Die Diktatur steht vor der Tür

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Ich lasse „hartaberfair“ mit gemischten Gefühlen hinter mir. Scholl-Latour hat gefehlt, Kienzle war zu selten am Ball, ein Lehrer wirkte authentisch, und die harte Wahrheit blieb im Hoffen und Wollen auf der Strecke. Jedermann versuchte sich in Glückwünschen an die aufbegehrende ägyptische Jugend, einer brachte den irrwitzigen Vergleich mit dem November 1989, ein anderer versuchte, den Iran und Ägypten in einen Topf zu hauen. Alles hackte schließlich auf dem Westen herum, seiner Unschlüssigkeit, seinen unbestimmten Sprüchen. "Hau ab, Mubarak!" hätte man mitbrüllen sollen. So zumindest die Meinung der meisten Diskutanten. Nur der US-Exbotschafter Kornblum, von dem ich es am wenigsten erwartet hatte, nur er und zwei „Mailbotschafter“ brachten die Sache auf den Punkt: Ägypten ist ein großes Land, ein Land, das aggressive Islamisten unter die Schuhsohle verbannt, ein Land, das deshalb als Vermittler zwischen dem Westen und den Muslimen von großer Bedeutung ist. Zudem entscheidet es über die strategisch bedeutsamen Transporte durch den Suez-Kanal – vor allem über Öltransporte. Bisher waren Festigkeit, klare Machtverhältnisse, US-amerikanische Milliardenhilfen Voraussetzung für Ägyptens „Scharnierfunktion“. Dass die Ruhe im Land mit diktatorischen Mittel, mit dem Verlust von Menschen- und Freiheitsrechten erkauft wurde, hat bis zum Ausbruch der Unruhen nur Amnesty International wirklich interessiert. Heuteüberschlägt man sich in Beifallskundgebungen und hofft, dass die „Revolte“ auf ein zumindest kleines „demokratisches Pflänzchen“ auslaufen wird. Die Ereignisse des heutigen Tages sprechen eine andere Sprache. Irgendwer jagt die verbliebenen, wild um sich schlagenden Mubarak-Anhänger in die friedliche Demonstration – mit der Folge, dass nun auch die Demonstranten gewalttätig werden. Was von den Unruhestiftern bezweckt wird, ist klar: Sie wollen das Chaos. Weil nur das Chaos den Einsatz der Armee rechtfertigen kann.

Was ich vor allem glaube, ist, dass Mubarak längst von der Macht verdrängt ist, dass in Hinterzimmern eine Schar impertinenter Geheimdienstler, Diplomaten und Abenteurer zusammensitzt, um den Staatsstreich festzumachen. Kienzle sagte, es könne keinen Putsch geben, da das Militär seit 30 Jahren ohnehin herrsche. Ich sage, es kann sehr wohl einen Staatsstreich geben, weil vermutlich mehrere Offiziere die Macht für sich reklamieren. Wer heute glaubt, dass el-Baradei ein Kandidat für das höchste Staatsamt sei, ist naiv. Allzuschnell wird dieser Mann, der mehrheitlich im Westen gelebt hat als Lakai dieses Westens betrachtet. Man will wohl frei sein, aber nicht nach dem Mustern von USA und EU.

Machen wir uns also darauf gefasst, dass die mutige Bewegung auf dem Altar der politischen und Geostrategie geopfert wird. Mit vielen Toten und Verletzten. Es gibt ohne Zweifel eine neue Diktatur, eine, die die Zügel zunächst sehr straff hält, dann aber etwas lockerer lässt. Der Westen, Saudi-Arabien und die Emirate werden noch mehr Geld nach Ägypten pumpen und zwanghaft darauf hoffen, dass die Flammen des Aufstandes nicht weiter züngeln. Erneut sind „Festigkeit“ und „Berechenbarkeit“ gefragt. Parallel dazu aber wird man weiter heucheln, vor allem aber die beweinen, die bei sofortigem massivem Druck auf den Tyrannen noch am Leben wären.

Dr. Ulrich Scharfenorth, Ratingen

www.stoerfall-zukunft.de

00:32 03.02.2011
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Geschrieben von

Scharfenorth

Geb. 1941. Bis 1990 Gutachter fuer die DDR-Stahlindustrie. Danach Journalist/ Autor in Duesseldorf. 2008: "Stoerfall Zukunft"; 2011: "abgebloggt"
Scharfenorth

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