schlesinger
24.10.2009 | 15:12 36

Zensiert München israelkritischen Historiker Ilan Pappé ?

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied schlesinger

Die ehemalige "Hauptstadt der Bewegung" hat doch zu NS-Zeiten genügend schlechte Erfahrungen mit Bücherverbrennungen, Denk- und Sprechverboten gemacht.

http://electronicintifada.net/artman2/uploads/1/ilan-pappe-200.jpgUnd dennoch wurde seitens der Stadt München offenbar gestern indirekt ein Sprechverbot gegen Prof. Dr. Ilan Pappé, den international anerkannten und renommierten Leiter des Instituts für Zeitgeschichte an der britischen Universität Exeter, erteilt.

Der israelische Historiker Pappé hätte am Samstag und Sonntag (24.10.2009) im Pädagogischen Institut, dessen Träger die Stadt ist, zur Reihe "Israel - Mythos und Wirklichkeit" vortragen sollen.

Darin sollte der Begriff des politischen Zionismus geklärt, sowie untersucht werden, inwiefern die heutige israelische Politik als die Verwirklichung des zionistischen Programms verstanden werden kann.

Prof. Pappé hat u.a. das Standardwerk über die ethnischen Säuberungen vorgelegt, die Israel im Zuge des sogenannten "Unabhängigkeitskrieges" 1948 nachweislich an der palästinensischen Bevölkerung Palästinas begangen hat.*

Bis zur Veröffentlichung seines Buches über die Katastrophe der Säuberungen ("Naqba" im Arabischen) war Ilan Pappé Leiter des Instituts für Konfliktforschung an der Universität Haifa.

Pappé gehört neben den anderen sogenannten "jungen Historikern" Idith Zertal, Akiva Eldar, Avi Shlaim, Tanya Reinhart oder Benny Morris zu denen, die sich erstmals ebenso gründlich wie kritisch mit der gewaltsamen Gründungsgeschichte Israels auseinander gesetzt haben.

Dabei blieb wenig übrig vom Mythos, Israel habe sich lediglich gegen die arabische Übermacht erwehrt, während die palästinensische Bevölkerung mehr oder weniger aus eigenem Entschluss geflüchtet sei. Beides war stark korrekturbedürftig.

Israel - allen voran Staatsgründer David Ben Gurion - war sehr daran interessiert, sein Territorium und die Zusammensetzung der Bevölkerung Palästinas anhand einer passenden Gelegenheit zu verändern. Diese passende Gelegenheit war schlicht: Krieg. Das schrieb Ben Gurion expressis verbis an seinen Sohn. Unmittelbar mit Kriegsbeginn wurde nach Plänen, die lange im voraus ausgearbeitet worden waren, die systematische und gewaltsame Vertreibung der palästinensischen Araber vorgenommen.

Da diese neuen Erkenntnisse, die so neu nun nicht mehr sind, in den politisch-militärischen Kreisen Israels ebensowenig gut ankommen, wie hierzulande etwa beim Zentralrat der Juden, darf niemanden wundern.

Gegen eine skeptische Haltung ist nichts einzuwenden. Kritische Stimmen, die versuchen, die Positionen der genannten Historiker aufzuweichen, gab und gibt es einige, und an einer ernsthaften, wissenschaftlich geführten Diskussion kann nichts ausgesetzt werden.

Doch vermisst man gerade die ernsthafte Diskussion. Statt dessen wird mitunter mit schwerer politischer Artillerie auf die vermeintlichen Defätisten geschossen, die das Ansehen Israels aus niederen Motiven untergraben wollen. Da nennt man Pappé einen "Advokaten der Zerstörung Israels" oder schlicht einen "Verräter", den man aus der eigenen akademischen Gemeinschaft ausgeschlossen sehen möchte (Pappé wechselte tatsächlich von der Universität Haifa nach England).

http://lh3.ggpht.com/_MawbEA36bnc/SXo5tPJ4a_I/AAAAAAAABVQ/i1Mz8jnF1VI/Nimbus_FULL.jpg?imgmax=800

Die Stadt München hat dem Veranstalter der eingangs genannten Vortragsreihe ohne Begründung mitgeteilt, dass der Veranstaltungsort nicht mehr zur Verfügung steht. Der Veranstalter, eine palästinesisch-jüdische Dialoggruppe, war genötigt rasch einen Ausweichort zu finden, was gelungen ist.

Dieses Vorgehen der Stadt München kann, sofern sich der Sachverhalt tatsächlich so darstellt, wie er seitens des Veranstalter kommuniziert wurde, nur als skandalös bezeichnet werden. In Deutschland gilt immer noch die freie Meinungsäußerung.

Gegen Rechtsradikale meist nicht vorgehen zu können, weil sie von der Meinungsfreiheit geschützt sind, ist ärgerlich, aber einen renommierten Forscher mit einem Maulkorb versehen zu wollen, weil er hier vortragen möchte, was seitens der internationalen Historikergemeinde längst akzeptiert ist, ist eine unerträgliche Vorstellung.

München ist - siehe zum Beispiel Christopher Street Day mit OB Christian Ude stets vorweg - als höchst liberale Stadt bekannt. Wäre daher wichtig zu erfahren, welches Motiv oder Interesse hinter diesem schäbigen Zensurversuch steht.

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* "The ethnic cleansing of Palestine", OneWorld, Oxford, 2006

Pressestimmen zu diesem Werk:

"If not the last word, this is a major intervention in an argument that will, and must, continue. There's no hope of lasting Middle East peace while the ghosts of 1948 still walk."
- The Independent

"Ilan Pappe is Israel's bravest, most principled, most incisive historian."
- John Pilger

"Ground breaking research into a well kept Israeli secret. A classic of historical scholarship on a taboo subject by one of Israel's foremost New Historians."
- Ghada Karmi, Institute of Arab and Islamic Studies, University of Exeter, England

"Pappe has opened up an important new line of inquiry into the vast and fateful subject of the Palestinian refugees."
- THE TIMES

"Pappé's book sheds fresh light on the practicalities of the ethnic cleansing process; he brings the reader as close as possible to the mindset of the perpetrators: the decision-makers, the supervisors and the operators. [...]

Besides the new facts that Pappé brings, his book is written in a rarely humanizing style. Throughout it he brings the destroyed villages back to life through a description of their communities, fields, buildings and collective endeavour to improve their well-being. He then moves on to describe the orders that were given to the Israeli commander who occupied these communities and concludes by succinctly describing the current state of their sites.

This book will doubtlessly be debated by scholars (and I suppose by scholars alone) of Israel/Palestine for a long time. It is highly recommended for anyone who has interest in the relevance of 1948 to the current state of the Middle East."
- Political Review Net
www.politicalreviewnet.com/polrev/reviews/INTA/R_0020_5850_748_1007869.asp

"Pappe takes issue with fellow scholar Benny Morris, pioneer of the "new" history that has supplanted the rose-tinted version of the birth of Israel in which intransigent Arabs were largely the authors of their own misfortune. If Morris undermined the foundations of the old myths and smashed large parts of the walls, Pappe brings the roof crashing down: his clear view is that the expulsion and dispossession of the Palestinians was a grand design, not the partially planned and locally varied phenomenon"
- THE GUARDIAN
www.guardian.co.uk/books/2007/feb/17/politics

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In der ZEIT versuchte der Politologe Dietmar Herz die Darlegung Pappes zu relativieren:

"Diese »ethnische Säuberung« ist für Pappe Kern einer geplanten zionistischen Politik. Konzeptionell, so Pappe, wurde diese Politik in einer »Beratergruppe« Ben Gurions entworfen, der Politiker, Militärs und Experten für arabische Angelegenheiten angehörten. Die Treffen waren zahlreich und informell. Protokolle der Gespräche liegen nicht vor. Am Neujahrstag 1948 traf sich die Gruppe zu einer besonders intensiven Beratung. Pappe zufolge wurde bei diesem Treffen der berühmte Plan D (Dalet) entwickelt, der die systematische Vertreibung der ländlichen palästinensischen Bevölkerung vorsah. Es gibt nur wenig Dokumente, die eine solche Sicht der Dinge explizit unterstützen. Nur für die Beratung des Neujahrstages liegt ein Protokoll vor. Seine übrigen Schlussfolgerungen leitet Pappe aus Tagebüchern, Memoiren und anderen Quellen ab – vor allem zieht er die Tagebücher Ben Gurions als Beleg heran. Das Buch ist also weniger eine sorgfältige historiografische Darstellung als eine Interpretation. So könnte es gewesen sein. Die Argumente sind plausibel, die Fakten aber nicht systematisch belegt."

