Aber bitte bezahlbar

Smartes Wohnen In der Immobilienwirtschaft setzen sich digitale Technologien nur langsam durch. Das liegt ausgerechnet daran, dass es der Branche glänzend geht.
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Wer mal im Ausland erlebt hat, dass flächendeckendes, kostenloses Internet, nicht Ausnahme, sondern die Regel ist, der weiß: In Deutschland geht es in Sachen Digitalisierung mit vergleichsweise kleinen Schritten voran.

Das gilt in weiten Teilen auch für die Immobilienwirtschaft: Das „smarte Wohnen“, bei dem digitale Technologien beispielsweise die Wärme oder das Licht in einer Wohnung regulieren oder selbstständig Alarm schlagen, wenn etwas an der Heizungsanlage nicht stimmt – diese Art des Wohnens liegt für viele Menschen noch in ferner Zukunft.

Woran das liegt? Um diese Frage kreiste die Diskussionsrunde, die am 7. November anlässlich des Innovationspreises „Smart up the City“ des Wohnungsunternehmens degewo im Telefónica Basecamp in Berlin zusammenkam.

Vermieter sind in einer bequemen Lage

Es sei unbestritten, dass Technologien dieser Art Vorteile für Hauseigentümer und Mieterinnen bieten, darin war sich die Runde einig. Nicht zuletzt gehe es darum, den Klimazielen gerecht zu werden, indem man Technologien einsetze, die dabei helfen, CO2 einzusparen, betonte Christoph Beck, Vorstandsmitglied der degewo AG.

Allein: Angesichts des boomenden Wohnungsmarkts haben es Vermieter schlicht nicht nötig, ihre Wohnungen smarter zu gestalten. Thomas Engelbrecht brachte es auf den Punkt: „Sie können jede Bude vermieten heutzutage“, sagte der Chefredakteur der Fachzeitschrift „Immobilien vermieten & verwalten“. Ein Mieter werde in der derzeitigen Lage wohl kaum ein Wohnungsangebot ausschlagen, weil bestimmte Abläufe nicht digitalisiert seien, so Engelbrecht.

Skepsis gegenüber Modernisierungen

Wibke Werner, stellvertretende Geschäftsführerin des Berliner Mietervereins, argumentierte ähnlich. „Das Thema ist noch nicht bei den Mietern angekommen“, sagte sie. Ihre Erfahrung sei es, dass Mieterinnen und Mieter manchen Neuerungen offen gegenüberstehen – beispielsweise der Möglichkeit, die Heizung digital ablesen zu lassen oder Rauchmelder digital zu überprüfen. Allerdings nur dann, wenn die Mieten nicht steigen. Tenor sei: „Hauptsache, wir können uns das leisten.“

Damit stieß sie auf den Kern des Problems: Wer soll das bezahlen? Christoph Beck von der degewo verwies auf das Dilemma, in dem sich Vermieter und Mieter befinden: Der Vermieter selbst habe keinen direkten Nutzen von Investitionen in neue Technologien, weil es der Mieter ist, der durch die Modernisierung Geld spart. Der Mieter hingegen möchte die Modernisierung nicht, weil er dann mehr Miete zahlen muss. Beck nahm dennoch die Mieter in die Pflicht: „Der Mieter muss seinen Beitrag leisten zur CO2-Ersparnis“, sagte er, auch wenn dies bedeute, eine Modernisierungsumlage in Kauf zu nehmen.

Ein Punkt, der an diesem Abend nicht zur Sprache kam: Die große Skepsis vieler Mieterinnen und Mieter gegenüber Modernisierungen rührt auch daher, dass sie dabei nicht immer auf die besten Absichten der Vermieter vertrauen können. In manchen Fällen sind Mietsteigerungen schlicht das Ziel einer Modernisierung, nicht ihre Begleiterscheinung.

„Geld ist in Berlin nicht mehr das Hauptproblem.“

Viviane Hülsmeier vom Bundesverband Deutsche Startups erinnerte daran, dass es nicht nur darum gehe, bestehende Wohngebäude mit neuen Technologien auszustatten. Die Digitalisierung ermögliche auch ganz neue Wege, Häuser zu planen und zu bauen, und das im Zusammenwirken mit der Stadt.

Teil digitaler Entwicklungen sei auch, unterschiedliche Wohnkonzepte zu verfolgen. Hülsmeier nannte als Beispiel das amerikanische Unternehmen WeWork, das sich auf die Vermietung von Büroplätzen spezialisiert hat und nun auch Wohnungen für das so genannten Co-Living – also für Wohngemeinschaften – anbietet.

„Digitalisierung ist kein Selbstzweck“, sagte Dr. Jochen Lang, Leiter der Ressortkoordination in der Senatskanzlei des Regierenden Bürgermeisters von Berlin. Seiner Meinung nach sei es nicht nur ein Nachteil, dass es in Deutschland in dieser Hinsicht etwas langsamer vorangehe. Denn wichtig sei auch, neue Technologien zu reflektieren. Beim Bau neuer Gebäude müssten ökologische Aspekte einbezogen und eine Beteiligung der Menschen in der Stadt sichergestellt werden. Dennoch sei es wichtig, dass man bei neuen Bauvorhaben in Berlin künftig schneller werde. „Geld“, so Lang weiter, „ist in Berlin nicht mehr das Hauptproblem.“ Vielmehr gehe es jetzt darum, dieses Geld sinnvoll auszugeben.

Drohnen überprüfen Zustand eines Gebäudes

Das Thema smartes Wohnen sei in Deutschland vor allem „anbietergetrieben“, sagte Thomas Engelbrecht von „Immobilien vermieten & verwalten“. „Es gibt wenig Nachfrage bei den Konsumenten.“

In dieses Bild passt auch die Jury-Entscheidung zum Sieger des diesjährigen degewo-Innovationspreises „Smart up the City“, der an diesem Abend verkündet wurde. Das deutsche Start-Up Airteam Roof Inspector verspricht anhand von Drohnen- und Satellitentechnologie, präzise Aufnahmen vom Äußeren eines Gebäudes machen zu können. Ziel sei eine genaue und regelmäßige Überprüfung des Gebäudezustandes, so dass mögliche Schäden wie bröckelnde Fassaden oder undichte Stellen zügig behoben werden können.

Eine Technologie, von der Mieterinnen sicher profitieren können – die aber darauf abzielt, Wartungsaufgaben des Gebäudeinhabers zu erleichtern, also die Vermieterseite bedient. Das Unternehmen BigBoxBerlin, das sich zum Ziel gesetzt hat, Seecontainer in Wohnmodule umzuwandeln, um auf diese Weise bezahlbares und platzsparendes Wohnen zu ermöglichen, gehört zu den vier übrigen Finalisten, die sich mit einem zweiten Platz begnügen müssen.

Der Sieger Airteam Roof Inspector hat nun die Möglichkeit, im Rahmen eines Pilotprojektes mit der degewo seine Ideen umzusetzen. Geplant ist in diesem Rahmen nach Angaben des Start-Ups der Scan eines Häuserblocks.

14:01 09.11.2018
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Sarah Schaefer

Sarah Schaefer ist freie Journalistin in Berlin. Für die Meko Factory berichtet sie über Veranstaltungen.
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