Die vorgeblichen Klimaschützer machen mobil

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Die Atom-Lobby – eben noch in geduckter Abwehrhaltung – ist wieder im Kommen. Sie setzt darauf, dass sich Fukushima im Wasserschöpfen erschöpft und ähnlich wie einst Tschernobyl aus Schlagzeilen und Gedächtnissen entschwindet. Vorerst wird für Abschaltung eine triste Stromlücke ans Firmament projiziert. Wer die AKWs dicht machen wolle, müsse mehr als bisher auf Kohle zurückgreifen. Die aber bringe ein Plus an CO2, wodurch das Erreichen der deutschen Klimaziele mehr als gefährdet werde.Dass sich gerade die Grünen gegen die Atomkraft und damit für mehr CO2 stark machten, sei mehr als absurd. Frank Drieschner treibt es in der „ZEIT“ noch weiter. Vollmundig zieht er nicht nur gegen die Kernkraftgegner zu Felde. Er rechnet auch gleich aus, für wie viel stillzulegende AKWs wie viele Kohlekraftwerke gebaut werden müssten. Die Rechnung geht tief schwarz aus, weil Kohle eben Kohle ist und gegen das Klima anstinkt (www.zeit.de/2011/17/Kernenergie-Klimaschutz.) Bezeichnenderweise (man merkt aus welcher Ecke er kommt) macht Drieschner Fehler. Weder befasst er sich ernsthaft mit der Alternative Erdgas (hier verbreitet er den Eindruck als ob diese Energiequelle nicht Ernst zu nehmen sei), noch untersucht er, ob mit mehr Geld sehr viel schneller alternative Energie beschafft und … komplementär ergänzt werden kann. Immerhin hat Jürgen Trettin kürzlich mitgeteilt, dass es 2010 viele Tage gab, an denen der Gesamtstrombedarf Deutschlands allein durch Windenergie hätte gedeckt werden können. Der ZEIT-Autor weiß das sicher nicht. Er jongliert mit Megawatts, spricht von gigantischen Investitionen in die Kohleverstromung (ohne auch nur eine Zahl zu nennen), schimpft auf Greenpeace (denen er Rechenfehler unterstellt) und meint, dass Deutsche, die die Atomkraft ausdünnen wollen (er nennt sie „Täter des Klimawandels“), ihre Lebensrisiken auf die Opfer des Klimawandels, nämlich die armen Afrikaner etc., abladen würden. Wie dreist ist das denn? Drieschner kümmert’s nicht. Er vergleicht auch schnell noch die Risiken der Kernkraft mit den Risiken des Klimawandels. Etwas banal und grotesk, dass er die CO2-Schwemme bedrohlicher findet.Und dann offenbar glaubt, dass wir Deutschen mit der verruchten Kerntechnologie die Welt retten würden – gemeinsam mit den USA und China.

Ganz klar: Auch Kohlekraftwerke sind – vor allem, wenn sie neu ans Netz gehen – ein Übel. Weil sie lange Laufzeiten haben und die CO2-Abscheidung alles andere als sicher scheint. Ganz ohne diese Art der Verstromung werden wir dennoch nicht auskommen. Dafür spricht schon die Notwendigkeit, alte Kohlekraftwerke (die schlimmsten Dreckschleudern) schnellstmöglich still zu setzen. Geschieht das, dann schafft der höhere Wirkungsgrad schon bessere Luft. An die Substitution von Kern- durch Kohlekraftwerke denke ich aber erst, wenn die Bundesregierung ein verfehltes Konzept für die grüne Energie vorlegt und weniger Gaskraftwerke in die Planung einbringt als heute sinnvoll erscheint. Drieschner mags verdrieschen. Aber so plump auf halbe Rechnung zu kommen, ist schon gewagt.

Dr.-Ing. Ulrich Scharfenorth, Ratingen

www.stoerfall-zukunft.de

13:09 23.04.2011
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Geschrieben von

Scharfenorth

Geb. 1941. Bis 1990 Gutachter fuer die DDR-Stahlindustrie. Danach Journalist/ Autor in Duesseldorf. 2008: "Stoerfall Zukunft"; 2011: "abgebloggt"
Scharfenorth

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