Der Normalbürger wird wieder einmal auf den Leim geführt

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Die neuen Krokodilstränen um Michael Chodorkowski („Rheinische Post“, 28. Dezember 2010) sind Teil der alten Verlogenheit, einer Nebeldecke, die deutsche Medien, aber auch viele Politiker über der Sache ausbreiten. Niemand fragt danach, ob der Angeklagte zu den Tausenden und Abertausenden gehört, die sich nach dem Zerfall der alten Sowjetunion am Volkseigentum gütlich taten, es einfach an sich rissen oder für einen Rubel pro Objekt von verbrecherischen Verkäufern erlangten. Ganze Erdöl- und Erdgas-Förderzentren, Raffinerien, Aluminiumwerke, Stahlhütten, Kohlegruben, Landwirtschafts- und Maschinenbetriebe wurden damals verhökert – angeblich als wertlose, marode Überbleibsel einer verlorenen Ideologie. Viele der z. T. gigantischen Werke mussten allerdings nur neu angefahren werden, um dann auf (oftmals) niedrigem technischen Niveau weiterhin Gold (... und wenn es schwarzes war ...) zu fördern. Findige Geschäftsleute wussten das schnell in harte Währung zu verwandeln, die ebenso flink in private Taschen und häufig auf die Konten westlicher Banken gelangten. Nicht von ungefähr gibt es heute allein in Moskau 30.000 Millionäre und eine Vielzahl von Milliardären.

Viel richtiger als nur Chodorkowski einzulochen wäre es freilich, eine sehr viel größere Meute ähnlicher Färbung festzusetzen. Putin weiß allerdings, dass das einen Aufstand auslösen würde. Folglich suchte er sich den gefährlichsten Raubritter, nämlich den, der auf undurchschaubare Weise reich wurde und dann noch auf Opposition setzte. Heute geht es um den Präzedenzfall. Die in der Nähe der Macht befindlichen Oligarchen sollen spüren, dass sie vorerst ihren Geschäften nachgehen, nicht aber die Macht von Putin und Co. antasten dürfen.

Chodorkowski hat Pech gehabt. Er war ein Neureicher, der das russische Volk bestohlen und dann noch nach politischer Macht gelechzt hat. Dieser Mann wird sitzen, ganz sicher so lange, bis die nächsten Wahlen in Moskau vorbei sind, vermutlich aber ein paar Jährchen mehr. Darüber heulen kann und will ich nicht.

Aus dem Verfahren einen Prozess um russische Demokratie machen zu wollen, ist nur lächerlich. Selbst wenn Chodorkowski ein paar Dissidenten mit Geld versorgt haben sollte, hat er sie nur betrogen. Er brauchte die Mitläufer, um Macht zu generieren, und er wusste wohl, dass in Russland an Demokratie nicht zu denken ist.

Demokratie – wenn auch in abgewandelter Form des uns bekannten Konstrukts –dürfte es im flächenmäßig größten Land der Welt frühestens in 30 Jahren geben. Heute würde das Land – setzte man es z. B. hiesigen Bedingungen aus – wie ein vertrockneter Marmorkuchen zerfallen. Für viele wäre das ein gefundenes Fressen. Jedem, der russische Politik, die Verwerfungen durch Systemwechsel und die wirtschaftlichen Straftaten von Milton Friedmanns Chikago-Boys in Moskau (Naomi Klein: „Die Schockstrategie“) studiert hat, wird das klar sein.

Russland braucht im jetzigen Stadium seiner Entwicklung Leute wie Putin und Medwedjew – ob uns das nun gefällt oder nicht. Ja, selbst wenn Chodorkowski 2011 mit dem Friedens-Nobelpreis ausgezeichnet würde (manchmal hat man den Eindruck, dass das die Leute in Oslo durchaus drauf hätten), könnte das nichts ändern.

Dr. Ulrich Scharfenorth, Ratingen

www.stoerfall-zukunft.de

00:19 29.12.2010
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Geschrieben von

Scharfenorth

Geb. 1941. Bis 1990 Gutachter fuer die DDR-Stahlindustrie. Danach Journalist/ Autor in Duesseldorf. 2008: "Stoerfall Zukunft"; 2011: "abgebloggt"
Scharfenorth

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