Deutsche Helena

Zeitschriftenschau Von den ostdeutschen Literaturzeitschriften haben nur zwei - Sinn und Form und die neue deutsche literatur (ndl) - den Schock der Wende und die vor ...

Von den ostdeutschen Literaturzeitschriften haben nur zwei - Sinn und Form und die neue deutsche literatur (ndl) - den Schock der Wende und die vor allem materiell unsichere Folgezeit überstanden; beide konnten sogar aus der veränderten Situation, zumindest anfangs, frische Energien beziehen. So war die ndl, einst relativ braves Organ des staatsfrommen Schriftstellerverbandes der DDR, nach 1989 bemüht, Autoren aus Ost und West zusammenzuführen und das Ansehen der DDR-Literatur sowie die in ihr aufgehobenen Erfahrungen zu bewahren. Mochte man auch an manchen Essays Weltläufigkeit und Streitlust vermissen - die 1953 begründete ndl war eine Zeitlang, ohne neue ästhetische Maßstäbe zu setzen, das Forum, auf dem sich einige der wichtigsten deutschsprachigen Schriftsteller mit ihren Texten begegneten. Doch mitten in dieser Phase, im Jahr 1992, versuchte der neue Besitzer des Aufbau-Verlages, Bernd Lunkewitz, die Monatsschrift loszuwerden. Autorenproteste und die Bereitschaft des Literaturfonds, Geld zuzuschießen, verhinderten ein Ende fürs erste. Doch wurde mit Jürgen Engler (anstelle von Werner Liersch) ein neuer Chefredakteur eingesetzt. Seit 1994 erscheint die Zeitschrift nur noch alle zwei Monate. Nun hat es Lunkewitz, ehemaliger Maoist, dann Immobilienmakler, der sich auch gern als Wohltäter darstellt, doch noch geschafft. Ab Mitte 2004 wird die ndl nicht mehr bei Aufbau, sondern im Verlag Schwartzkopf Buchwerke Hamburg. Berlin herauskommen, der literarisch bislang kaum in Erscheinung getreten ist. Erschwerend tritt hinzu, dass es die Zeitschrift in den vergangenen Jahren immer seltener vermocht hat, Akzente zu setzen. Eher schienen die Gedichte und Erzählungen zahlreicher unbekannter Autoren von Nummer zu Nummer beliebiger zu werden und die Beiträge von Günter Grass, Volker Braun oder Wolfgang Hilbig spärlicher. Das ist im jüngsten Heft kaum anders: Hier die schwächelnden Unbekannten und dort die paar großen Namen, die der ndl schon immer als Zier und Rückhalt dienten. So spricht Adolf Muschg in seiner Rolle als Präsident der Akademie der Künste Berlin/ Brandenburg über Christa Wolf, sie einführend, und man merkt sofort, dass er sich auf schwierigem Feld bewegt, das nach einer diplomatisch gewundenen Rede verlangt, zumal in Anwesenheit der Autorin, die er auf keinen Fall kränken will. Ein "Helena-Schicksal", meint Muschg denn auch hoch symbolisch, Idol des einen Literaturlagers, Trugbild des anderen, viel gefeiert und angegriffen zugleich. Man habe nach der Wende versucht, sie "zur Galionsfigur dieser Mauer aufzubauen, als deren Gefangene man sie eben noch bedauert" habe. Zum Betrüger aber werde ein Schriftsteller nur durch sein Einverständnis mit dem Selbstbetrug. Von diesem rücke Christa Wolf ab, "Buch für Buch, und in ihrem neuen Buch - von Jahr zu Jahr". Dabei sei ihre Schwäche nicht von ihrer Stärke zu trennen. Ihr Thema sei die Teilung, als "fundamentale Spaltung der Schöpfung" verstanden, wovon die deutsche Teilung "nur ein Spezialfall" sei. Hervorzuheben aus der Vielzahl der Beiträge sind - neben einem langen Gespräch mit dem Lyriker Hans-Jürgen Heise - Erwin Strittmatters nachgelassene Notizen aus dem Kurbad Piest´any in der Slowakei von 1981 - für viele Jahre im Frühling ein Lieblingsaufenthalt des Ehepaares Strittmatter. Diese Aufzeichnungen, von denen man mehr lesen möchte, verflechten Beobachtungen mit Erinnerungen; es sind oft tiefgründige, wahrnehmungsstarke Notate, die auch die eisige Distanz des alten Dichters zur "Partei", der SED, deutlich machen: "Ich bin froh, dass sie mir abstarb."

neue deutsche Literatur: Heft 1/2004, 10 Euro. (Neue Promenade 6, 10178 Berlin).

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