Regine Beyß
26.04.2013 | 09:34 49

Mogelpackung "Fair Trade"

Ethischer Konsum Fairer Handel verbessert nicht die Welt - im Gegenteil. Er gaukelt dem Verbraucher eine Macht vor, die er nicht hat. Und spielt dem globalen Kapital damit in die Hände.

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied Regine Beyß

Mogelpackung "Fair Trade"

Foto: Transfair e.V.

Es kann so einfach sein, ein guter Mensch zu sein – wenn man es sich leisten kann. Immer mehr Supermärkte bieten fair gehandelte Produkte an: Ob Kaffee, Schokoladen oder Blumen – meistens finden sich in der schier unendlichen Auswahl auch Waren mit dem entsprechenden Siegel. Sie kosten zwar ein paar Euro mehr. Aber hey, das ist es mir doch wert. Der Gedanke an Kinder auf Kakao-Plantagen in Westafrika macht mir ein schlechtes Gewissen, das ich mit dem Griff zur teureren Variante leicht besänftigen kann.

Die Qual der Wahl

Auch wenn ich mich immer noch schlecht fühle, überhaupt Geld in Supermärkten auszugeben und damit ein zerstörerisches System zu unterstützen, habe ich doch ein wenig Widerstand geleistet. Ich habe meine Macht als Konsument genutzt, um den fiesen multinationalen Konzernen mal zu zeigen, was ich von ihren Ausbeutungsstrategien halte. Ich habe die Wahl – und ich habe sie getroffen.

Zum Scheitern verurteilt

Schade nur, dass meine Entscheidung das globale Kapital nicht im Geringsten interessiert. Im Gegenteil. Es freut sich, weil ich davon überzeugt bin, die Welt zu verbessern, während im Grunde alles beim Alten bleibt. Mein Gerechtigkeitsempfinden hat seinen Ausdruck gefunden, ohne den globalen Konzernen in irgendeiner Weise gefährlich zu werden. So soll es sein.

Und genau hier liegt auch der Grund, warum die Ideen von "ethischem Konsum" oder "Fair Trade" zum Scheitern verurteilen sind. Auch wenn es schwer fällt, sich von dieser relativ bequemen Form des Protests zu verabschieden, ist die Wahrheit unausweichlich: Fairer Handel ist nicht die richtige Antwort auf den globalen Kapitalismus.

"Fair Trade" ist beliebt

Warum das so ist, wurde mir zuletzt bei einem Vortrag des "Gegenstandpunkt"-Verlages vor Augen geführt. In zwei Teilen behandelten die beiden Referenten zunächst die Strukturen der globalen Marktwirtschaft und die ihr zugrunde liegenden Machtstrukturen. Anschließend ging es um die Rolle des Konsumenten, der aufgefordert ist, durch sein Verhalten das Marktgeschehen und die Produktion zu beeinflussen.

Das Kulturcafé der Ruhr-Universität Bochum war gut besucht – die Plätze reichten für die rund 150 Zuhörer kaum aus. Kein Wunder, denn immer mehr Menschen beginnen, ihren Konsum zu hinterfragen und suchen nach Alternativen. Und wie ich oben bereits angedeutet habe: "Fair Trade" ist beliebt. Das zeigen auch die neusten Zahlen: Mehr als 500 Millionen Euro gaben die Deutschen für entsprechende Produkte aus, so viel wie nie zuvor.

Reines Wunschdenken

Dass die Veranstaltung demgegenüber aber eine so kritische Haltung einnahm, hatten viele wahrscheinlich nicht erwartet. Der ein oder andere fühlte sich im Anschluss wohl ziemlich desillusioniert. Doch trotzdem sollte uns die Wahrheit lieber sein als eine Wunschvorstellung, die uns zwar in Zufriedenheit wiegt, uns aber gleichzeitig davon abhält, wirklich etwas zu ändern.

Regelmäßige Skandale

Wie also sieht sie aus, die Wahrheit? Befürworter und Unterstützer eines ethischen Konsums ziehen die falschen Schlüsse aus den Bedingungen der globalen Marktwirtschaft und setzen deshalb an der falschen Stelle an, um sie zu verändern. Für sie ist der Ausgangspunkt die Empörung über die miesen Arbeitsbedingungen in der so genannten Dritten Welt. Der Brand in einer Textilfabrik in Bangladesch ist nur das jüngste Beispiel. In trauriger Regelmäßigkeit erfahren wir, die vermeintliche Wohlstandsgesellschaft des Westens, von solchen Skandalen – sei es in den Coltan-Minen in Afrika, in Apple-Fabriken in Asien oder in Schlachtbetrieben in Osteuropa.

Moralische Verwerfung

Verantwortlich gemacht wird dafür der ungerechte Unternehmer. Die Missstände werden dargestellt als eine (einmalige) moralische Verwerfung eines ansonsten gut funktionierenden Systems. So lautet denn auch die typische Frage: Warum zahlt ein Unternehmen keine gerechten Löhne, obwohl es doch Jahr für Jahr exorbitante Gewinne einstreicht? Warum behandelt es seine Mitarbeiter so schlecht, obwohl sie die Produktion garantieren?

Die Ausbeutung hat System

Hier wird ein kausaler Zusammenhang hergestellt, der in der Realität nicht existiert. Das Verhältnis zwischen Arbeitgeber und Lohnabhängigem ist kein gegenseitiges Geben und Nehmen. Im Arbeitsverhältnis ist keine Fürsorgepflicht seitens des Unternehmens für die Mitarbeiter enthalten. Das einzige Ziel lautet: Gewinn erwirtschaften. Und deshalb muss es richtig heißen: Das Unternehmen streicht Jahr für Jahr exorbitante Gewinne ein, gerade weil es keine gerechten Löhne zahlt und seine Mitarbeiter schlecht behandelt. Ausbeutung ist systemimmanent und keine moralische Verwerfung.

Falscher Adressat

Doch aufbauend auf diesem falschem Schluss richten sich "Fair Trade"- Kampagnen an Politik und Verbraucher. Während erstere aufgefordert ist, die schlimmsten Auswüchse des Kapitalismus durch Gesetze zu verhindern, wird letzterer bei seiner persönlichen Verantwortung gepackt. Sein Einkauf sei eine permanente Abstimmung, bei der er sich für den "besseren" und "gerechteren" Anbieter entscheiden kann.

Damit soll Druck auf die "schwarzen Schafe" ausgeübt werden – schließlich wollen sie ihre Produkte auch weiterhin gewinnbringend verkaufen. Gleichzeitig wird der Verbraucher zum neuen Schuldigen. Entscheidet er sich falsch und kauft das von Kinderhänden produzierte Billg-Shirt, ist er nichts anderes als ein Nutznießer, der von den Machenschaften der Konzerne profitiert.

Konsummacht ist Illusion

Diese Argumentation hat allerdings einen großen Haken: Der Konsument hat keine Macht. Zum einen hat der Verzicht natürliche Grenzen. Wir sind auf Konsum angewiesen, weil unsere Wirtschaft auf Fremdversorgung basiert. Zum anderen müssten die Unterschiede zwischen den einzelnen Unternehmen tatsächlich sichtbar sein. Und selbst wenn sie das sind und ich mich bewusst für ein bestimmtes Produkt entscheide, wandert der Gewinn lediglich zu einem anderen Unternehmen.

Gewinnstreben bleibt unangetastet

Die Gewinnorientierung wird nicht grundsätzlich in Frage gestellt – genauso wie die Produktionsbedingungen im Kapitalismus. Der Gewinn soll nur auf etwas humanere Weise erwirtschaftet werden. Die Kaffeebauern erhalten möglicherweise einen höheren Lohn für ihre Arbeit, doch an der grundsätzlichen Ausbeutung ändert sich nichts. Die Forderungen werden dabei meist so weit heruntergeschraubt (z.B. auf ein existenzielles Minimum), dass sie mit dem Gewinnstreben weiterhin vereinbar sind.

Keine Entscheidungsfreiheit

Nur weil der Kaufakt des Konsumenten Gewinn erst möglich macht, heißt das nicht, dass er auch die Macht hat, Einfluss zu nehmen. Er entscheidet zum Beispiel nicht, welche Produkte überhaupt angeboten werden – das tun die Konzerne. So ist unsere "Auswahl" von vorneherein begrenzt. Gleichzeitig bestimmen die Arbeitgeber mit den gezahlten Löhnen auch die Kaufkraft der Konsumenten. Sinkt die Kaufkraft, setzen die Unternehmen auf Billigangebote, um auch die geringste Zahlungsfähigkeit auszunutzen. Zwei-Euro-Klamotten gibt es nicht, weil die Verbraucher sie sich gewünscht oder gar ein entsprechenden Bedürfnis hatten.

Lohnarbeit als Privileg

Wir müssen konsumieren. Um konsumieren zu können, brauchen wir Geld. Und um Geld zu haben, müssen wir einer Lohnarbeit nachgehen. Wir sind abhängig. Das gilt hier (Stichwort: wachsendes Prekariat) wie auch in den Entwicklungsländern. Einziger Unterschied: Die Menschen dort werden nicht nur ausgebeutet, sondern sind obendrein ausgeschlossen vom Konsum. Lohnarbeit ist dort oft ein seltenes Privileg, was unter anderem der Überbevölkerung geschuldet ist. Armut wird zur Geschäftsbedingung und existentielle Not zur Grundlage für Erpressung.

