Was bin ich wert? Kreative zwischen Präkariat und Produktivität

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Wer seine Bar Dr Pong nennt, sollte schon eine Tischtennisplatte bieten. In dem schlicht gehaltenen Raum in der Eberswalder Strasse 21 steht auch sonst nicht viel, außer ein paar Stühlen. Die Fenster Richtung Straße sind mit milchiger Plastikfolie abgeklebt. Hier kann keiner reinschauen, das verborgene Wechselspiel von konzentrierter Augen-Hand-Koordination und dem Verlust derselben durch den parallel laufenden Trinksport soll eben keine Schaufenstertouristen locken.

Mittendrin steht der Dreh-und Angelpunkt des Ortes, das alte Turniermodell, eine solide Platte, die schon unzählige Rundläufe, Duelle und Schmetterattacken hinter sich hat. Heute nimmt das Signet des Dr Pong jedoch nur eine randständige Position ein. Das von uns (Berliner Gazette) organisierte Büro für Qualifikation und Vermögen – kurz BQV – hat dort Einzug gehalten.

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Schnell wird die Tischtennisplatte beiseite und ein Stuhlkreis zusammengeschoben, bevor „Prekär/Produktiv“, der erste von vier BQV-Workshops, beginnt. Die Wände zeigen bereits Flagge für das „Anti-Amt“. Jeder Besucher der temporären Selbsthilfestelle von und für Künstler und Kreative staunt beim Eintreten über ein Fahnenmeer aus dünnen roten Plastikfolien, das hoch über den Köpfen schwebt.

Eine Atmosphäre, die zwischen transparent gemachter Flatterhaftigkeit und offensivem „Flagge-Zeigen“ changiert, entfaltet subtil ihre Wirkung auf die Teilnehmer des Workshops. Kreiert hat sie der Konzeptkünstler Johannes Paul Raether, der sich auch selbst den Slogan „kein Gott, kein Staat, kein Lebenslauf“ auf die Fahne geschrieben hat. Raethers Kunst ist konsequent performative Praxis, die hier das Anliegen des BQV-Workshops hintergründig durch transparentes Rot und leises Folienrascheln unterstützt, während die Möglichkeiten emanzipativer Selbstorganisation für Kulturschaffende erörtert werden.

Platz genommen haben im temporären BQV-Büro „Kreative“ aus allen Bereichen: Filmschaffende, KünstlerInnen, BloggerInnen, Organisatorinnen eines Medienkunstfestivals, JournalistInnen und TheatermacherInnen hören zu, als Moderatorin Elisabeth Enke das Wort ergreift und die Teilnehmer bittet, sich vorzustellen. Im Hintergrund hat die freie Grafikdesignerin Gabriele Schlipf schon den Stift gezückt, malt einen lachenden Fernsehturm, der einen Pinsel voller Farbe in der Hand hat und im Sinne der Anwesenden verkündet: „Wir machen die Stadt bunt.“ Ganz assoziativ folgt Schlipf dem Gespräch und bringt ihn in bunten Zeichnungen und Statements aufs Blatt (sogenanntes Graphic Recording). Sie fängt auch das wilde Wuchern und Spekulieren ein, schafft es aber trotzdem, den roten Faden zu bewahren und den Diskussionsverlauf auf einer übergeordneten Ebene sichtbar zu machen.

Als die Vorstellungsrunde dann bei Filmemacher und Stadtforscher Ben Pohl angelangt ist, dauert es etwas länger. Mit fester Stimme unterbricht ihn da Moderatorin Enke, als er voller Hingabe über seine Projekte redet: „Sind wir jetzt schon bei den Kurzreferaten?“. Pohl bleibt gelassen: „Nö, ich stelle mich nur vor.“ Dann sind erst mal wieder die anderen dran, bis die Vorträge beginnen und Pohl sein Portfolio nun offiziell auspacken darf. Es geht ihm darin um die in den 1990er Jahren entstanden „Möglichkeitsräume“ im leeren Zentrum Berlins, die von der Subkulturszene der Stadt erobert wurden.

