RE: Eine eigene Erzählung | 11.01.2017 | 08:46

Möglicherweise habe ich ja diese Stelle im Artikel nicht richtig verstanden, aber ich lese sie etwas anders als Sie. Ich denke, der Redakteur will damit nicht ausdrücken, dass es einen Gegensatz oder Widerspruch der Interessen zwischen all diesen Gruppen gäbe. Natürlich gibt es Überschneidungen und kann eine Arbeiterin gleichzeitig lesbisch oder ein Geflüchteter auch Arbeiter sein. Die Frage ist hier ja schon: Was soll überhaupt in diesem Zusammenhang ein "Interesse" von LGBTIQ-Menschen oder von Geflüchteten sein? Gibt es so etwas überhaupt bzw. ist der Begriff hier richtig angewendet? Es gibt vielleicht Bedürfnisse dieser Menschen, aber "Interessen"? LGBTIQ-Menschen und Geflüchtete haben wie alle Menschen das Bedürfnis, respektvoll und menschengerecht behandelt zu werden ( oder negativ formuliert: sie wollen nicht diskriminiert werden) und ihre sozialen Bedürfnisse zu befriedigen. Im Gegensatz dazu gibt es sehr wohl ökonomische Interessen der Arbeiterklasse wie angemessene Löhne und würdige Arbeitsbedingungen. Ich meine, wenn der Autor hier davon spricht, dass all diese Gruppen ihre unterschiedlichen Interessen "vermitteln" sollen, dann will er damit wohl eigentlich nur sagen, dass jeder Mensch andere Erfahrungen macht, andere Wahrnehmungen hat, andere Beziehungen pflegt und andere Ziele im Leben verfolgt, weil ja jeder Mensch ein Individuum ist. Die Frage ist aber, wie ein Mensch seine oder ihre Bedürfnisse in der Gesellschaft verwirklichen kann. Also kann jemand so leben, wie er oder sie gerne möchte? Und das muss eben gesellschaftlich "vermittelt" werden, im Sinne von: Kommunizieren, Anspruch erheben und Forderungen stellen. Und da dies einfacher und erfolgversprechender ist, werden solche Forderungen eben meistens zusammen in Form von Gruppen gestellt, wo man gemeinsame Anknüpfungspunkte findet, zB LGBTIQ-Community, Communities von Geflüchteten, Gewerkschaften usw.

RE: Der Bumerang des Westens | 11.01.2017 | 07:40

An sich ein interessanter Text. Die geostrategisch-politischen Vorschläge des Autors kann ich zwar nicht beurteilen. Skeptisch sehe ich, dass er teilweise das Spiel von ISIS mitmacht, indem er die als scheinbar relativ homogen gesehenen Blöcke "westliche Welt" und "muslimische Welt" gegenüberstellt und in ein polarisiertes Verhältnis setzt. Das finde ich sehr fragwürdig.

Aber ein Punkt erscheint mir hier zentral. ISIS besteht einerseits aus klerikalfaschistischen Fanatikern, die an der gewaltsamen Verbreitung ihrer Ideologie arbeiten und dabei die Gesellschaften in Irak, Syrien usw. barbarisch verrohen. Davon zu unterscheiden sind meiner Meinung nach jene Menschen, die sich ISIS anschließen und mitkämpfen, nicht primär weil sie an der Ideologie interessiert sind, sondern weil sie leidvolle Erfahrungen mit der Gewalt durch Militärinterventionen gemacht haben.

Aber nicht nur das. Viele wurden wohl durch den Terror von ISIS in diesen Gesellschaften gewaltsam dazu gedrängt, sich ISIS anzuschließen, denn wie jede faschistische Bewegung geht ISIS mit brutaler Gewalt gegen jede Dissidenz vor.

Wünschenswert finde ich also, wenn es in diesen Gesellschaften eine antifaschistische Widerstandsbewegug gäbe, die - sowohl politisch als leider aufgrund der Zustände dort auch zwangsläufig bewaffnet gegen jeden Faschismus kämpft und sich für eine demokratische und sozial gerechte Zukunft engagiert.

Wie diese antifaschistische Bewegung zu westlichen Staaten steht, ist natürlich eine schwierige Streitfrage. Denn westliche Staaten unterstützen üblicherweise und geschichtlich eher am schlechten kapitalistischen Status-quo interessierte Kräfte. Eine Unterstützung für eine etwaige emanzipatorische und antifaschistische Widerstandsbewegung in Syrien, Irak, Jemen usw. wird daher fraglich sein und wohl eher nicht passieren.

