Nur fliegen ist schöner

Berlin Festival 2010 Am 10. und 11. September steigen am ehemaligen Flughafen Tempelhof Konzerte von rund 60 Bands und Künstlern - darunter Adam Green, LCD Soundsystem und Hot Chip

In zwei Hangars und unter dem Vordach des ehemaligen Flughafens Tempelhof in Berlin beginnt am Freitagnachmittag das Berlin Festival 2010. Die Perspektiven auf eine solche Veranstaltung sind so verschieden wie die Menschen, die hier zusammenkommen:

Conny Opper, 37, Mitbegründer des Berlin Festivals:

„Bei so einem Festival kann man schnell Blasen an den Füßen bekommen. Letztes Jahr ist mir das passiert, weil ich so viel hin- und hergelaufen bin. Ich hatte zwar ein Fahrrad dabei, aber das hatte einen Platten und so habe ich Kilometer um Kilometer zurückgelegt, weil ich überall ein bisschen dabei sein wollte, um die Stimmung einzufangen. Als Veranstalter hoffe ich immer auf einen Magic Moment, aber dafür gibt es kein Geheimrezept. Ich wäre aber sehr glücklich, wenn zwischen dem Ort, dem Publikum und der Musik eine spezielle Atmosphäre entsteht, die man nicht so schnell wieder vergisst.

Das Besondere beim Berlin Festival ist natürlich der Ort. Mir gefällt diese Beton-Ästhetik von Tempelhof, das ist einfach das Gegenteil von einem Wald- und Wiesenfestival, wo alle im Schlamm zelten. Es ist ein urbanes Festival, weltoffen und experimentierfreudig – das merkt man auch an der Musik. Wir zeigen die ganze Spannbreite zwischen Indie und Elektro. Hier kann man hinkommen und neue Musik entdecken. Wir sind auch ganz vorn dabei bei der Veränderung, dass viele Clubacts wie beispielsweise Justice oder 2Many Djs den Weg auf die Festivalbühnen finden und zu Headlinern bei Konzerten werden. Obwohl wir ein paar große, namhafte Acts dabei haben, finde ich aber, dass das Gesamt­booking – also alle Künstler zusammen – eigentlich die Headliner sind. Und ein Höhepunkt ist natürlich auch die mobile Disco, in diesem Jahr auf einem einen richtigen Flughafen-Gepäckwagen mit drei Anhängern. Die hat schon Kultstatus. Vor einem solchen Festival habe ich immer Lampenfieber und bin ziemlich nervös – das ist nicht viel anders als bei den Künstlern. Ich freue mich auf die Bands und darauf zu sehen, wofür wir so lange gearbeitet haben. Genießen tue ich es dann richtig, wenn Hot Chip als letzter Act auf der Hauptbühne steht und vorher alles glatt gelaufen ist.“

Tamer Özgönenc, 23, Mitglied der Band MIT, spielt Synthies und Keyboard:

„Unser Konzert auf dem Berlin Festival wird aus zwei Gründen sehr besonders: Zum einen kommt unser Album Nanonotes an eben diesem Tag in den Handel, und zum anderen spielen wir die neuen Lieder zum ersten mal live vor Publikum. Wir sind keine großen Campingfreunde und daher froh, dass das Berlin Festival in der Stadt ist. Bisher haben wir noch keine großen Festival-Erfahrungen gesammelt – aber das Berlin Festival liegt wohl irgendwo zwischen Großveranstaltung und Club, daher fühlen wir uns hier recht wohl.

Wir freuen uns darauf, die neuen Stücke endlich auf die Bühne zu bringen, denn wir haben uns dieses Mal mehr Gedanken zur Instrumentierung gemacht und die Klangästhetik des Albums auf die Bühnen­situation übersetzt. Das Berliner Publikum war uns als Kölner Band bisher immer wohl gesonnen, und deswegen freuen wir uns sehr.“

Benedikt Zilich, 38, Bühnentechniker:

„Bevor so ein Festival beginnen kann, haben wir Bühnentechniker sehr viel mit der Vorproduktion zu tun. Ich muss dafür sorgen, dass die Bands alles haben, was sie dann auf der Bühne brauchen. Dabei sind die Musiker ziemlich verschieden. Es gibt Bands, die bringen alles mit und solche, für die müssen wir Mischpulte, Lichtpulte und sogar Instrumente auftreiben, was manchmal nicht ganz einfach ist. Ich musste auch schon mal ganz seltene alte Synthesizer aus den 70er Jahren finden.

