Eine seltsame Heilige

Zeitschriftenschau Randgänge

Das Wort "Bescheuertheit" klingt eher flapsig-unbeholfen als wissenschaftlich klärend. Doch nach Ansicht des Magdeburger Soziologen Rainer Paris (im Januarheft des Merkur) grassiert ideologische Bescheuertheit allenthalben. Der Begriff sei keineswegs nur als "polemisches Etikett" gemeint, er umschreibe vielmehr "einen verbreiteten mentalen Tatbestand". Wo Bescheuertheit an der Macht sei, könne sie "ganze Gesellschaften verwüsten." Denn der (oder die) Bescheuerte (oder Verbohrte?) hat, so Paris, nur ein schmales Thema; es gibt für ihn nur Antworten, keine Fragen. Er fühlt sich als jemand, der alles durchschaut und immer recht hat. Und er braucht vor allem handliche "Schuldige", die er an den Pranger stellen kann. Wo immer sich ein Anlass bietet, rastet seine Empörung ein und löst einen selbstgerechten Wortschwall aus.

Als Paradefall für die Bescheuertheit dient Paris die in den letzten Jahrzehnten betriebene "feministische Sprachpolitik", das durch Daueragitation oktroyierte "Quotendeutsch". Seitdem existieren nur noch "Berlinerinnen und Berliner", "Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten" oder - in der verschärften bisexuellen Variante - "MitarbeiterInnen". Nicht so zu reden, gilt noch im hintersten Winkel der konservativen Provinz als "frauenfeindlich".

Die ideologische Durchforstung von Syntax und Semantik mag ebenso lächerlich wie ärgerlich sein, eine Verhunzung der Sprache, sie beschränkt sich jedoch weitgehend auf Verlautbarungen der Ämter, auf Politikerreden und Talkrunden. Im Alltagsleben von Männern und Frauen spielt das Quotendeutsch zum Glück (noch) kaum eine Rolle. Was Rainer Paris, der vermutlich an den universitären Verhältnissen in Magdeburg leidet, so verzweifelt witzig beklagt, ist ja längst nicht mehr neu. Es sind die Nachwehen des Feminismus der achtziger Jahre mit ihren Frauenbeauftragten und der Politik der rot-grünen Periode, als Alice Schwarzer und Claudia Roth gleichsam als Hohepriesterinen des sozial Guten und Richtigen figurierten.

Bescheuertheit ließe sich auch im Literaturbetrieb nachweisen. Zwar haben sich, so verkündet jedenfalls Sigrid Löffler im jüngsten Heft der Literaturen, deutschsprachige Titel im vergangenen Jahr gar nicht so übel verkauft. Doch wurden leider weit mehr Romane und Erzählungen verlegt, als die Menschen lesen wollten. Es herrscht also "Überproduktion". Hinzu kommt, dass Bücher heutzutage rasend schnell veralten: Ein Werk, das nicht "binnen sechs Wochen" die Aufmerksamkeit der Leser auf sich ziehen könne, sei - so heißt es - erledigt.

Zwar funktionieren neue Einrichtungen wie der hoch dotierte Deutsche Buchpreis als "Durchlauferhitzer". Allerdings haben hier nur konventionell und gefällig erzählte Texte eine Chance, wobei die Literaturkritik "ihre Aufgabe zunehmend darin sieht, den Markt abzusegnen", so Löffler, die sich freilich selbst, bis in die Wortwahl hinein, stets im Zentrum des Marktes bewegt. Hektisch werden neue Literaturmoden kreiert, kurzfristige Trends ausgebrütet, während die Themen und Texte der mitspielenden "Erfolgsautoren" und "Jungstars" einander immer ähnlicher geraten. Löffler spricht von einem "Hang zum Einheitsstil", der vielleicht auch etwas mit der uniformen Ausbildung an den Schreibschulen und mit dem Stipendien-Unwesen zu tun haben könne.

