Wir klagen an

Klimakrise Klimaaktivist*innen drängen die Politik, endlich die Pariser Klimaziele umzusetzen. Der Aktivismus ist überlebenswichtig, das sollte aber nicht unsere Aufgabe sein
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Wir klagen an

Foto: Tobias Schwarz/AFP/Getty Images

Ich bin wütend. Ich sitze in einem hochherrschaftlichen Barocksaal, in dem die Sitzung des Natur- und Umweltausschusses unseres Kreistags stattfindet, und verzweifle. Ich hoffe, sie haben es einfach noch nicht verstanden, dass die Welt auf einem Scheideweg steht, dass die Klimakrise jetzt bekämpft werden muss, dass es jetzt Entscheidungen und Handlungen braucht. Denn wenn sie es verstanden haben und wir ihnen egal sind, dann sind wir sowieso verloren.

Der Landrat hat die Ortsgruppe der Fridays For Future zur Diskussion gebeten. Es wurde jedoch eher zu Anklage und Verteidigung, weil die Politiker*innen gar nicht offen zuhören wollten, sondern einfach abschmetterten, was die Klimaaktivist*innen ihnen vorbrachten. Es ging nicht um Austausch, es ging um Mundtotmachen und Selbstbeweihräuchern. Denn eines war klar, wenigstens auf ihrer Seite: Wir? Nein, wir haben nie etwas falsch gemacht.

Mit einem global aufgefassten Verständnis der Klimakrise kamen die Schüler*innen hier nicht weit, denn es wurde nicht geteilt. Dabei hatten sie sich durchaus in die Kreistagsregeln und -aufgaben reingefuchst. Der Klimanotstand stand an oberster Stelle, dann ein energieautarker Landkreis, der Ausbau des ÖPNV, klimaneutrales Bauen und die Entsiedelung und Neubepflanzung aller in der Zuständigkeit des Landkreises gelegenen Gebiete sowie schließlich eine für Vegetarier freundliche Mensa.

Das Pochen auf individueller Verantwortung und politischen Gewohnheiten

Große Ziele, könnte man meinen. Ziele, zu denen nun gemeinsam Maßnahmen gefunden, Potenziale ausgelotet, Schwerpunkte gelegt werden könnten. Aber das war gar nicht das Ziel gewesen. Rausgepickt wurden sich Teilforderungen und Nebenthemen, eine halbe Stunde wurde über die Wichtigkeit von Fleisch auf einem ausgewogenen Speiseplan – ländliche Gegend – diskutiert und auf die individuelle Entscheidung der Konsument*innen verwiesen. Genauso beim öffentlichen Nahverkehr, auch der sei auf die Nachfrage angewiesen, und die sein nun mal nicht da.

Individualverantwortung das alles also, da könne man gar nichts machen. Wo Nachfrage wäre, könne man Angebote schaffen, sonst sei kein Geld da. Strukturelle Veränderungen, wie sie von den Klimaaktivist*innen eingefordert wurden, konnten oder wollten sich die Anwesenden wohl nicht vorstellen. Dann hätten sie ja selbst Verantwortung übernehmen und aktiv werden müssen. Unmöglich also der eine Teil der Forderungen.

Der andere Teil wurde als erfüllt abgehakt. Hier gibt es doch schon einen Bus, dort steht schon ein Windrad, und das schaffen wir bestimmt noch. Wir Politiker*innen, wir haben doch nichts versäumt. Unsere Biobauern hier schaffen schon viel Nachhaltigkeit, unsere Naturparks dort sind schon Naturschutz. Kaum Argumente, belegt wurde mit Emotionen und Verbundenheit zu schon lange Dagewesenem, das dann ja gut sein musste. Der Schrei der Klimaaktivist*innen ums Überleben dieses Planeten, vorgebracht in so sachlich wie möglich formulierten Gegenreden, wurde einfach ignoriert.

Die Angst der Alten vor Veränderung

Sie wollen keine Veränderung. Sie wollen nicht aus ihrem Trott raus, wollen nicht verändern, wollen nichts Neues anpacken. Sie sitzen ihre Zeit ab und warten. Warten, denn so schnell wird die Veränderung schon nicht in der reichen Provinz Bayerns ankommen. Sie wollen keine Verantwortung übernehmen, für Dinge, die sie mal versäumt haben könnten, deswegen leugnen sie, sie hätten versäumt. Deswegen betonen sie, sie machten ja schon. Und alles, was sie nicht schon machen, kann man nicht machen. Alternativlos.

Fehler eingestehen, das steht Politiker*innen auch nicht gut. Keine neue Erkenntnis. Aber darauf beharren wir auch nicht. Ja, wir werfen es ihnen vor, die Vereinbarungen von Paris nicht angegangen zu haben, als noch Zeit war, und immer noch nicht anzugehen. Aber viel mehr drängen wir sie, jetzt endlich zu handeln, jetzt endlich aktiv zu werden, jetzt endlich, bevor es zu spät ist. Als Kind lernt man, Verantwortung zu übernehmen, als Erwachsener, Verträge einzuhalten. Wer sind hier die Kinder?

Die Politik hat sich zu Paris verpflichtet. Sie hat sich verpflichtet, das 1,5-Grad-Ziel einzuhalten, darauf hinzuarbeiten, mit allem was möglich ist. Sie muss Klimaschutz betreiben, sie muss handeln. Darauf sollte sie eigentlich niemand mehr hinweisen müssen. Doch es bleibt bei Willensbekundungen und Eckpunkten, über den Klimanotstand wurde bei uns und wird bundesweit überhaupt nicht einmal diskutiert.

Wir klagen euch an für euer Nichtstun

Eine der Klimaaktivistinnen schleuderte ihnen schließlich entgegen, was wir alle uns dachten, und das mit einer Ruhe, für die ich sie bewundere: Eigentlich sollten wir nicht hier sein. Eigentlich ist es verdammt nochmal nicht unsere Aufgabe, euch an eure Verpflichtungen zu erinnern. Eigentlich sind wir hier nicht diejenigen, die sich zu überlegen haben, wie dieser Landkreis klimaneutral werden kann, auch wenn er es muss; das ist eure Aufgabe, ihr werdet bezahlt dafür.

Wir klagen euch an. Wir klagen euch an für alles, was ihr versäumt habt und dafür, dass ihr immer noch versäumt, weil ihr zu stolz seid, eure Routinen in Frage zu stellen, eure Strukturen, eure Entscheidungen. Wir klagen euch an dafür, dass ihr uns nicht ernst nehmt, dass ihr uns einladet und wir unsere Zeit verschwenden, mit euch zu diskutieren, die ihr gar nicht diskutieren wollt. Wir klagen euch an, dass wir uns gezwungen sehen, Schulstreiks zu organisieren und Forderungen auszuarbeiten. Denn das sollte nicht unsere Aufgabe sein.

Wir klagen euch an. Lieber jetzt als später. Lieber vor als nach der Katastrophe. Einer der CSUler kommentierte unsere Forderungen damit, dass sie für ihn wie eine Drohung klingen würden. Wenn euch das zum Handeln bewegt, bitte. Dann ist es eine Drohung. Eine Drohung, euch niemals zu vergeben, wenn ihr jetzt nicht handelt, so wie Greta es schon der UN entgegengeschleudert hat.

11:17 05.10.2019
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Sarah Kohler

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