Zusammenhänge verschleiert

Mit der Forderung, verantwortungsbewusst und ethisch zu konsumieren, werden diese Zusammenhänge verschleiert. Die Schuld wird auf den Verbraucher abgeschoben, während die grundlegenden Strukturen des Systems zur Freude des Kapitals nicht angetastet werden. So wird die Macht der globalen Konzerne stabilisiert, anstatt sie zu brechen. Den Menschen wird vorgegaukelt, sie könnten etwas ändern, obwohl sie regelmäßig enttäuscht werden. Sie stecken mitunter viel Energie in ein ehrenwertes Ziel, doch dieses Potenzial läuft ins Leere. Was bleibt, sind häufig Schuldgefühle und Frustration.

Doch was ist die Alternative? Spontan fällt mir dazu ein Satz aus dem Aufruf des „Euromayday Ruhr“ ein.

"Um es kurz zu machen: Weil Kapitalismus immer noch scheiße ist."

Klingt banal, ist aber so. Und deshalb ist es nötig, seine Funktionsweise zu entlarven und deutlich zu machen, dass die Lohnabhängigen in Europa, Amerika, Asien, Lateinamerika und Afrika alle im gleichen Boot sitzen. Sie leiden unter denselben Strukturen, wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß.

Anstatt dem hiesigen Verbraucher zu erzählen, er könne mit fair gehandelten Bananen die Welt retten, müssen Wege für ein neues Wirtschaftssystem gefunden werden. Vor allem lokal bieten sich dafür bereits Ansatzpunkte. Die Menschen müssen nicht in ihrer Rolle des Konsumenten, sondern des Lohnabhängigen aktiv werden. Das klingt leichter gesagt, als getan. Aber Einsicht ist der erste Weg zur Besserung…

P.S. Ja, ich gebe zu: Ich habe erst diese Woche fair gehandelten Kaffee gekauft. Ist das nun schlecht? Ich bin mir nicht sicher. Im Moment ist es wohl das kleinere Übel auf einem noch langen Weg… aber ich arbeite dran.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare (49)

Lukasz Szopa 26.04.2013 | 10:51

Gut, dass Sie das P.S. gesetzt hatten - "Im Moment ist es wohl das kleinere Übel auf einem noch langen Weg… aber ich arbeite dran." - denn ich denke, dass Sie zwar Recht haben, indem Sie meinen, durch FairTrade wird die Ausbeutung und Disproportionen zwischen den "reicheren" und "ärmeren" Menschen und Ländern kaum aufgehoben, und dass FairTrade für viele Konsumenten nur ein gutes-Gewissen-Placebo ist. Dennoch - sollte man fair und am besten regional kaufen. Lieber Äpfel und Karotten aus der Region, als im Winter Bananen und Mandarinen aus Argentinien (von mir aus FairTrade). Denn ansonsten haben wir das "Ohnmachts-"Phänomen in der Bevölkerung: "Oje, es bringt nichts, regional- oder fair zu kaufen, denn man muss eigentlich das ganze System ändern (Kapitalismus) - und das wird ja dauern, selbst wenn ich als einzelner mit mache..."

Allerdings, denke ich, dass man um die Einkommensunterschiede un Ungerechtigkeit des Handels nicht nur mit Abschaffung des Kapitalimus, sondern auch - so absurd es klingen mag - mit der Erweiterung des Freien Marktes schaffen muss. Es soll möglich sein, dass Menschen aus der "dritten Welt" direkt und ohne Zwischenhändler in Europa oder USA ihre Waren anbieten, und selber die Gewinnspannen / Preise verhandeln. Es soll möglich sein, dass sie ohne Einschränkung einwandern und nach Arbeit suchen. Dann würde innerhalb von wenigen Jahzehnten das Lohn- und Preisniveau zwischen der "ersten" und der "dritten" Welt sinken. Ob dann die "reichen" Europäer eine solche Gerechtigkeit wirklich wollen?... Aus meiner Sicht ist das Problem nicht nur "Kapitalimsmus", sondern (zum Teil staatlich geförderter) Oligopolismus der Konzerne aus der "ersten Welt" - sie bestimmen die Einkaufs- wie Verkaufspreise, bestimmen die Verkaufskanäle etc.. Die EU und die USA machen dazu mit Milliarden-Subventionen für eigene Landwirtschaft und deren Exporte die Landwirtschaften anderer Länder kaputt. Also "freier Markt" - aber nur in eine Richtung...

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Ehemaliger Nutzer 26.04.2013 | 11:57

"Es soll möglich sein, dass sie ohne Einschränkung einwandern und nach Arbeit suchen. Dann würde innerhalb von wenigen Jahzehnten das Lohn- und Preisniveau zwischen der "ersten" und der "dritten" Welt sinken. Ob dann die "reichen" Europäer eine solche Gerechtigkeit wirklich wollen?"i

Das ist längst der Fall. Einwanderungsströme werden gezielt nach Europa geleitet, um Löhne und Gehälter zu drücken. Wenn dabei noch mehr Beschränkungen fallen, hätten wir hier bald das selbe Elend wie in manchen Entwicklungsländern. Warum sollten wir das wollen? Der Ärmsten geht es nicht allein deshalb besser, weil es anderen auch schlecht geht. Schöne Gerehtigkeit!

goedzak 26.04.2013 | 12:04

Konsummacht ist Illusion

Stimmt schon. Aber ein paar Leute da irgendwo haben ein etwas grechteres Einkommen. Das, die Hebung des Lohnniveaus in den entsprechenden Ländern, ist auch der einzige Weg, die Industrieansiedlung auch im sog. "Westen" und das dortige Lohnniveau wieder anzuheben. - Dies auch an die Adresse des xenophoben Herrn Kommentators H. Faust...

Lukasz Szopa 26.04.2013 | 12:21

@"Das ist längst der Fall. Einwanderungsströme werden gezielt nach Europa geleitet, um Löhne und Gehälter zu drücken. Wenn dabei noch mehr Beschränkungen fallen, hätten wir hier bald das selbe Elend wie in manchen Entwicklungsländern."

Wenn es keine Beschränkungen gibt, UND die Arbeitgeber (egal ob "hier" oder in der "3. Welt") keine Übermacht in Frage der Entlohnung hätten, würde sich das Lohnniveau hier und dort anpassen. Ja, "bei uns" um 50% drunter, dort um 50% rauf, oder so ähnlich. Warum soll ein Nigerianer pro Stunde - bei gleichen Job & Qualifikation - weniger verdienen als ein Deutscher?

Hinzu kommt der wirklich freie Handel: Ohne EU-Subventionen (nicht nur in Landwirtschaft) und ohne der Oligopole der Konzerne, die die Einkaufs- und Verkaufspreise sowie den Vertrieb kontrollieren (und somit 90% des Gewinns einstreichen) würden z.B. Produzenten aus der 3. Welt direkt "an uns" verkaufen: Sie würden mehr verdienen, und womöglich könnten hier die meisten Konsumenten für die meiste importierte Ware auch WENIGER bezahlen. Denn es würde eine Konkurrenz herrschen, die zu einem echten Nachfrage-Angebot-Preis führen würde zwischen einem afrikanischen Bauern, seinem Kaffee, und mir als Abnehmer. Was derzeit herrscht, nennt sich nur "Freie Marktwirtschaft" oder "Freihandel", ist aber von wenigern Konzernen bestimmt, die 90% der Gewinne einstreichen. Wie gesagt, für den Kapitalisten ist Monopol das beste Modell...

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Ehemaliger Nutzer 26.04.2013 | 17:05

@REGINE BEYS26.04.2013 | 09:34

Konsumentendemokratie statt echter Demokratie

Das ist der Kern der Botschaft, die auch und gerade vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk unablässig verbreitet wird, obwohl andere ihrer Beiträge genau das schonungslos offenlegen.

Mittels der Konsumentendemokratie und der ihr unterlegten moralischen Botschaft werden wir Bürger gleichsam zu Tätern erklärt.

Die Gehirnwäsche einer Nation

Konsumentendemokratie

Nicht weiter verwunderlich, dass dies in den USA erfolgreich angewandt wurde und angewendet wird.

So ganz nebenbei werden über diese Argumentation auch drastische Preiserhöhungen plausibel gemacht. Dann braucht man auch nichts über tatsächliche Wertschöpfung und Preisfindung zu berichten.

