Liegt die Zukunft in Latein- und Südamerika?

Mehr Gerechtigkeit Auf dem amerikanischen Subkontinent waren die Unterschiede zwischen arm und reich bisher besonders gravierend. Viele der heute Regierenden versuchen, das zu ändern.
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Irgendwie hoffe ich, dass der Kampf der Latein- und Südamerikaner um mehr Gerechtigkeit anhält, ja vielleicht sogar zum Maßstab für die Restwelt wird. Dem aufstrebenden China traue ich diesbezüglich kaum mehr, weil dort trotz Konfuzius, Gruppendynamik und Co. alles ähnlich läuft wie im entfesselten Westen. Wo Korruption und private Bereicherung ausufern, wo die Söhne der Funktionäre im Lamborghini umherschippern, ist allenfalls die weiter aufgehende Schere zwischen ARM und REICH programmiert.

Tatsächlich haben sich nur auf dem amerikanischen Subkontinent wirkliche Hoffnungsträger etabliert – solche, von denen man hier fast nichts erfährt. Das hat sicher damit zu tun, dass diese Leute aus den Befreiungsbewegungen hervorgingen und eher schonungslos linkes/soziales Gedankengut verbreiten, ja mehr noch: in ihrer praktischen Politik umsetzen. Wer sich beispielsweise an die zurückliegenden Diskussionen um Tupamaros erinnert, stößt allenfalls auf brutale Gangstergeschichten. So jedenfalls diskutierten die etablierten Parteien, die jede Art von Aufruhr mit Kommunismus und Terror gleichsetzten. Dabei war das mit der Gewalt sehr oft eine völlig andere Sache, die sich fast ausschließlich gegen Sachwerte und brutale Regime-Mörder richtete und fast immer im Sinne der unterdrückten Volker stattfand. Dass heute ein ehemaliger Tupamaro Präsident von Uruguay ist, dass die Brasilianische Präsidentin aus der Guerilla stammt und die chilenische Präsidentin die Tochter eines gefolterten und dann zu Tode gekommenen Allende-Generals sind, muss die Machthabenden im Westen schockieren. Ganz zu schweigen von Maduro, Correa, Morales und verdammt noch mal … Castro. Sie alle ticken um hundertachtzig Grad versetzt zu den Diktatoren, die USA-gesteuert die Bürger Latein- und Südamerikas jahrzehntelang ausgebeutet und drangsaliert haben. Millionen von Toten hat diese Katastrophe gekostet.

Die Herrschenden von heute verstehen die Situation in ihren Ländern. Sie stammen mehrheitlich aus der armen Bevölkerung, saßen zum Teil jahrelang in den Gefängnissen der heimischen Despoten und sind jetzt dabei, die schreienden Ungerechtigkeiten (Analphabetentum, gesundheitliche Missstände, höchste Gini-Koeffizienten) allmählich abzubauen.

Was Kuba betrifft, so gelten andere historische Betrachtungen. Hier fand die totale Revolution und mit ihr die radikae Beseitigung der alten Herrschaftsverhältnisse statt. Hier zementierte sich ein System, das fundamentale Einschränkungen mit einzigartigen Leistungen in Bildung und Gesundheit verband. Gleichzeitig wuchs eine Nomenklatura, die nie frei gewählt wurde. Hier drohten infolge unzureichender Meinungsfreiheit, sinnloser Gleichmacherei, landwirtschaftlicher Anarchie etc. Stillstand und Verharzung. Raoul Castro versucht seit Jahren, dieses Problem aufzulösen – mit unterschiedlichem Erfolg. Was ihm und anderen Akteuren besondere Kopfschmerzen bereitet, sind die notorische Devisenknappheit, sind zwei unterschiedliche Währungssysteme mit sehr unterschiedlicher Verteilung in der Bevölkerung, die Probleme bei der Eigenversorgung mit Lebensmitteln und drohende Nebenwirkungen bei ausländischen Investitionen. Castro sucht Hilfe in Brasilien, Russland und China. Er ist zu Recht darum bemüht, die Global Player aus Kuba fernzuhalten. Denn das Einbrechen der Wirtschafts- und Finanzgiganten könnte Land und System im Handumdrehen überrollen und zum Spielfeld Friedmanscher Gangster transformieren. Wenn die kubanische Administration die Größe der inzwischen fast 500.000 freien Unternehmen beschränkt und den Investoren systemerhaltende Richtlinien vorgibt, dann wirkt das für westliche Betrachter verunsichernd, restriktiv und bürokratisch. Zweifellos müssten ausländische Unternehmen in der Lage sein, frei zu produzieren. Gleichzeitig sollten sie – normales Geschäftsgebaren vorausgesetzt – Stetigkeit bei der Besteuerung erwarten können und vor Enteignung sicher sein. Andererseits darf ihre wirtschaftliche Macht nicht so groß werden, dass sie politisch Einfluss bekommen. Die Politik muss Sache der Kubaner bleiben – wie auch immer die Reformen fruchten/umgesetzt werden. Dass westliche Investoren inzwischen auf markwirtschaftliche Strukturen hoffen, ja darauf setzen, dass Kuba gänzlich dem rasenden Kapitalismus anheimfällt, ist verständlich. Ich kann nur hoffen, dass die Grenzen für Machbares erkannt werden und Kuba die Balance hält. Alles sollte sich in Richtung der Freundesstaaten entwickeln, die in ALBA und CELAC wichtige Bündnisse mit Kuba eingegangen sind.

Man sieht immer wieder Beitrage über Kuba – so vor ein paar Tagen im 3sat-Magazin „makro“, und man liest darüber, wie man als Tourist auf Kuba schön absahen kann. So trifft man etwa auf die irritierende Ansage, dass eine Übernachtung in Havanna schon für 40 Euro zu haben sei (das ist richtig) – was etwa dem Monatslohn eines Durchschnittsbürgers entspreche (der Vergleich ist unzulässig). Die bloße Euro-Rechnung geht an der Wirklichkeit vorbei. Sie verfälscht die Sicht - und macht die Kubaner fälschlicherweise noch ärmer als sie ohnehin sind. Richtig ist, dass viele Waren des Grundbedarfs auf Kuba subventioniert werden. Sie können von der Bevölkerung zu Niedrigstpreisen für kubanische Peso (CUP) erworben werden. Leider trifft das auch auf Touristen zu. Auch sie dürfen die kubanischen Peso erwerben und so den Einheimischen die Billigware „wegkaufen“. Ein Aufsatz von Bernd Kubisch in der Rheinischen Post gibt dazu dezidierte Anleitungen. Einfach erbärmlich, wie hier das Bestreben nach absoluter Effizienz befördert wird. Uns bat der Reiseleiter 2011, mit den konvertiblen CUC (1 CUC = 1 US-$=25 CUP) zu bezahlen. Schließlich kämen wir aus einem reichen Land und könnten so die ohnehin preiswerten Waren/Dienstleistungen problemlos bezahlen.

Dr. Ulrich Scharfenorth

wwwstoerfall-zukunft.de

12:54 25.11.2014
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Scharfenorth

Geb. 1941. Bis 1990 Gutachter fuer die DDR-Stahlindustrie. Danach Journalist/ Autor in Duesseldorf. 2008: "Stoerfall Zukunft"; 2011: "abgebloggt"
Scharfenorth

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