Denn es würde zB bedeuten, dass westliche Staaten sich mit revolutionären Bewegungen wie der kurdischen Befreiungsbewegung in Rojava und der Türkei verbünden. Aber hier herrscht leider eine kapitalistisch verengte Sicht von Realpolitik, die sich lieber mit wesentlichen Unterstützern des ISIS-Terrors gemein macht - zB mit Erdogans faschistischer Diktatur in der Türkei.

Und um noch einmal auf die Unterscheidung zurückzukommen zwischen fanatischen Eiferern, die die ISIS-Ideologie bestimmen und der sozialen Basis von ISIS: hier habe ich den Eindruck, dass diese Differenzierung unterschiedliche Handlungsansätze mit sich bringt. Denn bei ISIS als Organisation wird man möglicherweise nicht darum herumkommen, sie auch mit militärischen Mitteln zu bekämpfen. Aber man sollte mehr auf die soziale Basis von ISIS achten und sich überlegen, wie man ISIS ihre Basis und Unterstützung in der Gesellschaft entziehen kann.

Dies bedeutet möglichst wenig Gewalt und stattdessen soziale und demokratische Angebote an die Menschen in Syrien, Irak, Jemen usw. Das beste Mittel gegen den Terror ist also der Aufbau von Schulen, Spitälern, Sozialzentren usw. und demokratischen Einrichtungen. Also kurz gesagt: Der Kultur des Todes muss man eine Kultur des Lebens entgegensetzen.

RE: Eine eigene Erzählung | 11.01.2017 | 06:58

Es ist Aufbruchszeit!

https://vimeo.com/198851147

RE: Eine eigene Erzählung | 10.01.2017 | 09:49

Ja, hört sich nach einem interessanten Text an! Obwohl ich meine, dass viele dieser Gedanken nicht gerade neu sind. Aber die Sache mit dem eigenen Narrativ der Linken, das den Blick auf eine linke Moderne und Zukunft öffnet, halte ich auch für durchaus wichtig.

Natürlich bin ich anderer Meinung als die Autoren und stimme dem Redakteur zu, dass reiner Technikfetischismus uns nicht weit bringt, weil er die Gefahren und Risiken der technologischen Dynamik ausser Acht lässt. Technischer Fortschirtt ist nämlich nicht per se ein Fortschritt für die Menschen und die Gesellschaft. Die technologische Entwicklung sollte rational gesehen immer auf ihre Auswirkungen auf Mensch und Gesellschaft beleuchtet und kritisch hinterfragt werden.

Und mir würde schon Antworten einfallen auf die Frage, die hier im Artikel aufgeworfen wird: Die pluralen Interessen können zB dadurch vermittelt werden, dass man aus den reichhaltigen Erfahrungen der basisdemokratischen, anarchistischen und rätekommunistischen Bewegung Lektionen lernt und sich von dort etwas abschaut, wie unterschiedliche Interessen demokratisch vermittelt werden können, sodass niemand sich unterordnen muss und niemand seine Interessen durch Machtausübung über andere stellen kann.

Denn nach meinem Eindruck ist die Schwäche der beiden der Autoren: sie lassen außer Acht, dass Macht nicht neutral ist und nicht einfach für eine linke Moderne "umfunktioniert" werden kann. Man sollte gerade auch die Herrschafts- und Machtverhältnisse der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft radikal in Frage stellen und lieber basisdemokratische, also genuin und wirklich demokratische Auswege und Alternativen suchen.

Und womit ich überhaupt nix anfangen kann, ist dieser Hinweis auf den "evolutionären" Weg am Schluss. Ich denke nämlich schon, dass eine soziale Revolution notwendig ist, im Sinne eines langfristigen gesellschaftlichen und politischen Prozesses und eines Klassenkampfes von unten, als Bedingung für die Schaffung einer linken Moderne, oder wie ich es lieber nennen möchte: für den Kommunismus und für das gute und schöne Leben für alle.

RE: Make framing great again! | 05.01.2017 | 09:10

Ein stichhaltiger und lehrreicher Text. Ich habe den Eindruck, das hier Gesagte gilt ganz besonders auch dafür, wie die breite Gesellschaft die Linke wahrnimmt.

Man denke nur an "Debatten", in denen der Kommunismus oder der Anarchismus thematisiert werden. Was da für Ressentiments und Vorurteile eingebracht werden: Kommunismus, das bedeutet Millionen Tote allein in der UdSSR und vergessen wir nur ja nicht den Erzkommunisten Pol Pot und bei Anarchie habt ihr gefälligst an Bürgerkrieg und Warlords wie in Somalia zu denken!

