Der Boden der Tatsachen

Aktivismus Wenn ich durch die Fußgängerzone gehe, werde ich wütend. Warum ich mir diese Wut nicht verbieten lasse und wie ich sie nutzen möchte.
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Es kommt immer wieder. Schubweise. Manchmal ganz unerwartet und dann umso heftiger. Es ist eine Mischung aus Wut, Ekel und Hilflosigkeit, die mich überfällt, während ich scheinbar ganz normale Dinge tue: Ich gehe eine Einkaufsstraße entlang, an einem Samstagnachmittag. Und am liebsten würde ich schreien. Überall drängeln sich Menschen durch Geschäfte, schleppen volle Tüten zur Kasse, und zwischendurch gibt es einen Coffee-to-go oder ein Fischbrötchen. "Wir shoppen nicht, wir kaufen uns glücklich", steht an der Fassade des Einkaufszentrums. Anscheinend kaufe ich viel zu wenig...

Profit steht im Mittelpunkt

Denn ich bin alles andere als glücklich. Inmitten der ganzen Menschen fühle mich außen vor. Ich frage mich, warum das Ganze hier noch so gut funktioniert, obwohl doch offensichtlich ist, welch großen Schaden es anrichtet - und die entsprechenden Informationen inzwischen für jede*n zugänglich sind, der sie sehen will: Unser Konsum beruht auf Ausbeutung, auf der Zerstörung von Mensch und Natur. Auf der einen Seite wird Reichtum für wenige geschaffen, während auf der anderen Seite die Armut wächst. Und das gilt nicht nur für die T-Shirts aus Bangladesch, die von überarbeiteten und minderjährigen Arbeiter*innen produziert wurden. Sie sind nur ein recht populäres Beispiel für ein System, dass nicht die Menschen, sondern den Markt und den Profit in den Mittelpunkt stellt.

Genau deswegen weigere ich mich, dem Versprechen von Glück und Freiheit Glauben zu schenken. Wie könnte ich? Die Gegenargumente sind erdrückend. Gerade erst war ich bei der Filiale einer großen Bäckerei-Kette und habe Unmengen an Brot und Kuchen dort abgeholt, die eigentlich im Müll gelandet wären. Wir hatten Mühe, alles zum Foodsharing-Treffpunkt zu transportieren und genügend Abnehmer zu finden. Mir ist klar, wie viele Lebensmittel jeden Tag weggeschmissen werden – Statistiken dazu gibt es schließlich genug. Und trotzdem ist es etwas anderes, das ganze Zeug zu sehen und zu tragen.

Ungerechte Verteilung

Es wurde nicht produziert, weil die Menschen es brauchen – das tun sie ganz offensichtlich nicht. Es wurde produziert, um Profit zu machen. Und obwohl am Ende so viel in der Tonne landet, erscheint in der Kasse des Unternehmens ein dickes Plus. Das mag einige Menschen glücklich machen. Mich nicht. Und auch all diejenigen nicht, die unter der völlig ungerechten Verteilung von materiellen und finanziellen Ressourcen leiden.

Wenige Stunden zuvor habe ich der Zeitung gelesen, dass Hamburg und Berlin sich um die Olympischen Spiele im Jahr 2024 bewerben wollen. Beide Städte haben hohe Schulden, sie können ihre Schulen nicht sanieren und auch keine geförderten Wohnungen bauen. Menschen werden aus ihrem Zuhause geräumt, während nebenan ein neuer Flughafen gebaut wird. Für Kita-Plätze und Lehrer*innen ist kein Geld da, aber neue Sportstätten und Hotels sind kein Problem. Finde den Fehler.

Die Geldsorgen von unkommerziellen Projekten

Später sitze ich beim Plenum eines gemeinnützigen Vereins in meiner Stadt. Eines seiner Projekte steht auf der Kippe, weil die monatliche Finanzierung nicht gesichert ist. Es fallen Miet- und Betriebskosten an, für die die Spenden nicht reichen. Dabei geht es um ein tolles Konzept, das unheimlich viel Potenzial hat: Ein nicht kommerzieller Raum, den alle Menschen für ihre Ideen und Bedürfnisse nutzen können.

Einen Umsonstladen, ein Repair-Café, eine Volxküche, Filmabende, Workshops und Seminare, Konzerte und Lesungen gibt es schon. Alles ohne kommerzielle Hintergedanken. Einige Menschen stecken viel Arbeit und Zeit in dieses Projekt, doch sie kommen immer mehr an ihre Grenzen. Vielen Aktivist*innen in anderen Projekten geht es ähnlich. Es gibt einfach zu viel zu tun und gleichzeitig zu wenig Zeit und Geld – weil das an anderen Stellen gebunden ist und dort für Zwecke genutzt wird, die mehr schaden als nutzen.

Ventil für's Gefühlschaos

Selbst wenn ich mir Mühe gebe: Ich sehe bei alledem kein Glück – und das sind nur meine Erfahrungen eines einzigen Tages. Innerhalb weniger Stunden sind die mir die Paradoxien und Unwahrheiten des Kapitalismus mal wieder vor Augen geführt worden. Wie gesagt, nicht immer setze ich mich mit solchen Gedanken intensiv auseinander, und nicht immer erzeugen sie so ein Gefühlschaos. Besonders wenn mein Kopf mit anderen Dingen beschäftigt ist – wie zuletzt mit der Prüfungszeit an der Uni. Nichts desto trotz gibt es solche Momente immer wieder und ich brauche ein Ventil für sie.