Die Bühnentechnik passen wir möglichst weitgehend den Wünschen der Headliner an. Während des Festivals habe ich als Stage Manager dann ziemlich lange Tage. Ich höre zwar jede Band, was toll ist. Gleichzeitig muss ich aber immer überwachen, ob auf der Bühne alles reibungslos abläuft. Und das ist meist ein riesiger Stress, weil ich auch dafür sorgen muss, dass der Zeitplan immer von allen Künstlern eingehalten wird. Das ist denen ja manchmal ziemlich egal. Musiker sind oft nicht so pünktliche Menschen.

Dann müssen wir Techniker zwischen den verschiedenen Acts auch möglichst schnell ab- und umbauen, damit die Pausen nicht zu lang werden. Wir fangen schon während des Konzerts einer Band damit an, für die nächste Band alles vorzubereiten. Die Headliner haben auch immer Sonderwünsche, das gehört einfach dazu. Wir versuchen diese möglichst alle zu erfüllen. Dabei gibt’s sowohl bei den Künstlern als auch bei ihren Tourmanagern sehr verschiedene Charaktere. Ich muss dann aufpassen, dass nicht irgendein künstlerisches Ego verletzt wird. Da kann es schon mal vorkommen, dass einer ganz wütend wird.

Bei einer großen Bühne gibt es tausende technische Fehlerquellen, die man vorher auch nicht alle eliminieren kann. Deshalb ist es wichtig, dass wir auch kurzfristig Lösungen finden. Blöd im Vorfeld ist aber zum Beispiel, wenn Fluglinien Gepäckstücke von Künstlern verlieren oder es zu Verspätungen kommt. Daran will ich jetzt erstmal nicht denken. Einen großen Vorteil hat das Berlin Festival mit Tempelhof aber auf jeden Fall. Es ist wettergeschützt, da kann einem zumindest der Herbst keinen Strich durch die Rechnung machen.“

Gabi Schwegler, 25, Festivalbesucherin:

„Ich freue mich auf durchtanzte Nächte und neue Musik. Mein selbstgestecktes Ziel für dieses Festival-Wochenende ist es, dass ich die Konzerte wirklich mit Freunden zusammen gucken kann, denn ich bin eine Spezialistin im Freundeverlieren bei so großen Veranstaltungen. Dann irre ich immer die halbe Zeit allein übers Gelände. Das beschert mir zwar oft lustige Begegnungen mit Unbekannten, aber meist auch eine hohe Handyrechnung.

Gespannt bin ich auf die Kulisse im Flughafen Tempelhof, das könnte mal ganz was anderes sein. Nicht die Festival-Kulisse, die man sonst gewohnt ist. Beton kann ja auch charmant sein. Hoffentlich haben die Organisatoren aber auch daran gedacht, bei vielen verschiedenen Bühnen alles gut zu beschildern – denn nun ja, das mit der Orientierung ist eben auch nicht so meine Sache. Und hoffentlich hat man sich auch etwas einfallen lassen, was die Verpflegung anbelangt. Das ist nämlich ziemlich wichtig bei so Festivals: Ich bin ein Fan von leckeren, unbekannten Snacks, die man nach Mitternacht irgendwann entdeckt. Bloß nicht immer nur China-Nudeln und Pommes!

