Ab in den Dreck!

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Dass sich hochwertige Produkte unserer Kultur immer schlechter vermarkten lassen, ist ein Ergebnis der gesellschaftlichen Entwicklung. Die Aufmerksamkeitsschwelle für Qualität ist mittlerweile so hoch gehängt, dass nur noch spezielle Catcher Auge und Ohr auf Bedeutsames nageln können. Nur wenn der Kick funktioniert, strömen die Massen. Bei billiger Substanz läuft das glänzend, und entsprechend erfolgreich erweitert sie ihre Claims. Um in diesem Umfeld bestehen zu können, müssen die, die wirklich Gutes verkaufen wollen, einen Spagat vollbringen, der die Materie selbst auszuhöhlen beginnt. Theatermacher glauben, die Tools gefunden zu haben. Sie reichern ihre Stücke mit Nackttänzen, mit Blut, Sperma, Kot und Urin an, um die Zuschauer niedrig-instiktiv in die Schauspiel- und Opernräume locken. Was dabei herumkommt, sind obskure Kompromisse, die man einerseits vermarkten, andererseits aber nicht mehr an den Mann/die Frau bringen kann. Viele Theatergänger sortieren jetzt aus, andere wechseln von Erotik-Kinos und Travestie-Shows ins rote Plüsch.

Im Literaturbetrieb sieht es nicht anders aus. Viele der jährlich über 100.000 neu- und wieder aufgelegten Bücher sind banaler Schund, was sich bezeichnender Weise in kaum ein Bestsellerliste spiegelt. Auch im Buchgeschäft ist ein deutlicher Trend zu pervertierter Erotik, Pornographie und exzessiver Körper-Entflüssigung festzustellen. Elfriede Jelinek hat das in ihrer „Klavierspielerin“ noch wortakrobatisch verbrämen können. Aber schon Christine Angot („Die Stadt verlassen“) und Catherine Millet („Inzest“, „Das sexuelle Leben der Catherine M.“) haben den Vorhang vor den letzten Intimitäten des Menschen rüde herab gerissen. Mit ihm fielen auch Wortreichtum und sprachliche Schönheit. Dass Charlotte Roches„Feuchtgebiete“ ganze Landschaften im Sumpf versenken und eben deshalb ganz oben in den Charts laden, ist bezeichnend für die Entwicklung – die vor niemandem und nichts Halt macht. Auch die 17-jährigeHelene Hegemann („Axo Lotl Roadkill“) folgt diesem Muster, wobei clevere Marketingexperten den Buchabsatz durch Plagiatvorwürfe und Verdachtsabweisungen zusätzlich befeuerten („DIEZEIT“, 18. Februar 2010). Auch große Wochenzeitungen sind längst eingeschwenkt. Sie haben etwas Mühe, beim allgemeinen Flüssigkeitsrausch mitzuhalten. Aber Geschlechtsteile auf der Titelseite gibt es schon („DIEZEIT“). Fragt sich, ob sie demnächst zur Absonderung bereit sind.

Ein anderer „literarischer Flächenbrand“ ist alt, aber zu keiner Zeit wirklich gelöscht worden. Im Gegenteil: Er erlebt gerade jetzt seine Neuanfachung. Ich spreche von den Machwerken, die Kriege und Diktaturen, und mit ihnen die Potentaten grausamer Verbrechen, fortlaufend in „neues“ Licht stellen. Adolf Hitler ist ein Beispiel dafür. Spätestens Joachim Fest („Hitler“) und Sebastian Haffner („Anmerkungen über Hitler“) haben den Verbrecher, die Umstände seiner Machtergreifung, sein Tun und Auftreten in allen Facetten – und vor allem überzeugend – beleuchtet. Was offenbar nicht bedeutet, dass man sich von ihm verabschiedet. Ganz und Gar nicht: Die schillernde Figur – mit der pervers-schaurigen Aura – lässt sich ertragreich weiter auslutschen. Und sei es nur, dass eine wie auch immer geartete Historikerin neue Nuancen bei Eva Braun feststellt (Heike Görtemaker: „Eva Braun. Leben mit Hitler“). Dabei bleibt es nicht. Jetzt wird über eine Neuauflage von Hitlers „Mein Kampf“ diskutiert, als ob die im Dritten Reich verteilten 10 Millionen Exemplare nicht reichlich überlebt hätten („DIEZEIT“, 31. März 2010). Und selbst vor der Neuauflage der Thomas Mann’schen „Betrachtungen eines Unpolitischen“ schreckt man nicht zurück. Jeder einigermaßen Belesene weiß, dass sich der Autor von dem kriegsverherrlichenden Machwerk im späteren Leben unmissverständlich distanziert hat. Aber nein: Ein Hermann Kurzke muss sich den Text erneut greifen, sich in seinen widerlichen Passagen suhlen und einen Kommentar abschwitzen, der einem die Wut ins Gesicht treibt („DIEZEIT“, 4. März 2010).

Wohin unser Schiff im Zeichen von Freiheit und freier Meinungsäußerung noch stranden wird, bleibt abzuwarten. Fest steht, dass schon jetzt kaum ein intimer Raum von Paparazzis verschont bleibt. Noch stehen einige Tabus, noch gibt es Räume, die ihr Geheimnis zu Recht bewahren. Sicher: Auch davon sollte einiges gestürzt und gelüftet werden. Anderes aber bedarf des dauerhaften Schutzes. Wer hier letztlich sortiert, ja, ob es angesichts der Geldgier überhaupt möglich ist, unantastbare Refugien festzuschreiben, weiß derzeit niemand.

Dr.-Ing. ULrich Scharfenorth, Ratingen

www.stoerfall-zukunft.de

13:59 07.04.2010
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Scharfenorth

Geb. 1941. Bis 1990 Gutachter fuer die DDR-Stahlindustrie. Danach Journalist/ Autor in Duesseldorf. 2008: "Stoerfall Zukunft"; 2011: "abgebloggt"
Scharfenorth

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