Die Argumentation verläuft dann auch immer nach dem gleichen Schema: das kann man sich doch denken, dass zu diesem Preis nichts produziert werden kann oder zumindest nichts qualitativ Hochwertiges. Wäre dem so, würden schon alle Firmen pleite sein. Natürlich zählt da immer nur eine ordentliche Kalkulation, die einem aber niemand zeigt. Und wenn ein Moderator mit dieser verdummenden Argumentation kommt, darf man ihn ruhig fragen, ob er denn die Geschäftsbücher der Firma sehen durfte und konnte. Das ist nämlich nie der Fall. Und über Marktbeherrschung erfährt man auch nichts. Zum Beispiel ist in Deutschland der Lebensmitteleinzelhandel in der Hand von 30 Unternehmensgruppen, die ca. 97,5% des Marktes beherrschen. Von wegen Transparenz und Markt, geschweige denn Wettbewerb. Auf wundersame Weise erhöhen die gleichzeitig und ohne jegliche Begründung die Preise, meist um 10-15 oder gar 20-30 %, vorwiegend bei Grundnahrungsmitteln wie Gemüse, Obst und ähnlichem, wo man nicht ausweichen kann.

georg1975 26.04.2013 | 17:23

Interessanter Artikel. Aber trotzdem: Ich denke mit dem Einkaufen von Fair-Trade-Produkten pushen wir die Löhne Richtung Mindestlohn und das ist besser als nichts zu tun. Aber als Konsument kann man noch mehr tun um eben das hier Beschriebene zu vermeiden: Bei kleinen Fair-Trade Unternehmen kaufen - dann geht der abgezwackte Mehrwert nicht an die großen Konzerne.

Aber das stimmt schon: Frei vom Arbeitszwang (und damit die Möglichkeit aus dem System auszubrechen) werden die Menschen erst, wenn man ihre Existenz von der Lohnarbeit entkoppelt. Hier sehe ich momentan nur ein bedingungsloses und globales Grundeinkommen als Ausweg. Aber das werde ich wohl nicht mehr erleben....schnief.

Dion 26.04.2013 | 20:16

Gut, mengenmäßig liegen FairTrade-Produkte noch in einstelligen Prozentbereichen, aber wenn die Steigerungsraten so bleiben, wird sich das bald ändern, und sobald das passiert, wird das wirklich sichtbar in den betroffenen Ländern – da können Bauern dann die ganze Ernte über FairTrade absetzen und nicht, wie jetzt, max. 40%.

Und was den Kapitalismus angeht: FairTrade will und kann den nicht abschaffen, da sind schon ganz andere daran gescheitert. Der Artikel verlangt nicht nur Unmögliches, er verunsichert auch die Verbraucher. Das ist auf jeden Fall kontraproduktiv.

roswitha 26.04.2013 | 21:14

Lieber bin ich ein sogenannter Gutmensch und gehe bewusster einkaufen, um die Spirale der Ausbeutung wenigstens ein klein wenig abzubremsen als mich durch die Tatsache, dass ich im Großen noch nicht das erreicht habe, was ich wollte, irritieren zu lassen. Im Übrigen kaufen Leute, die es sich leisten können, doch nur wenig in Bio oder FairTrade-Läden ein, sondern stellen sich gerne bei Aldi an.

Auch ich sähe gerechtere Arbeitsverhältnisse und die Abschaffung der Ausbeutung mit Freude. Auch wenn es noch nnicht so ist, kann ich trotzdem an EINER Stelle anfangen, kleine Gerechtigkeiten zu verankern. Die Unterstellung, dass es mir darum ginge, mich besser zu fühlen, ist eine Vereinfachung und Vereinseitigung meiner Handlungsmotive.

Die Abschaffung der Lohnabhängigkeit? Bitte ein paar konkretere Vorschläge jenseitts des bedingungslosen Grundeinkommens. Solange wir aber die Lohnabhängigkeit noch haben, brauchen wir gerechtere Löhne.

Die Frage, ob eine Ware zu billig ist, finde ich mehr als legitim.

Ich verstehe nicht, worin Ihre "Besserung, die Sie geloben" besteht.

Karl 27.04.2013 | 03:57

Ein schöner weiterer antikapitalistischer Beitrag, der sich nur hinter dem Titel zu verstecken scheint und sich mit dem Thema leider nur sehr undifferenziert bis gar nicht auseinander setzen will. Was ist fairtrade, gibt es unterschiedliche Konzepte und Alternativen? Dient der Kauf eines fairtrade Produktes der Verbesserung der Moral des Konsumenten oder bewirkt das bewusstere Konsumieren einen gesellschaftlichen Lernprozess ?

thinktankgirl 27.04.2013 | 12:13

Mich stört besonders, daß der Artikel behauptet, daß wer fair trade kaufe, dies aus moralisch/emotionellen Gründen tue, mit dem Unterton, diese Gründe - zumal nirgends belegt - seien die falschen, wobei nicht ganz klar wird, was nun die richtigen wären.

Soll ich den Artikel so verstehen, daß nur das Engagement für die sofortige Abschaffung des Kapitalismus, das einzig richtige sei und wer sich aus Gerechtigkeitsempfinden für fair trade entscheidet, nur ein Feigling mit fragwürdigem Motiv sein kann.

Es kann so einfach sein, ein guter Mensch zu sein ...

Aha, die Gutmenschenkeule ... billiges Argument, gerne von Leuten gebraucht, die Solidarität, soziale Gerechtigkeit etc. ablehnen, als Occupy-Aktivistin sollte Ihnen ein solcher Fehler nicht unterlaufen.

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Ehemaliger Nutzer 27.04.2013 | 22:39

Sehr guter Artikel. Wohltuend wenn die Betrachtung mal auf die Füße gestellt wird! Die: "wir sind selbst schuld! (falsch gekauft und gewählt)"- Artikel, die weniger verändern als vielmehr Zusammenhänge vernebeln, sollten endlich eine Ende haben.

Es ist nichts gegen FairTrade zu sagen, es bessert die Bedingungen einiger Menschen und ich kaufe es auch hin- und wieder. Das ist besser als nichts, nur sollte niemand ernsthaft meinen, er könne damit die grundlegenden Kapitalströme und Entwicklungen nennenswert beeinflussen...

"während die grundlegenden Strukturen des Systems zur Freude des Kapitals nicht angetastet werden."

So ist es. Leider kommt der Artikel über diese Kritik nicht hinaus. Gab es keine Vorschläge was man tun kann?

Ich hätte einen (von mir schon oft verlinkten), der sich sogar ganz ohne Weltregierung, von Nationalstaatsebene aus, durchsetzen liesse:

http://langweilerblog.wordpress.com/2012/04/17/utopia2-das-verantwortungszertifikat/

Sicher nicht das Nonplusultra und keiner der alles erschöpfend und grundlegend bessert (wie sich das die Deutschen meist wünschen), aber vielleicht ein Ansatzpunkt?

Eine Abkehr von der Chickago Boy- Wirtschaftspolitik würde natürlich auch schon was bringen. Aber hinsichtlich internationaler Abkommen bin ich vollkommen desillusioniert. Sie gehen ewig, sind undemokratisch, werden von voreingenommenen Instanzen geführt und vom Kapital korrumpiert...

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Ehemaliger Nutzer 27.04.2013 | 23:26

"Es soll möglich sein, dass Menschen aus der "dritten Welt" direkt und ohne Zwischenhändler in Europa oder USA ihre Waren anbieten, und selber die Gewinnspannen / Preise verhandeln."

Ja, gutmenschelnd naiv gedacht und ganz innerhalb des neoliberalen Paradigmas verharrend (Freihandel ist die Lösung für alle Probleme).

Zwischenhändler gibt es ja nicht deshalb, damit diese die armen Bauern ausbeuten, sondern Zwischenhändler gibt es:

1) weil sie über günstige Transportkapazitäten verfügen

2) Erfahrung mit Grenzformalitäten haben

3) viele Kunden kennen

4) viele Zulieferer kennen und entsprechend Entscheidungen zu Auswahl, Qualität und Menge treffen können

5) Absatz- und Verlustrisiko übernehmen, bzw. versichern können

6) verschiedene Sprachen beherrschen und die Gesetzmässigkeiten kennen und auch haftbar gemacht werden können

Oder mit anderen Worten: Zwischenhändler sind Spezialisten. Natürlich kann man z.B. per EBay Elektronikprodukte auch weltweit verkaufen. Aber davon profitiert mitnichten die junge Frau die das lötet. Elektronik ist auch nicht das typische Exportprodukt von Ländern der dritten Welt...

Womit wir beim nächsten Problem sind: ein solcher direkter Export (falls überhaupt möglich) würde nur den Bauern nutzen, insbesondere denen, die besonders gut und zunehmend industriell produzieren. Die Heerscharen and Landflüchtlingen blieben weiterhin arbeitslos und könnten sich zu allem Überfluß die Weltmarktpreise die USA und Europa zahlen, selbst nicht leisten und müssten hungern...

"Es soll möglich sein, dass sie ohne Einschränkung einwandern und nach Arbeit suchen. Dann würde innerhalb von wenigen Jahzehnten das Lohn- und Preisniveau zwischen der "ersten" und der "dritten" Welt sinken"

Man kann Naivität offenbar immer noch toppen. Wenn man nicht den blassesten Schimmer von Volkswirtschaftslehre hat, macht man sich schon auch mal zum Wegbereiter für internationale Elendsmigration.

Die Löhne sind bei uns so hoch, weil wir auf einem sehr hohen Niveau produzieren. Um ein extrem kompliziertes technisches Produkt herzustellen, braucht es eine Unmenge Voraussetzungen:

a) gute und teure Infrastruktur (Straßen, Schienen, Verkehr, Wohnraum)

b) Rechtsverlässlichkeit (Politik, Justiz und Polizei müssen einigermaßen funktionieren...)

c) hoher Bildungsgrad (Schulen, Unis, Bibliotheken)

d) ansatzweise Umverteilung von oben nach unten, bzw. ausreichende staatliche Ausgaben und Investitionen, um die breite Masse beteiligt zu halten und deren Potential nutzen zu können

e) Aufklärung und Verhütung, denn hohes Bevölkerungswachstum killt jeden Fortschritt

Natürlich kann, wenn einem sonst nichts einfällt, fordern, dass alle hierher kommen, bei denen obige Bedingungen nicht zutreffen.

Damit würde man hier für enorm zunehmende rassistische Spannungen sorgen, die Sozialsysteme würden unter den ungebildeten hoffnungsfrohen ausländischen Wirtschaftsflüchtlingen endgültig kollabieren (bzw. wegen diesen weggekürzt werden). Die Mietpreise würden ebenso in den Himmel steigen, wie wir anderswo strukturschwache Regionen schaffen und soziale Netzwerke und Familien zerreißen...

In abgeschwächter Form passiert ja genau diese urkapitalistische Konzentrationsbewegung längst: vom Land in die Städte, in D von Ost nach West und von Nord nach Süd, in Europa von Süd nach Nord, von D nach Skandinavien und die Schweiz.

Letztere hat pro Jahr 80k Einwanderer netto (auf D hochgerechnet wären das 1 Mio pro Jahr! eine Stadt wie Köln im Jahr mehr). Ist das ene sinnvolle Entwicklung? Eindeutig NEIN und notwendig ist sie schon gar nicht. Jeder Staat hat die Mittel Wohlstand für seine Bürger zu schaffen...

gelse 28.04.2013 | 07:26

>>Der Gedanke an Kinder auf Kakao-Plantagen in Westafrika macht mir ein schlechtes Gewissen, das ich mit dem Griff zur teureren Variante leicht besänftigen kann.<<
Ja.
Wenn ich einen höheren Preis für eine Tafel Schokolade bezahle, dann steigt eben erst mal die Einnahme der Schokoladenfirma. In welchem Masse (oder ob überhaupt) die Schokoladenfirma den Vorteil an ihre Aktionäre weitergibt, oder an den Besitzer der Kakaoplantage, darauf habe ich als Konsumentin keinerlei Einfluss. Falls der Preisvorteil komplett an den Plantagenbesitzer weitergegeben wird, dann heisst das noch nicht, dass der ihn benützt, um den Plantagenarbeitern bessere Löhne zu bezahlen.

Entscheiden könnten wir, wenn die hiesigen Produktionmittel unter unserer demokratischen Kontrolle wären: Dann könnten wir beschliessen, Kakao nur von dort zu importieren, wo bestimmte Mindeststandards der Arbeitbedingungen eingehalten werden. Wahrscheinlich würde Kakao dann vorübergehend etwas knapp werden, aber wir würden das sicher überleben. Auf längere Sicht würden Exporteure auf den hiesigen Markt wohl nicht verzichten, sondern unsere Importbedingungen akzeptieren.Oder die Kakaoarbeiter übernehmen auch ihre Plantagen in eigene Regie: Dann könnten wir direkt verhandeln, was wir für die Ergebnisse unserer Arbeit haben wollen, ohne dazwischen geschaltete Renditeabsaugung und dazugehörige Verschleierungspropaganda.
Über kurz oder lang kommen wir daran eh nicht vorbei, deswegen halte ich es nicht für konstruktiv, sich immer wieder Auswege auszudenken, bzw. ein Markenimage wie "fairtrade" als Denksurrogat zu benützen.

gelse 28.04.2013 | 07:54

>>Wenn es keine Beschränkungen gibt, UND die Arbeitgeber (egal ob "hier" oder in der "3. Welt") keine Übermacht in Frage der Entlohnung hätten…<<
Die „Arbeitgeber“, Besitzer der Produktionsmittel, lassen sich eben nicht sagen, was sie für die Arbeitskraft bezahlen wollen. Es sei denn, die Lieferung wird gestoppt. Das nennen wir „Streik“. Effizienter wäre es wohl den Besitzern die von uns für sie geschaffenen Produktionsmittel wegzunehmen, wenn sie die nicht in unserem Interesse einsetzen. Solange aber der Privatbesitz an Produktionsmitteln als über aller Kritik stehendes Heiligtum behandelt wird, werden wir eben mit der an Besitzer verkauften Arbeitskraft dem Renditeinteresse dienen und nicht für uns selber arbeiten. Das gilt auch für Plantagenarbeiter.

>>Ja, "bei uns" um 50% drunter,…<<

Die Lohnsenkung hier ist voll im Gange, wie Sie wissen.

>>Denn es würde eine Konkurrenz herrschen, die zu einem echten Nachfrage-Angebot-Preis führen würde zwischen einem afrikanischen Bauern, seinem Kaffee, und mir als Abnehmer.<<
So wie der Bauer in der Nachbarschaft, bei dem Sie zum Beispiel Obst kaufen? Die Frage ist nur: Fliegt der Afrikaner mit seiner Kaffee-Ernte her oder fliegen Sie hin zum Kaffeeeinkauf? Mit Fahrrad ist es doch ein bisserl weit…
Ausserdem ist das Verhältnis zwischen Käufer und Käufer keine Konkurrenz, sondern ein Interessengegensatz: Sie wollen guten Kaffee zu einem möglichst für Sie günstigen Preis kaufen, der Bauer will seinen Kaffee zu einem möglichst für ihn günstigen Preis verkaufen. Eine Konkurrenz zwischen 1000 Kleinkaffeebauern würden Sie benützen, um den Preis zu drücken. Deswegen würde ich den Bauern zur Bildung von Genossenschaften raten. Die könnten auch selber rösten und den Transport organisieren. Nur sind sie dann immer noch etwas teurer als der Plantagenbesitzer, der die Arbeiter ausbeutet. Dann könnte man sich aber eher für den höheren Preis entscheiden, weil man ja wüsste, wer ihn bekommt.

Regine Beyß 28.04.2013 | 10:20

@Roswitha @Luddisback @thinktankgirl

Ich möchte kurz richtig stellen, dass ich Menschen, die zu fair gehandelten Produkten greifen nicht grundsätzlich kritisiere. Ich tue es ja selber und auch ich muss mich immer wieder mit dem Vorwurf des "Gutmenschentums" auseinandersetzen. Insofern sehe ich niemanden, der bewusst konsumiert, weil er sich über die Auswirkungen seiner Lebensweise bewusst ist, als Feind oder gar als "emotionalen Träumer". Im Gegenteil. Ein solches Bewusstein ist heute immer noch viel zu selten - und es ist der Ausgangspunkt, um Veränderungen in Gang zu bringen.

Der Beitrag sollte darauf aufmerksam machen, dass man sich immer wieder die Strukturen dahinter vor Augen halten muss und eigene Strategien hinterfragt bzw. weiterdenkt. "Fair Trade" kann punktuelle Verbesserungen bringen, das bestreite ich nicht. Sich darauf auszuruhen, halte ich aber für falsch. Vielmehr sollten wir uns überlegen, was es bräuchte, um das Wirtschaftssystem im Ganzen zu ändern.

Und ja, für mich ist der Kampf gegen den Kapitalismus die einzige Lösung. Das bedeutet nicht, dass alle anderen Kämpfe unwichtig sind - zumal in naher Zukunft ein Ende des Kapitalismus nicht in Sicht ist. Insofern sind Verbesserungen immer wünschenswert, solange man den großen Zusammenhang nicht aus den Augen verliert.

Ich kann kein fertiges Konzept liefern. Aber ich finde die ständige Forderung nach einer Lösung verhindert, dass man sich konstruktiv mit Kritik auseinandersetzt. Es gibt genügend Konzepte, mit denen man arbeiten könnte, um die Zukunft einer postkapitalistischen Welt zu gestalten. Als Schlagwort möchte ich da die Postwachstumsökonomie nennen, die viele verschiedene Ideen miteinander verbindet: solidarische Ökonomie, Gemeingüter, Suffizienz, Subsistenz, usw. Meiner Meinung nach führt der Weg vor allem über lokale Selbstorganisation - politisch wie wirtschaftlich.

dame.von.welt 28.04.2013 | 12:26

Gerade für Kaffee gibt's Alternativen zum Supermarkt-FairTrade. Zum Beispiel in Hamburg El Rojito, in Berlin Five Elephant (die ihren Kaffee selbst importieren und immer über TransFair-Niveau zahlen, der Kaffee ist bio, obwohl er nicht zertifiziert ist, was eine zusätzliche finanzielle Belastung für die Bauern bedeuten würde) beide verschicken ihren Kaffee auch.

Ansonsten: für Teetrinker gibt's die Teekampagne, für eine ganze Menge an Produkten GEPA. Das Supermarkt-FairTrade bedient bloß die Minimalstandards, besser als gar nix, aber weit entfernt von gut.

