Ein „nationalsozialistisches Musterdorf“

Rechter Terror: Ignoriert und geduldet, das wird sich rächen.
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Prolog

  • "Wer sich nicht an die Vergangenheit erinnern kann, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen" (George Santayana)
  • „Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch“ (Bertold Brecht)

Jamel in Meckenburg-Vorpommern wird von Nazis als „nationalsozialistisches Musterdorf“ bezeichnet, weil sie sich dort inzwischen weitgehend unter sich fühlen. Nur eine Familie widersetzt sich dem Terror noch, doch nach etlichen Drohungen, brannte jetzt die Scheune dieser Familie nieder.

Sie feiern öffentlich „Führers“ Geburtstag, singen mit den Kindern Lieder der Hitler-Jugend, ekelten nahezu alle Nicht-Nazis aus dem Dorf (von 10 Häusern, sollen inzwischen 7 von Nazi-Familien bewohnt sein, die sich ganz öffentlich zur verwesten, braunen Ideologie bekennen).

Sollte man so ein Seuchen-Nest nicht unter Quarantäne stellen, die Zu- und Abfahrten sperren, das „Epizentrum“ ausräuchern und die geräumten Häuser anschließend dem Erdboden gleich machen? Quasi zur Abschreckung?

Stattdessen wird die Verantwortung für die braunen Umtriebe von den Verantwortlichen in Politik und Regierung (Land und Bund) auf wenige Privatpersonen geschoben, die dort immer noch aushalten. Und diese wenigen werden für ihre „Zivil-Courage“ dann wiederholt mit Preisen ausgezeichnet (demnächst wieder einmal).

Zynisch könnte man sagen, "solche Preise lösen immer dann besonders viel Empathie und Solidarität aus, wenn sie posthum verliehen werden" - aber ich will das Unglück dieser Menschen nicht beschwören!

Überlegungen

Hätte jemand kurz nach dem Ende des 2. Weltkriegs,

  • als Dresden, Berlin, Hamburg, Köln usw. in Trümmern lagen,
  • als Millionen Menschen durch Krieg und KZ-Terror ums Leben gekommen waren,
  • als halb Europa traumatisiert war durch die Überfälle von Nazi-Deutschland,

hätte damals jemand gesagt: „Die Deutschen sind zu dumm, um aus der Geschichte zu lernen, sie werden Nazis nicht aus den Ämtern vertreiben (Stichworte: Justiz, Medizin, Pädagogik, Geheimdienste), sie werden schon bald wieder aufrüsten, Nazi-Verbrecher nur widerwillig juristisch zur Verantwortung ziehen und sie werden es dulden, dass bald wieder braune Horden grölend durch Deutschlands Straßen ziehen, Minderheiten sowie Migranten terrorisieren und töten“, dem hätte man wohl den Vogel gezeigt und gerufen: „Niemals, das war uns Deutschen eine Lehre, solchen Verbrechern werden wir nicht mehr folgen“.

2015:

Die rechtsextreme, reaktionäre, rassistische, antisemitische und homophobe Rhetorik ist nachweisbar wieder gesellschaftsfähig geworden in Deutschland (auch anderswo, aber das ist keine Entschuldigung!):

Es wird öffentlich, am Arbeitsplatz, in der Kneipe, vor den (eigenen) Kindern gehetzt gegen Ausländer, Flüchtlinge, Asylanten, Homosexuelle, Juden. Die Zahl der Kommentare im Internet, die eindeutig rechtsextrem sind, ist unüberschaubar groß geworden und macht auch nicht Halt vor Portalen, die sich einst als „liberal, weltoffen, tolerant oder sogar links“ verstanden.

Der Konsens wurde offenbar aufgekündigt,

  • dass man menschenverachtenden Hetzern kein Forum in öffentlich-rechtlichen Sendern bietet,
  • dass man als Regierung niemals vor menschenverachtender, rassistischer Propaganda einknicken wird.

Spott und politischer Analphabetismus:

Stattdessen wird sich von Kommentatoren hämisch über eindeutig zivilisatorische Errungenschaften, wie

  • die ‚Political Correctness’ (= Anstand zeigen gegenüber anderen Menschen und die Übereinkunft, diese Menschen nicht zu diffamieren und zu beleidigen),
  • Weltoffenheit und Aufgeschlossenheit gegenüber fremden Menschen, Kulturen und Minderheiten

lustig gemacht und diese Errungenschaften und Übereinkünfte werden als lästige „Einschränkung der eigenen Meinungsfreiheit“ dargestellt. Wobei das grundgesetzlich verbriefte Recht auf freie Meinungsäußerung nie das Recht auf Diffamierung, Diskriminierung oder Beleidigung beinhaltet hat und stets dort endet, wo es in die Rechte anderer eingreift.

„Davon haben wir Deutschen nichts gewusst"

Und diese Hetze findet vor den Augen aller statt und zwar nicht etwa nur in den einschlägig dafür bekannten Nazi-Portalen, sondern auch auf den Webseiten von eigentlich unverdächtig erscheinenden Presseorganen.

Weiterführende Verlinkungen

Tagesschau-Beitrag vom 13.08.2015 (ab Laufzeit: 10:45 Minuten):

http://mediathek.daserste.de/Tagesschau/tagesschau-20-00-Uhr/Das-Erste/Video?documentId=30051308&topRessort&bcastId=4326&mpage=page.moreclips

taz-Artikel über das Dorf Jamel in Mecklenburg-Vorpommern:

http://www.taz.de/Jamel-in-Mecklenburg-Vorpommern/!5219778/

Zeit-Online Artikel über Jamel:

http://blog.zeit.de/stoerungsmelder/2015/08/13/brandanschlag-auf-nazi-gegner-in-jamel_20040

Glossar:

Zivilisatorische Errungenschaften, wie die 'Political Correctness' sind in ihrem Ursprung eindeutig positiv besetzt ("Anstand gegenüber anderen").

Von Rechtsextremen wurde z.B. die PC zum negativ gemeinten Kampfbegriff umgedeutet.

Soweit die Reihenfolge :-)

Wenn jetzt von diesen rechten Kreisen sinngemäß über die PC behauptet wird "ein negativ besetzter Begriff würde von sog. "Gutmenschen" als positiv umgedeutet", so zeigt das nur wie verwirrt, um nicht zu sagen unwissend, so einige Zeitgenossen tatsächlich sind.

https://de.wikipedia.org/wiki/Politische_Korrektheit

https://de.wikipedia.org/wiki/Gutmensch

http://www.netz-gegen-nazis.de/artikel/rechtsextreme-sprachcodes-1144

http://www.netz-gegen-nazis.de/artikel/neonazi-web-strategien-1111

10:22 14.08.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Saul Rednow

Meine Themen: Rechtsextremismus - Rassismus - Homophobie - Politik - Musik u.a.
Saul Rednow

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