"Metamatik"

Mathematik des Glaubens? "Metaphysik" scheint besonders die Menschen anzusprechen, die darauf hinweisen, dass für sie ausschließlich rationales Denken Relevanz hat...
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Metamatik

Metaphysik scheint ja nach wie vor auf reges Interesse zu stoßen. Besonders bei Menschen, die in der Regel sehr entrüstet sind, wenn man sie mit irgendeiner Form von Religiosität konfrontiert, und die einen dann im Brustton der Überzeugung darauf hinweisen, dass jede Erfahrung, die sich nicht im Rahmen ihrer "objektiven Welterklärung" verifizieren lässt, ein Hirngespinst sei, welches einer eher bedauernswerten, rückwärts gewandten Sehnsucht oder Angst geschuldet ist. Einer Angst, hinter der ein Mensch steckt, der sich nicht traut, der Welt und dem Tod so mutig, wie sie nur sich selbst einschätzen in das schreckliche Auge zu schauen...

Ich habe bereits an anderer Stelle Gedanken zu dem Thema geäußert. Zum Beispiel glaube ich aber nach wie vor, dass die Verdrängung spiritueller Inhalte, unausgesprochen, aber dennoch eine der am stärksten wirksamsten Übereinkünfte unserer säkularen Gesellschaft ist. Ein Tabu , das uns seit der glorreichen Epoche der Aufklärung im Griff hat. Ich glaube, dass die Konsequenzen der damit verbundenen Defizite für den Werteverlust unserer Gesellschaft insgesamt, und damit verbunden auch die Orientierungslosigkeit vieler einzelner Menschen verantwortlich sind. Das gilt auch für die verstörenden Erscheinungen, die m.E. als Reaktionen auf die Folgen dieser Tabus den religiösen Fundamentalismus und andere irrationale Pathologien hervorgebracht haben. Und dazu zähle ich auch auch die Angst, die im Osten Deutschlands bzw. in ganz Europa diese absurde Xenophobie und den Rechtspopulismus erzeugt.

In dem Zusammenhang habe ich mich entschlossen, dieses Blog zu schreiben. Das mit einigen Aphorismen berühmter und einflussreicher Menschen und einem kleinen Beitrag von mir, wieder in Form eines Gedichtes, eine Anregung sein soll, sich diesem Thema vielleicht anders, offener zu nähern, als das vielleicht möglich ist wenn eine eigene, existenziell wichtige Aussage verteidigt werden muss, die jemand in seinem eigenen Blog zum Ausdruck gebracht hat.

1. Die Physiker

Beginnen möchte ich mit Werner Heisenberg, der gesagt hat:

"Der erste Trunk aus dem Becher der Naturwissenschaft macht atheistisch; aber auf dem Grund des Bechers wartet Gott"

Das ist schon mal ein gehöriger Tabubruch, weil es sich bei Heisenberg ja schließlich um einen Wissenschaftler und Menschen handelt, der mit seinen bahnbrechenden wissenschaftlichen Erkenntnissen unser Weltbild nachhaltig geprägt hat. Und der dafür sogar mit einem Nobelpreis ausgezeichnet worden ist. Heisenberg ist somit eine Person gewordene Synthese zwischen dem, was wir unter einem rationalem Weltverständnis verstehen und dem, wie ich meine unausgesprochen aber um so wirksameren Tabu "irrationaler Religiosität". Für mich persönlich stellt sich bei seinem Zitat allerdings sofort die Frage nach dem "Grund des Bechergrundes". Diese Frage ist in meinen Augen um so aktueller, als das wir erst kürzlich, im Zusammenhang mit dem wissenschaftlichen Nachweis der Gravitationswellen von der Vereinigung zweier schwarzer Löcher erfahren durften, deren Bodenlosigkeit, das wissen wir, zu den ganz alltäglichen Erscheinungen gehört, die unsere mehr oder weniger heile pysikalische Welt hervorgebracht hat... Oder ist so ein schwarzes Loch einfach nur das Treppenhaus auf eine andere Etage des Universums? Aber dort würden wir ja wieder auf die gleichen Fragen stoßen. Was für jemanden, der an den Gott Heisenbergs glauben kann, vielleicht kein Problem darstellen sollte.

