Ein Film, der die Dinge schonungslos auf den Punkt bringt

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Es ist ein Skandal, dass der, der bei ARD online Infos zum Film „Zivilcourage“ sucht, zwei Tage nach dessen Ausstrahlung nichts findet. Dabei gehört der Streifen (mit Götz George) zu den besten, die das öffentlich rechtliche Fernsehen in den letzten Jahren ausgestrahlt hat. Gewiss, der Film hat bereits im Vorfeld reichlich Spannung erzeugt. Vor allem deshalb, weil die Tabubewahrer einen Skandal befürchteten. Dabei kann gerade „Zivilcourage“ nicht in den Geruch gelangen, ausländerfeindlich zu sein. Im Gegenteil: Der Film beschreibt, wie die Situation ist, und es wäre mehr als schändlich, das wegzuleugnen. Ebenso wie „Wut“ (Regie: Züli Aladağ ) muss der Streifen dazu beitragen, die Befindlichkeiten vor Ort (Berlin- Neuköln) endlich wahrzunehmen, um Lösungen für die Misere anzudenken und anzugehen. Der Konflikt konnte anschaulicher nicht beschrieben werden. Nahezu alle Facetten des Neben- und Gegeneinander von Deutschen und Ausländern wurden ausgeleuchtet: Die Hilflosigkeit und Wut der arbeits- und chancenlosen (ausländischen) Jugendlichen ebenso wie das Bedrohungsszenario, das sich für Deutsche, die in Neuköln verbleiben wollen, aufbaut. Im Konflikt um erlebte Not,Anschauungen und brutale Tätlichkeit droht der Rechtsstaat zu zerbrechen. Wenn der Antiquar (der Protagonist im Film) gezwungen ist, eine Anzeige wegen schwerer Körperverletzung zurückzunehmen, sich schließlich illegal eine Waffe beschaffen muss, um sein Recht, ja mehr noch: sein persönliches Existenzrecht zu sichern, herrscht Selbstjustiz. Regisseur Dror Zahavi hat die Dinge bewusst auf die Spitze getrieben – weil erst dann, wenn die Uhr zwölf schlägt, der Notstand registriert wird.

Solange es unmöglich ist, die Ursachen für Jugendkriminalität zu orten und Sicherheit dort zu gewährleisten, wo sie hingehört, ist unser System gefährdet. Der Film suggeriert es geradezu: Unsere Gesellschaft muss sich sputen, wenn sie die Dinge überhaupt noch beherrschen, geschweige denn zurechtrücken will. Bleibt es bei Vorbehalten gegenüber Ausländern, ungleichen Chancen und einer doppelt so hohen Arbeitslosigkeit, sind wir schnell am Ende. Und gelingt es uns nicht, eine Polizeipräsenz zu gewährleisten, die Furcht vor Bedrohung ausschließt,ebenso. Was wir heute – vor allem in „Notstandsgebieten“ – erleben, lässt Schlimmes erwarten. Jugendliche Ausländer erhalten noch immer zu wenige Bildungsangebote/-verpflichtungen, werden bei gleicher Ausbildung diskriminiert und verkommen deshalb als Außenseiter … in Nichtstun und Verbrechen. Unsere Polizei wird ausgedünnt, um Kosten zu sparen oder am Hindukusch auszubilden. Folglich ist es so, dass selbst auf Doppelsteifen die Angst umgeht. Zentren der Kriminalität bleiben so unbeobachtet. Ihr Einfluss wächst und mit ihm die Flucht derer, die sich der Unbill nicht erwehren können. Übrig bleiben Gettos, in denen kriegsähnliche Zustände herrschen.

Viele von uns scheuen sich, Deutschland eine Bananenrepublik zu nennen. Ich spreche das – auch mit Blick auf andere Bereiche (Korruption, Lobbyismus, Spekulation etc.) – ohne Zögern aus.

Dr. Ulrich Scharfenorth, Ratingen

www.stoerfall-zukunft.de

12:25 29.01.2010
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Geschrieben von

Scharfenorth

Geb. 1941. Bis 1990 Gutachter fuer die DDR-Stahlindustrie. Danach Journalist/ Autor in Duesseldorf. 2008: "Stoerfall Zukunft"; 2011: "abgebloggt"
Scharfenorth

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