Pandemiealltag oder so

Pandemie Mehrere positive Fälle, mehrere Quarantänen, mehrere Kontakte, hunderte abstrakte Tote, tausende abstrakte Infektionen. Und am schlimmsten – es ist Alltag geworden
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Es ist ein ganz normaler Mittwoch. Also seit es normal ist, dass die Corona-Pandemie alles beherrscht. Seit es normal ist, dass täglich hunderte Menschen in Deutschland und tausende Menschen weltweit sterben. Seit es normal ist, dass tausende Menschen in Deutschland und Millionen sich weltweit infizieren. Und seit es normal ist, dass wir eigentlich keine Antwort darauf haben. Und das Sterben, das Vereinsamen, das Verzweifeln, das Husten, die Masken, der Abstand, das Zoomen, das Telefonieren und das Aufgeben Alltag geworden sind. Alternativlos beinahe, wenigstens gefühlt.

Billie Eilish singt „No Time To Die“, es ist grau draußen. Der Frühling hat sich wieder verabschiedet, trotzdem war ich drei Stunden spazieren, erst mit einer Freundin, dann alleine. Pandemiealltag, Spazierengehen ist Volkssport geworden, oder so ähnlich. Die Stadt ist nicht leer, aber es bleibt niemand stehen, um zu sprechen. Es ist anonym und einsam, anonymer und einsamer als sonst. Aber es kommt mir nicht mehr so vor. So ist es seit Monaten. Es ist wie immer, so fühlt es sich beinahe an. Als ob schon immer, seit ich mich erinnern kann, Pandemie war. Als ob es schon immer einsam und anonym war.

Heute war wieder einer der schlechteren Tage. Eine Freundin von mir sitzt seit gestern in Quarantäne, sie war ihre Mutter besuchen, die jetzt dummerweise positiv getestet wurde – und packt es jetzt schon nicht mehr. Zwei befreundete WGs sitzen ebenfalls quarantäniert – ja, das Wort sagt uns jetzt was – daheim, eine der Bewohnerinnen ist positiv, eine der anderen WG war zu Besuch gewesen. Das ist schon ungewöhnlich viel, in den letzten Wochen hatten wir in der lokalen Studierendenszene eigentlich keine Fälle. Das Virus kommt wieder näher. Wir haben von einer Bekannten gehört, die mit der Mutation sogar im Krankenhaus liegt. Es ist da, es wird wieder bedrohlich.

Die Kirschen blühen rosa, viel zu früh dieses Jahr. Ja, Klimakrise ist auch, aber noch mehr Krisen gehen gerade nicht in meinen Kopf und mein Herz. Ich bin nicht gut im Verdrängen, aber die letzten Wochen war es in meinem näheren Umfeld ruhig gewesen, fast sicher. Steigende deutschlandweite Zahlen kamen langsam, aber sicher wieder als Weckruf. Das ewige Gezerre, es ist einfach ermüdend. „Brückenlockdown“, „Infektionsschutzgesetz“, „nationale Maßnahmen“, „Ländersache“, mal sehen, was ihnen als nächstes einfällt. Irgendwann um Weihnachten herum scheinen alle den Verstand verloren zu haben.

Ich lese sonst jeden Tag Nachrichten und bin gut informiert, vor ein paar Wochen habe ich irgendwann aber einfach den Kopf in den Sand gesteckt. Es ging nicht mehr. Wenn sich jeden Tag alles ändert und doch eigentlich gleich bleibt, warum informieren. Es ist schon so lange klar, worauf das hinausläuft, auf eine dritte Welle nämlich, die vielleicht sogar schlimmer wird als die letzten, dafür muss ich nicht mal viel lesen. Und gleichzeitig bekommt sich die Politik nicht auf die Reihe, immer noch nicht. Man will schreien, aber eigentlich sind alle auch zu müde dazu. Wir haben uns davon verabschiedet, machen uns eigene Regeln, wie wir es für sinnvoll halten – und immer hart an der Grenze zum Verrücktwerden.

Das Impfen geht voran, aber es ist auch Chaos. Priorisierung gut und schön, aber ansonsten scheint geimpft zu werden, wer zuerst hier schreit. Das ist anstrengend und gleichzeitig fühlt es sich langsam nach einem Kampf um Leben und Tod an. Ich versuche, Infos aufzutreiben, um meinen Papa unterzukriegen, ich finde, er ist verdammt noch mal dran, wahrscheinlich glauben das alle, aber das ist ein schwaches Argument, das ich in dieser Pandemie schon zu oft gehört habe. In einem Film wäre das gerade alles sehr schnell geschnitten, zu laut, zu hektisch, telefonierende Menschen, Impfzentren, Spritzen, Lastwägen, gestikulierende Politiker, hetzende Ärztinnen, und alle verlieren sie den Wettlauf gegen die Zeit. Manchmal schießen diese Bilder einfach in meinen Kopf, vielleicht habe ich zu viel Fantasie, es hilft jedenfalls nicht gegen das Panikgefühl.

