Wider die Gleichgültigkeit

Klimabewegung In über 80 Hochschulen veranstalteten Studierende eine Klimastreikwoche. Doch wenigen Aktivist*innen stehen viele Desinteressierte gegenüber. Von Frust und Hoffnung
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Wider die Gleichgültigkeit

Foto: Maja Hitij/Getty Images

Wie geht es weiter mit der Klimabewegung? Diese Frage drängt sich auf, sie drängt sich auf schon seit einiger Zeit und ist nicht mehr ignorierbar. Während am 20. September über 1,4 Millionen Menschen auf Deutschlands Straßen waren, weltweit über 4 Millionen Menschen gestreikt haben und die Medienöffentlichkeit so groß war wie lange nicht, hat die große Koalition gleichzeitig ein Klimapacket verabschiedet, mit dem Deutschland die Vorgaben des Pariser Klimaabkommens und damit das 1,5 Grad-Ziel nicht nur 2020, sondern auch 2030 verpassen wird.

Ein Jahr Fridays For Future, ein Jahr jeden Freitag Streiks in ganz Deutschland, ein Jahr Schule boykottieren und mit Lehrenden und Politikbetreibenden anlegen haben nicht gereicht, um wenigstens die selbst auferlegten Verpflichtungen im politischen Handeln zu verankern. Um wenigstens grundlegende Schritte zu machen hin zur Lösung der Klimakrise, einer Krise, die aus Nichtstun, Ignorieren, Aufschieben und Interessenskonflikten Mächtiger entstanden und jetzt so präsent wie lange nicht ist.

Doch frustriert den Kopf in den Sand zu stecken war keine Option. Der Klimawandel wartet nicht, er wartet nicht auf Politier*innen, bei denen Vernunft und Überlebenswille über der Angst vor der AfD stehen, bei denen Menschen über Geld stehen und bei denen grundlegende wissenschaftliche Fakten angekommen sind. Der Klimawandel lässt uns keine Zeit. Und deswegen mussten andere Mittel her, andere Protestformen, andere Aktivistengruppen, und vor allem mussten es mehr werden.

Students For Future treten in den Klimastreik

Die Studierenden, die schon lange latent Teil der Bewegung sind, haben den Ruf gehört. Und sich organisiert. Hochschulen funktionieren anders als Schulen, denn im Gegensatz zu Schüler*innen besteht (meistens) keine Anwesenheitspflicht, sind Studierende sowieso (meistens) freitags nicht da – und haben Studierende mehr Zeit, Raum und Möglichkeiten, sich zu organisieren und zu engagieren. Gerade auch weil sie mit den Universitäten an den Quellen von Wissen und der Herstellung von neuen Entwürfen von gesellschaftlichem Zusammenleben sitzen, sind sie so wichtig. Wichtig in der Frage, wie es weiter gehen kann und wo wir eigentlich hin wollen.

Und so haben sie es getan. Sie habe sich vernetzt, deutschlandweit, und eine große Aktion auf die Beine gestellt. Die Students For Future haben zum Hochschulstreik aufgerufen – und die Scientists For Future haben sich angeschlossen. Denn gerade sie sagen schon lange, dass sich etwas verändern muss, etwas verändern in der Art, wie wir leben und wirtschaften und entscheiden, wie wir Politik machen und was wir dort vorantreiben. Und genau dafür musste ein großes Zeichen her.

In über 80 Hochschulen organisierten sich die Studierenden und stellten für die Woche vom 25.-29. November eine „Public Climate School“, eine Schule zu Thema Klima für alle, auf die Beine. Sie nahmen sich Raum und Zeit, mit Expert*innen unterschiedlichster Themengebiete und Aufgaben über Klimakrise und Klimawandel zu sprechen. Sie luden Menschen ein und schafften es, die Universitäten für die Gesellschaft zu öffnen, für Gewerkschafter*innen, für Schüler*innen, für Eltern, Großeltern, Politiker*innen, Beamt*innen, Aktivist*innen aller Art.

