Ist der Glaube an die Klimakatastrophe eine Religion?

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Was für eine absurde Frage. Die Klimakatastrophe ist wissenschaftlich nachgewiesen. Was hat das mit Religion zu tun? Eine Menge. Wenn mir gekündigt wird oder wenn in der Nähe eine Autobahn gebaut wird, ist der Schaden auch ohne große Studien spürbar. Aber die Klimakatastrophe ist für uns nicht spürbar. Wir müssen wissenschaftlichen Studien vertrauen, dass sie existiert. Studien, die wir selbst nicht überprüfen können. Wir müssen den Wissenschaftlern glauben – wie früher den Priestern.

Es ist nicht lange her, da galt die Klimakatastrophe als unbestrittene Erkenntnis. Inzwischen weiß man, dass das Abschmelzen der Himalayagletscher versehentlich auf 2035 datiert wurde – gemeint war 2350. 2000 am Weltklimareport beteiligte Wissenschaftler bemerkten es nicht. Inzwischen weiß man auch, dass Kritiker der Lehre von der Klimakatastrophe systematisch diffamiert und bei Veröffentlichungen ausgegrenzt wurden. Sie melden sich jetzt zu Wort und haben Argumente. Seit Jahren steigt die Temperatur nicht mehr („der fünftheißeste Sommer…“). Auch früher änderte sich das Klima des Öfteren. Grünland war nicht immer eisbedeckt. Im Bericht des Weltklimarats heißt es, der Meeresspiegel steige um ca. 40cm bis 2100. Die Nordseedeiche sind schätzungsweise 8 m hoch. Ein 40cm Deich sollte auch in der Dritten Welt zu schaffen sein, immerhin sind noch 90 Jahre Zeit. Angesichts dieser zumindest unklaren Lage ist verblüffend, mit welcher Emphase insbesondere Angehörige der ökologischen Mittelschicht an die Klimakatastrophe glauben und ihr Leben danach ausrichten.

Denn die Klimakatastophe versorgt uns mit klaren Regeln. Du sollst nicht autofahren, zumindest nicht zum Spaß. Du sollst keine Fernreisen machen. Du sollst Energiesparlampen montieren und auf Weihnachtsbeleuchtung verzichten. Die Ökobewegung, einst spontan und herrschaftsfeindlich, wird im Alter religiös. Kritiker der These von der Klimakatastrophe sind „Klimaleugner“. Sie begehen „Klimasünden“. Deswegen, wenn wir unseren babylonischen Lebensstil nicht ändern, wird es eine Sintflut geben, die die Erde überschwemmt. Selbst der Ablasshandel ist zurückgekehrt: wenn man etwas mehr zahlt für den Flug, lässt die Airline im Amazonas ein paar Bäume pflanzen und die Sünde ist verziehen. Während der Islamismus den Alkohol verdammt, hat es der Ökologizismus auf den Tabak abgesehen, der für ihn Ursache aller Krankheiten ist. Wie jede Religion verlangt er Einschränkungen der Nahrungsaufnahme. Lehnen Juden und Moslems Schweinefleisch ab, Hindus dagegen Rindfleisch, so ist der Ökologizist gegen jeden Fleischgenuss. Eine Initiative hat errechnet, dass eine Kuh so klimaschädlich ist wie ein Mittelklasseauto, das 14.000 km im Jahr zurücklegt. Oder waren es 14.372 km? Sie fordert deswegen, den Donnerstag zum Veggiday zu erklären. War sonst nicht immer der Freitag fleischfrei? Und wir müssen Buße tun für unsere Klimasünden. Zum Beispiel, indem wir Fahrradfahren bei Schnee und Eis. Junge Mitglieder des BUND kontrollieren die Farbe der Umweltplakette an der Windschutzscheibe. Gelb oder rot? Willst Du, dass unschuldige Menschen in der Dritten Welt, Frauen und Kinder, ertrinken? Ich werde es nicht wieder tun, auf zum nächsten Toyotahändler.

Opium ist das nicht gerade. Aber es macht Verzicht zur Tugend. Da weniger auf dem Konto ist, geben wir das Rauchen auf, essen Gemüse statt Fleisch, machen Urlaub auf dem Rad. Und ist das nicht viel schöner so? Sind wir nicht glücklicher, wenn wir einfacher leben? Vor etlichen Jahren vertrat Herbert Marcuse die These, dass der Kapitalismus durch Konsum die Arbeiterklasse gewissermaßen besteche. Konsumieren sei Kapitalstrategie zur mentalen Integration. Damals war es in der Tat ein fortschrittlicher Gedanke, mit Erich Fromm dem „Haben“ das „Sein“ gegenüberzustellen. Doch mit dem Ende der Systemkonkurrenz wurde diese vergleichsweise teure Vorgehensweise überflüssig. Nun ist wieder protestantischer Puritanismus angesagt, der allerdings grün gewandet auftritt. Meine verbitterte evangelische Großmutter sagte öfters: wir haben uns krumm gelegt, damit ihr es mal besser habt! Die moderne Variante dieser Denkweise lautet: wir haben die Erde nur von unseren Kindern geliehen. Früher nannte man das kapitalistische Verzichtsideologie, heute Klimaschutz.

Ich weiß nicht, ob vom Katholizismus mehr Industrien profitieren als die Kerzenhersteller und das Gastronomiegewerbe am Jakobsweg. Der Klimawandel ist aber zweifellos Großindustrie.Und zwar ein neuer Industriebereich, der gute Profite abwirft. Insgesamt würde die Umsetzung des Kiotoprotokolls so viel kosten, wie in der Welt für Rüstung ausgegeben wird. Unlängst erreichte mich eine Werbung für die dritte Ausbaustufe eines Solarkraftwerks bei Sevilla. 8% Rendite wurden mir angekündigt- besser als die dreifach überzeichnete Griechenlandanleihe. Der Stromverbraucher zahlt`s, mit negativer Progression für Großverbraucher. Doch auch die alten Industrien sind nicht untätig. Die Glühbirnenhersteller konnten unlängst die Verzehnfachung des Preises ihrer Produkte durchsetzen. Die Umstellung des Autoverkehrs auf Elektrizität würde der Autoindustrie für Jahrzehnte einen neuen Markt verschaffen. Wissenschaftliche Institute, spendenabhängige Umweltverbände, alle leben von der These vom Klimawandel. Eine rationale Diskussion ist schwierig, wenn derartige Interessen im Spiel sind.

War es früher vielleicht mal so, dass soziale Bewegungen an Schwung verloren, je erfolgreicher sei waren, weil der Leidensdruck der Betroffenen nachließ, so ist es heute genau umgekehrt. Die ökonomischen Interessen, die sich an die professionalisierten Bewegungen knüpfen, bilden eine Schwungmasse, die das Rad immer weiter dreht. Weit über das eigentlich sinnvolle Ziel hinaus

09:52 30.03.2010
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Geschrieben von

Schildkröte

Ich hasse Jogger
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rainer-kuehn | Community
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