Vormittags habe ich „studiert“, oder das, was davon übrig geblieben ist. Ich habe vor meinem Laptop gesessen und an meiner Masterarbeit geschrieben – alleine. Alleine seit einem halben Jahr, eigentlich auch schon ein Jahr mit kurzer Unterbrechung. Manchmal „coworke“ ich mit einer Freundin, wir zoomen, während wir arbeiten, um das Gefühl des Vereinsamens und Abgehängtwerdens zu bekämpfen. Es ist nur ein grauer Abklatsch von allem, sagt eine Freundin, und sie hat Recht. Alles läuft noch irgendwie, aber nur in der Essenz – nicht so, wie es sein sollte, nicht so, wie es lange auszuhalten ist, nicht so, wie es gedacht ist. Und nicht so, wie es gut tut, praktisch ist, nachhaltig.

Meine Mama schreibt, meine Cousine hat sich mit der britischen Mutante angesteckt, die ganze Familie sitzt in Quarantäne. Sie arbeitet im Krankenhaus, macht dort gerade ihre Ausbildung zur Krankenschwester. Das ist auch eine krasse Zeit dafür. An vorderster Front wird man zuerst verheizt. Sie hat wohl Symptome, aber nicht schlimm. Jetzt heißt es Daumen drücken. Sie sind zu sechst. Die Pandemie ist wirklich überall. Und jetzt ist sie wieder ganz schön präsent hier.

Ich nehme meine vorhin benutzte Maske aus der Tüte, hänge sie an den Kleiderhaken und beschrifte einen kleinen Zettel mit dem heutigen Tag. Ich benutze sie in zehn Tagen wieder, insgesamt vier Mal, dann tu ich sie weg. Fünf Masken hängen schon an der Wand. Wenn mir das jemensch vor zwei Jahren erzählt hätte, ich hätte gesagt, er*sie habe wohl zu viele Katastrophenfilme gesehen oder Desinfektionsmittel getrunken. Jetzt ist es die normalste Sache der Welt, immer eine FFP2-Maske – besser zwei – in der Tasche zu haben, Desinfektionsspray, Taschentücher. Und jeden Tag stirbt ein bisschen mehr Sicherheitsgefühl dabei.

Wir verabreden uns zum Seebrücken-Organisationstreffen online. Seit einem Jahr sehen wir uns nur online, im Sommer haben wir uns ein einziges Mal vor Ort draußen zusammengesetzt. Social Distancing macht nach und nach alle unsere Aktionsgruppen fertig, sie hängen an sehr seidenen Fäden, Internetfäden und brüchigen Motivationsfäden. Immerhin gehe ich abends in meine ehemalige WG zum Essen. Das könnte schön werden. Ein bisschen menschlicher Kontakt, wenn es auch meistens der gleiche ist. Sonst geht auch gar nichts mehr.

Ich streife durch die Wohnung und gieße meine Pflanzen. Seit letzter Woche sind vier neue dazu gekommen. Ich habe Natur und Tiere nie gemocht, Veganismus und Klimakrisenbekämpfung waren mehr rational und menschlich-solidarisch sinnvoll angelegt in meinem Kopf. Seit der Pandemie hat sich die Pflanzenbegeisterung eingenistet – wie groß die Rolle der Alternativlosigkeit mangels spannenderer und nicht-im-eigenen-Zimmer-machbarer Aktivitäten ist, das weiß ich nicht. Pflanzengießen, bis das Verrücktwerden einsetzt, das klingt okay. Vielleicht ist es aber auch schon Step 1. Dann will ich es aber lieber nicht so genau wissen.

Vielleicht klingt das für euch sehr banal, Alltag eben. Ja, für mich auch. Aber wenn wir uns in ein paar Jahren wieder Tagebücher und Artikel zu diesem Jahr ansehen, dann – ja was? Auch das will ich nicht so genau wissen, ich glaube nicht, dass es sehr angenehm wird. Emotional, fürs Gewissen, fürs Selbstbewusstsein – als Ich und als Kollektiv. Bis dahin, lasst uns mal versuchen, zu überleben. Vielleicht kommen wieder weniger pessimistische Tage [heute ist, zugegeben, eher schwierig].

19:08 14.04.2021
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Sarah Kohler

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