Für alle, die den Planeten vor dem Aussterben bewahren wollen. Gemeinsam wurde viel gelernt, ausgetauscht und diskutiert, wie es denn jetzt weitergehen kann, mit der Klimabewegung. Mit der Erfahrung unterschiedlichster Akteur*innen und dem Wissen unterschiedlichster Expert*innen, so die Hoffnung, könnten Lösungen, oder wenigstens nächste Schritte, gefunden werden. Von Themen wie Biodiversität über Energiewende bis hin zu Gewerkschaftskämpfen und Kapitalismuskritik wurde alles aufgeworfen, zusammengeschmissen, versucht mitzudenken.

Es ist eine Menschheitsaufgabe, verdammt!

Doch nicht von allen. Nach gut besuchten Vorträgen zum Hambacher Wald liefen auch Workshops mit der IG Metall mit nur sieben Zuhörenden; vor Kleidertauschpartys mit hunderten Klamottenliebenden blieben die Schüler*innen der Fridays For Future-Ortsgruppe fast alleine. Neben großen Diskussionen und verzweifeltem Ringen um effektive Schritte und mögliche Lösungsansätze gegen den Klimawandel – lief auch ganz normaler Unialltag. Saßen Menschen an halbfertigen Referaten, zu erledigenden Spanischhausaufgaben, anstehenden Textbesprechungen oder schauten doch lieber Fußball.

Und das ist natürlich okay. Menschen haben ihre Gründe, dies und nicht das, hier und nicht dort zu sein. Die Frage ist trotzdem, warum so viele. Welche Strukturen haben wir geschaffen, in denen es Menschen gleichgültig sein kann, dass die Welt untergeht? Welches Verständnis von Politik hat sich durchgesetzt, in dem Menschen „die da oben“ machen lassen und glauben, davon wird es schon besser? Und wie kann sich das ändern?

Vielleicht ist es eine große Verzweiflung. Eine Verzweiflung, die man besser nicht zulässt, eine Verzweiflung und Hilflosigkeit angesichts der Umstände und der Menschheitsaufgabe, der wir gegenüber stehen. Es ist ja nicht so, dass Nachhaltigkeit niemanden interessiert. Plastikfreie Kosmetik und unverpackte Lebensmitteleinkaufsmöglichkeiten boomen. Menschen leben gerne nachhaltig, sie werden Vegetarier*innen und Veganer*innen, sie kaufen regional und saisonal, sie fahren Fahrrad und Bus.

Aber das reicht nicht. Wir brauchen ein Umdenken und einen Wandel, und zwar jetzt. Einen Wandel, der unsere Gesellschaft tiefgreifender verändern wird als plastikfreies Einkaufen, ein Wandel, der die Arbeit und die Energiegewinnung, den Verkehr und die Mobilität und unser Wirtschaftssystem grundlegender in Frage stellt. Dieser Wandel klingt anstrengend. Aber da müssen wir hin, und da müssen wir all die noch etwas Hilflosen hin mitnehmen. Wer plastikfrei kauft, macht sich schon Gedanken – sorgen wir dafür, dass sie noch größer werden.

Aufbruchsstimmung in der Bewegung

Dafür hat die Klima(streik)woche trotzdem schon einen ersten Schritt gemacht. In Leipzig waren 2000 Menschen auf der Vollversammlung, in Jena 1000. In Siegen wurden Hörsäle besetzt, in Berlin auch. Die Tagesschau und viele große Medien berichteten darüber, vor Ort kamen Menschen ins Gespräch und in Austausch.

Und viele wichtige Akteure kamen zusammen. Gewerkschaften und Gewerkschaftsjugenden trafen auf Studierende, Schüler*innen der Klimabewegung auf Dozierende der Universität, lokale Gruppierungen brachten ihre Ressourcen und Anliegen ein, genauso wie Aktivist*innen großer Organisationen ihre Expertise. Menschen, die bereits machen und manchmal das Gefühl hatten, allein auf weitem Feld zu kämpfen, fanden Solidarität und Unterstützung – und Motivation, weiterzumachen.

Die Studierenden haben weitergetrieben, was schon lange nötig ist: Zentrale Akteur*innen zusammen zu bringen, sich an Dreh- und Angelpunkte politischer Entscheidungen und gesellschaftlicher Bewegungen zu setzen und Wissen zu erweitern. In neue Bahnen gelenkt muss das jetzt noch Früchte tragen. Gemeinsam wider die Gleichgültigkeit in Politik und Gesellschaft.

15:14 02.12.2019
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Sarah Kohler

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