Aber natürlich ist die Musik noch viel wichtiger. Da gibt’s f ür mich viel zu sehen und zu hören. Ich freue mich auf LCD Soundsystem, vor allem wegen der letzten Platte, die ich klasse fand. Auf die Beats von Robyn, auf Fever Ray, die ich noch nie live gesehen habe, aber sehr, sehr mag. Und natürlich freue ich mich auch auf Caribou, Soulwax, Goose, Blood Red Shoes, 2Many Djs und, und, und ... Musik, die knallt, Bands, die gut drauf sind und ein Publikum, das abgeht – die perfekte Symbiose für Glücksgefühle. Vor allem, wenn die Freunde bis dahin noch nicht verloren gegangen sind und man diese magischen Momente gemeinsam genießen kann.“

Theo Kroll, 58, Anwohner am Festivalgelände:

„Ich bin froh, dass dieses Festival nur zwei Tage dauert, einfach wegen des Lärms. Vor allem für die Anwohner auf der Tempelhofer Seite ist dieses Festival eine Belastung. Da muss man schauen, ob man noch einen Parkplatz in der Nähe der eigenen Wohnung findet. Aber die Anwohner gehören ja auch nicht zur Zielgruppe. Die wenigsten Leute, die hier wohnen, interessieren sich für dieses Festival. Es ist auch viel zu teuer.

Ich hätte nix dagegen, wenn es eine Open-Air-Veranstaltung wäre, die ein etwas breiteres Publikum ansprechen würde. Wenn es offen für alle wäre und vielleicht sogar umsonst. Aber das Berlin Festival zieht ein eigenes, junges Publikum an – das hat mit uns Bewohnern hier gar nichts zu tun. Wir haben als Anwohner auch keinerlei Informationen bekommen, das interessiert die Veranstalter offenbar gar nicht. Die machen ihre Sache, und das war’s.

Grundsätzlich finde ich, man sollte das Gelände des Tempelhofer Flughafens möglichst in Ruhe lassen. So, dass die Menschen diese Weite mitten in der Stadt auch genießen können. Das gibt es nämlich nicht mehr oft. Von mir aus könnte das Gelände noch 15 Jahre oder mehr so gelassen werden, wie es jetzt ist. Aber die Tendenzen sind ganz andere: Zäune, Verbotsschilder, Drehkreuze symbolisieren eher, dass das Gelände nicht einfach offen bleiben wird. Da wird wohl lieber etwas für zahlende Touristen gemacht, anstatt das Gelände der Bevölkerung zur Nutzung zu überlassen. Die Stadt könnte doch etwas sponsern, wovon die Anwohner auch was hätten. Die stecken soviel Geld in Planungsbüro und Landschaftsplanung, dabei hätte man mit dem Geld die Vorschläge und Ideen aus der Bevölkerung längst umsetzen können.“

Elisabeth Wendt, 50, Verpflegung, Bio-Catering CATE-berlin:

„Ich stehe jetzt seit sieben Jahren mit meinem Stand auf dem Melt-Festival und dieses Jahr zum ersten Mal auch beim Berlin Festival. Für ein Musikfestival ungewöhnlich ist sicher, dass meine Produkte alle zum einen vom eigenen Biolandhof und zum anderen von Bioland - oder Demeter-Höfen aus der Region stammen (vor allem von den Höfen meiner Brüder). Wir werden bei dem Festival Merguez, Hamburger und auch Vegetarisches verkaufen. Dazu gibt’s verschiedene selbstgemachte Saucen und frisch geraspeltes Gemüse. Auch Musikfans wollen sich ja gesund ernähren.

Ich werde allerdings nicht die ganze Zeit auf dem Festival sein, dafür habe ich junge Leute. Ich werde – hoffentlich – oft Nachschub bringen und schauen, ob alles rund läuft. Wir passen uns den Öffungszeiten des Festivals an. Das sind dann für alle Beteiligten ziemlich lange Tage, bis spät in die Nacht. Bei der Zubereitung des Essens versuche ich auch auf das Wetter zu reagieren – wenn es eher wärmer wird, mache ich etwa mehr Pfefferminze in eine Sauce und für die Nachtschwärmer gebe ich mehr Ingwer in den Salat.