2. Die Theologen

Ich persönlich habe an der Stelle ein Problem und deswegen möchte ich hier auch das zweite Zitat bringen. Es stammt von Dietrich Bonhoeffer, der im KZ saß, gefoltert wurde und sich dennoch im Angesicht des Todes, der auf ihn wartete und im Vertrauen auf den Gott, an den er glaubte "von guten Mächten wunderbar geborgen" fühlte. Ich frage mich schon nach der Radikalität der Erfahrung, die hinter so einer Aussage steckt, weil von dem gleichen Bonhoeffer auch der Satz stammt:

"Einen Gott, den es gibt, gibt es nicht."

Das ist mir dann auch schon sehr viel näher, als Heisenbergs metaphysische Weltvorstellung von einem Becher. Der ja ein vergängliches Objekt ist, auf dessen Grund er, der rationale Welterklärer aber etwas so Absolutes, wie Gott finden kann. Aber obwohl ich keine Probleme damit habe, die Größe und die Gleichberechtigung dieser Erfahrungen anzuerkennen, hat sich meine eigene Spiritualität allerdings schon immer sehr von solchen Gottesvorstellungen unterschieden. Auch in Zeiten, in denen ich noch jung war und mich noch mehr oder weniger im Christentum zu Hause gefühlt habe. Nicht in dem Christentum, wie es unsere kirchlichen Theologen und die kanonische Auslegunge der Bibel einfordern, aber immerhin im Christentum....

Zurückblickend auf die, für meine Bedürfnisse unbedingte Notwendigkeit, nach anderen Möglichkeiten Ausschau zu halten, die dann für meine eigene spirituelle Entwicklung auch bestimmend wurden, bin ich aber der Meinung, dass die Entwicklung der christlichen Kirchen entscheidende Möglichkeiten, Spiritualität zu erfahren und aktiv zu leben verhindert hat. Und immer noch bewusst verhindert. Es sind weltliche Prioritäten, säkulare Macht und politischer Wille, die in meinen Augen bei Glaubensfragen Vorrang über authentische spirituelle Erfahrung haben. Wobei sich unsere staatstragenden Kirchen in diesem Punkt nicht von anderen Weltreligionen unterscheiden. Es scheint einfach so zu sein, dass man Religionen eher mit dem gleichen Blick beurteilen sollte, wie andere gesellschaftlich wirksamen Phänomene, Parteien, pateiübergreifende "-ismen", Neoliberalismus, Kapitalismus, Kommunismus auch. Schon die Kirchenväter haben aus persönlicher spiritueller christlicher Urerfahrung Dogmen gemacht. Sie haben prinzipiell gleichberechtigte, aber im Sinne ihres theokratischen Machthungers nicht kompatible Strömungen und Ansätze aus dem Kanon ihrer offiziellen Lehren kategorisch und konsequent verbannt. Ähnlich wie den Moslems heute der seit Jahrhunderten überlieferte Koran als einzig authentisches Wort Gottes gilt, haben sie beispielsweise von Anfang an Gnostiker, deren Erfahrungen und Lehren fortan als Häresie (Ketzerei) galten und Mystiker, selbst hochgebildete und gelehrte Menschen, wie z.B. Meister Eckhart ausgeschlossen, und viele wurden auf den Scheiterhaufen ihrer Inquisition verbrannt.

3. Östliche Spiritualität

All das war mir natürlich irgendwie klar, als junger Mensch. Ich hatte trotzdem keine Probleme damit, weil ich mich persönlich, wie gesagt nicht mit den kanonischen Formen des christlichen Glaubens identifiziert habe und mir statt dessen schon immer meinen eigenen Zugang "gebastelt" habe. Was von etablierten Theologen gern als Synkretismus bezeichnet, ausgegrenzt und diffamiert wird... Als aber von mir die Frage nach dem Sinn meines Lebens nicht mehr weiter unter "ferner liefen" in den Hintergrund verdrängt werden konnte, und mir dieses spirituelle "Irgendwie" auch zu wenig konkret wurde, habe ich mich persönlich dann in Richtung der östlichen Glaubenssysteme orientiert; durch mehr oder weniger zufällige Begegnungen die in der Zeit stattfanden, nach denen ich wahrscheinlich aber auch gesucht habe. Aus diesem Kulturkreis stammt dann auch der dritte Aphorismus, der Laozi, dem mythologischen Urheber des berühmten Daodejing zugeschrieben wird. Es ist allerdings gar nicht gesichert, ob es sich bei diesem um eine historische Person gehandelt hat. Nichtsdestotrotz wurde seine mythische Person später dann doch wie eine Gottheit verehrt. Das scheint leider zu der verzerrenden Entwicklung zu gehören, mit der die weltlichen Nachfolger der großen Religionsstifter deren Lehren regelmäßig verfälschen.

