Wer privat pflegen muss, ist schnell kaputt

Brutale Entmündigung. Dass privat Pflegende so wenig moralische wie finanzielle Unterstützung vom Staat bekommen und Totkranken der Suizid verweigert wird, ist skandalös.
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Das ZDF hat gestern Abend einmal mehr auf die skandalöse Pflegesituation in Deutschland hingewiesen http://www.heute.de/pflegende-angehoerige-am-limit-43647548.html. Wird ein zu Pflegender privat zu Hause betreut, dann erweist sich solche Hilfestellung oft als Desaster, weil der zu Pflegende auf ein würdevolles Ende im gewohnten Umfeld pocht und die oder der Pflegende die erforderlichen Leistungen zumeist nur erbringen kann, wenn er seine Arbeit und damit die Absicherung im Alter aufgibt, zumindest aber ausdünnt. Vielfach geht darüber hinaus nicht nur das Ersparte des zu Pflegenden, sondern auch das der pflegenden Familienmitglieds drauf. Denn selbst bei Pflegestufe 1 kann es passieren, dass ein teurer Pflegedienst ein- , zwei- oder dreimal pro Tag eingreifen muss, weil der Patient weder laufen noch stehen und von einem Angehörigen weder von A nach B, noch vom Bett zur Toilette gebracht werden kann. Demente leben oft ewig, was die Tristesse ins Unerträgliche steigert, weil in diesem Fall auch Selbstkontrolle und Kommunikation des zu Pflegenden fehlen.

In Extremfällen, bei denen der Arzt ein nahes Ende voraussagt, steigt auch der psychische Druck auf den Pfleger. Vielfach fordert der am Leben hängende Patient alles, was sein irdisches Dasein verlängern könnte. Da wird AstronautenNahrung verabreicht, da gibt es Pillen und Spritzen, die das Immunsystem stärken - um ein oder zwei Monate mehr Lebenszeit zu ordern. Wer diese Zwangslage checkt und weder für sich selbst kämpfen, noch den Pfleger weiter stressen möchte, wer sich also einfach umbringen will, um die Nöte der Restfamilie, vor allem aber die der pflegenden Person zu lindern, wird – sofern er nicht rechtzeitig vorgesorgt und sich die erforderliche Substanz in ein Fläschchen gefüllt hat – von Staat, Gesellschaft und Kirche allein gelassen/daran gehindert. Nach wie vor wird dem unheilbar Kranken sein Menschenrecht auf einen würdigen Tod verweigert. Man lässt das Naheliegende, erwünschte einfach nicht zu. Der Totkranke möchte seine Nächsten nicht auszehren und selbst als halbwegs ansehnlicher Typ im Gedächtnis der Menschen verbleiben. Ein frommer Wunsch, der rings um uns in Holland, Belgien und in der Schweiz beherzigt wird, hier aber noch immer auf taube Ohren und brutale Rituale stößt. BIG PHARMA und die sie begleitenden Politiker und Kirchenfürsten schicken zehntausende Pflegende regelmäßig in die Altersarmut – und allzu oft ins Krankenhaus, die Frühverrentung und auf den Platz, den sie bislang selbst betreut hatten. Dieses System ist unerträglich und nur unter einem reaktionären Regime, wie es derzeit in Deutschland herrscht, möglich.

Umso mehr sind jetzt Reformen angesagt, Reformen, die die ausgepowerten Pflegenden nicht einfordern können. in erster Linie geht es um den selbstbestimmten Tod. Und entsprechende Gesetze dafür. Hier müssten sich Parteien einbringen, vor allem solche, die derzeit einfluss- und ideenlos vor sich hindümpeln. Ich denke da ganz besonders an die LINKE.

Dr. Ulrich Scharfenorth, Ratingen

www.stoerfall-zukunft.de

20:58 26.05.2016
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Geschrieben von

Scharfenorth

Geb. 1941. Bis 1990 Gutachter fuer die DDR-Stahlindustrie. Danach Journalist/ Autor in Duesseldorf. 2008: "Stoerfall Zukunft"; 2011: "abgebloggt"
Scharfenorth

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