schlesinger
28.04.2010 | 13:44 17

Elie Wiesel: Propaganda für ein Groß-Jerusalem

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied schlesinger

http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/3/3b/Elie_Wiesel_2009.jpg/300px-Elie_Wiesel_2009.jpgImage via Wikipedia

"Elie Wiesel ist einfach ein furchtbarer Hochstapler". So urteilt Noam Chomsky über den wahrscheinlich prominentesten aller Holocaust-Überlebenden. Der amerikanische Historiker Howard Zinn nannte es "zutiefst beschämend", wie Elie Wiesel in seiner früheren Eigenschaft als Präsident des amerikanischen Holocaust Memorial Councils durchsetzte, dass im amerikanischen Holocaust Museum nur der jüdischen Opfer des Holocaust gedacht werden dürfe. Alles andere ist Wiesel zufolge eine Verzerrung der Geschichte und kommt dem Versuch gleich, den Juden "den Holocaust zu stehlen".

Wiesel hat vor wenigen Tagen mit ganzseitigen Anzeigen in der New York Times, der Washington Post, der International Herald Tribune, dem Wall Street Journal und weiteren großen Zeitungen für Jerusalem als der Stadt geworben, die alleine den Juden zustehen dürfe.

Das begründet der Professor für jüdische Studien an der University of Boston mit Argumenten, die in einer bisweilen peinlichen Mischung aus hochtrabendem Pathos und propagandistischer Geschichtsklitterung daherkommen. Die Anzeige beginnt damit, dass Jerusalem einmal mehr im Zentrum politischer Auseinandersetzungen steht. So weit, so unbestreitbar. Dann kommt bereits der erste von mehreren Fehltritten:

Für mich, der ich ein Jude bin, steht Jerusalem über der Politik.

Das ist ein Ausdruck von Sehnsucht. Als private Äußerung ist das hinnehmbar. Als Anzeige in großen Tageszeitungen ist aber die Forderung nach einem a-politischen Jerusalem eine hochgradig politische Äußerung. Zu fordern, Jerusalem müsse außerhalb der Politik stehen (weil es nur die Stadt der Juden sein dürfe) ignoriert die Realität am Boden, mißachtet die nicht minder legitimen Wünsche von Christen, Muslimen und Nicht-Gläubigen und setzt sich über juristische Fragestellungen hinweg. Kurz: Es ist eine ideologische Phrase.

Jerusalem steht im Mittelpunkt politischer Auseinandersetzungen, beklagt Wiesel, dürfte es aber gar nicht, wenn es nach ihm ginge. Es steht über den Dingen. Warum? Darum:

Es ist in den Heiligen Schriften mehr als 600 mal erwähnt, aber im Koran nur einmal.

Man muss den Satz wohl zweimal lesen, weil man nicht glauben will, dass ein Professor der Judaistik so etwas als Argument ausgeben will.

Mekka ist im Koran namentlich nur ein einziges mal erwähnt. Der Logik Wiesels zufolge kann Mekka unmöglich eine wichtige Rolle im Islam spielen. Weiter:

Es gehört dem jüdischen Volk und ist viel mehr als nur eine Stadt. Es ist das, was den einen Juden mit dem anderen verbindet und es bleibt schwer, das zu erklären.

Diese pathetisch-romantische Auffassung von Jerusalem mag sehr wohl von bestimmten Gruppen strenggläubiger Juden geteilt werden. Diese Meinung ist andererseits natürlich ein rücksichtsloser Schlag ins Gesicht von Millionen moderner, weltlich orientierter Juden in Israel, die mit einer solchen mythisch-überhöhten Anschauung wenig bis nichts gemeinsam haben, sondern ihr Leben in einem modernen, aufgeklärten und doch jüdischen Staat leben wollen.

Vollends zum Propagandisten wird Wiesel mit einer Behauptung, die die Wirklichkeit vor Ort schlicht verdreht:

Entgegen den Berichten bestimmter Medien IST es Juden, Christen und Moslems erlaubt, in der ganzen Stadt ihre Wohnungen zu bauen.

Wie der Autor zu dieser kühnen Behauptung kommt, muss wohl ihm überlassen bleiben. In Westjerusalem wird man keine Handvoll Häuser im Besitz von Muslimen finden. Aber das war schon immer der Kern von Propaganda: Es kommt auf die Standfestigkeit der Behauptung an, nicht auf ihren Wahrheitsgehalt.

Rückendeckung für Netanjahu?

Welches Interesse steckt nun hinter dieser massiven Polit-Marketingkampagne?

Die Beziehungen zwischen Jerusalem und Washington sind seit der Israel-Visite von US Vizepräsident Joe Biden auf einem Tiefpunkt, nachdem just während dessen Besuch bekannt gegeben wurde, dass man im arabischen Ost-Jerusalem weitere 1600 Häuser bauen werden. Israels Premier Netanjahu hat das anschliessend zum Verdruß von US Präsident Obama mehrfach bekräftigt.

Als Netanjahu dann in den USA war, erhielt er für seine Rede vor der israelischen Lobby AIPAC donnernden Applaus für sein Beharren auf den Siedlungsplänen. Von Obama wurde er anschließend frostig empfangen und ohne die übliche gemeinsame Pressekonferenz entlassen, was einer diplomatischen Ohrfeige gleichkommt.

"Bibi" Netanjahu ist keiner, der klein beigibt. Er ist auch keiner, der die elegante diplomatische Lösung sucht. Er hat seinerzeit schon Bill Clinton in die Knie gezwungen und will das auch mit Obama versuchen.

Der in den USA berühmte Wiesel dürfte dazu ein gleichermaßen geeignetes wie willfähriges Instrument sein, um die öffentliche Meinung - allem voran die für die demokratische Partei wichtige jüdische Meinung - zugunsten Jerusalems zu mobilisieren. Ein bisschen Pathos kommt dabei immer gut an.

Eigentlich kann sich Wiesel derart kostspielige Anzeigen nicht leisten. Denn seine Stiftung ist dadurch so gut wie bankrott gegangen, dass der Großteil des Stiftungsvermögens dem Fond des Investmentbetrügers Bernie Madoff anvertraut wurde.

Doch hat die Stiftung schon vor Monaten eine kleine Finanzspritze in Höhe einer halben Million Dollar erhalten. Der Spender ist kurioserweise der für seine antisemitischen Ausfälle bekannte christlich-fundamentale Prediger John Haguee, der aber seinerseits ein glühender christlicher Zionist ist und das Heilige Land von den Muslimen zurück haben will. Hier trifft sich das Interesse der Zionisten beider Läger.

Sidra DeKoven Ezrahi, Professorin an der Hebrew University in Jerusalem, hat die angemessene Wertung zu Wiesels Propaganda abgegeben:

Es seien nicht nur die Siedler, sondern auch Leute wie Wiesel, die mit ihrem Hang zu Mythos und religiösen Erlösungsphantasien dafür sorgen, dass früher oder später auch diejenigen Israelis in tödliche Gefahr geraten, die mit dieser Weltanschauung nichts gemein haben.

Es war Elie Wiesel, der anlässlich der Entgegennahme des Friedensnobelpreises mit Blick auf den Holocaust sagte:

The world did know and remained silent.

And that is why I swore never to be silent whenever and wherever human beings endure suffering and humiliation.

We must always take sides.

Wiesel hat eine Seite gewählt. Die Menschen auf der palästinensischen Seite, die Leiden und Demütigungen ertragen müssen, interessieren ihn nicht. Es sind ja Muslime.

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Photo: en.wikipedia cc Lizenz

Eine offenen Protestbrief Jerusalemer Bürger an Elie Wiesel finden Sie auf Coteret.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare (17)

schlesinger 28.04.2010 | 16:43

@Zachor!
Eine Propaganda, die einen Nahen Osten ohne Israel fordert, ist aufgrund ihrer letztlich menschenverachtenden Komponente ebenso strikt abzulehnen wie diejenige Wiesels nach einem auf immer jüdischen Jerusalem. Nur weil beide Varianten ähnlich schlecht gelagert sind, heben sie sich nicht gegenseitig an.
Natürlich hat alle Welt das recht auf freie Meinungsäußerung (hierzulande jedenfalls). Nur müssen sich diejenigen, die unter dem Schutz der Meinungsäußerung eine unversöhnliche Botschaft aussprechen darüber im Klaren sein, dass sie weiter Öl ins Feuer gießen. Das gilt für Hamas ebenso wie für den Friedensnobelpreisträger Wiesel.
Im übrigen folgt Ihre Logik der von Dick Cheney und G.W.Bush geäußerten: Wenn die anderen unsauberen Krieg führen, dürfen wir das allemal.
D.h.: der Verweis auf einen weiteren schlechten Zustand hat noch nie den schlechten Zustand, um den es gerade geht, besser gemacht.

dame.von.welt 28.04.2010 | 17:01

'es lebe das einseitige bashing!
alte sündenböcke sind immer noch die besten!'