Das ist für mich als Historiker nicht nachvollziehbar. Herz selbst attestiert Pappe, gewisse Quellen zu verwenden (bittesehr, vielleicht weiß der Politologe Herz das nicht: Tagebücher, Briefe, Tagungsprotokolle sind erstklassige Primärquellen, welche in Pappes Buch zitiert und gründlich belegt werden), aber trotzdem qualifiziert Herz, Pappe bliebe den Beweis schuldig. Das ist inkonsequent, verfälschend und offenbar interessengeleitet. Aber der Politologe Herz hat schon in anderen Bereichen merkwürdige Arbeiten vorgelegt.

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Photo: Ilan Pappé, v. electronic intifada

Bild: (c) courtesy Randall Stoltzfus

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare (36)

schlesinger 24.10.2009 | 18:14

Lieber meisterfalk, Lob ist bestens angekommen, vielen Dank!
Nur eine kleine Korrektur: ich publiziere hier nicht, sondern blogge ;-) Ich gebe zu, einmal am Status Publizist interessiert gewesen zu sein, aber das war zu Zeiten, als ich angenommen hatte, es wäre eine besondere Auszeichnung. Offenbar wird das aber nach Gießkanne, Zufallsprinzip oder evtl. auch nach quantitativen Kriterien vergeben. Ich glaube es war Magda, die das schon mal trefflich kommentiert hat. Nach meiner Reportage über die Münchner Iran-Demo, für die ich vor Ort war, O-Ton gesammelt, Photos gemacht, heftig recherchiert hatte, und die mich wenigstens 8 Std gekostet hat, hätte ich so was erwartet. Nun gut. Insofern könnte ich diesen "Titel" heute nur noch mit einem lapidaren Achselzucken hinnehmen - leider, muss ich sagen.
Was ich aber bestimmt nicht mit Achselzucken hinnehme, sind konstruktive Kommentare und / oder Lob wie von Dir. Dafür bin ich sehr gerne fleissiger Freizeit-Blogger! Herzliche Grüße, Dein Schlesinger

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magnus-goeller 24.10.2009 | 21:18

Habe ich das Wort "Meinungsfreiheit" vernommen? Sehr lustig. Es gibt sie allerdings für bestimmte Leute: "Bomber Harris do it again!" gehört dazu; und wer sie mal nicht gegen Deutsche sondern gegen Moslems richtig deftig bis zur totalen Hetze genießen mag, der klicke auf "Politically Incorrect", wo "die Musels" regelmäßig als "alle Abschaum", "alle Dreck", "völlig ohne Kunst und Kultur", "Kinderficker", "Bazillen" usw. bezeichnet werden und derartige Kommentare auch auf Dauer stehen bleiben. Wer solches gegen Juden sagte, landete im Knast.
Da die Seite aber dezidiert proisraelisch und proamerikanisch ist, macht das dort gar nichts.
Bis ich sie vor ein paar Wochen entdeckte, hätte ich nicht gedacht, dass so ein hasserfülltes Idiotenkabinett durchgeht (massenweise Zugriffe übrigens, Karikaturisten dabei, Werbung für Wilders etc.). Jedem zur Prüfung empfohlen.

schlesinger 24.10.2009 | 22:33

Lieber Herr Göller, ich kann Ihre Erregung über PI nachvollziehen, denn die Seite erregt bei mir ebenfalls nichts als Abscheu und Ekel. Dort sind derart ressentimenterfüllte, vor Hass strotzende Figuren unterwegs, dass man sich manchmal wünscht, es möge Schluss sein mit den Freiheiten, die dies zulassen. Herr Göller: Damit würden wird diesem radikalen Plebs doch genau auf den Leim gehen! Nichts wünschen die sich lieber als ein Ende der Meinungsfreiheit - zugunsten ihrer Meinung, versteht sich. Daher bitte bitte nicht das Kind mit dem Bad ausschütten! Beste Grüße, S.

schlesinger 24.10.2009 | 22:45

NACHTRAG / ERGÄNZUNG

Zum Schluss meines Beitrags fragte ich, wer hinter dem Zensurversuch steht. Auf der Webseite der Stadt München ist dazu Folgendes zu finden. Die "deutsch-israelische Gesellschaft" hat einen harschen Protest dagegen eingelegt, dass die Stadt München ihre Räumlichkeiten für "antiisraelische Propaganda" zur Verfügung stellt:

"Der Arbeitskreis Palästina/Israel hat ausschließlich Ilan Pappe eingeladen; einen Wissenschaftler, dessen Lebenswerk darin besteht , nachzuweisen, dass der Staat Israel 1948 nur durch ethnische Säuberungen gegründet werden konnte. [...]
Der oben genannten Arbeitskreis um den Lehrer Christoph Steinbrink, der sich von einer „Israel Lobby“ verfolgt fühlt, ist kaum mit Objektivität zu rechen. Was uns aber zutiefst besorgt ist, dass die Landeshauptstadt München ihr Pädagogisches Institut des Schul- und Kultusreferates dafür zur Verfügung stellt. Dieser Veranstaltungsort suggeriert, es handele sich um ein Fortbildungsangebot der Stadt und nicht um eine antiisraelisches Propagandaveranstaltung. [...]
Deshalb bittet die Deutsch-Israelische Gesellschaft AG München Sie dringend, die Vergabe der Räume zu überprüfen und die Nutzungsvereinbarung zu widerrufen. [...]
Stefan Stautner"
direktzu.muenchen.de/ude/messages/23448

schlesinger 24.10.2009 | 22:54

ERGÄNZUNG II, Süddeutsche Zeitung:

"Die Stadt München als Hausherr hatte dem Veranstalter, dem beim Eine-Welt-Haus angesiedelten Arbeitskreis Palästina/Israel, am Freitagmorgen mitgeteilt, dass man die Räume entgegen der ursprünglichen Zusage nicht nutzen könne - aus "Sicherheitsbedenken", wie die Sprecherin des Schulreferats, Eva-Maria Volland, sagt. Man habe Hinweise, dass Proteste geplant seien. Wer protestieren würde, dazu will die Stadt keine Auskunft geben. Es gebe aber, betont Volland, von Seiten des Referats "überhaupt keine inhaltlichen Bedenken gegen die Veranstaltung". Und: Man bedauere die kurzfristige Absage. Zuvor hatte die Deutsch-Israelische Gesellschaft den OB und Stadträte gebeten, dass die Stadt die Räume nicht zur Verfügung stellt."
www.sueddeutsche.de/w5M38w/3113417/Kein-Raum-fuer-umstrittenen-Historiker.html

M1xP1yne 24.10.2009 | 22:58

Leider ist dieser Scheißhaufen von einer Seite (man verzeihe mir den Ausdruck, aber ich kenne die Seite schon seit einigen Jahren) zu bekannt, um ihn einfach zu ignorieren.
Aber noch schlimmer ist, das die Leute dort vielen aus der Seele sprechen. Natürlich wird ihnen im Gespräch niemand direkt sagen, das die "Musels" ins Gas müssen (wie schon auf den Leserkommentaren von PI gesehen), aber eine feindliche Haltung gegen Muslime ist weit verbreitet. Gerade auch unter dem Deckmantel der Unterstützung Israels, den PI ja ebenfalls benutzt, hetzt es sich gut.
PI ist hierbei ein Ort, wo sich Antideutsche, Nazis und Kleingärtner treffen, und ihre Hasstiraden ablassen können.
Die Frage ist, ob erst wieder was passieren muss, bis dieser Dreck auch von der Gesamten Gesellschaft geächtet wird.
Dennoch stimme ich Schlesinger hier uneingeschränkt zu:
Die Meinungsfreiheit muss auch für solche Leute gelten. Leider!

