Sterbe glücklich als Kind.

Tod Sound of Silence
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Ein dumpfer Schlag. Es war einmerkwürdiges Gefühl, tot zu sein. Ich war gesprungen. Ich ging über die Straße.

Autos hupten.

Auf dem Gehweg. Menschen. Ich konnte mit keinem reden.

Ich hörte den Lärm des Verkehrs. Die Stimmen der Menschen.

Ich versuchte, einen alten Mann anzusprechen.

-Ich kann Sie nicht verstehen, was sagten sie?

Er schien mich nicht zu hören, obgleich ich ihn verstand. Mit der Zeichensprache kam ich weiter. Er nickte.

-Von nun an geht es rückwärts!

-Was?

-Es geht rückwärts, mit dem Leben. Man wird alt geboren und stirbt jung.

Ich sah mich um. Ich sah viele alte Menschen, die emsig in der Stadt unterwegs waren. An der Haltestelle. Aus der Stadtbahn sprangen.

Ich war wie neugeboren. Mühe hatte ich nur mit dem reden.

Als ich die Klinik kam. War die Ambulanz voll.

Ich hatte Angst. Wie konnte ich leben, ohne zu reden?

Gab es ein Leben ohne Worte, ohne Reden?

Dr. Juan untersuchte mich, auf Herz und Nieren.

-Scheinbar stirbt niemand mehr, momentan, das Leben läuft rückwärts.

-Ich wollte sterbe, Medico.

-Die ganze Stadt spielt verrückt, alle tanzen. Das Leben geht rückwärts. Eine einzige Fiesta hat begonnen. Die Menschen tanzen, lachen, singen.

Ich fuhr zurück ins Zentrum der Stadt, zur Kathedrale, nachdem ich den Arzt bezahlt hatte.

Ich war behindert und musste es hinnehmen. Das Leben würde sich von einer neuen Seite zeigen. Vielleicht war es angenehm, weniger reden zu müssen.

Doch mit dem Stift und Papier sich zu verständigen, oder Gebärdensprache das war mühselig.

In der Bahn schrieb ich ein paar Worte auf Papier, eine Mitreisende interessierte mich.

Neben mir saß eine Schwarze. Attraktive Frau. Sie war hager. Sie trug große Ohrringe aus Silber. Ihr Schädel war kahl geschoren.

-Ich bin eigentlich tot und kann nicht reden.

-Ich war auch schon klinisch tot, schrieb sie.

Also starb niemand mehr, was für ein Glück.

-Ich hab den Freitod gewählt.

-Ich hatte einen Hirntumor.

Auf der Plaza angekommen, sah ich die tanzenden Menschen. Ich verlor die schwarze Frau aus den Augen. Ich wurde von der Masse mitgenommen. Ich spürte ihre Körper. Die Wärme. Den Atem.

Eine Frau tanzte auf mich zu. Mit erhobenen Armen.

-Wir sterben als Kinder. Amigo, wir sterben glücklich.

Ich tanzte die ganze Nacht. Und am Morgen tanze ich noch immer. Ich war sechzig und ausgelassen wie ein Kind.


Sarah Liebkind alias Tom Bourgeoise

Seemann, Musiker, Chansoneur, Chef.

Der Mann mit der Ibanez Joe Pass Serie Gitarre

Immigrant in Kanada & USA

Lebt in Ajiic, Mexiko

Meist auf der Plaza vor der Kathedrale

Oder am See Chapala

Oder auf der Sierra Wandern

Part Time Stuttgart

Meist im Bix oder Cafe im Kunstmuseum

03:47 10.07.2012
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