Eine Pille, sie zu knechten...

Gerechte Verhütung Seit Jahrzehnten nehmen Frauen die Pille. Dass sie sie kaputt macht – Nebensache. Wäre es ein Männerproblem, es wäre wohl längst gelöst
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Eine Pille, sie zu knechten...
Symbolbild

Foto: Philippe Huguen/AFP/Getty Images

Zuerst dachte ich, ich müsse schwanger sein. Stimmungsschwankungen bis hin zu depressiven Verstimmungen und Tage, die ich ohne ersichtlichen Grund durchheulte – das konnte nur so sein. Kurz vor meinen Tagen – oder waren sie schon überfällig? – stand ich schließlich auch. Dass es einfach von der Pille kommen könnte, darauf wäre ich zuerst nie gekommen.

Ich habe die Pille genommen seit ich 15 bin. Damit bin ich bei weitem nicht allein. Wenn ich mich bei meinen Freundinnen umsehe gibt es wohl kaum eine, die die Pille nicht wenigstens ein paar Jahre genommen hat. Über die Hälfte der 18- bis 49-jährigen Frauen in Deutschland schlucken täglich Hormone, die ihrem Körper vorgaukeln schwanger zu sein. Damit sie gerade das nicht werden. Dass es sie anderweitig kaputt macht – nebensächlich.

Angefangen habe ich mit der Pille, weil ich einen stabilen Zyklus brauchte. Neben dem Wunsch nach weniger Pickeln ist das wohl die häufigste Ursache. Mit 15 ist Sex noch nicht das Hauptthema. Wahrscheinlich hat mich meine Frauenärztin über die Nebenwirkungen aufgeklärt. So wichtig, wie sie es hätten sein sollen, waren die mir damals aber nicht. Ich kannte ihre Auswirkungen ja noch nicht.

Und das blieb auch einige Zeit so. Weit davon entfernt den eigenen Körper schon wirklich zu kennen, bin ich lange davon ausgegangen, die Pille habe ja gar keine krassen Auswirkungen auf mich. Dann kam die stressigste Zeit meines Lebens – und die Angst, schwanger zu sein. Was ich nicht war. Es war die Pille.

Wollte man heute die Pille in ihrer derzeitigen Verfassung auf den Markt bringen, man bekäme ganz schön Probleme. Ärzt*innen sind sich einig, dass die Nebenwirkungen im Beipackzettel heute Aufsehen erregen würden. Aber als man die Pille einführte, da wurde sie als Befreiung gefeiert. Klar, das war sie auch, was die Verhütung anging. Aber nicht, was die Kontrolle und Selbstbestimmung über den eigenen Körper betrifft.

Frauen reagieren sehr unterschiedlich auf die Pille. Manche kommen gut damit klar, andere bekommen Depressionen; wieder andere liegen irgendwo dazwischen oder haben einfach noch nicht gemerkt, was die Hormone mit ihnen machen.

Ich habe meiner Frauenärztin erstmal nicht so recht glauben wollen, dass meine depressiven Verstimmungen an der Pille liegen sollen. Mehrere Tage durchheulen wegen Hormonen? Mittlerweile bin ich überzeugt davon, dass es so ist. Ich kann abzählen, wann meine Stimmung kippt und meine Welt ein paar Tage einen grauen Schleier bekommt. Ich bei allem und jedem Bedenken und Panik bekomme. Und ich kann auf den Tag abschätzen, wann es wieder weg ist, immerhin.

Wäre es ein Männerproblem, es wäre längst gelöst

Das perfide ist: Mit genau diesen Nebenwirkungen wurden die Forschungen – in der Testphase! – für die Pille für den Mann abgebrochen. Männern kann man sowas nicht zumuten. Frauen ertragen es seit Jahrzehnten.

Und was am fiesesten ist: Frau kommt von dieser Pille auch nicht so einfach los. Meine Frauenärztin ist bestimmt nicht die militanteste Feministin, aber als ich – nach langem Erkenntnis- und Akzeptanzprozess, dass es wirklich an Hormonen liegen muss – zur Beratung bei ihr war, da zog sie eine kleine Tafel heraus. Das seien alle Verhütungsmethoden, die wir zurzeit haben, und das seien nicht so viele, meinte sie.

Naja, auf Kondome allein könne frau sich ja nicht verlassen, und dann seien hormonelle Verhütungsmethoden einfach die sichersten. Und Kupfer, ja, das sei einfach schon schmerzhaft und nicht unbedingt verträglich. Viel Alternativen haben wir also nicht, wenn wir nicht schwanger werden und trotzdem unsere Freiheit genießen wollen. Der Ring, der hat wenigstens weniger Hormone, das könnte helfen. Aber da ticke jede Frau anders.

Es ist zum verrückt werden. Frau meint ihren Körper zu kennen, aber wie er hier oder darauf reagiert, das kann sie nicht abschätzen. Das geht soweit, dass ich sogar vor dem Absetzen der Pille Panik hatte – denn wie mein Körper reagiert, ob er in eine Depression verfällt oder sich befreit fühlt, ob er einen Zyklus hinbekommt und die Pubertät in Form von Pickeln zurückkommt, das kann mir niemand sagen. Jaja, die Pille macht uns frei.

Aber es geht ja nur um Frauen. Uns macht es kaputt, aber wir ertragen es, haben es lange ertragen, wie wir viel ertragen haben in dieser Gesellschaft. Wäre es ein Männerproblem, es wäre lange gelöst. Aber, so wie es wunderbar auch in den Debatten rund um Schwangerschaftsabbruch und Selbstbestimmung der Frauen über ihre Körper zu sehen ist: Frauenkörper sind und waren einfach schon zu lange etwas, worüber gerne von oben und von außen bestimmt wird und wurde, und die auszuhalten haben, was sein muss.

Aber jetzt nicht mehr. Es ist kein Frauenproblem, es ist ein gesellschaftliches. Und es gehört gelöst. Jetzt.

15:21 18.03.2019
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Sarah Kohler

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