MfG,

Max

agathon 24.10.2009 | 23:24

Leider werden kritsche Äußerungen, wenn es um Israel geht, immer noch nicht gerne gehört. Unrecht aber darf niemals verschwiegen werden; Deutschland hat zu Recht eine besondere Beziehung zu Israel, dies darf jedoch keinesfalls dazu führen unbequeme Wahrheiten nicht zu benennen. Und wenn so etwas in einem Staat wie Deutschland geschieht, in dem die Meinungsfreiheit ein immer zu verteidigendes Recht ist, dann gleicht das einem unerhörtern Skandal.

poor on ruhr 25.10.2009 | 00:01

Lieber schlesinger,

Ihre aufwändigen, kenntnisreichen Blogs bewundere ich immer sehr.
Ich bin ein Kind dieser Nachkriegsgeneration, die im vollen Schuldbewußtsein, für das was den Juden duch Deutschland von den den Nazis in schrecklichewr und unsagbarer fürchterlicher Weise angetan wurde, erzogen worden ist. Diesen Grundsätzen bin ich treu geblieben.
Natürlich versuche ich auch Israel gegenüber nicht kritiklos blind zu sein und sicher hat Israel sich in diesen vielen Kriegen auch schon Einges zuschulden kommen lassen, was nicht gut ist. Andererseits denke ich auch immer daran, dass sie sie dort von vielen selbst erklärten Feinden umgeben sind, die ins "Meer zurücktreiben" wollten.
Dennoch ist mir klar, dass die Wahrheit eigentlich nie schädlich sein kann und es hört sich schon ziemlich überzeugend an, was Sie über Pappe schreiben. Die Freiheit der Wissenschaft sollte in der BRD natürlich unangetastet bleiben.
Ich würde mich freuen, wenn Sie mir meine ehrliche Meinung im vollen Respekt gegenüber ihren tollen Blogs nicht verübeln.

Herzliche Grüße

poor on ruhr

schlesinger 25.10.2009 | 00:56

Lieber poor on ruhr, ich schätze Ihre Kommentare sehr und ganz sicher auch die kritischen davon.

Ihre Haltung verstehe und teile ich uneingeschränkt.

Wenn es um die Frage geht, wie man es mit dem Holocaust, Israel und den Juden hält, und man sich nicht auf Allgemeinplätze zurück ziehen will, hat man es mit einer letztlich sehr privaten, delikaten Frage zu tun. Ich erlaube mir in eigener Sache Prof. Martin Pöttner von www.alltagundphilosophie.com zu zitieren, von dem ich mich zutreffend beschrieben fühle:

"Wer meint, er oder sie könne ihr Leben nur aufgrund wissenschaftlicher Theorien leben,muss das selbst verantworten. Ernstzunehmende Religionskritiken sind demgegenüber diejenigen wie von [Schlesinger], dem Betreiber des Transatlantikblogs, der bei einem Besuch in Israel in Yad Vashem war – und dort den letzten Rest seines Glaubens verlor. Auf dieser Ebene sind religiöse Konzepte angelegt, sie sind lebensbestimmend oder können das sein – und wenn man ihnen nicht folgen kann, dann wird man areligiös."

Ich will nicht zu weit ins Private gehen, aber ich war zerstört in Yad Vashem; verstockt im Gespräch mit dem Theresienstadt-überlebenden Leiter der Herberge oberhalb des Genezareth, habe als Deutscher so etwas wie israelischen Patriotismus empfunden auf der Felsenfestung Massada, als ich mir das Offiziergelöbnis "Massada darf nie wieder fallen!" vorgestellt habe, habe mir in Jerusalem zunächst unwissentlich, aber dann im Gespräch klar werdend von einem Alten mit eintätowierter Auschwitz-Nummer voller Beklemmung die Haare schneiden lassen ("bist ein scheener Jung, ich mache Dir eine hibsche Frisur, hab mal keene Sorgen") - ich war kurz vorm Heulen..., habe mir fast unwillentlich in Tel Aviv mit Ingrimm wieder und wieder die Worte des israelischen Generalstaatsanwalts zum Auftakt des Eichmann-Prozesses vorgesagt:
"Wenn ich vor Euch stehe Ihr Richter Israels, in diesem Gericht, um die Anklage gegen Adolf Eichmann vorzubringen, stehe ich nicht allein. Neben mir stehen in dieser Stunde sechs Millionen Ankläger. Doch sie können nicht ihre Finger in Richtung der Glaszelle erheben gegen den mann, der dort sitzt, und nicht sagen wir klagen an. Denn ihre Asche liegt verstreut auf den Abfallhaufen von Auschwitz, auf den feldern Treblinkas, ausgeschüttet in Polens Flüssen. Ihr Blut schreit zum Himmel, und ihre Stimme ist verstummt". Mir wird noch immer übel beim Wiederholen dieser Worte...
Ach, was soll ich sagen, dieses Land hat es mir in Schmerz, Leid und Freude angetan, auch deshalb kritisiere ich es mit den Worten Ralph Giordanos "Israel, um Himmels willen, Israel" so sehr, weil ich wünschte, es wäre....
Es lässt sich nie alles in Worte fassen, vor allem nicht die wichtigsten Dinge, nicht wahr? Ja.
Ihr Schlesinger

M1xP1yne 25.10.2009 | 06:09

Naja, kommt drauf an, was sie hier als Nazis definieren...

M.E. sind das Leute, die andere Menschen aus rassistischen Motiven ablehnen, und diese als minderwertig betrachten. Meistens kommt noch eine Anlehnung an den Nationalsozialismus hinzu.
Kann sein, das das eine sehr weitgefasste Definition ist, und auch Leute einschließt, die in eine der anderen Kategorien fallen. Aber den Begriff Nazi nur auf die Typen mit den Glatzen anzuwenden wäre doch ein bisschen eingeschränkt...
Die Nazis sitzen bei PI nicht unbedingt im Team, werden aber zumindest geduldet, wenn sie kommentieren.

Hier ein paar Links zu einer Seite, die sich mit PI schon lange beschäftigt:

www.politblogger.net/ein-experiment-fuer-stefan-herre/

www.politblogger.net/pi-die-nsdap-muss-wieder-her/

www.politblogger.net/gleichzeitig-diffamiert-pi-aktionen-gegen-neonazis-und-verharmlost-antisemitismus/

www.politblogger.net/die-riechen-meilenweit-nach-muselmigranten-2/

poor on ruhr 25.10.2009 | 19:53

Lieber schlesinger,

vielen Dank für die eindrucksvolle Antwort auf meinen Kommentar in ihrem Kommentar. Bei mir sind da keine Fragen mehr. Ich habe es sehr gut gefunden, dass sie ihren Kommentar einfach so für sich haben stehen lassen und nicht versucht haben etwas gegeneinander aufzurechnen. Das ist für mich eine faire Geschichtswissenschaft. Vielen Dank.
Ihre Sprache, Ihren Aufwand, Ihr Hintergrundwissen bewundere ich ja sowieso, wie ich es Ihnen schon einige mal geschrieben habe. Ich werde über Pappe nachdenken, weil ich wirklich denke, dass die Aufdeckung der Wahrheit niemals schaden kann, wenn es um die Gründung von Staaten geht. Vielleicht wäre es ja auch eine Chance im Friedensprozeß im Nahen Osten, dass da noch mehr gegenseitiges Verständnis reinkommt.

Herzliche Grüße

por

Herzliche Grüße

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rahab 26.10.2009 | 18:34

heute nur kurz, aus der außer-berlinischen diaspora gewissermaßen: gut, dass mal wieder die 'neuen historiker' und die post-zionismis-debatte zum thema wird. kann hierzulande garnicht genug bekannt gemacht werden! und kann helfen, aus essentialisierenden erklärungen für den konflikt herauszufinden!
das stünde auch der deutsch-israelischen gesellschaft gut zu gesicht.

der klassiker zum einstieg in die post-zionismus-debatte ist für mich übrigens immer noch Dan Diner, Israel in Palästina. aus dem jahr 1982, wenn ich mich richtig erinnere... erklärt sehr gut das verhältnis von boden und ökonomie und gewalt.