Der bekannte und als erfolgreich geltende Romancier Bodo Kirchhoff meint im gleichen Heft der Literaturen, in seiner Schulzeit in den Sechzigern sei Literatur für ihn etwas gewesen, was für seinen Sohn heute die "Games" sind: Welten, in die man versinkt. "Mit dem Unterschied, dass uns Romane auch das eigene Verlorensein in der Welt klargemacht haben, während die Games den Spieler in der Illusion wiegen, die Welt beherrschen zu können, wenn nur die Reflexe stimmen." Kirchhoff nennt die Tatsache, dass immer weniger Leute nach Literatur verlangen, etwas hochtrabend eine "Katastrophe". Die Auflagen vieler älterer, einst durchaus erfolgreicher Schriftsteller seien in den letzten Jahren auf weniger als ein Drittel geschrumpft. Gute Bücher - auch Kirchhoffs eigene - gingen geräuschlos unter. Die Autoren, die sehr viele Bücher verkaufen, seien verschwindend wenige.

In den einschlägigen Organen ist Kirchhoff natürlich noch immer als gutaussehender und amüsant plaudernder älterer Herr präsent. So wirbt er im neuesten Heft der Literaturzeitschrift Volltext einnehmend für seinen kürzlich erschienenen "Freundschaftsroman" Eros und Asche. Fünf Zeitungsseiten gar nimmt Peter Hamms Essay über die Schweizer Dichterin Regina Ullmann ein. Eine "Zurückgebliebene" und "lebenslange Außenseiterin" nennt er sie, ganz fern vom Literaturbetrieb und trotz mancher Bemühungen, vor allem Rilkes, noch immer kaum wahrgenommen, obwohl im Jahr 2000 wieder einmal ein Lesebuch mit ihren Erzählungen erschienen ist.

Hamm, der sich schon öfter mit ähnlichen Worten für Ullmann und ihr Werk eingesetzt hat, vergleicht die Dichterin mit ihrem Landsmann Robert Walser, der ja auch erst nach Jahren des Vergessenseins wiederentdeckt wurde. Zur Welt kam sie 1884 in St. Gallen; sie galt als zurückgebliebenes Kind, stotterte und schielte, fiel vor allem durch extreme Langsamkeit auf. Ihr Vater, ein jüdischer Kaufmann, starb früh, worauf sie mit Mutter und Schwester 1902 nach München in die Nähe des Englischen Gartens zog. Von der Fülle der Großstadt-Eindrücke erschreckt, horchte sie noch mehr als früher in sich selbst hinein. Es entstanden erste Prosastücke, von denen sie später einige in ihr Buch Von der Erde des Lebens aufnahm. Es erschien 1910, mit einem Geleitwort von Rilke.

Regina Ullmann brachte zwei uneheliche Töchter zur Welt; in einem Fall war der berühmte anarchistische Psychiater Otto Gross der Vater, der offensichtlich die "innere Glut" dieser "seltsamen Heiligen" erkannte, als deren literarische Vorbilder Stifter und Gotthelf gelten. Oft wurde sie von heftigen Depressionen heimgesucht, denen sie - ähnlich wie Robert Walser - durch Gewaltmärsche zu entkommen suchte. 1915 zog sie sich aufs Land zurück, wo sie sich der Imkerei widmete und eine Gärtnerlehre begann, stets in ärmlichen Verhältnissen lebend. Ihre Erzählungen spielen auf der "Landstraße", handeln von demütigen und geschlagenen Menschen: die blinde Bäckersfrau, der taubstumme Köhler, der beschränkte Schweinehirt, in deren Sphäre sie auf magische Weise Zutritt fand.

Merkur Heft 1, Januar 2008 (Mommsenstraße 27, 10629 Berlin), 11 EUR

Literaturen Heft 1/2, 2008 (Reinhardtstraße 29, 10117 Berlin), 9,50 EUR

Volltext Heft 6, 2007 (Lothringerstraße 3, A-1010 Wien), 2,50 EUR

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

Geschrieben von

Michael Buselmeier

Schreiber 0 Leser 0
Avatar

Kommentare