Was wird das werden @zachor!?
Der einzige, der auf Einseitigkeit besteht, sind bislang Sie.
Ich bin auch nicht der Ansicht, daß man Positionen rechtsextremer ultraorthodoxer Siedler (um ein Extrem zu suchen) teilen muß, um das Existenzrecht Israels für unverhandelbar zu halten.

Was aber den Stellenwert Jerusalems angeht, so gibt's den für alle drei monotheistischen Religionen gleichermaßen. Weswegen ich Elie Wiesels Kampagne für kontraproduktiv und gefährlich halte. Und Schlesinger sehr für seinen Artikel danke.

Wie verbreitet ist eigentlich heute noch die Grußformel 'Nächstes Jahr in Jerusalem' - gibt's die noch? Was ja eine Traumstadt aus dem Exil gesehen beschrieb. Kennt jemand das Buch von André Kaminiski?

Welche Rolle spielt Jerusalem heute als imaginäre Stadt, als Synonym für eine nicht erreichbare Heimat? Ob Elie Wiesel hier was verwechselt?

schlesinger 28.04.2010 | 17:12

@dame.von.welt
"Nächstes jahr in Jerusalem" ist m.E. noch gültig. Wiesel dürfte nichts verwechselt haben, denn als Prof. der Judaistik sind ihm die Unterschiede zwischen Symbolik und politischen Realtiäten sicherlich bekannt. In vorliegendem Fall hat der Drang nach politischer Betätigung jenseits neutral-akademischer Betrachtung die Oberhand gewonnen.
Im übrigen hat Jerusalem vor und zu Zeiten der Staatsgründung sowie bis 1967 als Identifikationssymbol auf der politischen Bühne eine äußerst bescheidene Rolle gespielt. Die Staatsgründer waren überwiegend Sozialisten verschiedener Couleur und hatten naheliegenderweise mit religiös-mythischen Projektionen nichts am Hut. Erst später erkannte man den Nutzen. Und heute mehr denn je: Ein sehr tragischer Beitrag für die Lage der Region. Das gilt natürlich auch für die muslimische Überfrachtung von Jerusalem.

MondoPrinte 23.05.2010 | 12:35

Ja, sehr schönes Buch.
Nur, in der Logik so mancher Israelfans heute muss es sich bei "Nächstes Jahr in Jerusalem" um nichts Anderes als eine antizionistische und daher antisemitische Formel handeln, bestreitet sie doch die große Leistung des israelischen Staatswesens, die Diaspora überflüssig zu machen... *Ironiemodus off*

Und was Zachor angeht. Über freie Meinungsäußerung auch nur zu reden im Zusammenhang mit Israel-Palästina auch nur zu reden, ist doch nichts Anderes als eine Methode, Kritik an der einen oder anderen Seite abzuwehren... Natürlich hat jeder das Recht, soviel Blödsinn zu erzählen, wie er oder sie möchte. Ebenso natürlich ist es, dass dieselbe Person auch das Recht genießt, für besagten Blödsinn angemessen kritisiert zu werden.

schlesinger 24.05.2010 | 14:42

@MondoPrinte
"muslimische Überfrachtung" ist nicht besonders gut formuliert, musste gerade selbst nochmals überlegen, was ich sagen wollte. Gemeint ist: Jerusalem wird von bestimmter jüdischer (israelischer) und muslimischer Seite ein überhöhtes Maß an Bedeutung zugemessen , nennen wir es mystisch, das im wirklichen Leben, das heißt hinsichtlich politischer Streitfragen, Lösungen deutlich erschwert. Gilt auch für bestimmte christliche Perspektiven (vor allem, aber nicht nur amerikanischer Provenienz)