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magnus-goeller 27.10.2009 | 01:45

Lieber rahab,
die Wortbildung "essentialisierend" ist immerhin diskutabel: Doch soweit meine Sprachmächtigkeit und mein allgemein logisches Denken reicht, vermag ich nicht zu begreifen, weshalb wir in Punkto Erklärungen zu dieser Sache ausgerechnet da herauskommen sollten, also weg vom Wesentlichen.
Vielleicht sind Sie so nett und erklären mir das.
MfG
Ihr
M. Göller

oranier 27.10.2009 | 10:58

Im Gegensatz zu den meisten Kommentatoren hier finde ich, dass dies ein ausgesprochen problematischer und ideologischer Beitrag ist.

Wenn du tatsächlich zum seriösen Journalisten avancieren möchtest, leiber schlesinger, wie es nach deinen Andeutungen den Anschein hast, hast du noch einiges an Hausaufgaben zu erledigen.

Zunächst einmal ist zu fragen, was du hier überhaupt willst. Willst du uns die Ergebnisse der sog. "neuen Historiker" aus Israel referieren und zur Diskussion stellen, willst du den fragwürdigen Umgang der Stadt München mit Meinungsfreiheit kritisch unter die Lupe nehmen oder willst du uns was erzählen vom fragwürdigen Einfluss "jüdisch-zionistischer Kreise" auf unsere politische Kultur?

Die Themen sind für sich genommen natürlich diskutabel und untersuchenswert, beim letzten würde ich allerdings aus Gründen der politischen Hygiene äußerste Umsicht walten lassen. Zusammengenommen aber, wie in diesem Beitrag, bildet das ganze eine derart ungute Melange, dass mich im Gegensatz zu deinen Lobhudlern hier die Wut packt und ich dich dringend bitten möchte, das Ding neu zu redigieren, und im Hinblick auf eine der Fragestellungen zu fokussieren oder den Mist hier rauszunehmen.

So ein Beitrag muss doch stimmen, aufgrund sachlicher und genau recherchierter Fakten. Da haben unterschwellige Spekulationen, die demagogisch etwas unterstellen, ohne es ausweisen zu können, grundsätzlich nichts zu suchen.

Schau die deinen Text mal an ohne deine eigenen nachgelieferten Kommentare, die die spekulativen Aussagen nur teilweise oder scheinbar stützen!

Das Demagogisch-Ideologische beginnt mit der schrillen Einleitung von der Hauptstadt der Bewegung und den Bücherverbrennungen. Das nun bruchlos in eine Reihe zu bringen mit der Rücknahme einer Saallizenz durch die Stadt ist doch eine abartige und groteske Verschiebung der Relationen.

Richtig fatal wird das jedoch erst im Zusammenschluss mit dem letzten Satz: "Wäre daher wichtig zu erfahren, welches Motiv oder Interesse hinter diesem schäbigen Zensurversuch steht." Welche finsteren Motive und Interessen sollen das wohl sein, als die des internationalen Weltjudentums? Da haste deine Hauptstadt der Bewegung, die du vorne beschwörst, in negativer Verkehrung wieder. Man könnte glatt assoziieren, dass die Nazis gewisse Denk- und Sprechverbote zurecht ausgesprochen haben, um den Juden "das freche Judenmaul zu stopfen" (Goebbels).

Dabei bringst du, hier, wo er hingehörte, keinerlei stichhaltigen Nachweis, ob einer solcher "schäbiger Zensurversuch" tatsächlich stattgefunden hat, tischst uns deine unterschwelligen Unterstellungen einfach mal so wie Wahrheiten auf.

Was hier geboten gewesen wäre, wäre: erst recherchieren, dann sauber darstellen, dann ggf. kritisieren.

2. Für eine solche Kritik, wo es tatsächlich und nachweislich um offene oder verdeckte Zensurmaßnahmen ginge, ist die Darstellung und Herausstellung Pappés und seiner Historikerkollegen als international rennomierter Wissenschaftler völlig dysfunktional. der Schutz der Meinungsfreiheit gilt gerade, von ganz wenigen Einschränkungen: Antisemitismus, Rassismus, Volksverhetzung, nicht denjenigen, die ihre Thesen wissenschaftlich wasserdicht erhärten können, sondern gilt für JEDERMANN und seine Auffassungen, seien sie noch so falsch oder schräg. Die Wissenschaftlichkeit als Argument gegen die Saalverweigerung ins Spiel zu bringen, unterminiert so das Grundrecht auf Meinungsfreiheit, statt es zu verteidigen.

3. Inhaltlich ist das alles, was du referierst, soweit ich sehe, vollkommen in Ordnung, und da das offensichtlich auch für politisch Iformierte und Interessierte kein Gemeingut ist, ist es dringend geboten, darüber öffentlich zu informieren und zu diskutieren, ach hier im Freitagsblog, wie meisterfalk zurecht anmahnt.

Das kann und sollte jedoch offensiv und sachlich neutral geschehen, ohne irgendwelche Rücksichten auf israelisch-deutsche oder palästinensisch-deutsche oder sonstwelche politischen Interessenvereinigungen. Die können ihre eigenen Veranstaltungen machen, in der Schule haben sie explizit nichts zu suchen, ob die Bildungsbehörde denen ihre Räume zur Verfügung stellen will oder nicht, ist ihre Sache. Kritikabel ist aber auf jeden Fall die plötzliche Rücknahme der Genehmigung. Wenn du meinst, es wäre wichtig, die Motive und interesse zu erfahren, dann postuliere das hier nicht, sondern recherchiere es. Du bist der Autor und Redakteur.

Was einem richtig auf den Senkel gehen kann, ist aber die unterschwellige oder offene apologetische Selbstzensur gerade von Leuten, die sich kritisch mit Israel befassen. Was soll so ein Satz, wie: "
Gegen eine skeptische Haltung ist nichts einzuwenden. Kritische Stimmen, die versuchen, die Positionen der genannten Historiker aufzuweichen, gab und gibt es einige, und an einer ernsthaften, wissenschaftlich geführten Diskussion kann nichts ausgesetzt werden."

Das ist doch Scheiße, die immer bloß speziell beim Thema Israel verbraten wird. Geh' doch mal zur Abwechslung in einen archäologischen Verein und erzähle denen: "an einer ernsthaften, wissenschaftlich geführten Diskussion kann nichts ausgesetzt werden." die denken, du hast einen in der Klatsche.

Entsprechendes gilt für die merkwürdige Tendenz, für israelkritische Positionen partout Israelis oder Juden in Anspruch zu nehmen, nach dem Muster: Wenn das schon ein Israeli vertritt (oder fünf oder sechs) dann muss ja was dran sein, als hätten die ein Patent darauf.

Uns kann doch, wo es um historische Kenntnisse und Erkenntnisse geht, der Zionismus und der Postzionismus schnuppe sein. Der Zionismus verteidigt und ferfälscht oder verharmlost zumindest natürlich die Geschichte seiner kolonialistischen Landnahme in Palästina seit jeher. Das liegt doch in seiner politischen Zielsetzung. Der "Postzionismus" eine, soweit ich weiß, im wesentlichen innerzionistische politische Bewegung in Israel, die angetreten ist, die tradierte Geschichtsfälschung gegen den Strich zu bürsten. Das ist in Israel und für Israel sicherlich wichtig, aber was haben wir damit zu tun?

Deren Erkenntnisse, die hier angeführt werden, als seien sie neue Entdeckeungen, sind nicht nur nicht neu, auch "nicht ganz neu", sondern alte Hüte. Die massenhaften Vertreibungen und "ethnischen Säuberungen" (ein scheußliches Wort) samt Massakrierungen von ganzen Dorfbevölkerungen an Palästinensern sind natürlich international bekannt, seit sie geschehen sind, innerhalb der UN und von Menschenrechtsorganisationen dokumentiert, in der internationalen Forschung völlig unstrittig, und seinerzeit von zionistisch-israelischen Politikern und verbrecherischen Terroristen, was sie mehrfach in Personalunion waren, wie Menachim Begin, offensiv propagiert.

Darüber kann man sich auch nicht erst seit dem hier empfohlenen Buch des länger bei "Walter Hollstein, Kein Frieden um Israel - Zur Sozialgeschichte des Palästina.Konflikts", das 1972 (!) erschienen ist und eine Fülle von Quellen und Belegen enthält.

Und die Redaktion möchte ich doch herzlich bitten, die unterschwellige Unterstellung in der rhetorischen Frage in der Überschrift zu streichen.
Ihr seid eine verdammte Zeitung, und als solche ist eure Aufgabe, die Leser zu informieren über etwas, was ihr rausgekriegt habt, nicht die Leser mit offenen Fragen zu behelligen.

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meisterfalk 27.10.2009 | 11:28

Lieber oranier, erstmal was zu mir: Ich habe ausgeprägte Meinungen zu vielen Themen und Problemen. Leider aber fehlen mir häufig über ein Mindestmaß hinausgehende Kenntnisse von Fakten und um Zusammenhänge, was die Gefahr von Irrtümern erhöht, vor allem aber es erschwert, diese Meinungen zu dezidiert vertreten. Vom Palästina-Konfklikt weiß ich vielleicht etwas mehr als viele, die da Partei ergreifen, aber doch viel zu wenig. Also bin ich schlesinger und rahab sehr dankbar, wenn sie hier Texte und Kommentare dazu abgeben. Ich bin dann aber auch Dir z.B. dankbar, wenn Du Dir die Mühe machst, so ausführlich mit wiederum Deinen Kenntnissen und Meinungen die Diskussion über das Level der Beifallskundgebung hinauszubringen.
Stil- und Methodenkritik ist legitim und angebracht, Aufforderungen zu eingreifender Redaktion sind problematisch. In einigen wenigen Fällen ist das hier schon geschehen, wäre in diesem Fall aber wohl völlig überzogen. Würde es schlesinger tatsächlich unternehmen, eine 'jüdisch-zionistische Intrige' zu behaupten, wäre ein triftiger Grund gegeben. Das aber können wohl nur die üblichen Verdächtigen meinen.
Dass die hier angesprochenen Zusammenhänge prinzipiell bekannt sind (Danke für den Hinweis auf W. Hollstein!) hat ja nicht verhindert, dass jemand, der sie heute ausspricht, angegriffen wird, und ist auch kein Grund, es nicht denen (jüngeren) zu sagen, die aus bekannten Gründen heute nicht gerade mit der Nase drauf gestoßen werden in den mainstream Medien.

oranier 27.10.2009 | 12:05

1. Ich wollte nicht die Redaktion gegen den ganzen Artikel mobilisieren, sondern habe sie nur gebeten, die Überschrift zu ändern, für die sie gemeinhin verantwortlich zeichnet, und habe schlesinger aufgefordert, den Artikel entsprechend meiner Kritik, der du gerne widersprechen kannst, von der du aber nur einen Punkt aufgreifst, neu zu redigieren oder selber den artikel zu verwerfen. Das ist doch ein fundamentaler Unterschied, oder?

2. Zu dem kritisierten Punkt: Natürlich unterstellt schlesinger keine "jüdisch-zionistische Intrige", und natürlich liegt es mir fern, ihm antisemitische Motive oder Haltungen zu unterstellen, das klarzstellen, daran ist mir ausdrücklich gelegen.

Ich habe aber von umsichtigem Umgang mit dem Topos "jüdische Interessen" reklamiert. Im Text ist vom Zentralrat die Rede, der m.E. in dem Konflikt überhaupt nicht in Erscheinung tritt. Und wenn er in Erscheinug träte und Einschränkungen der Meinungsfreiheit zu bewirken versuchte, wäre ich bei der Kritik natürlich dabei. So befördert es aber antisemitische Assoziationen, die ich, wie gesagt, nicht unterstelle. So etwas, wie die Frage nach "dahinterstehenden Interessen" wird nicht in den Leeren Raum gesprochen, sondern in einen möglicherweise belasteten Rezeptionszusammenhang. Auch der Faschismus-Vergleich ist eine groteske Verzerrung des Ereignisses.

Kurz und gut, ich beharre auf meiner Kritik, die nicht den einzelnen aussagen und Aspekten, sondern der spezifischen Melange gilt, ich dachte, das hätte ich verständlich gemacht, stehe natürlich zensurmaßnahmen ablehnend gegenüber, wie kommst du bloß darauf? Würde mich insofern freuen, zumal von dir, wenn meine Kritik ernst und beim Wort genommen würde.

Natürlich lehne ich nicht die Rezeption der "neuen Historiker" ab, das wäre ja widersinnig. Ich denke im Gegenteil, wie ausgeführt, dass man nicht so tun sollte, als wäre das alles neu, was die erzählen, und dass wir hier die Debatte im Prinzip ohne sie führen können, und ohne Legitimationszwang gegenüber Israelis und Zionisten.

Die ganze Kritik zielt insofern natürlich nicht auf eine Verdrängung der Debatte, sondern auf im Gegenteil auf eine Beförderung und Versachlichung. Da gehe ich vollkommen konform mit dir. Finde auch, wie du, dass das Thema im Freitag viel zu kurz kommt.

Wenn wir das also produktiv so wenden könnten, dass du, schlesinger, zwei Beiträge daraus machst, einen als Referat der Thesen Pappés und einen über die Verwerfungen in München, bin ich sehr dafür und beteilige mich, so meine Zeit es zulässt, auch konstruktiv daran.

Grüße
oranier

oranier 27.10.2009 | 13:31

Das Diskussionsangebot war das Angebot eines Sachkundigen, an Sie oder andere Interessierte hier, Herrr Schlesinger, kein Bettel.

Wenn das aber der Verbesserung der Atmosphäre dient, nehme ich meine Verbalinjurien gerne zurück. Das berührt aber überhaupt nicht meine inhaltliche Kritik, der Sie sich natürlich bei der Diskussion stellen müssten. Fällt Ihnen dasin Wirklichkeit schwer? Das macht doch nichts, es geht hier hoffentlich nicht ums Gewinnen und Rechthaben, sondern um die Klärung der Sachfragen.

Konkret: ob ich das nun Mist nenne oder nicht: solange die kritisierte Melange in Ihrem Beitrag aufrechterhalten bleibt, ist er in der Kombination ideologieträchtig. Das habe ich begründet, und das können Sie gerne überzeugend entkräften.

Wenn Sie dem Satz: "an einer ernsthaften, wissenschaftlich geführten Diskussion kann nichts ausgesetzt werden." einen anderen Sinn zu verleihen mögen, als den der größten Selbstverständlichkeit, nehme ich mein Verdikt zurück. Scheiße - Entschuldigung, gerne sage ich stattdessen: verfehlt - ist es nach meinem Urteil, dass so etwas notorisch im Zusammenhang mit dem Thema Israel ins Spiel gebracht wird, neben dem allfälligen und von niemandem ernsthaft infrage gestellten: Kritik muss erlaubt sein. Wer hätte je etwas an einer ernsthaften, wissenschaftlich geführten Diskussion auszusetzen?

Oder meinen Sie damit in diesem Zusammenhang etwa: in München sollen wissenschaftliche Diskussionen durch Gleichschaltung verhindert werden. Dann ist es eine Ihrer unterschwelligen Unterstellungen, die Sie beweisen sollten statt sie implizit zu behaupten.