"Frei von Begierde, erkennst du klar das Geheimnis. In Begierde verstrickt siehst du nur Erscheinungsformen."

Das ist, wie ich finde, für westlich geprägte Menschen ein gewaltiger Sprung, insofern als dass diese Spiritualität auf eine Gottesvorstellung, so wie wir sie kennen eigentlich prinzipiell verzichtet. Für Taoisten, wie Laozi einer war "gibt" es nur das Tao und "das Tao über das man sprechen kann ist nicht das ewige Tao".

Richard Wilhelm, einer der ersten neuzeitlichen Interpreten des Westens übersetzt "Tao" mit "Sinn". Andere haben es mit "Weg" übersetzt, viele lassen den Begriff einfach stehen. Das, was bereits im ersten Kapitel des "Tao-Te-King", wie es auch genannt wird, gesagt wird bedeutet aber, eigentlich können über diesen Bereich, der mit Tao bezeichnet wird gar keine rationalen Aussagen gemacht werden. Und es gab schon zu seiner Zeit Stimmen, die gefragt haben, warum Laozi so viele Zeilen geschrieben habe, wenn er der Meinung sei, dass er über das ewige Tao doch nichts ausgesagt hat...

Bezüglich der Paradoxien, die ja auch christliche Theologen wie Bonhoefffer oder Meister Eckhart schon in ihre Lehren integriert und verbreitet haben, kann man sich natürlich an dem Punkt fragen: "Warum dann überhaupt "Tao"? Oder warum Buddhismus, der auch auf eine Gottesvorstellung verzichtet? Es gibt keine rationale Erklärung dafür und es gibt auch keinen Grund, einen religiösen Ansatz für besser zu halten als den anderen. In meinen Augen ist das lediglich eine Frage der Mentalität und des persönlichen Zugangs, den jemand hat. Ich jedenfalls finde in dem Zusammenhang auch die islamischen Sufi Mystiker sehr interessant und wenn ich mich mal in eine ihrer Schriften oder eines ihrer Gedichte "verirre", bin immer wieder entzückt, wie nahe ich mich oft ihrer Art von Erkenntnis fühle. Letztlich sind all diese Systeme "Wege" (Tao bedeutet wohl wörtlich Weg, oder Sinn) und es kommt darauf an, auf eigenen Beinen stehen und gehen zu lernen, egal welche Schule man für sich persönlich bevorzugt.

4. "My Two Cents"

Um diesbezüglich jetzt noch etwas "Lyrisches" von mir selbst einzubringen, abschließend ein kleines Gedicht. Tatsächlich glaube ich , dass der Mensch, der dieses Gedicht einstmals geschrieben hat bereits gestorben ist. Vielleicht in einem "etwas anderen Sinn", als die Urheber der Zitate, die ich in diesem Blog vorgestellt habe, aber ebenso tot und lebendig zugleich, wie die Buchstaben der Worte, die sie gebraucht haben. Die nämlich können, genau wie mein Gedicht, der lebendigen Erfahrung dessen, worum es geht nur so nahe kommen wie eine Landkarte der Landschaft, über die sie in der Abstraktion ihrer Bilder auch nützliche Informationen enthält.

Draußen

Draußen ist Krieg
Gott ist frei,
wer ist fein raus?

Feiges Vertun,
lieber ein Baum,
sicher im Schoß,
keiner macht blau.

Frieda geblasen,
Ringe getauscht
rin in den Speck.

Draußen ist Krieg

16:55 17.06.2016
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

schna´sel

Flüchte nicht in ein Land, in dem der Geizhals Schätze hortet
schna´sel

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