Wir haben eine mobile Küche, alles zwar ziemlich einfach, aber es funktioniert ganz gut. Wir stehen mit unserem Holzkohlengrill immer draußen und sind auch ziemlich wetterfest. Schwierig kann es allerdings werden, wenn es stürmt. Ich hoffe aber, dass es eine gute Stimmung geben wird und die Leute nicht so früh nach Hause gehen – denn ich habe schon ein Risiko, bei allem Spaß muss ich natürlich auch was mit meinem Stand verdienen.“

Roger Wegmann, 47, Taxifahrer:

„Anlässe wie so ein großes Festival sind für mich als Taxifahrer immer eine Möglichkeit, spannende Leute kennenzulernen. Und das macht mir Spaß. Ich warte aber meist nicht vor dem Gelände, sondern die meisten Fahrgäste rufen mich an, damit ich sie direkt abhole.

Bei so einem Festival gibt es natürlich viele internationale Gäste. Am liebsten habe ich Amerikaner, weil ich dann meine Englischkenntnisse wieder brauchen kann. Ich habe früher eine Weile in Amerika gelebt und denke dann immer an diese Zeit. Bei Engländern habe ich allerdings schon Situationen erlebt, dass man mich angerufen hat und ich dann vergebens auf die Fahrgäste gewartet habe. Das geht gar nicht, denn ich muss mir die Zeit schon ganz gut einteilen, damit auch jeder Fahrgast pünktlich abgeholt und auch wieder abgeliefert wird. Auf mich kann man sich jedenfalls verlassen.

Wichtig ist auch, dass man immer ein sauberes, ordentliches Auto hat. Bei einem Open-Air-Festival wäre das schwierig, wenn da so Schlamm­gestalten einsteigen würden, aber das Berlinfestival ist ja diesmal drinnen – da dürfte das kein Problem sein.“

Torsten Uhlmann, 35, Security-Mann:

„Für uns dauert so ein Festival länger als für die Besucher, mit Vor- und Nachsicherung ganze acht Tage. Insgesamt werden wir beim Berlin Festival mit 160 Mitarbeitern im Einsatz sein. Passieren kann bei so einer Veranstaltung eigentlich alles, was man sich vorstellen kann, wenn eine große Ansammlung von Menschen zusammenkommt. Auch bei kleinen Ansammlungen kann es ja schon zu unvorhergesehenen Ereignissen kommen, welche sich schnell nicht mehr kontrollieren lassen, wenn man nicht genügend vorbereitet ist. Wichtig ist, gleich die richtigen Entscheidungen zu treffen, damit sich so etwas nicht hochschaukelt.

Wir haben uns schon lange im Vorfeld darüber Gedanken gemacht, wie wir auf die verschiedensten Situationen reagieren und ein Sicherheitskonzept erstellt. Wenn etwa ein Feuer ausbricht, ist bei uns ganz klar geregelt, wie die Security-Mitarbeiter schnell die Leute informieren und dann danach handeln. Oder wenn es zu vielen Verletzten kommt – dann haben wir einen Notfallplan, wie wir ein großes Lazarett aufbauen, sodass alle Fluchtwege offen bleiben und die Rettungsdienste arbeiten können.

Ich finde aber, Festivalbesucher gehören eher zum angenehmeren Publikum. Die machen meistens nicht viel Ärger. Natürlich gibt es Leute, die nicht verstehen wollen, dass die Veranstaltung irgendwann beendet ist und sie sich besser auf den Heimweg machen. Wir werfen aber niemanden sofort vom Gelände, sondern haben da eher eine ‚sanftere Politik‘. Aber wir greifen ein, wenn etwa ein Besucher seinem Musikeridol zu nahe kommt oder Besucher untereinander aggressiv werden. Doch meistens kommen die Störungen von außen. Leute, die Probleme machen, haben meist kein Ticket mehr gekriegt. Wenn das Festival ausverkauft ist, gibt es auch immer Probleme mit Betrugsversuchen und falschen Eintrittsbändchen. Was sonst noch wichtig ist? Als Security-Mann muss man ein dickes Fell haben und mit einem dezenten Lächeln über alles hinwegsehen, was man an Provokation aushalten muss. Sonst ist man im falschen Job.“

Der Freitag ist Medienpartner des Berlin Festivals und begleitet die Veranstaltung auch online unter: freitag.de/pop-blog.

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

16:30 09.09.2010
Geschrieben von

Sarah Weber

praktikantin beim freitag
Schreiber 0 Leser 0
Avatar

Ausgabe 25/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare