Warschauer Tagebücher gefunden

Ghetto Wie lange ist das für die letzten Überlebenden her? 65 Jahre? Nein. Es war gestern. Oder vorgestern. Manchmal ist es auch heute.
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Erstmals wurden bislang unbekannte Tagebücher der Öffentlichkeit vorgestellt, die während der Zeit des Warschauer Ghettos (Mitte 1940 – Mai 1943) verfasst wurden.

http://www.transatlantikblog.de/wp-content/uploads/2013/01/warschauer_ghetto.jpg

Ein 37jähriger Rechtsanwalt schrieb während des Ghettoaufstandes (19. April bis 16. Mai 1943)

Eine Serie von Schüssen. Die Kugeln schlagen auf dem Kopfsteinpflaster in der Straße auf.

Die Aufständischen des Ghettos kämpfen den Kampf der Wenigen gegen die Vielen.

Auf dem Dach rattert ein Maschinengewehr. Der Kämpfer wird als Gegenwert für sein eigenes Leben einen hohen Preis verlangen.

Neben ihm sind kleine Fahnen, eine rot-weiße für Polen und eine zionistische blau-weiße.*

Morgen um diese Zeit wird alles vorbei sein. Ich sehe das kühl.

Jetzt ist es 2 Uhr nachmittag. Ich sehe in den klaren April-Himmel.

Heute nacht werden sie uns nach Treblinka schaffen.

Wenn der Morgen anbricht werde ich nicht mehr am Leben sein.

Die Überlegung ist einfach – zum letzten mal sehe ich den blauen Himmel zwischen den Wolken.**

In einem der Flure liegt die Leiche einer Frau, die gestern von einem Ukrainer erschossen wurde.

Er hat sie erschossen als sie sich dem Fenster genähert hat. Weil es verboten ist, sich dem Fenster zu nähern.

Neben der Leiche der Frau krabbelt ein vielleicht vier Jahre altes Kind.

Es fasst den leblosen Körper seiner Mutter an, zieht an ihren Haaren. Ihr regloser harter Körper belustigt das Kind. Es steckt einen Finger in den halboffenen Mund, berührt ihre glasigen Augen die nicht mehr sehen.

Und plötzlich beginnt es zu weinen, ein jammervolles Heulen.***

Am 16. Mai 1943, nach der Niederschlagung des Aufstandes, meldete SS-Brigadeführer Jürgen Stroop telegraphisch an General Krüger in Krakau:

Der ehemalige Jüdische Wohnbezirk Warschaus besteht nicht mehr. Mit der Sprengung der Warschauer Synagoge wurde die Großaktion um 20.15 Uhr beendet. […]

Gesamtzahl der erfassten und nachweislich vernichteten Juden beträgt insgesamt 56.065.

Meine Leute haben ihre Pflicht einwandfrei erfüllt.

Ihr Kameradschaftsgeist war beispiellos.

Photo: Wikipedia CC Lizenz

13:37 18.01.2013
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

schlesinger

"Das Paradies habe ich mir immer als eine Art Bibliothek vorgestellt" Jorge Louis Borges
schlesinger

Kommentare 5

Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community