Blackout oder nur böse Absicht?

Eugen Ruge hat ... ganze Arbeit geleistet. Er unterhält blendend und benutzt seine schriftstellerische Fähigkeit, um uns HalbBilder und Lügen aufzutischen. Das ist mehr als hinterhältig!
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"In Zeiten des abnehmenden Lichts": Ich habe zuerst den Film gesehen. Und ihn sogleich in die Mottenkiste der Geschichte verbannt. Gut gemacht, glänzend besetzt, aber politisch verzogen, mit billigen Gags gespickt und deshalb alles andere als spannend. Nicht, dass ich keinen Humor besäße, nicht , dass ich die DDRischen Eskapaden und Fehlschüsse von "institutionalisierten Kämpfern" irgendwann akzeptiert oder gut geheißen hätte. Aber das, worauf sich Matti Geschoneck hier eingelassen hat (sein Vater würde sich im Grab umdrehen), zeugt von grober Fahrlässigkeit. Er erlag dem geistreichen Witz und merkte nicht, dass schreiberische Cleverness zur Geschichtsfälschung benutzt wurde.

Nun hat mir ein Freund geraten, auch das Buch zu lesen. Eine zunächst fragwürdige, dann aber doch richtige Empfehlung. Denn das, was der Autor da preisgibt, ist vom Literarischen her mehr als beachtlich - gleichwohl aber auch verhängnisvoll. Denn Ruge zieht alles in den Dreck, was die Aufschriften Sowjetunion oder DDR trägt. Für ihn – das ist sicher den Erfahrungen seines Vaters in russischen Lagern geschuldet – gab es in den untergegangenen Regimes rein gar nichts Brauchbares. Alles war schwarz, sehr viel schwärzer als das, was sich ostdeutschlandweit nach der Wende auftat.

Damit tut Ruge der Geschichte Unrecht, und vor allem: Er bestärkt die Klischees, die hier zu Lande mit der Ex-DDR gleichgesetzt werden. Kein Wunder, dass dieser Mann 2011 den deutschen Literaturpreis erhielt, dass Buch und Film fast überall beklatscht wurden. Der Autor war nicht auf typische Muster aus und schon gar nicht auf Ausgewogenheit/Vollständigkeit. Was hätte er nur getan, wenn ihm "Gregor Gysi – ein Leben ist zu wenig" https://www.deutschlandfunkkultur.de/gregor-gysi-ein-leben-ist-zu-wenig-da-sollen-sie-mich- mal.1322.de.html?dram:article_id=398350 oder "Leben in der DDR - Bilder und Geschichten" https://www.amazon.de/Leben-DDR-Geschichten-Franziska-Kleiner/dp/3359022092/ref=sr_1_2?s=books&ie=UTF8&qid=1546620366&sr=1-2&keywords=Kleiner%2BLeben+in+der+DDR als Pflichtquellen oktroyiert worden wären. Gleichwie: Die geübte Einseitigkeit passt ins kolportierte Denken und trübt neuerlich die Linsen derer, die Ostdeutschland immer gehasst, aber nie erlebt, geschweige denn verstanden haben.

Gewiss gab es solche Figuren wie Wilhelm Powileit, Charlotte, Kurt, Irina und Alexander, gewiss gab es sie mehrfach. Doch den kommunistischen Funktionär Wilhelm auf Blödmann, Geschichtsfälscher und Ordensempfänger zu reduzieren, legt sehr schnell nahe, dass Funktionäre von Haus aus stalinistisch verbogene Idioten waren. Die Wirklichkeit aber sah anders aus. Neben den paar Tischlern, Postboten und Zimmerleuten, die es als tatkräftige Antifaschisten bis in ZK und Politbüro der Partei geschafft hatten, gab es natürlich eine Vielzahl hochintelligenter, auch unbequemer Typen, die zwar den Kurs hielten, aber auch gegen den Strich bürsteten. Zugegeben - zuweilen auf Kosten ihrer Reputation/Freiheit.

Was mir besonders aufstieß, ist die von Ruge kaum erwähnte, zumindest aber verharmloste Kumpanei der MehrheitsSozialdemokraten mit den rechten Kräften im Lande - während des 1. Weltkrieges und danach, aber auch die Herabwürdigung des kommunistischen Widerstandes vor und während der Nazizeit. Bei Ruge ist alles durch Stalin und seine Mörderbanden entwertet. Ein Umstand, der selbst im konservativen Düsseldorf differenziert betrachtet wird http://www.ns-gedenkstaetten.de/nrw/duesseldorf-mug/forschung-und-projekte/widerstand-in-duesseldorf.html. Es gab viele Kommunisten, die aktiv gegen die Kollaboration der rechten SPD-Genossen (Ebert, Scheidemann etc.) mit den reaktionären Militärs, die vorbehaltlos gegen Hitler kämpften und dann einen hohen Blutzoll entrichteten. Dies in läppischer Weise zu verdrehen und das Scheitern der Einheitsfront gegen Adolf als Versagen der KPD, also ausschießlich als Blockade von Spartakus und Co. darzustellen, ist verantwortungslos. Eine kurze Nachfrage bei Sabine Kebir https://www.stoerfall-zukunft.de/noch-zwei-worte-zur-novemberrevolution/ oder Georg Fülberth https://digital.freitag.de/5018/1919-auf-die-schanzen/hätte da schnell historische Klarheit erbracht. Aber darauf war Runge nicht aus. Es wollte es polemisch, antikommunistisch. Und so wurde Wilhelms Tun auf die angeblichen Lügengeschichten des Protagonisten verkürzt. Und der Kampf der linken Kräfte - quasi im Vorbeigehen - diskreditiert. Irgendwie nicht zu fassen! Wer von uns wäre schon bereit gewesen, derart aktiv gegen die Nazis aufzubegehren?

Eines dürfte inzwischen klar sein: Nicht der Wettlauf bei Verbrechen, nicht die Zahl der Ermordeten, ja keinerlei Statistik ist befugt, über die Tauglichkeit politischer Systeme zu befinden. Es sind allein unser moralisches Empfinden, der Status der Menschenrechte, die Punkt-für-Punkt-Auseinandersetzung mit dem Für und Wider in der jeweiligen Gesellschaft, die hier Wahrheiten ans Licht bringen. Schwarz-Weiß-Malerei hat noch niemandem genützt.

Natürlich loben die konservativen Medien ein solches Häme-Todschlagbuch https://www.perlentaucher.de/buch/eugen-ruge/in-zeiten-des-abnehmenden-lichts.html. Doch genau dieser Umstand sollte uns vorsichtig stimmen. Ich als Ex-DDR Bürger kann die Lektüre - anders als der Unbedarfte - gut einordnen, zuweilen auch verschämt grinsen. Aber ich lese auch Wolfgang Leonhard („Die Revolution entlässt ihre Kinder“). Oder anders herum: Heiner Müller, Volker Braun und Christa Wolf

Keine Frage: Es ist, wie es ist. Der eine macht sich schlau, differenziert und begreift, der andere sitzt dem Mainstream auf und wird dumm gebrettert.

Eugen Ruge hat leider Letzterem Vorschub geleistet.

Dr. Ulrich scharfenorth, Ratingen

www.stoerfall-zukunft.de

16:19 05.01.2019
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Geschrieben von

Scharfenorth

Geb. 1941. Bis 1990 Gutachter fuer die DDR-Stahlindustrie. Danach Journalist/ Autor in Duesseldorf. 2008: "Stoerfall Zukunft"; 2011: "abgebloggt"
Scharfenorth

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