Martin Buber: Zur Besitznahme Palästinas

Wir hatten gewonnen. Die Vertreibung der Palästinenser im Krieg 1948 war eine Folge der besonderen Lage der Juden kurz nach der Shoah. Politische Verantwortung muss Israel dennoch übernehmen.
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http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/8/8c/Ben_Gurion_1959.jpgWas hat Israel nicht alles unternommen um dem Westen, ja der ganzen Welt zu zeigen welchen rechtmäßigen Anspruch es auf das Land habe und wie moralisch gerechtfertigt der dabei geführte Krieg war.

Kaum wurde im Mai 1948 der Staat Israel ausgerufen, haben sich die zahlreichen arabischen Armeen über das kleine Land hergemacht, das sich tapfer verteidigte. Und siegte. So wurde es uns erzählt.

Es hat dabei sein Gebiet – entgegen den Vorgaben aus dem UN-Teilungsbeschluss – erheblich vergrößert.

Die Araber waren dabei fast ganz verschwunden. Zu Hunderttausenden. Weil sie von ihren Führern aufgefordert wurden zu gehen um den anrückenden arabischen Armeen Platz zu machen, so verbreiteten es die Israelis. Wobei bis heute damit verbunden wird Obwohl sie doch gar keinen Grund hatten zu fliehen.

Wären nicht bis heute währende Tragödien mit all dem verbunden, man müsste beinahe lächeln über diese Darstellung in Technicolor.

So aber bleibt nur Staunen, wie Israel es über Jahrzehnte schaffte seine brutale Vorgehensweise als rechtschaffen darzustellen, die Palästinenser als die Aggressoren und Niederträchtigen zu brandmarken und das Los der vertriebenen Zivilbevölkerung weitgehend vergessen zu machen.

Dabei mangelte schon damals nicht an deutlichen Berichten aus Palästina.

Der jüdische Philosoph Martin Buber schrieb 1948 im Angesicht des Kriegs die folgende Anklage:

Schluß mit leeren Worten!
[...] Tag für Tag lesen wir in unseren Zeitungen, wir befänden uns in einem Verteidigungskrieg, weil wir doch angegriffen seien.
Die Tatsachen sind ziemlich einfach.
Vor zweitausend Jahren bewohnte dieses Land ein Volk, das große Dinge bewirkt hat und welches danach, auf dem ganzen Weltkreis verstreut, die innere Verbindung bewahrte.
[...] Gegen Ende des vorigen [19.] Jahrhunderts begannen kleine, später immer größer werdende Gruppen des ersten Volkes in das Land einzudringen mit der Absicht, dort eine Grundlage für seine Sammlung aufzubauen.
Im gleichen Maß wie sich zu dieser Aktion politische Forderungen gesellten, sah man bei dem anderen Volk [den Arabern] Zeichen des Unwillens, der Gegnerschaft und des Hasses.
Im Anfang akzeptierte dieses Volk das Eindringen mit Duldung, zum Teil sogar mit gutem Willen aus dem instinktiven Gefühl für das gemeinsame Interesse an der Entwicklung des Landes, obwohl von Zeit zu Zeit die Befürchtung aufkam, es könnte ihm ein seiner Lebensweise fremder Rhythmus aufgezwungen werden.
Jetzt aber entsteht eine viel realere Befürchtung, man wolle ihm die Lebensgrundlage entziehen, und wenn nicht ihm selbst, so doch den Nachkommen.
Als nun das erste Volk von Worten zu Taten schritt und die internationalen Instanzen [Vereinte Nationen] dazu bewegte, ihm politische Rechte über den besseren Teil des Landes zu gewähren, brach ein offener Konflikt aus.

Obwohl diese Worte Bubers schon in starkem Kontrast stehen zu dem, was Israel versuchte der Welt gegenüber darzustellen, war es in Wahrheit noch gravierender.
Der maßgebliche Teil der Zionisten hatte nie die Absicht mit den Arabern einen Ausgleich zu suchen. Für sie stand fest als künftige Herren nach Palästina zurück zu kehren.

Der starke Mann Israels, Staatsgründer und erster Ministerpräsident David Ben Gurion, schrieb am 5. Oktober 1937* an seinen Sohn Amos:

Ich bin mir sicher wir werden auch in allen anderen Teilen des Landes siedeln, sei es durch ein Abkommen und einem beidseitigen Verständnis mit unseren arabischen Nachbarn oder auf andere Weise.
Wir errichten jetzt erst einmal einen jüdischen Staat, auch wenn er sich nicht über das ganze Land erstreckt.
Der Rest wird mit dem Lauf der Zeit kommen. Es muss kommen.

