Dass Kopenhagen etwas bringt, ist mehr als fraglich

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Mit Anlaufen der Kopenhagen-Konferenz springt das Weltklima wie ein Stehaufmännchen in unser Bewusstsein zurück. Die Medien übertreffen sich in ihren Erläuterungen und Mutmaßungen. Horrorszenarien – immer auflagen- und quotenträchtig – bestimmen das Bild. Hinzu kommt der CRU-Klimadaten-Fälschungsskandal, der die Phalanx der Weltklimarat (IPCC)-Gegner nachhaltig gestärkt hat.

In diesem unübersichtlichen Gerangel stochern nicht nur Bürger sondern auch vieleExperten im Nebel. Dennoch: Das Ziel, die Erhöhung der Erddurchschnittstemperatur auf +2 Grad zu beschränken, steht. Zumindest sieht es danach aus. Eine solche Beschränkung allein an den CO2-Emissionen festzumachen, ist angesichts der Faktenlage allerdings fragwürdig. Da die CO2-Freisetzungaber zu 80% aus der Verbrennung fossiler Energieträger resultiert, ist es nicht falsch, die Verbrennung – wo immer möglich – einzuschränken. Wir schützen so die ohnehin nachgebenden Ressourcen.

Seit 1990, dem Bezugsjahr für das Kyoto-Protokoll, sind die CO2-Emissionen weltweit um ca. 30% gestiegen. Es wurde also in der Zwischenzeit auf Teufel komm raus weiter verbrannt und Raubbau betrieben.

Heute fordern auch die aufstrebende Schwellenländer wie China, Indien und Brasilien, eine freie wirtschaftliche Entwicklung – eben das, was sich die Industrieländer ehemals auch „gönnten“ (und heute noch „gönnen“). Scharfe CO2-Auflagen – mit den dann erforderlichen Investitionen - könnten das Aufschließen der Schwellenländer signifikant behindern. Dagegen begehren sie auf. Richtig wäre es, wenn die Raubbau-Profiteure aus der reichen Welt Teile ihrer Dividende zur Finanzierung von Umweltaufgaben in der Dritten Welt zur Verfügung stellten. Dagegen aber stäuben sich Konzerne und Industrieländer-Regierungen gleichermaßen. Allenfalls dann, wennes zwischen ihnen zu einem CO2-Beschränkungs-Konsens ohne Wettbewerbsverzerrung käme, wäre eine gerechte Lösung möglich. Nach einer solchen Übereinkunft aber sieht es derzeit nicht aus. Vielmehr machen z. B. die USA (als zweitgrößter CO2-Emittent) eigene, einschneidende Umweltmaßnahmen davon abhängig, dass China (größter CO2-Emittent) mit gutem Beispiel vorangeht - was mit Blick auf die Sachlage unlogisch und falsch ist. Falsch auch deshalb, weil nicht der absolute, sondern der spezifische Schadstoffausstoß maßgebend ist. Auf den Einwohner bezogen liegt letzterer für China um ein Fünffaches niedriger als in den USA. Auch Indien macht eigene Verpflichtungen zur CO2-Reduktion von kraftvollen Aktionen der Industrieländer abhängig. So zumindest sah es noch drei Tage vor der Kopenhagen-Konferenz aus.

Es geht also eine scharfe Trennlinie quer durch die Weltgemeinschaft. Deutschland würde sie gern aufbrechen – so zumindest mein Eindruck. Der neue Umweltminister Norbert Röttgenscheint derzeit gewaltig vorzupreschen. Er stellt – zumindest verbal – bis 2020 eine Senkung der Emissionen um 40% in Aussicht (Basisjahr:1990). Was schon Gabriel dazu trieb und jetzt ihn dazu ermutigt, ist unklar. Denn die Voraussetzungen für eine solche Prognose sind denkbar schlecht. Immerhin ist die bislang ausgewiesene CO2-Reduzierung für Deutschland fast ausschließlich auf die Abwicklung der DDR-Betriebe zurückzuführen. Im Westen der Republik sind die Erfolge fast Null. Fragt sich, ob Rösner nur pokert, um das deutsche „Schein-Image“ als Umweltvorreiter aufrecht zu erhalten – möglicherweise in dem Wissen, dass in Kopenhagen ohnehin nichts zustande kommt.

Dabei ist die Idee, mit harschen, weltübergreifenden Selbstbeschränkungen eine „grüne Revolution“ anzustoßen, zu begrüßen. Sie lässt aber vermutlich nicht durchsetzen.

Richtig wäre es m. E., auch bei Nichtzustandekommen von internationalen Vereinbarungen, im nationalen oder EU-Bereich weiter in Richtung CO2-Reduzierung zu arbeiten.Das wird aus Wettbewerbgründen sicher nur in kleinen Schritten möglich sein, zumal es schon EU-intern gewaltige Differenzen zwischen den bisherigen Erfolgen einzelner Mitgliedsländer gibt. Vor allem Südeuropa steht schlecht da.

Noch ein paar Worte zum angeführten 2-Grad-Ziel: Kürzlich las ich, dass diese Marke leicht verfehlt werden könnte. Je nach Start einschneidender CO2-Beschränkungen müsste die Emissionen um 3,7% (2012), 5.3% (2015) oder 9% (2020) pro Jahr gesenkt werden. Neun Prozent weniger CO2 pro Jahr aber ließen sich nach Auffassung des Potsdamer Instituts für Klimaforschung nur im Rahmen einer weltweiten „Kriegswirtschaft“ durchsetzen („DIEZEIT“, 3. Dezember 2009) – ein weltfremder, illusionärer Gedanke!

Im gleichen Blatt werden dann unzählige Selbstbeschränkungshinweise für den Bürger aufgelistet – unmittelbar neben wilden Klimaszenarien. Das alles wirkt närrisch, weil die Prioritäten vernebelt werden. Irgendwie sollte klar gerückt werden, wo die Hauptansatzpunkte für wirksames Handeln liegen. Es nützt wenig, wenn umweltbewusste Bürger mit dicken Pullovern in minderbeheizten Wohnungen ausharren, während der Rest munter vor sich hin verschwendet. Appelle an den Einzelnen machen nur Sinn, wenn der spürt, dass die große Politik an sehr viel entscheidenderen Schalthebeln mitmacht und Erfolge erzielt.

Ich fordere deshalb sehr viel striktere, auch durch Anreize begleitete Maßnahmen vom Gesetzgeber – vor allem in Richtung Automobilbau, Bahnsubventionierung, Hausbau, Haussanierung und Besteuerung von Kerosin/Fernreisen. Vor allem in diesen Bereichen sind Punkte zu machen. Hier hakt es natürlich, weil die deutsche Automobilindustrie mit dem Bau kraftstoffsparender Autos nicht vorankommt und die Autolobby die renditeträchtige Vermarktung PS-starker Wagen fortsetzen möchte. Und geradezu irrwitzig mutet es an, dass die EU erst 2020 den Neubau von Wohnungen/Häusern mit Nahezu-Null-Energieverbrauch zwingend vorschreiben möchte („Rheinische Post“, 19. November 2009) – wo doch die Konstruktionen für solche, sich schnell refinanzierende Häuser bereits jetzt vorliegen.

Ulrich Scharfenorth, Ratingen

www.stoerfall-zukunft.de

13:57 08.12.2009
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Scharfenorth

Geb. 1941. Bis 1990 Gutachter fuer die DDR-Stahlindustrie. Danach Journalist/ Autor in Duesseldorf. 2008: "Stoerfall Zukunft"; 2011: "abgebloggt"
Scharfenorth

Kommentare