Apocalypse Now

Klimakrise Die Klimakatastrophe ist da, sie zerstört Australien und den Regenwald und macht Teile der Erde unbewohnbar. Aber wir wollen es nicht sehen, erst, wenn es zu spät ist
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Apocalypse Now
Rauch erfüllt die Luft am 05. Januar 2020 in Cann River, Australien

Foto: Darrian Traynor/Getty Images

Schon seit Wochen sind die Nachrichtenbilder bestimmt von brennenden Wäldern und Büschen, von fliehenden Tieren und Menschen, von abgebrannten Häusern und Städten, von schwarzer Asche und verbrannter Erde. Der Regenwald in Brasilien und Bolivien ist seit Juli um über 1,4 Millionen Hektar geschrumpft, das sind mehr als 70% mehr Verlust als im Jahr zuvor. Dann kam die Überschwemmung, direkt vor der Haustür der Europäer, Venedig stand unter Wasser, eine Stadt, mit der viele Urlaub und Geschichte verbinden, schwamm im Meer von einem bisher nicht gewohntem Hochwasser.

Doch eine Verschnaufpause zur Verarbeitung all dieser Ereignisse und Eindrücke gibt es nicht. Denn sie brennt weiter, die Erde, und das in nie gekanntem Ausmaß. Die Feuer in Australien übertreffen viele Horrorvorstellungen, und der Sommer hat gerade erst begonnen. Bilder und Videos von Rauch und Feuer, wohin man sieht, gehen um die Welt; dunkelrote Rauchfelder und Feuerstürme verwandeln das Land in einen einzigen Flächenbrand. Sie sind so stark, dass sie eigenes Wetter entstehen lassen. Eine Vorstellung, die manch einem in einem Weltuntergangsfilm übertrieben vorgekommen wäre.

Was passiert beim Weltuntergang?

Die Klimabewegung hat das Katastrophenszenario eines möglichen Kollaps und damit „Untergangs“ dieser Erde wieder an die Tagesordnung gebracht. Die Aussicht auf eine Welt, die den Menschen keinen Lebensraum mehr bieten können könnte, ist beängstigend, aber anscheinend nicht beängstigend genug. Der menschengemachte Klimawandel, der gerade unsere eigene Lebensgrundlage auffrisst, ist – wenigstens bei uns – kaum mehr umstritten. Doch dass er real ist, und was er für die Menschheit und die Erde bedeutet in nicht allzu ferner Zukunft, scheint nicht präsent genug zu sein.

Wie verhalten sich Menschen während der Apokalypse? Bekommen sie es mit oder erst, wenn es zu spät ist? Sind sie Kämpfende und Hoffende oder ignorieren sie, bis es nicht mehr geht? Müsste nicht die gesamte Menschheit komplett ausflippen, und sich dem Weltuntergang entgegenzustellen versuchen? Wir verhalte ich mich, du dich, wir uns, sie sich dann? Was tun wir als Weltgesellschaft?

Schaut euch um, wir stecken mitten drin. Nachrichten von Jahrhundertüberschwemmungen und Jahrhundertbränden, von Artensterben und Klimaschäden jagen sich tagtäglich. Die Wissenschaft korrigiert Zukunftsvoraussagen zur Erderwärmung und Klimakatastrophen wöchentlich ins Negative. Kinder ziehen verzweifelt auf die Straßen, Freitag für Freitag, um für ihre Zukunft zu demonstrieren, Aktivist*innen schreiben und schreien und besetzen und blockieren für Aufmerksamkeit.

Menschen werden depressiv beim Anblick des Zustands der Welt und der Aussichten auf deren Zukunft. Aber nicht alle. Nicht die meisten. Denn das meiste läuft seinen gewohnten Gang, wird weiter produziert und exportiert, wird weiter abgesprochen und berichtet, wird weiter aufgebaut und vermehrt. Wo die Zerstörung der Welt fern scheint, wird lieber nicht zu viel verändert, wird gegen Pessimismus und Katastrophenangst geschimpft und allenfalls die Mauer noch ein bisschen höher und der Graben um das Eigene noch ein bisschen tiefer gezogen. Für später, wenn die Auswirkungen auch uns angehen.

Augen zu und durch

Nicht, dass sie das noch nicht täten. Nicht, dass die Zeichen der Apokalypse nicht schon zu sehen wären. Nicht, dass der Klimawandel nicht längst da wäre und prozessartig voranschreitet. Nicht, dass ungewöhnliche Wetterlagen und Veränderungen, Verletzungen der Ökosysteme und der Lebensbedingungen nicht schon spürbar wären. Spürbar, erforschbar, messbar, sichtbar, vorhersehbar.

Aber wir reden nicht von Klimawandel. Wir reden lieber von Trockenjahren – Rekordjahr um Rekordjahr bei der Durchschnittstemperatur – heißen Sommern, wir reden von alljährlichen statt ungewöhnlichen Überschwemmungen, wir reden von Monsun, der halt immer ein bisschen feuchter ist, und Buschfeuern, die halt immer in Australien wüten. Anstatt anzuerkennen, dass die Erde und ihr Klima sich verändert haben, und zwar drastisch, und das an den Menschen und ihrer Lebensweise liegt, erklären wir lieber weg. Und leben weiter auf einer brennenden und gleichzeitig in Wassermassen untergehenden Welt.

Und wo es zu offensichtlich ist, dass Entscheidungen – für die Zukunft, in der der Klimawandel ja erst ankommt, irgendwann, jaja – versäumt, verschoben, verhindert worden sind, Entscheidungen und Schritte, die das Überleben der Menschheit – und mindestens jetzt schon Millionen von Menschen – betreffen, da finden wir andere Themen, mit denen wir uns lieber beschäftigen. Eine 16-Jährige, die Zug fährt und keinen Sitzplatz bekommt, zum Beispiel. Ein Kinderlied, in dem deine Oma – oder auch nicht, spielt ja keine Rolle eigentlich – vielleicht als „Umweltsau“ bezeichnet wurde. Oder was halt sonst so die Twitter-Community in Aufruhr versetzen könnte.

Es wird viel geredet, von den „neuen 20er Jahren“, in denen Veränderungen stattfinden werden. Ich weiß nicht, ob eine Jahreszahl das entscheiden kann. Dass Veränderungen kommen werden, ist sicher – sie sind schon da. Die Frage ist, ob wir sie gestalten (können) – oder weiter blind darauf zu laufen.

18:43 05.01.2020
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Sarah Kohler

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