Israel: Bringen nur die Hardliner Frieden? (Teil I)

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Eine oft gehörte These zur israelischen Sicherheitspolitik lautet: Nicht die ach so friedliebenden Linken seien es, die im wirklichen politischen Leben Israels den Frieden brächten (oder zumindest das Potential dazu haben), sondern die Falken, die Rechten, die Hardliner.

Wer schlich vor Ausbruch des Unabhängigkeitskriegs von 1948 als Beduine verkleidet zu König Abdullah ins damalige Transjordanien, um letzte Möglichkeiten für einen Frieden auszuloten? Golda Meir, die starke Frau Israels!

Wer hat nach dem glorreichen israelischen Sieg von 1967 die Hand in Richtung Araber ausgestreckt, und auf den viel zitierten "Telefonanruf aus Amman" gewartet? General Moshe Dayan, der Held des Sechstagekriegs!

Wer hat mit den Verhandlungen von Camp David im Jahr 1979 den ersten israelisch-arabischen Frieden zustande gebracht? Menachem Begin, Chef des rechten Likud!

Wer sorgte durch eine unnachgiebige Sicherheitspolitik ab 1996 für ein drastisches Nachlassen der palästinensischen Selbstmordattentate? Benjamin Netanjahu, Chef des Likud, in seiner ersten Amtszeit als Ministerpräsident!

Wer hat den Abzug Israels aus dem Gazastreifen im Jahr 2005 angeordnet? Ariel Scharon, ebenfalls Chef des Likud!

Dem äußeren Schein nach alles zutreffend, ist mit diesen Schlagwörtern doch nur der populäre Teil der jeweiligen Geschichte dargelegt.

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GOLDA MEIR

Schon am ersten Beispiel Golda Meir zeigt sich die ganze Fragwürdigkeit einer Trennung in "links und rechts" oder "Falken und Tauben".

Die Sondierungsgespräche von Golda Meir galten keineswegs "den Arabern", sondern dem haschemitischen Königshaus in Jordanien, zu dem seit längerem gute Beziehungen bestanden. Das rührte aus den Anfängen der zionistischen Bewegung.

Prinz Faisal focht mit dem berühmten Briten "Lawrence von Arabien" an seiner Seite gegen die Osmanen und für ein unabhängiges Arabien. Gleichzeitig stand er der zionistischen Bewegung aufgeschlossen gegenüber.

Das zeigte sich nach Ende des Ersten Weltkriegs im Abkommen mit dem späteren Führer der Zionistischen Weltorganisation, Dr. Chaim Weizman. In diesem Faisal-Weizmann-Abkommen standen Dinge zu lesen, die heute zutiefst utopisch klingen:

"We Arabs... look with the deepest sympathy on the Zionist movement.

... we regard them [ the zionist goals and proposals at the Paris peace conference of 1919, Anm. S.] as moderate and proper.

We will do our best, in so far as we are concerned, to help them through;

we will wish the Jews a most hearty welcome home...

I look forward, and my people with me look forward, to a future in which we will help you and you will help us, so that the countries in which we are mutually interested may once again take their places in the community of the civilised peoples of the world."

Die Verhandlungsbereitschaft von Golda Meir galt somit einem Herrscherhaus, das von sich aus und früh Entgegenkommen und Kooperationswilligkeit zeigte. Man kann darüber spekulieren, ob Meirs Verhalten eine "linke" Friedenswilligkeit zugrunde lag, oder "nur" pragmatische, vernünftige Politik. Von letzterem verstand Meir einiges.

http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/9/90/Golda_Meir_03265u.jpgVor ihrer Zeit als Premierministerin war sie leitende Gewerkschaftlerin der mächtigen Histadrut, dann Arbeitsministerin unter dem ersten Ministerpräsidenten Ben Gurion und spätere Vorsitzende der Arbeiterpartei Mapai. All das weist sie als klassische "Linke" aus. Ben Gurion nannte sie anerkennend "seinen besten Mann im Kabinett".

Die zwei wichtigsten Prüfungen hatte Meir in 1972 und 1973 zu bestehen. Das Massaker an israelischen Sportlern während der Olympischen Spiele von 1972 veranlasste sie dazu, dem Geheimdienst Mossad die Tötung der Attentäter zu befehlen. Das führte in den folgenden Jahren zu einer Spirale der Gewalt. War Meir damit ein Hardliner? Hatte sie eine Wahl? Nichtstun hätte so viel wie Hinnahme dieses Angriffs bedeutet. Ein äußerst umstrittener Vorgang, der sich kaum beantworten lässt.

