entweicht meinem Mund kein Wort mehr, nachdem meine Meinung zerbröselt wurde. Von all den Meldungen, die zu jedem Thema in die Welt geschossen werden, wie Raketen. Tag für Tag.

Ein Bericht jagt auf den Online Zeitungen den anderen, dazu kommen täglich Tausende von Kommentare hinzu.

Ich bin im Modus (Spinoza)gefangen. Ich werde durchgeschüttelt. Der Motor des Modus scheint die Natur zu sein. Mit seinen Einflüssen wie Wetter Katastrophen.

Dann kommen die Menschen. Mit ihrem Handel, Zwist und Zerwürfnissen.

Ohne, daß ich eingreifen kann, wird das Schauspiel fortgesetzt. Und ich bin den Einflüssen ausgesetzt, sei es durch Steuergesetze, Waffenkäufe, Kriege.

Die Boten treten in einer Uniform auf, in Form eines Anzuges, mit Krawatte und Einstecktuch.

Sie sind geschulte Rhetoriker, deren Vorträge geschliffen sind, mit denen sie das Publikum beeindrucken zu versuchen. Ein Doktortitel hilft in den meisten Fällen zum Kompetenzanstieg.

Platon ging davon aus, daß die Weisesten das Volk regieren sollen. Im Falle von Hitler kann man nicht von Weisheit reden, er hat sein Volk systematisch in den Ruin getrieben und mit großen Reden beeindruckt.

Der Fall Hitler zeigt welch großer Macht Rhetorik anheimfällt.

Die ganzen Gesetze sind interpretierbar. Und werden nicht alleine durch Objektivität getragen.

Werden Gesetzeslücken geschlossen, weil man einer Betrugsmasche auf die Spur gekommen ist, wird es immer jemand geben, der die neuen Gesetze umgeht.

Kein Gesetz oder Gefängnis ändert was an den Abgründen der Menschen, an Täuschungen, Betrug. Und so ist Platons Philosophie der Versuch den guten Menschen in sich selbst zu finden. Doch das versuchte auch Marx. Es ist die ewige Suche, den Schalter zu finden, um die Zeit anzuhalten, die erst mit dem Tod keine Rolle mehr spielt.

06:41 13.06.2013
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