Menachem Begin, Führer der militärischen Untergrundorganisation Irgun und späterer Ministerpräsident Israels, sagte einen Tag nach Verkündung des UN Teilungsbeschlusses im November 1947 (was de facto die lang ersehnte Gründung eines jüdischen Staates bedeutete) :

Die Teilung Palästinas ist unrechtmäßig. Wir werden das nie anerkennen. [...]
Jerusalem war und wird für immer unsere Hauptstadt sein.
Das Land Israel [Eretz Israel] wird für das Volk Israel wiederhergestellt werden.
Das ganze Land.
Und auf ewig.

Der Zionismus ist letztlich eine Variante des Nationalismus und Kolonialismus des 19.Jahrhunderts, einschließlich der damit verbundenen Überheblichkeit.

Das wurde auch innerhalb der zionistischen Reihen von einigen Wenigen mit Besorgnis gesehen. So berichtete Asher Ginsberg (Ahad Ha’am) nach einer Palästina-Reise im Jahr 1891 über die jüdischen Siedler, sie würden einen schweren Fehler begehen die Araber mit Verachtung zu behandeln und als Wilde aus der Wüste und als Esel anzusehen.

Psychologisch betrachtet erleichterte das die Operationen, die um die Staatsgründung herum anstanden.

Man musste nur die Wilden und die Esel aus dem Land jagen.

Der politische und militärische “Plan D“ der Führung um Ben Gurion sah dazu folgende Vorgehensweise vor:

Zerstörung von Dörfern (in Brand setzen, Häuser sprengen, Minen in die Trümmer legen), insbesondere in jenen Bevölkerungszentren, deren kontinuierliche Kontrolle schwierig ist.
Such- und Überwachungsoperationen nach folgenden Richtlinien: Einkreisung des Dorfes und Durchsuchung.
Im Falle von Widerstand müssen die militärischen Kräfte zerstört werden und die Bevölkerung muss außerhalb der Grenzen des Staates ausgewiesen werden.

Manche Historiker wie Benny Morris, der zuletzt auch öffentlich wieder mit der Idee von Vertreibung spielte, interpretieren den Charakter von “Plan Dalet” defensiv. Eine “Säuberung” sei nicht geplant gewesen.

Aus den tatsächlichen Ereignissen am Boden und bestätigt durch zahlreiche Berichte auch auf israelischer Seite bleibt jedoch wenig anderes übrig als den Schluß zu ziehen, dass alle Beteiligten sehr wohl wußten, was die politische Führung wollte: So viel Palästinenser wie möglich zu vertreiben.

Ein geeignetes Beispiel ist die Eroberung der weitgehend arabisch bewohnten Städte Ramle und Lydda (Operation Dani).

Obwohl auf arabischer Seite nur etwa 130 Mann der arabischen Legion vor Ort waren, ordnete die Haganah einen schweren Beschuss sowie Luftangriffe an, um die etwa 60.000 Einwohner beider Städte in Angst und Schrecken zu versetzen. Die Lageberichte der israelischen Kräfte berichteten von Massenpanik und schauderhaften Zuständen. Ein Großteil der Bevölkerung flüchtete mit dem Wenigen, was sie binnen Stunden auf Kärren, Pferde oder Kleinlaster packen konnten.

General Allon fragte Ben Gurion, was man mit der verbliebenen Bevölkerung machen solle.

Ben Gurion erwiderte mit einer unwirschen Handbewegung:

garesh otam. Vertreibt sie.**

– Schlesinger

PS.: Hat Israel damit sein Existenzrecht verwirkt? Keineswegs. Es hatte aber nie das Recht sich als Herr über Palästina aufzuführen, weder völkerrechtlich noch moralisch. Und es weigert sich seit 1948 die Verantwortung zu übernehmen für massenhaft begangenes Unrecht. Beides sind Indizien, wie viel von den unzähligen Beteuerungen zu halten ist, es wolle unbedingt Frieden. Ein Diktatfrieden war noch nie ein Frieden.

PS2.: Dieser Blog ist selbstredend keine Gesamt-Darstellung zum Krieg 1947/48. Das kann ein Blog kaum leisten. Er soll das Angebot für eine Korrektur sein, ein Versuch der Ergänzung zu dem, was allzu lange einseitig dargestellt wurde. Insofern ist er keine "ausgewogene" Darstellung. Dieser Blog will anreissen was meines Erachtens zu kurz kam oder noch immer zu kurz kommt in den bekanntesten Darstellungen auf dem Buchmarkt oder in den Zeitungen. Ganz zu schweigen von der Politik.

Quellen

Photo: Cohen Fritz (Wikimedia PD)

15:05 13.04.2012
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

schlesinger

"Das Paradies habe ich mir immer als eine Art Bibliothek vorgestellt" Jorge Louis Borges
schlesinger

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