Drei Affen im Chorus: Kommt doch alle zu uns!

Zerrbilder Die Probleme der Migration werden systematisch heruntergeredet. Dabei erstickt die Politik im Zusammentreffen der Defizite. Und in der Unfähigkeit, Frieden zu stiften ...
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Ein soeben erschienener Betrag zum „Flüchtlingsproblem“ hat mich sehr überrascht („DIE ZEIT -Naivität des Bösen“ – 8. Oktober 2015). Bernd Ulrich unternimmt in der ZEIT den Versuch, den Gesamtsachverhalt zu packen, und er geht dabei über Leichen. Indem er schonungslos alles benennt, was die Krise hervorgerufen hat, heute ausmacht und morgen an- und ausrichtet. Der Autor spürt, was auch ich hier zu Lande spüre: das Abkippen der Willkommens-Stimmung in ein von Angst bestimmtes Szenario, in dessen Spannungsfeld die Lage nicht geklärt, sondern eher verschärft werden dürfte. Denn die Underdogs – Deutsche, wie auch Flüchtlinge – müssen wie immer ausbaden, was die Herrschenden, hier zu Lande und im Nahen Osten, angezettelt haben und noch immer ausleben. Und sie werden, so sie denn eines Tages aufstehen, erneut gegen ihresgleichen und nicht gegen die Verursacher ihres Elends zu Felde ziehen – als vermeintliche Nazis, als Terroristen. Ulrich stellt zu Recht fest, dass Merkel massive Fehler begangen hat, dass es aber ohne diese Fehler dieselben Ergebnisse gegeben hätte – die Flüchtlinge wären verzögert, wohl aber in der gleichen Anzahl und Struktur bei uns gelandet.

Ulrich äußert sich klar zu den Ursachen für die Fluchtbewegung. In einer Offenheit, wie ich sie von der ZEIT nicht gewohnt bin, formuliert er: „Die Versuche, in Afghanistan und im Irak mit militärischer Gewalt die Demokratie einzuführen, waren nicht mehr als ein Kollateralnutzen eigennütziger Interventionen und sind gescheitert ….“ Und an anderer Stelle: „Der Westen hat in einer Mischung aus Nachlässigkeit und Egoismus, aus Blindheit und Arroganz im Mittleren Osten in den letzten hundert Jahren Tausende Fehler gemacht und Verbrechen begangen, bis heut. Noch nie haben Amerikaner und Europäer wirklich Fantasie, Geld und Geduld in die Frage investiert, was sie beitragen können, um einen nachhaltig menschenwürdigen arabischen Raum zu schaffen …“ „Die Staaten, die sich Briten, Franzosen und Amerikaner für den Mittleren Osten zurechtgeschnitten haben, sind so nur durch eine eiserne Faust zusammenzuhalten, Syrien und der Irak womöglich nicht einmal mehr dadurch. Es wäre also gut, über einen föderalen Mittleren Osten nachzudenken …“

Ulrich appelliert an die Gelassenheit und Großzügigkeit des reichen Deutschland. Er beschwört die christlichen Werte und meint, dass den starken Demokratien bei der dritten Flüchtlingsmillion schon etwas (zur Bewältigung der Probleme) einfallen dürfte. Er glaubt nicht, dass Deutschland überfordert ist, auch nicht daran, dass uns der Islam überrollen könnte.

Was bei Ulrich total fehlt, sind konkrete Wegweisungen. Wir erwarten keine Vollzugsbefehle, die der Mann sowieso nicht erteilen kann. Wohl aber Lösungswege, was die aktuelle Tagespolitik und vor allem die Außenpolitik betrifft. Er sagt uns nicht, wie das Wohnungsproblem, er sagt uns nicht, wie der Deutsch-Unterricht für Millionen und der Schulunterricht für Migrantenkinder und die ärztliche Versorgung für Menschen mit PTBS gesichert werden könnten. Weder Lehrer, noch Ärzte, noch Schwestern, noch Polizisten, noch Wohnungen können aus dem Boden gestampft werden – was uns unsägliche Probleme beschert. Die einfachen Rechenexempel, das Aufgießen und Saldieren von Zahlen sind Augenwischerei und Betrug. Hier muss sorgfältig sortiert und aussortiert werden. Das Desaster besteht in der Masse der in kurzer Zeit aufeinandertreffenden Unzulänglichkeiten und Defizite. Alles ballt sich katastrophal zusammen. Wie lange noch sollen die testosterongeschüttelten Flüchtlinge in der jetzt herrschenden Dichte und Unsortiertheit beherbergt werden – ohne dass alles explodiert? Wer unterrichtet die Massen, wenn Flüchtlinge vor dem Flutereignis schon Monate lang aus Deutschkurse warten mussten? Wie wollen wir den in den zurückliegenden vierzig Jahren eingetreten Verlust von 4,6 Millionen Sozialwohnungen mit den jetzt auftauchenden zusätzlichen Bedürfnissen zusammenbringen? http://www.sueddeutsche.de/kultur/wohnungsnot-im-haeuserkampf-1.2679276?reduced=true

Außenpolitisch stellen sich ebenso gravierende Fragen, die derzeit weder von den Medien, noch von der Politik beantwortet werden: Wie soll es im Mittleren Osten zum Frieden kommen, wenn weiter unsortiert/unabgestimmt und brutal gebombt – statt druckvoll verhandelt – wird? Wer stürzt die machiavellische Allianz zwischen Saudi-Arabien, den USA und dem IS? Wie sollen neue Lager in der Türkei Abhilfe schaffen, wenn im Gegenzug weitere 500.000 Flüchtlinge in Europa/Deutschland aufzunehmen sind? Was können externe Lager überhaupt leisten? NICHTS: Denn sie sind keine Alternative zum Frieden.

Ich habe diese Probleme schon seit Wochen diskutiert: http://www.stoerfall-zukunft.de/?p=70 http://www.stoerfall-zukunft.de/?p=443 http://www.stoerfall-zukunft.de/?p=440

http://www.stoerfall-zukunft.de/?p=547

Sehr ärgerlich ist, dass die zur Aufhellung/Aufklärung notwendigen SchlüsselTexte nur gegen Geld und Abo im Netz erhältlich sind. Die großen Wochenzeitungen informieren nicht großflächig, sie verzwergen ihre Infos durch elitär bestimmten Zugang.

17:47 08.10.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Scharfenorth

Geb. 1941. Bis 1990 Gutachter fuer die DDR-Stahlindustrie. Danach Journalist/ Autor in Duesseldorf. 2008: "Stoerfall Zukunft"; 2011: "abgebloggt"
Scharfenorth

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