Es sind leider die dominierenden Muster, die bestimmen, wie die Mehrheit in der Gesellschaft linke Inhalte und Ziele wahrnimmt. Da gäbe es auch viel dagegenzuhalten und neue Diskurse zu öffnen und eigene Bilder zu malen.

Differenzierte Debatten ohne die berüchtigten Ressentiments der Rechten sind aber bestenfalls innerhalb der Linken möglich, wo es dann meiner Meinung nach wieder an besonderer Theorielastigkeit krankt, die für eine nicht mit linker Begrifflichkeit vertraute Mehrheitsgesellschaft recht hohe Schwellen setzt.

Also ist für mich auch die Frage: wie lässt sich in der breiten Gesellschaft ein differenzierter und von den konservativen und rechtsextremen Ressentiments befreiter Diskurs über Themen wie Kommunismus und Anarchismus pflegen?

RE: Für Räume des Respekts | 29.12.2016 | 13:07

Das finde ich interessant! Die Rolle der Forenmoderatoren und deren Beitrag zur Verbreitung von Hass wird nämlich bei solchen Debatten gerne verschwiegen. Ich poste manchmal im Forum der rechtsliberalen Tageszeitung DerStandard.at. Und die dort geübte Zensurpraxis funktioniert genauso wie Sie es beschreiben. Rassismus, Sexismus und sonstige Hasspostings passieren im Minutentakt und völlig problemlos die Zensur. Aber sobald du mit Gegenrede gegen den Hass argumentierst, ist es reines Zufallsprinzip, ob dein Posting jemals durch die Zensur geht. Und da kannst du noch so sachlich mit Quellenbelegen posten, es wird trotzdem gelöscht. Das "Beste" daran ist ja, dass sich diese Zeitungen selber in ihre Forenregeln hineinschreiben, dass Rassismus, Sexismus usw. nicht geduldet wird. Aber die reale Forenmoderation scheint dann doch eine sehr subjektive Sache zu sein - ob ein Posting gelöscht wird oder nicht, hängt scheinbar davon ab, ob der Moderator der darin geäußerten Meinung zustimmt oder nicht. Und wenn ein Rassist die Forenmoderation erledigt, dann dürfte klar sein, warum der rassistische Hass locker die Zensur passiert.

RE: Für Räume des Respekts | 28.12.2016 | 19:09

Ich kann den Botschaften im Artikel weitgehend zustimmen. Ich habe den Eindruck, mit dem ganzen Hass und der Verrohung in der Gesellschaft fallen wir gerade in unserer Zivilisation zurück. Die Decke der Zivilisation ist bekanntlich sehr dünn, aber diese ganzen hasserfüllten Menschen zünden gerade diese Decke an und stampfen auf den verkohlten Überresten herum.

Was mir an dem Artikel nicht so gut gefällt, ist die Zuschreibung, dass die ganzen Hater angeblich, wenn auch nur vom Selbstverständnis her, "Widerstand gegen Institutionen und Eliten" leisten. Ich habe den Eindruck, dass diese hasserfüllten Menschen die gute, alte Herrschaftskritik in den Dreck ziehen.

Ich ersuche hier also, mehr zu differenzieren: die Hater sehen alles als "Establishment", was ihnen nicht ins Konzept passt und überschwemmen das Internet mit ihrem giftigen Hass gegen manche Regierende, mit deren Politik sie nicht einverstanden sind.

Aber Herrschaftskritik ist dennoch legitim und sollte nicht mit diesem Hass verwechselt werden. Es gibt gute Gründe, Herrschaft zu hinterfragen und der Kritik auszusetzen - Herrschaftskritik im Sinne von Kritik an Machtstrukturen und politischen Verhältnissen. Herrschaftskritik heisst nicht, Merkel damit zu bedrohen, sie am nächsten Laternenpfosten aufzuhängen, wie es bei den Rechten üblich ist. Aber Herrschaftskritik bedeutet, politische Entscheidungen kritisch zu sehen und nicht alles kritiklos zu fressen, was "von oben" kommt.

RE: Kein Herz für Arbeiter | 25.12.2016 | 21:38

Ich denke auch, dass es völlig absurd ist, den Nationalismus und Rassismus als Erklärungsmuster nicht gelten zu lassen, warum Arbeiter rechtsextreme Parteien wählen und stattdessen die Linke und ihren angeblichen "Hass" auf die Arbeiter, der sie zur AfD treibe, dafür verantwortlich zu machen.

