Flüchtlinge & Wandervögel

Zeitschriftenschau Vom Wandern bis zum Strukturwandel der Öffentlichkeit. In seiner Zeitschriftenschau sichtet Michael Buselmeier neueste Beiträge aus literarischen Zeitschriften

Über das „Wandern als deutscher Erinnerungsort“ berichtet Bodo Mrozek im Aprilheft des Merkur, nicht sehr tiefschürfend, was sich schon darin andeutet, dass Wandern ja eigentlich kein „Ort“, sondern eine Fortbewegungsweise und vielleicht auch eine Existenzform ist. Die Künstler der deutschen Romantik haben den Wanderer, den Spaziergänger und ein wenig auch schon den Flaneur zu einer ihrer zentralen Figuren gemacht; man braucht nur an Tieck, Eichendorff, Novalis und überhaupt an den Bildungsroman zu denken. Seit der Entdeckung der Schönheit von Natur und Landschaft in der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts gibt es eine innige Verbindung von Gehen und Wahrnehmen, Wandern und Schreiben, wofür Autoren wie Hölderlin, Stifter, Robert Walser oder auch Hermann Hesse stehen.

Dafür freilich interessiert sich Bodo Mrozek kaum. Er stellt das Wandern eher als nationale Gruppen-Veranstaltung vor, beginnend mit den „Wandervögeln“, die um 1900 zur Keimzelle der deutschen Jugendbewegung wurden und bald auch einen völkisch-nationalen Kurs einschlugen. Hatten sie – könnte man fragen – zur Zeit des 1. Weltkriegs eine andere Wahl? Gewiß gab es auch sozialistisch organisierte „Naturfreunde“, doch 1933 gingen sie alle in der Hitlerjugend auf und wanderten kaum mehr, sie marschierten.

Nach 1945 gestaltete sich das Wandern, zumindest in Westdeutschland, weitgehend ideologiefrei. Hippies und Rucksack-Touristen ließen alle Nationalgrenzen hinter sich, ihnen folgten die „Erlebnisreisenden“ und schließlich das „Nordic Walking“ als Modeerscheinungen. Das geruhsame, mit Heimatliebe und Selbstfindung verbundene Wandern gilt allenfalls noch als Rentnerbeschäftigung.

Die Kränkung des Golo Mann

Auch Golo Mann war ein begeisterter (Berg-)Wanderer der älteren Art. Sein 100. Geburtstag ist für Hans-Martin Gauger Anlaß, einmal mehr die kürzlich erst in der FAZ diskutierten „Kränkungen“ auszubreiten, die Golo Mann erfuhr. Adorno und Horkheimer heißen die einflussreichen Schurken, er nannte sie „Lumpen“, die seine Berufung an die Universität Frankfurt mit dem Hinweis verhindert haben sollen, er sei ein Antisemit und als Homosexueller eine Gefahr für die Jugend. Auch mit den 68ern stand Golo Mann auf Kriegsfuß. Dabei hat er die Ostpolitik Willy Brandts mit vorbereitet und begleitet.
Mit Sympathie beschreibt Gauger Manns Lebensleistungen, voran die Deutsche Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts (1958) und die Wallenstein-Biographie (1971) – Geschichte nicht als trockene Wissenschaft, sondern als Erzählung, und der Historiker als Schriftsteller. Das erklärt, weshalb er zu Willy Brandt unmittelbar nach der ersten Begegnung enttäuscht notierte: „Ein Mann ohne Literatur.“ Von seiner „verfluchten Familie“ kam er nie los, doch literarisch schätzte er seinen Vater Thomas Mann durchaus, vor allem dessen Josephsromane.

Im amerikanischen Exil fühlte sich der Sohn genauso wenig heimisch wie der Vater. Thomas Mann verbrachte 14 Jahre, von 1938 bis 1952, in den Vereinigten Staaten, von den gebildeten Kreisen „weniger ob seines literarischen Werks als wegen seiner Rolle als Repräsentant“ des ,anderen Deutschland’ geschätzt – so Hans Rudolf Vaget im gleichen Heft des Merkur. Die einer ganz anderen Tradition folgende amerikanische Literaturkritik beklagte den „hochgestochenen Stil“ und überhaupt den allzu „literarischen Charakter“ seiner Romane. Mann habe – meint Vaget – von den Schriftstellern seines Gastlandes nur eine „ganz oberflächliche Kenntnis“ besessen. Wie auch andere Immigranten sei er ins Land gekommen „mit dem unerschütterlichen Bewusstsein der kulturellen Überlegenheit“ und habe deshalb, anders als etwa Nabokov, kaum Interesse an der amerikanischen Kultur gezeigt.

Über biblische Landschaften in Thomas Manns Josephsromanen informiert im Februarheft des Merkur Chaim Noll. Bekanntlich hat dieser Groß-Schriftsteller nicht nur alles Erreichbare zum jeweiligen Thema gelesen und Spezialisten konsultiert, er musterte auch die Schauplätze, die Landschaften der geplanten Geschichte. So hat er, ehe er sich an die biblischen Stoffe seines Spätwerks wagte, Ägypten und das damalige Palästina zweimal, 1925 und 1930, bereist. Die klare Topographie, der archaische Anblick von Gebirge, Wüste und fruchtbarem Nilland, sei Mann aus „frühesten Kindheitsträumen“ auf eine schwer erklärbare Weise vertraut gewesen und als Metapher des „Dauerhaft-Ewigen“ erschienen, über alles Zweifelnde und ironisch Distanzierende hinaus.