Das Schreiben ist eine Möglichkeit, wieder runterzukommen. Die andere ist, mich mit anderen Menschen zu organisieren und mich auf konkrete Projekte zu konzentrieren, die einen anderen Weg aufzeigen. Die heute schon so tun, als wäre die Welt eine andere, damit sie es irgendwann ist. Nicht immer bin ich optimistisch, was das angeht. Aber was soll ich machen? Mich dem Fatalismus hingeben und aufgeben? Oder Hedonistin werden und mir ein schönes Leben machen, während alles andere den Bach runtergeht?

Ich bin anstrengend

Mir wurde schon häufig vorgeworfen, ich sei zu radikal. Meine Ansichten wären abschreckend und das ständige Pochen auf politische Implikationen im täglichen Handeln und Konsumieren viel zu anstrengend. Ja, meine Güte, dann ist es eben so! Manchmal habe ich einfach keine Lust, bei alledem auch noch an die Empfindsamkeiten der Leute zu denken, die sich angegriffen fühlen könnten oder ihre Freiheit bedroht sehen.

Was ist das für eine Freiheit, von der wir hier sprechen? Es ist eine exklusive Freiheit, die gleichzeitig die Freiheit vieler anderer Menschen auf ein Minimum einschränkt. Wir können tun und lassen, was wir wollen - zumindest wird uns das suggeriert. Auch in den Industrieländern gibt es inzwischen genug Menschen, die nicht die "Freiheit" haben, in Urlaub zu fahren, auswärts essen zu gehen oder sich mal etwas "zu gönnen". Wir haben kein Recht, auf Kosten anderer Menschen frei zu sein.

Berechtigter Zorn

Abgesehen davon, frage ich mich, wie frei ich bin, wenn der Höhepunkt meiner Woche eine Shoppingtour am Samstagnachmittag ist, weil ich mich den Rest der Zeit von einem Chef gängeln lassen muss, unter miesen Bedingungen arbeite und keinen Sinn in dieser Arbeit sehe. Wie frei bin ich, wenn der Lohn trotz 40 Stunden nicht zum Leben reicht? Und wie frei bin ich, wenn mir die Werbung sagt, was mich glücklich macht?

Ich bin kein streitsüchtiger Mensch und ich versuche meistens, kompromissbereit und verständnisvoll zu sein. Aber angesichts der unzähligen Dinge, die Tag für Tag auf dieser Welt richtig schief laufen, finde ich es völlig angebracht, wütend zu sein – und diese Wut auch zu zeigen, sei es in Aktionen oder Diskussionen. Ganz abgesehen davon, dass meine Kritikpunkte und mein Aktivismus nur ein kleiner Ausschnitt von dem sind, was eigentlich passieren und getan werden müsste.

Es geht nicht darum, mich mit anderen zu messen oder sie aus bloßer Besserwisserei zu kritisieren. Vielmehr geht es darum, mal über den eigenen Tellerrand zu gucken und so überlegen, welche Rolle wir selbst in diesem System spielen und an welche Wahrheiten wir uns inzwischen gewöhnt haben, ohne sie noch zu hinterfragen. Wie soll eine Vision entstehen, wenn wir es nicht wagen, die Grundsätze anzugreifen? Wir müssen die unangenehmen Fragen stellen, wenn wir bessere Antworten finden wollen als der Kapitalismus. Und diese Antworten gibt es.

Moralapostel spielen

Schon höre ich die bissigen Kommentare: Wie ich all diese Menschen verurteilen könnte. Und dass ich mich nur als etwas Besseres fühlen möchte, den Moralapostel spielen will – obwohl ich selbst nicht perfekt bin. Dass ich aus einer privilegierten Position heraus argumentiere. Und dass ich mich von Konsum und Geld doch auch nicht freisprechen kann. Am besten käme ich ganz schnell von meinem hohen Ross herunter und würde die Klappe halten. Und so weiter und sofort.

Ich würde gerne weniger zynisch argumentieren. Aber dieses Mal geht es nicht anders. Und deshalb gehe ich auf die ganzen Schein-Vorwürfe an dieser Stelle auch nicht ein. Heute musste ein Ventil her. Ich weiß nicht, ob ich damit auf Verständnis stoße. Es war der Versuch, deutlich zu machen, was in einer Aktivistin vorgeht, wenn sie mal wieder auf den harten Boden der Realität fällt. Und nein, ich habe diesen Artikel nicht geschrieben, um mich zu beweisen und zu brüsten. Ich habe diesen Artikel geschrieben, um ehrlich zu sein. Und vielleicht auch, um die Wut irgendwie zu nutzen. Sie kann schließlich auch ganz produktiv sein, wenn sie sich in Motivation niederschlägt. Und die kommt zum Glück auch immer wieder.

Zum Weiterlesen:

Keine Angst vor Anarchismus

Mogelpackung "Fair Trade"

Konsumkritik: Zwischen Anspruch und Wirkung

http://vg06.met.vgwort.de/na/cb64ac0bba5e4397be8f781709b1f466

09:17 04.03.2015
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