Da der Kapitalismus aber voraussichtlich nicht Montag in zwei Wochen zugunsten von postwachstumsökonomischen Konzepten abgeschafft sein wird und auch der einheimische Kaffee-, Tee- und Kakao-Anbau noch in den Kinderschuhen steckt: mir stellt sich anhand Ihres Blogs und Ihres Kommentars die Frage, wer denn 'man' in 'Es gibt genügend Konzepte, mit denen man arbeiten könnte' genau ist. Die Forderung nach 'lokaler Selbstorganisation' scheint mir jedenfalls in Sachen Kaffee, Kakao, Tee etc. an Bewohner der sog. 3. Welt gerichtet. Nach meinem Eindruck haben Arme auf dem Land in armen Ländern meist andere Probleme, als zu einem besseren Gewissen beim möglichst wenig ausbeuterischen Leben im Falschen in reichen Ländern beizutragen.

Falls Sie ein bißchen Geld übrig haben und das in Ihren großen Zusammenhang passen sollte: Sie könnten Geld verleihen, geht bereits ab 25$ und Sie selbst haben die Wahl, wessen Geschäftsfähigkeit Sie unterstützen.

Regine Beyß 28.04.2013 | 21:40

Armin Fischer hat den Artikel auf meinem Blog kommentiert und mich gebeten, seinen Kommentar auch hier zu teilen:

Der vorliegende Artikel weist nach, dass die Macht über die Produktionsbedingungen bei den Produktionsmittelbesitzern liegt – wer hätte das gedacht – und dass über Handelsfragen tatsächlich der Handel entscheidet. So banal die Feststellung auch erscheinen mag, so richtig und wichtig ist dieser Hinweis. Denn bei vielen Menschen, die weder Tierfabriken, Nähereien oder Handelsketten ihr eigen nennen, ist eine falsche Selbstbezichtigung populär, der zufolge ohne ökonomische Differenzierung “wir alle” für Ausbeutung, Umweltzerstörung und Lebensmittelvergiftung mitverantwortlich sind, weil “wir alle” die Dinge kaufen, die andere produzieren lassen um damit Geld zu verdienen.

Die Autorin benennt die Ursache dafür, dass Agrar-, Industrie,- und Handelskapitale ihre Macht weltweit so zerstörerisch gegenüber Arbeitskräften, der Natur und der Gesundheit der Konsumenten ausüben: Im Kapitalismus geht es um die Vermehrung von Eigentum in Form von Geld (Kapital)! Die um Geldvermehrung bemühten Unternehmer sehen in der Arbeit ihrer Beschäftigten zu Recht die Quelle ihrer Bereicherung. Denn je länger und je intensiver gearbeitet wird und je weniger Lohn die Arbeitskräfte dafür bekommen, desto größer ist ihr Gewinn beim Verkauf der hergestellten Produkte. Durch Rücksicht auf die Gesundheit der Konsumenten, Schonung der Umwelt oder der Produzenten entstehen zusätzliche Kosten, die entweder den Gewinn unmittelbar schmälern oder aber als Preisaufschlag die Konkurrenzfähigkeit der eigenen Produkte beeinträchtigen und damit mittelbar ebenfalls den Gewinn senken. Und schließlich muss ein Teil der Produkte ja zumindest so billig (und entsprechend belastet) sein, dass man sie auch noch jenen Konsumenten verkaufen kann, an deren Einkommen man als Arbeitskräfte oder überflüssig gemachte Arbeitslose spart.

Mutig und konsequent zieht die Autorin aus diesen Tatsachen ein paar zwar ganz nahe liegende aber bei vielen Lesern offenbar völlig unbeliebte Schlussfolgerungen:

1. Trotz der endlosen moralischen Apelle an die Verantwortung der Verbraucher bzw. Käufer ändert sich auf der Welt nichts, weil nicht die gutmütigen Konsumenten, sondern die kapitalistischen Produzenten für die katastrophalen Zustände im weltweiten Kapitalismus verantwortlich sind. Als Käufer – mit zumeist sehr beschränkter Kaufkraft – können die Konsumenten die kapitalistischen Berechnungen mit Lohn, Arbeit, Natur und Umwelt nicht beenden oder behindern sondern immer nur beim besten Warenangebot bedienen.

2. Wenn die zahllosen Skandale, Katastrophen und Horrorberichte nicht eine endlose Kette von unmoralischen Einzelfällen sind, sondern System haben sollten, dann ist dieses System abzuschaffen.

3. Wenn die Menschen nicht unterschiedslos von ihrer Einkommenshöhe und Einkommensquelle als “Konsumenten” sondern als lohnabhängige Beschäftigte dem Kapital ihre Arbeit weltweit verweigern, dann können sie die private Verfügungsmacht der Wenigen über den weltweiten Reichtum und die Produkte der Vielen brechen. Denn die Macht des Kapitals beruht auf der Arbeit und der Armut der mittlerweile weltweiten Arbeiterklasse.

Gegen diese Schlussfolgerungen werden nun einige Einwände gebracht:

1. “Was die Autorin schreibt haben andere auch schon gesagt oder noch viel besser geschrieben.”
– Na und?
– Hat sie deshalb nicht recht?

2. “Die Autorin hat leicht reden, sie soll erst mal etwas besseres als “Fair trade” auf die Beine stellen, bevor sie das Maul so weit aufreißt.”
– Die Autorin hat nachgewiesen, warum innerhalb dieser Wirtschaftsweise Not und Umweltzerstörung systemnotwendig sind.
– Sie behauptet nicht, sie sei schlauer als “Fair Trade” und könne alles besser, sondern sie weist darauf hin, dass man nur mit einer Revolution dem Problem beikommen kann.
– Überhaupt: So erteilt man den Argumenten einer Studentin einen Maulkorb, indem man – im Wissen um ihre Ohnmacht – sie einfach mal auffordert zu schweigen, solange sie die Welt nicht effektiver “verbessert” als die etablierten Vereine.

3. “Die Autorin kritisiert nur, wo bleiben die Alternativen?”
– Warum sollte es eigentlich nicht erlaubt sein, “nur zu kritisieren”? Man muss schließlich auch kein Koch sein um zu merken, dass die Suppe versalzen ist…
– Außerdem trifft der Vorwurf gar nicht. Die Autorin verweist ja gerade auf eine Alternative: Revolution! Streik! Weltweite Solidarität der Nichtbesitzenden”. Aber eine solche Konsequenz, die theoretisch und praktisch sicher kein Spaziergang wird, ist den Kritikern offenbar zu unbequem. da ist es doch schöner, im Supermarkt mal einen anderen Kaffee zu kaufen…
- Schließlich weist die Autorin ihre Leser vielmehr darauf hin, dass sie es sich bei der Rettung der Welt zu leicht machen, wenn sie glauben, “Wir alle” müssten nur umdenken.

Fazit: Lauter unsachliche Einwände gegen eine Kritik mit ebenso begründeter wie radikaler Konsequenz gegen die herrschende Weltordnung.
- Könnte es vielleicht das sein, was die frommen Kritiker in Wirklichkeit stört?
- Könnte es vielleicht sein, dass sie nur jene “Weltverbesserungsvorschläge” akzeptieren, die zwar theoretisch haltlos aber dafür so realistisch sind, dass sich niemand und nichts auf der Welt dafür zu ändern brauch?
- Ist es vielleicht so, dass sie am Ende doch lieber guten Unternehmern noch mehr Geld in deren Taschen füllen bevor sie auch nur einen Euro oder eine Stunde dafür verwenden, diese Wirtschaftsweise zu analysieren oder jene zu unterstützen, die sich gegen ihre Ausbeutung wehren?

Karl 29.04.2013 | 10:51

"Mein Gerechtigkeitsempfinden hat seinen Ausdruck gefunden, ohne den globalen Konzernen in irgendeiner Weise gefährlich zu werden." nennen Sie als "Grund, warum die Ideen von "ethischem Konsum" oder "Fair Trade" zum Scheitern verurteilen sind."

Zum Scheitern verurteilt weil das Konzept nicht zum Ziel hat, Multinationale Konzerne zu stürzen?

Die FLO setzt laut eigener Angabe Kernanforderungen und Entwicklungskriterien, um Klein- und Vertragsbauern sowie Plantagenarbeiter*innen zu vor eben dieser Haltung der Großunternehmer zu schützen - nicht, im Falle der Plantagen, durch die Unternehmer*innen selbst, sondern durch Vertreter*innen der Angestellten.

Wenn also der Konsum von fairtrade-Produkten steigt ist das Konzept und Ziel von fairtrade keineswegs zum Scheitern verurteilt.(Es gibt sicher auch in D Kooperationen im Direkthandel durch Vereine und Initiativen, die es schon Kleinbauern ermöglichen, ohne das teure Siegel der FLO, ihre Produkte hier abzusetzen.

Im Kommentar erkennen Sie an, dass fairtrade Konsum nicht grundsätzlich Käufe für das eigene Gewissen, sondern durchaus reflektiert sein können.

Aber wenn das Gewissen nun Antrieb ist, zum fair gehandelten Produkt zu greifen, dann interessiert das den Markt nur insoweit, dass die Nachfrage nach fairtrade steigt. Auch die großen Konzerne und Ketten reagieren mitlerweile auf diese Nachfrage und selbst diese müssen sich, wollten sie das Siegel haben, an die Vorgaben der FLO halten.

fairtrade ist sicher nicht DIE Antwort auf die kapitalistische Ausbeute, aber er ist eine von vielen notwendigen.

@Armin Fischer

zum 2. Einwand:

"– Die Autorin hat nachgewiesen, warum innerhalb dieser Wirtschaftsweise Not und Umweltzerstörung systemnotwendig sind."

Der Nachweis für Systemnotwendigkeit im Zusammenhang mit fairtrade fand nicht statt.

– Überhaupt: So erteilt man den Argumenten einer Studentin einen Maulkorb, indem man – im Wissen um ihre Ohnmacht – sie einfach mal auffordert zu schweigen, solange sie die Welt nicht effektiver “verbessert” als die etablierten Vereine.

Niemand erteilte der Autorin einen "Maulkorb" und als angehende Jornalistin ist sie sicherlich in der Lage, zumal mit dem Thema vertraut gemacht, mit Kritik umzugehen. Das sollte zu jeder Arbeit egal welcher Form gehören.

"...- Schließlich weist die Autorin ihre Leser vielmehr darauf hin, dass sie es sich bei der Rettung der Welt zu leicht machen, wenn sie glauben, “Wir alle” müssten nur umdenken.""

Nein, die Autorin hat im Artikel fairtrade zum Scheitern verurteilt. Es wird nicht kritisiert, dass keine Alternative genannt wird, sondern dass fairtrade als eine Möglichkeit von Vielen ausgeschlossen wird.

Inkonsequent ist es, auf die Revolution zu warten und bis dahin die bestehenden Angebote an Versuchen, die "Welt zu verbessern", nicht zu nutzen.

Karl 29.04.2013 | 11:15

Nachtrag:

Zum fehlenden Beleg des nicht vorhandenen Einflusses des Konsumverhaltens auf die Produktionsverhältnisse schließe ich mich Thinktankgirl an.

Viele Belege, in Form von Studien, für den Einfluss sind in Ann Le Mare in "The Impact of Fair Trade on Social and Economic Development: A Review of the Literature" zu finden.

Leider wird weder im Artikel noch in Ihren Kommentarausführungen zwischen den Siegeln differenziert. Würden Sie mit Ihrer Kritik bezüglich der Supermärkte und Großhandelsketten zwischen den einzelnen Siegeln unterscheiden und nicht alle in einen Topf werfen, wären einige Punkte sicher zutreffender.

Regine Beyß 29.04.2013 | 18:05

Ich habe den Kommentar von Armin Fischer nicht selbst geschrieben. Der Autor hatte technische Probleme, die er mir nicht näher erläuterte. Deshalb kommentierte er ja auf meinem Blog. Ob Sie das glauben oder nicht, liegt nicht in meiner Macht. Dennoch möchte ich die Replik von Armin Fischer auf Ihre Anmerkungen teilen:

Sorry, wenn Sie nicht in der Lage sind, Ihre Sache argumentativ zu vertreten, ersparen Sie uns bitte den Trick mit dem Leserbrief. Ganz schlechtes Kino!

Und ich krieg einen Hals, mir so einen abwertenden, pauschalen und unpolitischen Quatsch über die Motivation von Menschen anzuhören, die sich für einen fairen Handel einsetzen.

Dagegen:
- Die Kommentatorin kann sich offenbar gar nicht richtig entscheiden, was sie nun schlimmer findet: Dass jemand anderes die Argumente des Artikels bestärkt oder dass die Autorin das nun heimlich selber macht. Könnte es sein, dass sie sich eigentlich über den Inhalt der Kritik ärgert und stattdessen die Kritiker angreift?- Spielt es für eine sachliche Erwägung überhaupt eine Rolle, wer (!) im anonymen Netz etwas sagt oder womit (!) er seine Aussage begründet? Wer thintank(!!!)girl ist, weiß doch auch niemand...- Und wenn die Autorin mit ihrer Überlegung alleine stünde, wäre das etwa der Beweis für auch nur einen theoretischen Fehler ihres Artikels? Soll wirklich wahr sein, was man gerne für wahr hält, nur weil alle (!) das so sehen und der Kritiker allein ist. Marginalisierung der Kritik ist im Reich der Meinungsfreiheit und Individualität offenbar sehr beliebt. (Zum Trost: zunächst allein standen schon immer jene, die sich mit ideologischen Weltbildern ihrer Zeit angelegt haben und gegen den Konformismus agitiert haben.)- Der "Hals" der Kommentatorin kann ruhig wieder abschwellen: Sie hat ja recht, über ihre Motive wissen wir nichts. Wahrscheinlich ist sie tatsächlich von der Idee, einfach durch den Kauf und Konsum von guten Waren im Rahmen ihrer vermutlich eher finanziell beschränkten Kaufkraft die Welt zu verändern, wirklich überzeugt. Aber mit den Denkanstößen und den kaum übersehbaren Einwänden im Artikel und in meinem Kommentar setzt sie sich nicht auseinander. (Übrigens sind die Gegner dieses Artikels auch nicht schlecht mit Unterstellungen: Demzufolge soll es sich ausgerechnet eine Studentin, die einen Vortrag besucht, der nicht im Vorlesungsverzeichnis steht und für den Sie keine Punkte bekommt, die andere über die Argumente mit einem sehr guten Artikel informiert, für den sie anders als professionelle Meinungsmacher in den Massenmedien kein Geld bekommt, und sich dabei kritisch mit einer beliebten und gerade unter ihrem Publikum weit verbreiteten Meinung auseinander setzt, zu Bequemlichkeit neigen?)

2. Nachtrag:

Sie haben in keinster Weise belegt, daß das Konsumentenverhaltenkeinen Einfluß auf die Produktionsverhältnisse hat, außer sich in abfälliger Weise sich darüber zu äußern.

Mir kommt inzwischen der Verdacht, daß damit die Macht der Konsumenten diskreditiert werden soll.


Dagegen: Das stimmt nicht. Im Artikel und im Kommentar werden gleich mehrere Argumente genannt, die sie offenbar überlesen. Egal: Die Theorie von der Konsumentenmacht geht doch selbst von Produktionsverhältnissen aus, in denen weder die unmittelbaren Produzenten, die Arbeiter und Bauern also, noch die letztendlichen Konsumenten über Inhalt, Form und Zweck der Produktion entscheiden. Die Konsumentenmacht wird doch gerade in ihrem Einfluss auf den Markt (!) begründet, die Marktwirtschaft also als Bedingung aller Überlegungen einfach mal affirmiert. Konsumboykott bei den schlechten Waren und gesteigerte Nachfrage bei den guten Produkten soll die Unternehmer stimulieren, sozialer und ökologischer produzieren zu lassen, weil sich damit mehr Geld verdienen lässt. Wenn das nicht die Produktionsverhältnisse unangetastet lässt? Mehr noch: Der Zweck der ganzen kapitalistischen Ökonomie, der Gewinn, dem immerhin die ganze Misere im Umgang mit Natur, Mensch und Tier geschuldet ist, wird ausdrücklich anerkannt, bedient und zum Mittel der Umsteuerung umgedeutet.
Der sog. "Verdacht" ist Kommentatorin ist dagegen berechtigt. Denn ganz ausdrücklich wird in unseren Beiträgen darauf verwiesen, dass die Macht "der Konsumenten" eine Fiktion ist und die Verfügungsmacht über den gesellschaftlichen Reichtum bei den Eigentümern zu suchen ist. Die eingebildetete Macht der Kaufentscheidung kann sich übrigens ohnehin nur im Rahmen der kapitalistisch kalkulierten Waren entscheiden oder auch mal einen devisenbringenden Schnaps aus Kuba oder einen Kaffee von der EZLN trinken...
Wer an die Macht der Konsumenten glaubt, der ist übrigens auch damit einverstanden, dass jeder genau so viel Macht hat, wie er Geld mit sich herumträgt! Wollt ihr das wirklich? In dieser Ideologie sind die Reichen dann nicht nur die materiellen Gewinner des Kapitalismus, die sich die schönen und gesunden Waren kaufen, sondern auch die moralischen Sieger beim Tragen der Bürde des verantwortungsvollen Konsums. Die Armen machen es sich wie gewohnt dagegen bequem und bereichern sich hemmungslos an den Regalen des Diskounters...
Noch mal: Die Macht der Konsumenten, über die Produktion zu entscheiden, wir von mir nicht diskreditiert, sondern es gibt sie eben nicht, auch wenn sich das viele gerne gegen die eigenen Erfahrung einbilden möchten.


Zum Scheitern verurteilt weil das Konzept nicht zum Ziel hat, Multinationale Konzerne zu stürzen?


Dagegen: Auch dazu ein letztes mal: Das "Konzept" des ethischen Konsums scheitert nicht, wenn es sich gar nichts anderes vornimmt, als verantwortungsvolle Kaufentscheidungen zu treffen und sich dabei viel einzubilden. Wem es aber um die Überwindung der Gemeinheiten dieser Wirtschaftsweise geht, der kommt nicht darum herum, diese zu erklären und ihre Ursachen abzuschaffen. auf eine entsprechende Revolution zu warten bringt wirklich nichts. Das muss man schon tun und das ist dann doch etwas mehr als sich ein gutes Brot zu kaufen (was ich schon aus Genuss gerne tue ohne mir gleich einzubilden, mit meiner Bio-Stulle auch nur eine Maus zu retten). Aber auf genau diese Einbildung kommt es den Kommentatoren offenbar so sehr an...

thinktankgirl 29.04.2013 | 18:43

Da ich mich seit 25 Jahren mit Kapitalismuskritik, alternativen Wirtschaftsformen etc. beschäftige, finde ich Ihren Artikel wie auch diesen Ihren Kommentar substanzlos (i.d.S. daß Argumente, Theorien, Untersuchungen etc. angeführt werden).

Wegen meinem geschwollenem Hals:

warum haben Sie nicht auch diese Kommentare zitiert:

Fadeaway Sagt:
April 27, 2013 um 1:43 nachmittags

Es kann so einfach sein, gegen das System zu sein, wenn man meint, sein Leben nicht ändern zu müssen; wenn man meint, es reicht, im Internet große Töne zu spucken und auf den Euromayday zu gehen.

Die Leute, die faire Produktionsbedingungen wollen, sind nicht deine Feinde, also lass sie ihren Weg gehen.

oder

yobitch Sagt:
April 26, 2013 um 7:09 nachmittags

@schlachtreif
“Die Tatsache, dass inzwischen vegane Produkte angeboten werden, spiegelt zwar wider, dass die Unternehmen auf eine Nachfrage der Konsumenten reagiert haben. Das tun sie aber nur, weil sie sich davon Gewinn versprechen.”

Genau das dürfte doch aber im Regelfall gemeint sein, wenn von der “Macht des Konsumenten” gesprochen wird. Da verstehe ich nicht, wie Sie auf die Idee kommen, genau diese Wechselwirkungen zu bestreiten?!

Karl 29.04.2013 | 19:43

Zum letzten Absatz:

Es wäre hilfreich für die Diskussion, wenn sie die Argumente, in diesem Fall einzelne Sätze im Zusammenhang läsen.Fahrräder (FLO) hat nicht zum Ziel Konzerne zu stürzen noch dem Konsumierenden ein vermeintlich gutes Gewissen mit dem Kauf zu machen. Ihre Kritik am System mag berechtigt, die am fairtrade aber ohne jeglichen Halt, weil undifferenziert und bisher beleglos.

Bastian84 29.06.2013 | 18:57

"Klaus Werner Lobo, Autor des Schwarzbuchs Markenfirmen, schilderte den für die kapitalistische Wirtschaftsweise konstitutiven Konkurrenzmechanismus in der Branche gegenüber dem Bayerischen Rundfunk folgendermaßen: »Das Prinzip ist einfach: Produktlinien werdenausgeschrieben, der Billigste kommt zum Zug. Wenn an einem Standort – zum Beispiel China – Löhne und Produktionskosten steigen, wandert die Karawane weiter nach Vietnam oder Kambodscha. « So etwas wie einen politisch korrekten Turnschuh« gebe es nicht, erklärte Lobo»Überlegen Sie lieber, ob’s ihr alter nicht noch ein paar Kilometer macht.« Beim Kapitalismus handelt es sich eben um eine marktvermittelte Konkurrenzveranstaltung, bei der diejenigen Marktakteure entscheidende Vorteile erringenkönnen, die mit größtmöglicher Rücksichtslosigkeit und Brutalität ihre Profite zu maximieren wissen. Ungekehrt gilt, daß diejenigen Textilkonzerne, die sich diesem Rattenrennen verweigern, Konkurrenznachteile erleiden. Deswegen gibt es keine gutmütigen Kapitalisten (mehr) – sie sind längst Bankrott gegangen. Und deswegen wird die gesamte Fair-Trade-Bewegung auch künftig nur ein marginales Marktsegment bedienen, dessen Volumen in direkter Korrelation mit dem schlechten Gewissen der linksliberalen Mittelklasse schwanken wird.

[...]

Ungefähr zur selben Zeit, als das »Bangladesch- Abkommen« unterzeichnet wurde, starben beim Einsturz der Decke einer Schuhfabrik in Kambodscha mehrere Arbeiter, ohne daß dies einen Aufschrei in der westlichen Öffentlichkeit produzierte. Das Land hat damit einen klaren Konkurrenzvorteil gegenüber Bangladesch. Angeführt von der Walt Disney Company, die ihren vollständigen Rückzug aus dem nun in Verruf geratenen Billiglohnland ankündigte, hat bereits eine Absetzbewegung aus Bangladesch eingesetzt, wie die »New York Times« Mitte Mai berichtete. Westliche Manager würden nun potentielle neue Lieferanten in Südvietnam, Zentralkambodscha und dem Hinterland von Java« ins Auge fassen. Derzeit verschafft der Name Bangladesch unserer Firma ein negatives Image«, erklärte ein Unternehmensmitarbeiter gegenüber der »New York Times«." http://www.konkret-magazin.de/hefte/aktuelles-heft/articles/an-der-lieferkette.html

Bastian84 29.06.2013 | 19:03

"Wenn es keine Beschränkungen gibt, UND die Arbeitgeber (egal ob "hier" oder in der "3. Welt") keine Übermacht in Frage der Entlohnung hätten, würde sich das Lohnniveau hier und dort anpassen." Arbeitgeber haben eine Übermacht, solange es eine industrielle Reservearmee von "Überflüssigen" gibt, und die wird es geben solange es Kapitalismus gibt. Hinzu kommt der wirklich freie Handel: Ohne EU-Subventionen (nicht nur in Landwirtschaft) und ohne der Oligopole der Konzerne, die die Einkaufs- und Verkaufspreise sowie den Vertrieb kontrollieren (und somit 90% des Gewinns einstreichen) würden z.B. Produzenten aus der 3. Welt direkt "an uns" verkaufen: Sie würden mehr verdienen, und womöglich könnten hier die meisten Konsumenten für die meiste importierte Ware auch WENIGER bezahlen. Denn es würde eine Konkurrenz herrschen, die zu einem echten Nachfrage-Angebot-Preis führen würde zwischen einem afrikanischen Bauern, seinem Kaffee, und mir als Abnehmer. Was derzeit herrscht, nennt sich nur "Freie Marktwirtschaft" oder "Freihandel", ist aber von wenigern Konzernen bestimmt, die 90% der Gewinne einstreichen. Wie gesagt, für den Kapitalisten ist Monopol das beste Modell..." "Um zu verstehen, wieso selbst die Hersteller von Markenklamotten ihre hippen Kollektionen unter solch barbarischen Bedingungen fertigen lassen, ist ein Radiobericht des stockkonservativen Bayerischen Rundfunks aufschlußreicher als jede Lektüre der »Taz«: Der schwäbische Textilunternehmer Rudolf Loder, der sich drei Jahre lang als Subunternehmer an der Ausbeutung von 2.000 Arbeitskräften in Bangladesch vor Ort versuchte, schilderte seine Erfahrungen, die ihn zur Geschäftsaufgabe nötigten, in einem Radiointerview Ende 2012: »Trotz Billiglohn und alledem hat man am Schluß auch nichts verdient«, jammerte Loder und verwies auf den »beständigen Preisdruck« seiner westlichen Auftraggeber. Die »großen Firmen« hätten »nichts bezahlt«, so daß er sich mit »Pfennigbeträgen« zufriedengeben mußte. Mögen die Arbeitsbedingungen in Bangladesch noch so erbärmlich sein, die Marktkonkurrenz sorgt dafür, daß sich selbst in diesem Elendsgebiet die effektivsten Ausbeutungsformen durchsetzen – und die kann die heimische Textilbourgeoisie immer noch besser garantieren als unerfahrene, zugereiste schwäbische Menschenschinder. Klaus Werner Lobo, Autor des Schwarzbuchs Markenfirmen, schilderte den für die kapitalistische Wirtschaftsweise konstitutiven Konkurrenzmechanismus in der Branche gegenüber dem Bayerischen Rundfunk folgendermaßen: »Das Prinzip ist einfach: Produktlinien werden ausgeschrieben, der Billigste kommt zum Zug. Wenn an einem Standort – zum Beispiel China – Löhne und Produktionskosten steigen, wandert die Karawane weiter nach Vietnam oder Kambodscha. « So etwas wie einen politisch korrekten Turnschuh« gebe es nicht, erklärte Lobo »Überlegen Sie lieber, ob’s ihr alter nicht noch ein paar Kilometer macht.« Beim Kapitalismus handelt es sich eben um eine marktvermittelte Konkurrenzveranstaltung, bei der diejenigen Marktakteure entscheidende Vorteile erringen können, die mit größtmöglicher Rücksichtslosigkeit und Brutalität ihre Profite zu maximieren wissen. Ungekehrt gilt, daß diejenigen Textilkonzerne, die sich diesem Rattenrennen verweigern, Konkurrenznachteile erleiden. Deswegen gibt es keine gutmütigen Kapitalisten (mehr) – sie sind längst Bankrott gegangen. Und deswegen wird die gesamte Fair-Trade-Bewegung auch künftig nur ein marginales Marktsegment bedienen, dessen Volumen in direkter Korrelation mit dem schlechten Gewissen der linksliberalen Mittelklasse schwanken wird." http://www.konkret-magazin.de/hefte/aktuelles-heft/articles/an-der-lieferkette.html

Bastian84 29.06.2013 | 19:14

Nicht nur, dass Alexander Richkowski recht hat, dass an der Ausbeutungstruktur nichts geändert wird, die "Fair-Trade-Ideologie" tut sogar so, als wären die Konsumenten in der halluzinierten "Konsumentendemokratie" persönlich Schuld am Elend in der Industrie. Die Konsumentenkritik lenkt von einer notwendigen Sytemkritik ab, statt andere gesellschaftliche Verhältnisse zu fordern, werden andere Menschen bein gleichen Verhältnissen gefordert.

"Sind wir nicht alle ein bißchen Kapital? Auf diesen Standpunkt scheinen sich bürgerliche Medien zurückzuziehen, wenn mal wieder die massenmörderischen Folgen der globalisierten Warenproduktion im Spätkapitalismus zu beklagen sind. Die »Taz« etwa sieht in ihrem Kommentar zum Einsturz eines Fabrikgebäudes in Bangladesch, dem Ende April mehr als 1.100 Textilarbeiterinnen zum Opfer gefallen sind, wie selbstverständlich zuerst die »Verbraucher« gefordert, die »eine Mitverantwortung für die von ihnen konsumierten Produkte« hätten. »Billige und skandalfreie Ware « könne es nicht zum »Nulltarif« geben, heißt es, »wir« müßten »mehr zahlen« und »uns auch darum kümmern …, wie produziert und geprüft wird«.

Mit dieser Haltung liegt die »Taz« ganz auf der Linie anderer investigativer Blätter wie etwa der »Brigitte«, die Anfang Mai ihren Leserinnen empfahl, beim nächsten Shoppingbummel doch mal bei der Kassiererin im Klamottenladen nachzuhaken, was das Unternehmen denn unternehme, »um die Menschenrechte in der Lieferkette sicherzustellen«. Bei diesem baumwollwindelweichen Vorschlag kommen selbstverständlich nur die Schichtenspezifischen Wahrnehmungsdefizite des opportunistischen Mittelklasseangehörigen zum Ausdruck, für den es schlicht unvorstellbar ist, daß Menschen in der BRD gezwungen sein könnten, möglichst billige Kleidung zu kaufen – was insbesondere beim Zentralorgan der Partei der Grünen tragikomisch wirkt. Das Hausblatt der Partei, die gemeinsam mit Schröders SPD mittels der Agenda 2010 dafür gesorgt hat, daß die BRD einen der europaweit größten Niedriglohnsektoren aufweist (22,3 Prozent), fordert nun den »Verbraucher« dazu auf, mehr Geld für Klamotten auszugeben.

[...] Das Alternativblatt, dessen politische Klientel sich um die zügige Annäherung der deutschen Arbeitsregimes ans Dritte-Welt-Niveau verdient gemacht hat, beklagt nun die Billigmentalität und den entsprechend großen Markt für Textildiscounter, beides Ergebnisse von Hartz IV und Agenda 2010. Diese Konsumentenschelte«, die schon vor dem Hintergrund der Prekarisierungstendenzen in der BRD absurd ist, wirkt im Krisengeplagten Europa, dessen südliche Peripherie durch das deutsche Spardiktat in eine ökonomische Zusammenbruchsregion mit einer Jugendarbeitslosigkeit von mehr als 50 Prozentverwandelt wird, schlicht obszön.

[...]

Klaus Werner Lobo, Autor des Schwarzbuchs Markenfirmen, schilderte den für die kapitalistische Wirtschaftsweise konstitutiven Konkurrenzmechanismus in der Branche gegenüber dem Bayerischen Rundfunk folgendermaßen: »Das Prinzip ist einfach: Produktlinien werdenausgeschrieben, der Billigste kommt zum Zug. Wenn an einem Standort – zum Beispiel China – Löhne und Produktionskosten steigen, wandert die Karawane weiter nach Vietnam oder Kambodscha. « So etwas wie einen politisch korrekten Turnschuh« gebe es nicht, erklärte Lobo»Überlegen Sie lieber, ob’s ihr alter nicht noch ein paar Kilometer macht.« Beim Kapitalismus handelt es sich eben um eine marktvermittelte Konkurrenzveranstaltung, bei der diejenigen Marktakteure entscheidende Vorteile erringenkönnen, die mit größtmöglicher Rücksichtslosigkeit und Brutalität ihre Profite zu maximieren wissen. Ungekehrt gilt, daß diejenigen Textilkonzerne, die sich diesem Rattenrennen verweigern, Konkurrenznachteile erleiden. Deswegen gibt es keine gutmütigen Kapitalisten (mehr) – sie sind längst Bankrott gegangen. Und deswegen wird die gesamte Fair-Trade-Bewegung auch künftig nur ein marginales Marktsegment bedienen, dessen Volumen in direkter Korrelation mit dem schlechten Gewissen der linksliberalen Mittelklasse schwanken wird." http://www.konkret-magazin.de/hefte/aktuelles-heft/articles/an-der-lieferkette.html

Bastian84 29.06.2013 | 20:00

"Dient der Kauf eines fairtrade Produktes der Verbesserung der Moral des Konsumenten oder bewirkt das bewusstere Konsumieren einen gesellschaftlichen Lernprozess ?" Meinetwegen beides. Aber wiedermal nur für jene, die es sich leisten können. 60% der Jugendlichen sind Arbeitslos. Es war die Partei genau jener bildungsbürgerlichen linksliberaleb Schichten, die Fair-Trade propagieren, die Hartz IV miteingeführt, die Arbeitsmärkte mitderuguliert usw. hat. Das größte Problem ist, dass der ganze linksliberale Irrglaube propagiert, die einzelnen und vereinzelten Individuuen seien verantwortlich für die (globalen) gesellschaftliche Verhältnisse. Gegglaubt wird an die Kräfte des Marktes, die Macht der Nachfrage, die Konsumentendemokratie also. Diese individualisierende Sichtweise auf gesellschaftliche Verhältnisse ist zutiefst "neoliberal". https://www.freitag.de/autoren/schlachtreif/mogelpackung-fair-trade#1372526077097005

Recycling-Vielfalt 02.01.2014 | 15:43

Wir betreiben einen Online-Shop für Upcycling Mode- und Wohnaccessoires, also Produkte, die aus Müll geschaffen und aufgewertet werden. Ausserdem beziehen wir alle unsere Produkte – sofern Sie im Ausland hergestellt werden – von Partnern, die auf Fairtrade setzten.

Uns ist natürlich klar, dass unsere Produkte nur die Kehrseite der Madaille der kapitalistischen Produktionsweise sind !

Dennoch haben wir unseren Shop aufgebaut, um eine Alternative zu bieten. Solange das kapitalistische System funktioniert und kein Ende abzusehen ist, wollen wir daran glauben dürfen, dass es ein gute Sache ist, Fair trade - und Recycling-Produkte wie die unseren anzubieten. Unser Anliegen ist es, einen Ausgleich zu schaffen und die Menschen, die JETZT in diesem System die Verlierer sind, möglichst gut zu unterstützen, damit ihnen ein menschenwürdigeres Leben möglich ist. Daher macht Fairtrade für uns Sinn.

Nichtsdestotrotz: ein Schritt in die richtige Richtung wäre sicher für uns alle, endlich Bescheidenheit zu lernen. Nicht immer noch mehr haben zu wollen. Lieber wenig, und bewusst zu konsumieren!

Claudia Greifenhahn 28.10.2015 | 18:35

Sie haben recht und gleichzeitig nicht. Es ist richtig, um wirklich etwas zu verändern, muss dringend der Kapitalismus abgeschafft werden, denn für diese Gesellschaftsordnung gibt es ausschließlich Gewinnmaximierungsbestrebungen. Da das aber nicht so schnell klappt ist es auch möglich, Nischen zu besetzen. Der Faire Handel besteht aus mehr als transfair - was ich ebenso wie Sie extrem in Frage stelle. Es gibt aber auch die Linie der Weltläden und alternativen Handelsorganisationen, die inzwischen einen zweiten Weg eingeschlagen haben, das Transfair-Siegel von ihren Produkten genommen haben und sich als Gesamtsystem von der WFTO ( der world fair trade organisation) in einem aufwändigen Verfahren systemzertifizieren lassen. Also von Beginn bis Ende den gesamten Warenweg kontrollieren und die Einhaltung von Fair Standards dokumentieren. Ich selbst kaufe in Supermärkten keine FairTradeProdukte ein, im Weltladen schon. Und verändere ein wenig die Welt.....