Was ist denn bitte noch real?

Fotografie Dokumentarische Fotografie in der Glaubwürdigkeitsfalle
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Nehmen wir mal an, man legt als Fotograf in einer Kneipe einem mäßig informierten, aber trotzdem interessierten Kneipenbesucher aktuelle Artikel, Blogeinträge und Essays zum Thema Dokumentarfotografie und Bildjournalismus aus Print und Web vor; um den mitleidigen Blick, der einem dann zuteil werden würde, wird einen wohl niemand beneiden.“Sapperlot!” ruft der Fremde, denken tut er klammheimlich: “Oha, der arme Tropf, dem sollte ich schnellstmöglich ein Bier an der nahgelegenen Theke bestellen, besser zwei, oder gleich ein Herrengedeck. Da höre ich zwischen den Zeilen doch schon den Schwanengesang aus der efeubewachsenen, nach Moder und Speckigkeit riechenden Gruft der verschollenen Berufsgruppen.”

Ganz unrecht hat der spendierhosentragende Fremde mit seinem Unbehagen sicher nicht, denn wenn all die schreibenden Querulanten, die Meckerer und Nörgler zum wiederholten Male den rechtmäßigen Untergang der klassichen Bildreportage vorausahnen wird da bestimmt schon etwas dran sein.

An einem schlechten Tag bekommt man lediglich den gutgemeinten Hinweis, dass man in der Werbung sicherlich noch ein wenig Geld verdienen könne, heutzutage seien ohnehin alle Bilder manipuliert, schließlich habe jeder Dreikäsehoch Photoshop auf dem Smartphone. Glauben könne man einem Bild in diesen Zeiten gewiss nicht mehr. Realitätsversprechen brauche man von einer Fotografie nicht zu erwarten. An einem guten Tag bekommt man einen ähnlichen Rat, aber mit ein wenig Glück zumindest ein geschenktes Bier.

Die digitale Schönheits-OP

Um das Vertrauen in das nicht ganz zweihundert Jahre alte Medium der Fotografie ist es heute offensichtlich schlecht gestellt, angefeuert durch den täglichen Irrsinn der Photoshop-Eskapaden der #aftersexselfie-affinen Peer-Groups. Digital aufpolierten Brüste einer unterdurchschnittlich selbstbewussten Neunzehnjährigen kommen ja noch irgendwie drollig daher. Manipulationen an Pressebildern sind jedoch wegweisend für die allgemeine Wahrnehmung von dokumentarischen Bildern, die aus einem naiv formulierten Wahrhaftigkeitsversprechen gegenüber dem Betrachter scheinbar ihre Existenzberechtigung ziehen.

Von absichtlichen und nachträgliche Veränderungen an vorhandenem Bildmaterial einmal ganz abgesehen; ist der Mythos der neutralen Darstellung realer Dinge mit Hilfe der Fotografie nicht längst überholt und falsch? War die Wiedergabe einer Realität also überhaupt jemals immanenter Bestandteil des Mediums?

“Natürlich nicht!” ruft da der Skeptiker vom Nebentisch, “Das visuell Dargestellte und das tatsächlich Gesehene wird nur in den seltensten Fällen annäherndübereinstimmen, und ob eine Asphaltmischung auf einer Zinnplatte von Joseph Nicéphore Nièpce oder eine digitale Bilddatei von Martin Parr eine Wahrheit aufzeigen kann, erscheint mir doch als recht gewagte These. In den Mülleimer des Substanzlosen und Unstofflichen mit den ganzen nutzlosen Bildern, die werden eh zu keiner Zeit einen beweisenden Charakter haben können!”

Allein und arbeitslos säße der Fotograf nun im Amüsierlokal, traurig würde er an seinem geschenkten Bier nippen, ganz und gar nutzlos wären seine Fotografien und all die guten Absichten, wenn der Skeptiker nicht eine entscheidene Feinheit übersehen hätte.

Yo lo vi

In den Jahren 1810 bis 1814 erstellte der spanische Maler Francisco de Goya die Serie Desastres de la guerra (Die Schrecken des Krieges). Die 82 Aquatinta-Radierungen zeigen ikonenhaft den Horror und die Perversionen des Krieges zwischen der aufständischen spanischen Bevölkerung und den napoleonischen Truppen, nahezu alle vorstellbaren entmenschlichten Verbrechen werden thematisiert. Die Szenen reichen von Massakrierungen bis hin zu einem leichenspeienden Tapir, besonders realistisch klingt das zweifellos nicht.

An der Grafik mit der Nummer 44 interessiert aber nicht ausschließlich das Dargestellte — ein Flüchtlingsstrom, der vor einem unsichtbaren Grauen flieht — sondern vielmehr die Bildunterschrift: Yo lo vi. Ich habe es gesehen.

http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/1/14/Prado_-_Los_Desastres_de_la_Guerra_-_No._44_-_Yo_lo_vi.jpg/640px-Prado_-_Los_Desastres_de_la_Guerra_-_No._44_-_Yo_lo_vi.jpg

Goya fungiert in diesem Beispiel als kritischer Augenzeuge. Er kombiniert geschickt die visuelle, figurative Darstellung, die einer Fotografie in ihrem Wesen ähnlich ist, mit einer narrativen Metaebene und macht sie so für den Betrachter glaubhaft. Der Autor bürgt für das Gezeigte.

Nicht das Medium an sich (weder analoge noch digitale Bildgebungsverfahren) sondern die Verlässlichkeit des Fotografen ist es also, die einer fotografischen Aufnahme die Au­then­ti­zi­tät verleihen kann. Wenn das fotografische Material zusätzlich auch noch den gängigen ethischen und journalistischen Grundsätzen der Bildbearbeitung entspricht, umso besser.

Zufrieden nickt der Fotograf in der Bierstube dem halbvollen Bierglas zu, der Kerl vom Nebentisch wird also noch ein Weilchen damit leben müssen, dass es durchaus sehenswerte dokumentarische Fotografie gibt. Wahrhaftigkeitsanspüche braucht niemand zu hegen, aber auch Weltuntergangsszenarien in Bezug auf glaubhafte Bildreportagen braucht der Nörgler nicht herbeizureden, auch nicht in Zeiten von #aftersexselfies.

Francisco José de Goya y Lucientes | Geboren am 30. März 1746 in Fuendetodos, Aragón, Spanien. Gestorben am 16. April 1828 in Bordeaux.

23:14 27.04.2014
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Geschrieben von

Scheunert

photographer, coffee addict, i’m interested in people and their stories, humanitarian issues, art and natural light.
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