Pohl hat dafür seine Kompetenzen als Stadtforscher und Filmemacher zusammengebracht und die Dokumentation „Nördliche Breite – Östliche Länge“ (2001) gedreht. Sie zeigt die Genese und Entwicklung von Projekten wie die Blinkenlights, 37,6° Sprengantrag oder den Narrenschiff-Performances. Im BQV-Workshop stellt er sein Konzept der „Möglichkeitsräume“ vor, blendet Filmsequenzen ein, fragt sich hier mit Robert Musil nicht nach dem Wirklichkeits-, sondern dem Möglichkeitssinn: „Hier könnte, sollte oder müsste geschehen.“ Ist-so-Zustände lässt Pohls dokumentarische Arbeit kalt. Sie präsentiert im Sinne der Subkultur Räume des Anders-Seins, die sich wandeln, immer wieder neu gedacht werden, fluktuieren, schon vom Anspruch her nie statisch sein können.

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Darum zeichnet Pohl auch den BQV-Workshop auf, springt nach seinem Vortrag gleich auf, steht wieder hinter der Kamera und erfasst den wissenschaftlichen Blick auf die Kreativwirtschaft, den Alexandra Manske liefert. Die Soziologin hat urbane Kreativmilieus erforscht und sitzt mit ihren 10cm-Killer-High-Heels locker zurückgelehnt im Stuhlkreis. Sogleich erläutert sie den Paradigmenwechsel von den 60er bis in die 80er Jahre, „als Kreative noch schützenswerte Sozialbürger waren“, bis in die 90er, „wo sie zu Unternehmern wurden“. Für heute zieht sie Bilanz: „Jetzt sind sie defizitäre Unternehmer.“ „Im Spannungsfeld zwischen Gelegenheitsstrukturen und Armenhaus“ leben sie laut Manske, defizitär sind sie, weil die Kunst als „Selbstzweck“ eingestuft wird.

Von der Politik würden Künstler und Kulturschaffende dagegen wahlkampfförderlich zu zeitgenössischen Arbeits- und Wirtschaftssubjekten hochgejubelt, sie seien volkswirtschaftlich ein großes Versprechen, lande die Kultur- und Kreativwirtschaft mit ihrem Anteil an der gesamtwirtschaftlichen Wertschöpfung doch auf Platz drei hinter Chemie- und Automobilwirtschaft. Öffentliche Finanzierungen würden jedoch konträr dazu einen starken Rückgang erleben. Daraus zieht die Soziologin das Fazit, eine ehemals wohlfahrtsstaatliche Politik habe sich wohl zu einer marktwirtschaftlichen zugespitzt, denn Arbeitsmärkte für Künstler wären heute überwiegend erwerbswirtschaftlich orientiert.

Die Folgen dieser Kluft erlebt auch Gertrud Koch, Professorin für Filmwissenschaften an der FU Berlin, tagtäglich: „Früher wollten alle meine Studenten Filme machen, heute strömen sie an die Unis zurück und wollen promovieren. Sie scheinen zu denken: ‚Bei euch gibt es noch Geld, da komme ich lieber zu euch.‘“ Künstler würden nur als Privatunternehmer zu Geld kommen, wären aber zugleich – vor allem beim Film – an immense Produktionskosten gebunden und damit einhergehend an Institutionen, die das für sie leisten könnten. Es bliebe also immer noch die große Frage nach den Produktionsbedingungen von Kunst: „Wenn sich etwas aus dem Selbst, also aus dem Nichts schöpft, wie kann man es dann auch praktisch umsetzen?“

Das Ergebnis der Kurzreferate und der anschließenden Diskussion sind auch in Gabriele Schlipfs Grafik zu sehen. Zwei Allegorien des Künstlers hat sie festgehalten. Die eine sagt mit trotzig verschränkten Armen: „Ich bin Individualist. Ich für mich. Was ist Arbeit?“ Die andere zeigt aber eine ganz andere Haltung, fragt sich nachdenklich: „Ich bin Teil der Gesellschaft und will Gemeinwohl schaffen“ und stellt die Frage, die übergeordnet dazu die ganze Zeit im Raum schwebt: „Was bin ich wert?“

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14:20 25.05.2012
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Sarah@Berliner Gazette

Hier blogge ich, Redakteurin der Berliner Gazette, über unsere Veranstaltungsreihe "BQV - Büro für Qualifikation und Vermögen" (19.5.-9.6.). Unterstützt werde ich von Andi, Annika und Leonie.
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