Natürlich geht es dort aber um ganz etwas anderes als um wissenschaftliche Diskussion. Die können wir, wenn überhaupt, hier im Blog, und das nur sekundär führen, da hätte ich wohl ggf. einiges beizutragen. Dort geht es aber um den POLITISCHEN Widerstreit zwischen bornierten Israelfreunden und bornierten Palästinafreunden. Und mit dem will ich nichts zu tun haben, und für den sollten Sie uns hier mit solchen halbgaren Beiträgen nicht zu instrumentalisieren versuchen.

Ok., das ist auch eine Unterstellung. Die können SIE entkräften, indem Sie die Diskussion hier auf den einen oder anderen sachlichen Kern bringen. Ansonsten diskutiere auch ich das Thema zu gegebener Zeit lieber mit anderen Sachkundigen und Interessierten.

Freundlichst
oranier

Abraham08 10.11.2009 | 16:29

Lieber Oranier,

wahrscheinlich interessiert meine verspätete Reaktion keinen mehr, aber ich will trotzdem versuchen darzulegen, warum ich, wie Du, wenn auch vielleicht aus anderen Gründen, Schlesingers Text für problematisch halte.

Zunächst: Auch vor den etwa ab dem Ende der 80er Jahre erfolgten Veröffentlichungen der „neuen Historiker“ war in Israel allgemein bekannt, dass es vor und nach der Staatsgründung Massaker an der arabischen Bevölkerung gab, die allerdings als vereinzelte Aktionen jüdischer Extremisten von Irgun (unter Menachem Begin) und Lechi (unter Jitzhak Schamir) dargestellt wurden. Auch die gewaltsamen Vertreibungen wurden in der „offiziellen“ Geschichtsschreibung nicht generell bestritten, aber als unbeabsichtigte Folgen der militärischen Auseinandersetzungen während des Unabhängigkeitskrieges angesehen.

Dieses „zionistische“ Geschichtsbild haben die „neuen Historiker“ erfolgreich korrigiert. Sie haben nachgewiesen, dass es im erheblichen Umfang zu einer gewaltsamen Vertreibung der arabischen Bevölkerung kam, an der auch die der zionistischen Führung unterstellte Haganah beteiligt war. Dies ist heute, so weit ich es beurteilen kann, nicht nur im linken Spektrum Israels unumstritten. Auch die systematische Zerstörung verlassener arabischer Dörfer, mit der eine Rückkehr der Flüchtlinge verhindert werden sollte, gilt wohl als bewiesene Tatsache.

Umstritten ist allerdings, ob eine „ethnische Säuberung“ von der zionistischen Führung intendiert und planmäßig betrieben wurde. Dagegen spricht u.a. das sehr unterschiedliche Vorgehen der Hagana in den einzelnen Landesteilen mit der Folge, dass ein nicht unerheblicher Anzahl der arabischen Bevölkerung in Israel verblieb (z.B. in Akko, Nazaret und in Dörfern Galiläas). Einem Teil der „neuen Historiker“, unter ihnen Ilan Pappe, wird vorgehalten, aus Sekundärquellen (Tagebücher, private Korrespondenz) Schlussfolgerung zu ziehen, die durch „harte Fakten“ nicht belegbar seien. Ungeklärt (und kaum zu klären) ist, wo die arabische Bevölkerung vor militärischen Aktionen beider Seiten geflohen und wo sie mit mehr oder weniger Gewalt vertrieben wurde.

Dies wäre bei einer „ernsthaften, wissenschaftlich geführten Diskussion“ gegen Schlesingers „Zusammenfassung“ Pappes „Standardwerks“ einzuwenden, wonach „Israel im Zuge des sogenannten ‚Unabhängigkeitskrieges’ 1948 nachweislich [ethnische Säuberungen] an der palästinensischen Bevölkerung Palästinas begangen“ habe. (Nebenbei bemerkt: Schlesinger ignoriert, dass vor der Gründung des Staates Israel zur palästinensischen Bevölkerung auch über eine halbe Million Juden gehörten und dass sich die Araber in Palästina noch nicht als Palästinenser verstanden haben.)

Nur frage ich mich wie Du, Oranier, warum wir uns in Deutschland an einer solchen „wissenschaftlich geführten Diskussion“ beteiligen sollten? Ohnehin bietet uns dafür Pappe keine ausreichende Grundlage. In einer innerisraelischen Diskussion mag man noch akzeptieren, dass sich die „neuen Historiker“ fast ausschließlich mit „jüdischer Gewalt“ beschäftigt und die „arabische Gewalt“ sowie das Umfeld eines kriegerischen Konflikts weitgehend ausgeklammert haben (was allerdings auch dort kritisiert wird). Schließlich ging es ihnen um die Korrektur einer Geschichtsschreibung, die den arabischen Terror und die militärische Bedrohung des jungen Staates Israel im Unabhängigkeitskrieg in den Vordergrund stellte. Doch ich bezweifle sehr stark, dass in Deutschland das Ausmaß der „arabischen Gewalt“ in Palästina allgemein bekannt ist, die bereits in den 30er Jahren in einem „arabischen Aufstand“ (manche sprechen vin der ersten Initfada) kulminierte. Diese Gewalt richtete sich nicht nur gegen die „zionistischen Einwanderer“: Am 23. und 24. August 1929 wurden in Hebron eine Jahrhunderte alte jüdischen Ansiedlungen an der Städte der Patriarchengräber durch einen Pogrom vernichtet, bei dem 67 Juden ermordet und der Rest der jüdischen Einwohner vertrieben wurde. Vor der Umsetzung des UN-Trennungsplan und dem Abzug der britischen Mandatsmacht nahmen die arabischen Angriffe auf Juden erneut zu. So wurde am 13 April 1948 von arabischen Freischärlern ein Sanitätskonvoi am Skopus-Berg in Jerusalem überfallen und 77 Menschen (überwiegend Ärzte und Krankenschwester) getötet – angeblich als Rache für das Massaker, das Lechi und Irgung an der arabischen Bevölkerung des Dorfes Deir Jassin am 9. April 1948 begangen haben. Auch in dem am 14. Mai 1948 durch den Angriff arabischer Milizen und regulärer Armeen von arabischen Staaten ausgelösten „Unabhängigkeitskrieg“ sind auf beiden Seiten Zivilisten Opfer von Gewalt und Vertreibung geworden. Aus den Gebieten Palästinas, in denen die arabische Seite die Oberhand gewann, wurden fast ausnahmslos alle Juden vertrieben, auch aus der von Jordanien besetzten Altstadt von Jerusalem. In den Folgejahren flüchteten im erheblichen Umfang „alteingesessene“ Juden aus arabischen Staaten (wie Marokko und Jemen), mehrheitlich nach Israel.

Ich denke, dass als Basis für eine Diskussion in Deutschland die Feststellung von Amos Oz dienen kann, dass bei dem israelisch-palästinensischen Konflikt „nicht nur Recht gegen Recht, sondern auch Unrecht gegen Unrecht“ stehen. Das reicht aber den Veranstaltern der Münchner Tagung und Ilan Pappe (der zu Boykotaktionen gegen Israel aufruft) nicht aus. Diese sind ja nicht an einer akademischen Auseinadersetzung interessiert, sondern suchen politische Konfrontation. Mein Eindruck ist, dass sie die Geschichte der Flucht und Vertreibung der arabischen Bevölkerung Palästinas instrumentalisieren, um auch die heutige Existenz Israels zu delegitimieren. In einem demokratischen Staat, der Deutschland ist, muss auch solche „Schmähkritik“ erlaubt sein (so wie sie auch in Israel möglich ist). Das Recht auf freie Meinungsäußerung schließt aber nicht den Anspruch ein, für solche möglicherweise antiisraelische Veranstaltungen städtische Räume zur Verfügung gestellt zu bekommen.

Es geht nicht darum, eine kritische Diskussion der Politik des Staates Israel zu tabuisieren. Amos Oz und David Grossman, um nur zwei ausgewiesene Kritiker der Siedlungs- und Besatzungspolitik Israels zu nennen, treten in Deutschland regelmäßig auf, oft auch auf Einladung jüdischer Gemeinden oder jüdischer Organisationen. Genauso wenig darf aber auch die Kritik antiisraelischer Positionen tabuisiert werden. Auch diese ist schließlich vom Recht auf freie Meinungsäußerung gedeckt.

oranier 11.11.2009 | 23:51

Lieber Abraham,

wirklich schade, dass deine Reaktion so spät kommt, aber eigentlich wäre zumindest von Schlesinger eine interessierte Reaktion zu erwarten gewesen. Schließlich hat er die Diskussion hier angezettelt und du benützt keine bösen Wörter.

