Klugscheißer, verdammter!

Es ist keine Kunst, als Journalist ohne Machtverantwortung, beißende Kritik aufzumachen. Für den Leser wird es oft schwierig, diese Kritik zu werten und als Einzelmeinung zu verinnerlichen.
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Manchmal kommt beim Lesen des Freitag richtig Ärger auf. Nein, ich meine nicht die oft schrägen Beiträge im Bereich Kultur, ich meine die aktuelle Berichterstattung zum Thema Corona. Wir wissen schon von Georg Restle, dass Regierung, RKI und Medien in der Krise viel falsch gemacht haben und angeblich noch immer falsch machen https://www1.wdr.de/daserste/monitor/videos/video-monitor-vom--270.html. Das kann man (mit Mühe) so sehen, aber auch vehement bestreiten. Wenn nun aber Wolfgang Michal noch fundamental zulegt und das, was gelaufen ist und auch das, was derzeit recht reibungslos seinen Lauf geht, noch weiter herunterputzt https://www.freitag.de/autoren/wolfgang-michal/volksgemeinschaftsmoral-bitte, dann, ja spätestens dann platzt mir der Kragen. Wie unverschämt ist es denn, wenn ein einzelner Journalist, dabei einer, der keinen Schalthebel kennt, geschweige denn zu bedienen vermag, so ein Fass aufmacht. Wie unverschämt ist es denn, die Geschlossenheit in der Sache, dieses zweifellos seltene Phänomen des Waffenstillstandes, des Zusammenhalts über Parteigrenzen hinweg als dumme Hilflosigkeit zu deklarieren. Und dabei anzudeuten, dass nicht 99,5% der Menschen, sondern nur er, eben dieser eine Journalist im Recht sei.

Klar, es wurden nach Eintragen der Pandemie Fehler gemacht, und ja, das auf Profit getrimmte Gesundheitssystem war mit nachhaltiger Lagerung von Schutzausrüstungen nicht kompatibel. Aber bitte, was sollen diese längst verwelkten Anklagen und warum hat nicht er, der Neunmalkluge durchgesetzt, dass sich private Unternehmer aus der Daseinsfürsorge heraushalten, resp. dass diese Geldzieher aus dem Geschäft mit der Gesundheit ferngehalten werden. Das alles ist nicht neu, wir alle haben auf diesem Feld versagt oder waren unfähig, Einfluss zu nehmen. Das mag die Linke etwas anders sehen. Aber selbst sie wird von Michal beschimpft, obwohl gerade das und zu dieser Zeit mehr als unfair ist. Schließlich weiß niemand, was Corona genau darstellt. Und selbst der Dümmste dürfte begreifen, dass Unwissen keine Fahrlässigkeit erlaubt. Schärfere Restriktionen im Verbund mit intelligenten Öffnungslösungen versprechen da eher praktikable Teillösungen als haltloses Geschimpfe auf Folgsamkeit und Hofberichterstattung.

Michal ist zudem keiner, der besser wüsste, wie man es besser hinbekäme. Er ist nur der notorische MerkelKritiker, der Wutschnaubende, weil in seiner Wut Alleingelassene, der Meckerer, der in manchem Recht hat, doch Tage, Wochen und Monate in seinem Denken zurückliegt.

Auch ich habe Frau Merkel, besser gesagt: die konservative, oft unsoziale Politik der GroKo wiederholt scharf angegriffen, aber nie aus dem Gedanken heraus, dass man Merkel und die Konservativen angreifen muss, einfach um jeden Preis schlecht finden muss, weil mit denen nichts Ordentliches passieren kann. Nein: Meine Kritik hat sich stets an den Fakten orientiert. Michal versucht die gerade so zu verbiegen, dass der Eindruck entsteht, Deutschland habe es in der CoronaKrise besonders schlecht gemacht. Das genaue Gegenteil ist der Fall – zumindest bisher.

Michal ist zudem einer, der sich nicht entblödet, der Linken ein besonders bitteres Ei ins Nest zu legen. Wörtlich heißt es bei ihm: "Selbst die Linke wähnte sich aufgrund der Aussetzung der Schuldenbremse im Glück und baute fleißig an linken Wolkenkuckucksheimen: Deutschland, so dei Hoffnung, werde nach der Krise ein wohlwollender Versorgungs- und Umverteilungsstaat sein, der alle Ungleichheiten einebnet."

Wo frage ich, hat dieser Mann diesen Mist gehört oder gelesen. Wie kann er ernsthaft glauben, dass die Linke solche Parolen verbreitet, resp. dass diese Bestandteil eines offiziellen Programms sein könnten. Hier wurde doch nur bösartig gebohrt. Pfui Deibel!

Dr. Ulrich Scharfenorth, Ratingen

www.stoerfall-zukunft.de

19:39 22.04.2020
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Scharfenorth

Geb. 1941. Bis 1990 Gutachter fuer die DDR-Stahlindustrie. Danach Journalist/ Autor in Duesseldorf. 2008: "Stoerfall Zukunft"; 2011: "abgebloggt"
Scharfenorth

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