Als Syrien, Jordanien und Ägypten Israel ausgerechnet zum Auftakt des höchsten israelischen Feiertags Yom Kippur angriffen, war es Meirs nüchterne Einschätzung der Lage, die Israel überstehen ließ. Ein "Falke" wäre wohl der Empfehlung des damaligen Generalstabschefs Elazar gefolgt und hätte den Präventivschlag gegen Syrien durchgeführt. Doch Meir schätzte die kritische Haltung Washingtons richtig ein. Ein Kriegsbeginn durch Israel wäre von Nixon und Kissinger nicht unterstützt worden.

MOSHE DAYAN

Ein ähnlich vielschichtiges Bild hinsichtlich der Ausgangsfrage liefert der vormalige General und Verteidigungsminister während des Sechstagekrieges, Moshe Dayan.

http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/1/1e/Mosche_Dajan.jpgEr soll darauf gewartet haben, dass ihn die unterlegenen arabischen Führer anrufen und Frieden anbieten. Das klingt gut, macht ihn aber noch nicht zum Friedenspolitiker. Dayan kannte die arabischen Führer genug um zu wissen, dass sie nach dieser militärischen Demütigung keinesfalls um Frieden bitten würden. Denn es war keine Niederlage, die vor allem Ägypten und Syrien hinnehmen mußten, sondern eine vernichtende Niederlage.

Sie war umso schmerzlicher, als die arabischen Führer zuvor lauthals tönten "Die ursprüngliche jüdische Bevölkerung Palästinas kann, sofern sie überlebt, bleiben. Aber ich glaube, dass niemand von ihnen überlebt", so PLO-Chef Schukeiri am ersten Juni 1967, oder wie Iraks Präsident Aref trompetete: "Die Existenz Israels ist ein Fehler, der korrigiert werden muss.... Unser Ziel ist klar: Israel von der Landkarte wegzufegen."*

Dass Ägyptens Nasser wohl nur bluffte, wie man heute annimmt, war aus der damaligen israelischen Perspektive nicht erkennbar, zumal es im selben Jahr an der syrisch-israelischen Grenze zu mehreren Zwischenfällen gekommen war.

Niemand kann Dayan oder Israel verdenken, den unerwarteten Sieg gegen solche Feinde in vollen Zügen ausgekostet zu haben, ganz zu schweigen von der Erlösungsstimmung in der Bevölkerung, die mit der Einnahme Ostjerusalems und damit der Klagemauer verbunden war. Immerhin stand auf der ägyptischen Seite Präsident Gamal Abd El Nasser. Nasser war nicht nur ein glühender Nationalist, Begründer der durchaus imperialen panarabischen Bewegung, erklärter Israelhasser, sondern auch die treibende Kraft hinter der Gründung der PLO.

Apropos PLO: Weitgehend unbekannt ist, dass die PLO im Jahr 1964 durch die Arabische Liga initiiert wurde. Sie agierte dabei weniger als Befreiungsorganisation der Palästinenser, sondern als Untergrundorganisation gegen Israel, war weitgehend von Ägypten gesteuert und wurde geführt vom saudischen Diplomaten Schukeiri. Dabei stand sie in den ersten Jahren bis 1969 in Konkurrenz zu den "echten" palästinensischen Widerstandgruppen, vor allem der Fatah unter Arafat und Abu Jijad, bis sie 1969 unter der Führung Arafats zur Einheits-PLO verschmolz.

Dayan jedenfalls war in der Regierung Golda Meir erneut Verteidigungsminister. In den Stunden vor Ausbruch des Yom Kippur Krieges riet er entgegen den Empfehlungen seines Generalstabschefs von einen Präventivschlag ab und sprach sich sogar gegen eine Generalmobilmachung aus. Die Haltung eines auf Frieden bedachten Ministers oder nur die Konsequenz aus einer mangelhaften Lagebeurteilung?

Dayan war Mitglied der Arbeiterpartei. Später wechselte er in den konservativen Likud unter Menachem Begin, wurde dessen Außenminister und trug zum Abschluss des Camp-David-Abkommens bei.

Weil er mit der Siedlungspolitik Begins nicht einverstanden war, trat Dayan zurück.

Was war Dayan nun? Falke, Taube, Pragmatiker? Oder alles, je nach Zeitläuften?

In anderen Fällen als Golda Meir und Moshe Dayan lassen sich die Antworten vielleicht einfacher geben: Bei Scharon, Begin oder Netanjahu. (Teil II)

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* zit. nach Schreiber / Wolffsohn, Opladen 1989, 2. Aufl., dtv, S. 196

Bild: (c) courtesy Randall Stoltzfus, "Charon", 1999

Photo: Golda Meir, Moshe Dayan, je Wikipedia CC Lizenz

17:10 06.09.2009
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Geschrieben von

schlesinger

"Das Paradies habe ich mir immer als eine Art Bibliothek vorgestellt" Jorge Louis Borges
schlesinger

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