Der ÜberwachungsStaat lässt grüßen ...

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Ich spüre förmlich, wie sich das Netz zusammenzieht. Bei allem Trommelfeuer gegen DDR-Unrecht und Stasi, erwischt es jetzt auch die, die diesseits der Elbe kampieren. Öffentliche Institutionen und private Unternehmer in Deutschland zapfen Job-Bewerbern das Blut ab. Lidl, die Telekom und andere überwachen ihre Mitarbeiter und veruntreuen Daten. Und das Gesundheitsministerium drückt uns die Gesundheitskarte auf. Gut möglich, dass schon morgen irgendwer vier Millionen Videokameras installiert (Beispiel: Großbritannien), die Leute in die GPS-Maut zwingt (Beispiel: Niederlande), die Online-Überwachung oder den verfolgbaren RFID-Chip verordnet (mexikanische Krankenhäuser). Keine Ahnung, ob die Datenschützer von all dieser Perfidie Wind bekommen – und wenn ja: über ausreichend Personal verfügen, um dem Missbrauch vorzubeugen. Bei den Steuerprüfern klappt es bis heute nicht. Die Politiker sind mit Positions- oder Abstiegskämpfen beschäftigt. Themen wie diese kümmern sie nur am Rande. Die meisten wiegeln ab – einige schimpfen verschämt. Solche Ignoranz ist beklemmend. Wissen wir doch, dass selbst ernsthafter Widerstand den Überwachungsstaat/die unternehmensspezifische Überwachung kaum verhindern können.
Wie kann es sein, dass den Bürgern Bluttests abverlangt werden, wo doch der zuständige Arzt jedwede Bescheinigung zur Berufstauglichkeit ausstellen kann. Auf letztere zielen die Begründungen ab, die heute ins Feld geführt werden. Wenn öffentliche Stellen vermerken, dass sie Amtsbewerber/Beamte schließlich ein Leben lang versorgen und deshalb über ihren Gesundheitszustand Bescheid wissen müssen, dann stinkt das nach Tollhaus. Die Wahrheit ist, dass die Vampire ausschließlich ihre Kosten reduzieren und vorher nach dem Aschenputtelprinzip zwischen "gut" und "schlecht" unterscheiden wollen.
Lassen wir diese Verkürzung von Freiheit zu, dann verkommt der Bürger zur bloßen Nummer. Doch nicht nur das. All diejenigen, die genetisch bedingt, eine "Fehlstelle" aufweisen, gehen schonungslos über die Wupper - vor allem dann, wenn der Markt Gesundheit hergibt. Kein Zweifel: Man will die "Lädierten" einfach abschieben – ins Niemandland – dorthin, wo Hartz IV wohnt.
Ich frage mich, wie man bei der Vielzahl der drohenden Affronts unsere Daten sichern möchte. Schon heute werden sie über Netzgangster aller Couleur entwendet und profitträchtig vermarktet. Wer derzeit wissen möchte, wo er wohnt, welches seine Interessen sind und wie er telefonisch zu erreichen ist, kann das über Google oder yasni problemlos erfahren. Auch Supermärkte sind darauf und dran, die Kaufgewohnheiten ihrer Klientel auszuspähen. Alles zusammen gibt ein nettes Profil, das durch Blutwerte und entwendete Daten aus der Gesundheitskarte trefflich ergänzt werden kann.
Eines mag uns trösten: Bis zum "komplett gläsernen Menschen" ist es noch ein Stück. Erst wenn unsere Wege überwacht (RFID) und unser Denken dokumentiert werden, wird es Ernst damit. Indes: Die Wissenschaft arbeitet behände. Irgendwann wird implantiert, irgendwann liest irgendwer unserer Gedanken. Elektroniker, Logistiker und Hirnforscher sitzen schon jetzt fett im Geld, RFID funktioniert, und die erste Nachbildung des menschlichen Gehirns steht ins Haus. Die Frage, wer das alles vorantreibt, muss nicht gestellt werden. Hier wird gesponsert, und hier treibt auch Wildwuchs. Forschungsfreiheit ist ein hohes Gut. Wer sie als Schutzschild nutzt und straff marschiert, kann prächtig ernten. Datenschützer und Ethik-Kommissionen sind dann im Nachtrab. Ross und Reiter allerdings können wir schon jetzt gut ausmachen. Mir nämlich nützt es nicht, wenn ich weiß, dass ich dort bin, wo ich bin, dass ich denke, was ich denke und wenn ein anderer feststellt, dass ich so bin, wie mein Arzt sagt. Andere freilich werden auf die Infos abfahren und wie immer – Geld ziehen.
Ulrich Scharfenorth, Ratingen
www.stoerfall-zukunft.de

00:16 22.11.2009
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Scharfenorth

Geb. 1941. Bis 1990 Gutachter fuer die DDR-Stahlindustrie. Danach Journalist/ Autor in Duesseldorf. 2008: "Stoerfall Zukunft"; 2011: "abgebloggt"
Scharfenorth

Kommentare