Da deine Antwort jedoch so vielschichtig ist und sich auch andere an dem Thema interessiert gezeigt haben, die sie womöglich gar nicht mitbekommen, möchte ich dir meinen Vorschlag ans Herz legen, den Text, so wie er ist, einfach in einem eigenen Blogbeitrag zu veröffentlichen. Den Bezug zu Schlesingers Blog kannst du durch einen Link herstellen. Gerne trete ich dann in die nähere Diskussion mit dir, und andere gewiss auch.

Ich hätte viel Zustimmung dazu, einigen Widerspruch und einige Nachfragen. Das ziehe ich aber nicht einfach aus dem Ärmel, und von daher wäre es sehr bedauerlich, wenn wir hier eine Diskussion führten, die nach Lage der Dinge ein Schattendasein führen und ohne großen Widerhall verpuffen würde.

Auf eine Antwort wartend, hoffentlich in einem eigenen Blogbeitrag,
mit freundlichen Grüßen
oranier

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meisterfalk 12.11.2009 | 00:11

@Abraham08
Du bringst hier interessante und wichtige Hinweise in die Diskussion ein. Das Amos-Zitat („nicht nur Recht gegen Recht, sondern auch Unrecht gegen Unrecht“) drückt die entsetzliche 'Logik' aller Gewalt-bestimmten Auseinandersetzungen aus.

Solche Sätze aber: "Diese sind ja nicht an einer akademischen Auseinadersetzung interessiert, sondern suchen politische Konfrontation. Mein Eindruck ist, dass sie die Geschichte der Flucht und Vertreibung der arabischen Bevölkerung Palästinas instrumentalisieren, um auch die heutige Existenz Israels zu delegitimieren." sind wieder nur tendenziöse Behauptung, wenn nicht gar eine ungeheuerliche Unterstellung, denn sie sollen wohl bedeuten, dass hier zum Beendigung der Existenz Israels beigetragen werden soll.

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sachichma 12.11.2009 | 10:09

Lieber Schlesinger, Ihr Beitrag ist m.E. wichtig weil jeder in Deutschland sich vor einer solchen Veranstaltung überlegen muss, ob eine Stadt wie München der geeignete Ort dafür ist. Bekanntlich kam es dort in der Vergangenheit zu publikums-trächtigen Auftritten ewig-gestriger. Ich denke aus diesem Grund wollte die Stadt nicht un-nötig Kontroversen provozieren und die Entscheidung basiert darum bestimmt nicht auf Behinderung der Meinungsfreiheit.

Ich habe zur der Geschichte Israels folgendes so oder so ¨schon 'mal ähnlich gepostet, aber weil die Geschichte Israels auch weiterhin eine Geschichte der Eroberung und Expansion bleiben wird tue ich es hier noch einmal mehr detailliert.

Der Ursprung dieses Konflikts geht in der neueren Geschichte ins Jahr 1897 zurück, als nämlich Theodor Herzl und andere Zionisten die Geduld mit all den Pogromen und dem Antisemitismus in Europa verloren hatten und in ihrer Eröffnungsrede bei der jüdischen Vereinigung in Wien als Hautziel die Schaffung eines jüdischen Staates in Palästina erklärten.

Zwanzig Jahre später gab die Balfour Erklärung dem Grafen Rothschild, prominentester Fürsprecher der Zionisten, grünes Licht mit der Erlaubnis das Juden sich in Palästina niederlassen könnten. Palästina war 1917 britisch besetztes Gebiet, unterlag aber noch der Souveränität des Osmanischen Reich. In dieser Balfour Erklärung war ausdrücklich erklärt worden, daß in den besetzten Gebieten die nicht-jüdische Mehrheit der Bevölkerung in keiner Weise benachteiligt werden dürfte.

Herzl erklärte dann aber später er wünsche Palästina „so jüdisch wie England englisch ist" und daß „jüdische Grenzen so groß seien sollten wie es jüdischer Wille und Kraft gelingen würde Grenzen zu schaffen".

Chaim Weizmann warnte vor enthusiastischen Bestrebungen, sofort den "jüdischen Staat" zu bilden. Gemeinsam mit Churchill, Chamberlain, Blehman, Smuts und vielen anderen vertrat er die Strategie das es einen jüdischen Staat in Palästina es erst geben könne, wenn es dort eine jüdische Bevölkerungsmehrheit gebe. Herzl später erklärte daß der jüdische Staat, „… langsam aber konstant und stufenweise aufgebaut werden muß“,- geschützt durch mächtige Verbündete.

Die nächsten 20 Jahre waren dann folglich von Gewalt und Verzeifelung in Jaffa, Jerusalem, Hebron und viele anderen Orten gleichermassen von Juden (die zuviel Land für sich vereinnahmten) und Arabern (die versuchten ihr Eigentum zu behalten) gekennzeichnet. Die Zionisten, überwiegend mit europäischer Ausbildung, während die Araber, noch immer nomadisch, reagierten mit Gewalttätigkeit, während die Juden Gewalttätigkeit und Diplomatie verwendeten, um das Wohlwollen der britischen Besetzer zu gewinnen.

Bereits in den dreissiger Jahren hatte die massive Zuwanderung jüdischer Neuankömmlinge in Palästina zur Folge das tausende arabischer Familien aus ihren Häusern vertrieben wurden und ein Leben in grosser Massenarbeitslosigkeit führen mussten. Ein neues Konzept von arabischem Widerstand, genannt Dschihad, brannte sich in die arabische Psyche. Die Verzweiflung der arabischen Bevölkerung wurde von der Gewalttätigkeit dieses Dschihad immer wieder verdrängt und schadete dem Image der Palästinenser.

Das Ende des Krieges brachte massive Einwanderung jüdischer Europäer nach Palästina. Diese Migration wurde unterstützt von Sympathien aus der ganzen der Welt als ein direktes Resultat des Holocaust und der Grausamkeiten, die durch die Nazis begangen worden waren. Zur gleicher Zeit begannen zionistische Juden, Mitglieder der Deir Yassin und Urgan Melitzen einen Massenmord 254 Palästinensern (viele Frauen und Mädchen waren auch vergewaltigt worden). In Folge dieser "ethnischen Säuberungsaktion flohen über 700.000 Palästinenser aus ihren Dörfern und Häusern. Zwar verurteilten zionistische Organisationen das Blutbad, in der Realität aber förderten sie immer neue Angriffe gegen palästinensische Dörfer und bis heute sind weit über 3 Millionen Palästinenser Opfer von Vertreibungen und Mord geworden.

1948 wurde der Staat Israel gebildet. 1956, 1967 und 1973, vergrösserte sich der Staat Israel seine Territorium erheblich. Die Vereinigten Staaten hatten unterdessen Grossbritannien als Israels machtvollster Verbündeter ersetzt. 2004 überzeugte Ariel Sharon Präsident Bush erfolgreich davon die israelische Souveränität über die mehrheitlich von Palästinensern bewohnte West Bank zu akzeptieren und bot als Ausgleich dafür den Abzug aller jüdischer Siedler aus.

Leider wurde nun mit dem Besuch von Frau Clinton eine weitere Chance, die Vorschläge Obama's, beerdigt obwohl nun doch jedem klar ist das Palästinenser nichts mehr geben können, nur Israel, - wenn es denn an einem Frieden in der Region interessiert ist. Der kürzliche Fund von Waffen für die Hamas durch die israelische Marine zeigt das nach Abbas Rücktritt wohl 2010 eine Neuauflage eines Gazakrieges bevorsteht.

