scharmann

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RE: Finale im Superdebakeljahr | 20.09.2011 | 14:21

Mich stört an diesem Beitrag, daß die Autorin die Leselaune und die Lebenszeit der Lesenden verschwendet. Als erster Satz hätten acht Wörter gereicht: "Die FDP ist draußen, die Piraten sind drin."

Nun wäre eine Analyse der empirisch zu konstatierenden Tatsachen angebracht gewesen: Mehr als einhunderttausend Berlinerinnen und Berlinern ist es schnuppe, was 15 Leute in ihrem Namen im Abgeordnetenhaus tun werden. Hauptsache, daß PIRATEN auf der Verpackung steht. Das spricht für ein armes Berlin, ein geistig armes.

Ich hatte die Gelegenheit, die Pressekonferenz dieser vollkommen unreflektierten und in sich unklaren Truppe ansehen zu dürfen. Mit der Sprachgewalt von Drittklässlern wurden nicht existierende Ziele der Gruppe präsentiert. Jede zweite Lautäußerung war ein ÄÄH oder ein ÄHM. Die selbstgefällige Blasenhaftigkeit dieser Wurschtelgruppe wurde hier allen Zeitzeuginnen und Zeitzeugen offenbar.

Als unerträgliche Frechheit ist das Vorbringen zu werten, daß ja damals auch die Grünen zu Anfang ihres politischen Wirkens als Newcomer belächelt wurden. Hier besteht ein eindeutiger und nachweisbarer Unterschied: Was die selbsternannten Piraten mit ihrer Partei treiben und vorhaben, hat ausgesprochen wenig damit zu tun, wofür die Gründerinnen und Gründer der Grünen an den Brennpunkten der 1970er und 1980er Jahre zusammengeknüppelt wurden.

Das Zusammendenken der aktuellen Wahlergebnisse verblüfft: Einigermaßen klar denkende Menschen wählen in hellen Scharen diejenigen Personen einer indifferenten Gruppe, von der nichts in Erfahrung zu bringen ist. Selbst mein Anruf im Headquarter landet nur bei einem liederlich inkompetenten Kollegen, der sich damit auch noch chic fühlt: So sind wir PIRATEN nun einmal.

Der Artikel der Autorin hätte also darstellen können, inwieweit die Berliner Wählerschaft in vollkommen indifferente Bereiche entfleucht. Nicht SPD, CDU, GRÜNE oder LINKE sind das Tagesthema, sondern die Abwanderung der Wählenden in diffuse und unerklärte Neugründungen ohne jede Aussage oder Substanz.

Ich bin kein Freund der Parteiendemokratie. Das schmeckt immer nach Parteisoldatentum. Aber ich hätte mir schon einen kleinen Wahlsieg der Frau Künast gewünscht. Ob sie das geniale Statement unseres Bürgermeisters (Ich bin schwul und das ist auch gut so.) getoppt hätte? Das werden wir leider niemals erfahren.

RE: Gentrifizierte Grüne, digitale Piraten und sturmerprobte 1863er | 20.09.2011 | 05:32

Tatsache ist, dass die Knaben, die sich als die Piraten empfinden, zum ersten Mal in ein Parlament einziehen. Weder in Bremen noch in Hamburg ist ihnen das gelungen. Auf ihrer gestrigen Pressekonferenz zur Berliner Abgeordnetenhauswahl lümmelten ein paar Jungs herum, denen ein Teil der wichtigen Beschlüsse, wie es in diesem Land laufen soll, in die Hand fällt. Das ist bitter.
Der Vergleich, dass es den Grünen früher weniger anders ergangen sein sollte, ist dermaßen platt, dass es einen Hund jammert. Kluge Köpfe wie Jutta Dittfurt und Rudi Dutschke, die eine tatsächliche Alternative anstrebten, den Atomausstieg wollten, den Austritt aus der NATO forderten und grundsätzlich für Gleichberechtigung standen, sind mit diesen Selbstdarstellern nicht vergleichbar und auf keinen Fall zu haben. Insgesamt fehlt den Piraten mit ihren Vertretern, die nun ins Abgeordnetenhaus einziehen, das Solide, was man für Entscheidungen, die für die Zukunft von Berlin getroffen werden müssen, nötig ist.

RE: Immer noch lesenswert: Jean Améry über linken Antisemitismus | 20.09.2011 | 04:59

Das Banale an der gesamten Entstehungsgeschichte vieler Konflikte wird am Ende ihrer Historie auch noch deutlich verkannt. Nicht diejenigen, die sich miteinander verstreiten, sind diejenigen, die den Streit herbeigeführt haben. Bei Marx gibt es den klugen Satz, dass sich die Menschen (oder die Menschheit, was weiß ich - ist in diesem Falle wohl das Gleiche ... ) immer nur die Fragen stellt, deren Antworten auch gegeben sind. Wenn man es zur Genüge und mit der nötigen Gelassenheit überdenkt, dann ist er im Recht und Zweifel sind unwissenschaftlich, dröge und nur Politik. Doch leider stellt sich heraus, dass alle Antworten und Aussagen überformt werden. Niemals erhält jemals einer oder eine eine klare Information zu dem, was im Weltgeschehen tatsächlich geschieht.
Mein aktuelles Lieblingsbeispiel ist der Geburtstagsbrief der Vorsitzenden der Linken an Fidel Castro. Selbstverständlich hat eine sozialistische Partei das Recht, an Castro und damit an die Republik von Che Guevara Grüße zu verschicken. Wenn eine linke Partei sozialistisch orientiert ist, dann tut sie das. Im Gegenteil halten sich andere Leute von anderen Parteien sich nicht damit auf, Barack Obama für sein KZ in Guantanamo unter Bann zu stellen.

Heute gilt sogar der Angriff auf die Twintowers als größter anzunehmender terroristischer Anschlag. Selbstverständlich sollte in Washington und New York in jedem Jahr zuerst der Atombombenanschläge auf Hiroschima und Nagasaki gedacht werden. Es war die Regierung der USA, die den Befehl zu diesem Massenmord gab. Auf jeden Fall müssen diese Bombenabwürfe als Terrorakte gewertet werden.

Nun kommen wir auf den Punkt: Bei der These des ehrbaren Antisemitismus geht es nicht darum, wer früher Pappe, Segev oder Zuckermann gelesen hat. Sondern beide Seiten des Streits haben sich nun endlich davon abzuwenden, dass es hier um einen Streit geht, bei dem man die eine oder die andere Partei ergreift. Das ist kein Spiel, in dem man sich für Blau oder Rot entscheidet. Die Wahl muss auf beide Akteure fallen, das ist der Punkt. Mehr brauchts dazu eigentlich nicht.