Es mag ja stimmen, dass es manchmal bei Linken eine gewisse Überheblichkeit gibt und manche akademische Linke ein wenig verächtlich auf die weniger gebildeten Arbeiter herabblicken. Aber von "Hass" kann ja wohl keine Rede sein.

Das Beispiel mit Adorno finde ich hier symptomatisch: Der Autor des Buches zieht über einen Kritiker des Nationalismus und des völkischen Denkens her und meint auch noch verteidigen zu müssen, dass so mancher Arbeiter sich heute lieber einer Nation als seiner Klasse zugehörig fühlt.

Wenn die Linke etwas hassen sollte, dann sind das nicht die Arbeiter, sondern der Nationalismus, Rassismus und das Völkische. Wenn sich heute manche Arbeiter gerne mit der Nation identifizieren, dann sind sie ein Teil des Problems. Nicht weil die Linke die Arbeiter hasst, sondern weil die Nation ein zutiefst menschenfeindliches Konzept ist, das zudem auch den Interessen der Arbeiterklasse zuwider läuft. Die Arbeiter haben nämlich bekanntlich kein Vaterland.

RE: Die Maschine, die alles mitliest | 18.12.2016 | 20:49

Naja, ich bin ja selbst unschlüssig darüber, welche Mittel am geeignetsten sind, um gegen den Hass vorzugehen. Ich sehe jedenfalls die Gefahr der "Zensur" nicht wirklich.

So schade das auch ist, aber scheinbar brauchen wir im Netz einen Verhaltenskodex, der so simple Dinge erklärt wie: "du sollst nicht andere als Person angreifen und beschimpfen", "du sollst keine Vergewaltigungs- und Morddrohungen aussprechen", "spar dir den Rassismus, Sexismus" usw. Viele Leute scheinen nicht einmal diese Mindestanforderungen eines zivilisierten Umganges zu beherrschen.

Wenn dazu auch gewisse Mittel nötig sein sollten, wie Hasspostings einfach zu löschen, dann ist das eben so. Besser wäre es natürlich, wenn die Menschen allgemein einen freundlichen Umgang mit einander speziell im Netz erlernen würden und die Hasskultur einer Respektkultur weichen würde.

Und Ihren Vorschlag, dass die User selbst entscheiden sollen, was sie wegklappen, finde ich deshalb nicht so gut, weil damit ja wieder nur der und die einzelne in der Verantwortung steht - und die Gesellschaft ist fein raus und entzieht sich jeder Verantwortung. Aber der Hass ist eben ein gesellschaftliches Problem, das im Übrigen nicht nur im Netz stattfindet, und wir sollten uns dem Problem auch entsprechend als Gesellschaft stellen und nicht den einzelnen Opfern des Hasses die ganze Verantwortung allein übergeben.

RE: Die Maschine, die alles mitliest | 16.12.2016 | 17:50

Ganz schön frech, wie Sie hier Ihre eigene subjektive Meinung als stellvertretend für alle anderen hinstellen. Dazu gehört schon eine Portion Größenwahn. Es sei Ihnen natürlich unbenommen, dass Sie keinen Schutz vor Hate Speech benötigen. Aber andere Menschen brauchen diesen Schutz sehr wohl, denn sie sind Opfer des Terrors durch Hasskommentare.

Nur weil Sie persönlich nicht von diesem Problem betroffen sind, heisst das noch lange nicht, dass es das Problem nicht gibt und dass andere auch keine Unterstützung brauchen.

Da Sie zugeben, null Ahnung zu haben, was Hate Speech bedeutet, Sie sich aber gleichzeitig als Paragraphenreiter aufspielen, dürfte Ihnen auch nicht klar sein, was dieser Terror für die Betroffenen bedeutet, hier also eine kleine Nachhilfe:

Menschen, die Hasskommentaren ausgesetzt sind, landen oft in einer psychischen Krise, sie entwickeln Angststörungen, Eßstörungen, Depressionen, bis hin zum Nervenzusammenbruch. Sie meiden als Folge des Hasses das Internet und halten sich bei Diskussionen heraus.

Das heisst, man muss hier durchaus abwägen, denn die Betroffenen von Hate Speech werden in ihrem Recht auf freie Meinungsäußerung durch den Hass eingeschränkt, da sie sich nicht mehr trauen, an Diskussionen zu beteiligen. Da ist es wohl das Mindeste, den Hass einzudämmen. Auch wenn die Freunde der Hasskommentare, so wie Sie, dann gerne auf die Meinungsfreiheit von hasserfüllten Leuten pochen, ohne die Meinungsfreiheit der vom Hass Betroffenen zu berücksichtigen.