Abraham08 12.11.2009 | 14:53

Lieber Oranier,

ich zweifle daran, dass es sinnvoll wäre, einen eigenen Blog zu dem Thema zu eröffnen. Ich habe kaum Zeit, meine Beiträge ausreichend verständlich zu formulieren, wie meisterfalks Einwand zeigt. Er hat recht, dass ich meine Bewertung begründen müsste, warum ich solche Veranstaltungen wie in München im Verdacht habe, Israel delegitimieren zu wollen (was nicht die "Beendigung der Existenz Israels" bedeutet, was nicht einmal die hamas schafft, sondern die Negierung seiner legitimen Interessen). Wie soll man das in wenigen Sätzen leisten? Wie überzeugend belegen, dass es der Konfliktlösung kaum dienlich sein kann, bedingungslos propalästinensisch unterschiedliche Maßstäbe der Kritik an die Politik Israels und die der Palästinenser zu legen? Überzeugt mein Einwand, dass ich bei solchen Veranstaltungen einen Vortrag palästinensischer "neuer Historiker" vermisse, die palästinesische Mythen kritisch hinterfragen? Kann man verstehen, wenn ich Boykottaufrufe gegen Israel merkwürdig finde, wenn sie von den gleichen Gruppen kommen, die einst Boykot gegen Sadams Irak bekämpft haben und ihn heute gegen das Mulah-Regime im Iran genauso ablehnen? Wie klar machen, wann Kritik an Israel (die ich im erheblichen Umfang teile) in antisisraelische Ideologie umschlägt?

Was mich aber am nachhaltigsten abschreckt ist die Vorstellung, auf sachichmas Niveau des Halbwissens diskutieren zu sollen. Dazu nöch später.

Abraham08 12.11.2009 | 17:13

Schachima, fast alles, was Sie geschrieben haben, ist unrichtig.

Theodor Herzel hat seine Forderung nach der "Schaffung einer öffenlich-rechtlich gesicherten Heimstätt in Palästina für diejenigen Juden, die sich nicht anderswo asimilieren können oder wollen" 1897 nicht in Wien, sondern beim 1. Zionistischen Weltkongress in Basel erhoben. Nach der Balfour-Deklaration vom November 1917 konnte er nichts mehr erklären, denn zu diesem Zeitpunkt war er bereits 13 Jahre tot. Die Balfour-Deklaration gab auch nicht erst den Zionisten "grünes Licht mit der Erlaubnis(,) das(s) Juden sich in Palästina niederlassen könnten", denn schon das Osmanische Reich hat eine jüdische Einwanderung nach Palästina erlaubt.

Zumindest grob verkürzt (und die Rolle des zunehmenden arabischen Nationalismus sowie das zwielichtige Verhalten der Briten gänzlich ausklammernd) ist die Behautung, die Zunahme der Konflikte zwischen Juden und den palästinensischen Arabern in der Zeit der britischen Mandatsverwaltung beruhe darauf, dass Juden "zuviel Land für sich vereinnahmten", während Araber "versuchten ihr Eigentum zu behalten". Der Jüdische Natinalfonds konnte sowohl unter den Osmanen als auch unter den Briten Land nur durch legalen Kauf erwerben; die (arabischen) Großgrundbesitzer interessierte beim Verkauf das Schicksal der auf ihrem Land lebenden Pächter (Felachen) überhaupt nicht.

Die Behauptung, die jüdische Masseneinwanderung (bis zum Anfang der 1930er Jahre rund 150.000 Einwanderer, überwiegend aus Russland und Polen) hätte zur Verelendung der arabischen Bevölkerung geführt, ist durch Wirtschaftsstatistik eindeutig widerlegt. Vielmehr hat Palästina (eine der vernachlässigsten Provinzen des Osmanischen Reiches) auch durch die jüdische Einwanderung einen Wirtschaftsaufschwung erfahren, was auch zur binenarabischen Einwanderung nach Palästina führte.

Als Folge des arabischen Aufstandes in den 1930er Jahren schränkten allerdings die Briten die jüdische Zuwanderung rigoros ein. Auch Flüchtlingen vor der Naziverfolgung aus Deutschland und dem besetzten Europa wurde eine Rettung in Palästina verwährt.

Das Ende des Krieges brachte keineswegs "massive Einwanderung jüdischer Europäer nach Palästina", weil die Briten selbst den Überlebenden der KZ die Einwanderung nach Palästina verweigerten, so dass diese in Deutschland bis zu der Gründung des Staates Israel in DP-Lagern verbleiben mussten.

Die Opferzahl des erwänten Massakers (Deir Yassin hieß das angegriffene Dorf, nicht die jüdische Angreifergruppe, das waren die Extremistengruppen Lechi und Irgun) ist umstritten. Von 254 Toten berichteten die Terorristen selber, wohl um Angst und Schrecken unter der arabischen Bevölkerung zu schüren und sie zur Flucht zu bewegen. Kritische Historiker nehmen an, dass rund 100 Männer ermordet wurden.

Die Zahl der "weit 3 Millionen Palästinenser", die "bis heute ... Opfer von Vertreibungen und Mord" geworden sind, schließt auch die Kinder und Kinderskinder der Flüchtlinge ein. Mitgezählt werden auch diejenigen, die längst eine neue Heimat gefunden und neue Staatsangehörigkeit angenommen haben (beide Gruppen betrachtet sonst die UN-Flüchtlingskonvention nicht als Flüchtlinge).

2004 überzeugte weder "Ariel Sharon Präsident Bush erfolgreich davon, die israelische Souveränität über die mehrheitlich von Palästinensern bewohnte West Bank zu akzeptieren" noch bot er "als Ausgleich dafür" den Abzug aller jüdischer Siedler aus Gasa (das meinten Sie wohl). Der Abzug aus Gasa und einigen Siedlungen in der Westbank war eine einseitige Maßnahme der Regierung Sharon, eine israelische Souveränität über das Westjordanland haben die USA nicht anerkannt und Israel auch nicht erklärt. Vielmehr haben die USA und ihre Partner mit der Road map die Konfliktparteien auf die Zwei-Staaten-Lösung verpflichtet. Dass die jetzige Regierung Israels ihren Verpflichtungen aus den Vereinbarungen nicht nachkommt, steht auf einem anderen Blatt.

Abraham08 13.11.2009 | 16:02

meisterfalk,

schon in meiner Antwort an Oranier bin ich auf Ihren Einwand eingegangen, aber schon die Höflichkeit verlangt eine direkte Erwiederung bzw. Klarstellung.

Ich habe ein Problem mit dem moralischen Überschuss, der die Israel-Palästina-Diskussion überfrachtet. Warum meinen einige Kritiker Israels (und dazu zähle ich auch die mir nicht unbekannten Münchner Veranstalter), sie können Palästinenser dadurch unterstützen, dass sie blind "ihre" Position übernehmen? Durch einseitige Schwarz-Weiß-Darstellungen (auf der einen Seite die Palästinenser als per se unschuldige Opfer und auf der anderen Seite die Israelis immer als Angreifer) erzeugt man nur Abwährhaltung, wo es doch darum geht, dass in Israel und Palästina möglichst viele Menschen nach Alternativen zur Konfliktlösung suchen (was auch zu der Realität beider Gesellschaften gehört, die hier leider nur wenig wahrgenommen wird). Um es an einer Analogie zu verdeutlichen: Welche Wirkung auf die Menschen in der Tschechischen Republik hätte eine Kritik an der Vertreibung der Sudetendeutschen, wenn man sie auschließlich mit den Argumenten der Sudetendeutschen Landsmanschaft aus den 60er Jahren führen würde?

Hinzu kommt, dass es durchaus Kreise gibt, die sich für Palästinenser nur deshalb "engagieren", weil dies eine "politisch korrekte" Möglichkeit bietet, gegen Juden zu sein. Deshalb vergessen sie ihre Solidarität mit den Palästinensern schnell, wenn diese Opfer anderer Araber (siehe "Schwarzer September" in Jordanien oder die Angriffe von Regierungstruppen gegen palästinensische Flüchtlingslager in Libanon) oder anderer Palästinenser (siehe Hamas in Gasa) werden.