Inger Christensen neu übersetzt

Die dänische Dichterin Inger Christensen ist im Januar dieses Jahres 74jährig gestorben, ohne den verdienten Nobelpreis bekommen zu haben. In ihren beiden Langgedichten det (1969) und alphabet (1981) verbindet sich auf romantische Weise das Mystische und Musikalische der Poesie mit dem Rationalen und Systematischen der Naturwissenschaften. Im deutschen Sprachraum begann Inger Christensens Ruhm 1988, als der Münsteraner Kleinheinrich Verlag alphabet in der Übersetzung von Hanns Grössel herausbrachte – ein hochartifizieller Zyklus, der in 14 Abschnitten die Buchstaben des Alphabets mit dem mathematischen Effekt der sogenannten Fibonacci-Folge kombiniert. „die aprikosenbäume gibt es, die aprikosenbäume gibt es“ lautet das erste, noch lapidare Gedicht.

Das jüngste Heft der Grazer Zeitschrift manuskripte präsentiert die ersten acht Abschnitte dieses Langgedichts (von a bis h) in einer neuen Übertragung von Florian Voß. Während sich Grössel bemühte, das Steuerprinzip des Alphabets im Deutschen so weit wie möglich einzuhalten, sich aber schon im zweiten Abschnitt gezwungen sah, neben „brombeeren“ und „brom“ mangels Entsprechung auch die Wörter „farne“ und „wasserstoff“ vorkommen zu lassen, weicht Voß in seiner freien Nachdichtung von der Wörtlichkeit ab und setzt statt Farne „bärlapp“ und statt Wasserstoff „borwasser“. Freilich kommt gerade dem Begriff „wasserstoff“ im Zyklus eine inhaltlich bedeutsame Funktion zu, wie Grössel zu recht anmerkt. Darf man ihn also im Interesse des „schamanischen Klangs“ einfach ersetzen?

Die neueste Ausgabe des Schreibhefts eröffnen vier bislang unpublizierte Gedichte Inger Christensens. Sie stammen aus Gras, ihrem 1963 erschienenen zweiten Gedichtband, sind jedoch in dessen deutscher Übersetzung von 2005 nicht enthalten. Die Poetin betrachtete sie, wie einem Brief an Hanns Grössel zu entnehmen ist, selbstkritisch „als Phänomene aus einer fernen und fremden Jugend.“

Peter Glotz und die gewandelte Rolle des Intellektuellen

Die Januar/Februar-Ausgabe der Neuen Gesellschaft/Frankfurter Hefte erinnert an Peter Glotz, den langjährigen Chefredakteur der Zeitschrift, der im März siebzig geworden wäre. Zugleich wird nach einem neuen „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ gefragt und nach der damit einhergehenden veränderten Rolle der Intellektuellen im politischen Leben. Beklagt wird, dass der Typ des allseits intervenierenden, mit moralischer Überlegenheit gewappneten Sinndeuters nahezu verschwunden ist, wobei an Günter Grass, Walter Jens oder Jürgen Habermas zu denken wäre.

Der 2005 gestorbene Peter Glotz war, so der Tenor mehrerer Beiträge, ein Mann des Übergangs, einerseits noch sozialwissenschaftlich geschulter Verteidiger eines klassischen Öffentlichkeitsbegriffs a la Habermas, andererseits schon Medienmanager, Modernist und „Dauerkommunikator“, ein „Grenzgänger“ eben, nicht ganz zur Politik, nicht ganz zur Wissenschaft gehörend.

Dieser skeptische Intellektuelle sei, so Dietmar Herz, vor allem durch das Erlebnis der Nachkriegszeit geprägt worden, in der durch mühsame Arbeit langsam Neues entstand und der wirtschaftliche Aufstieg schließlich auch zum politischen Erfolg führte. Die notwendigen Modernisierungen konnten für Glotz nur durch eine von der SPD geführte Bundesregierung umgesetzt werden. Der Revolte von 1968 begegnete er distanziert, mit sozialdemokratischem Reformismus. Willy Brandts Parole „Mehr Demokratie wagen“ wurde zu seinem Bezugspunkt. Nur so konnte für Glotz eine moderne westdeutsche Identität entstehen: durch „Verzicht auf jede Art von Nationalismus, ein entschlossenes Bekenntnis zur Europäischen Integration“ sowie durch eine sich nach Osten öffnende Friedenspolitik. Peter Glotz war als Generalsekretär und Bundesgeschäftsführer ein Repräsentant dieser sozialdemokratischen Regierungspolitik der 70er Jahre.

Dem Umbruch von 1989/90 stand er skeptisch gegenüber. Nur wenige Jahre nach der Wiedervereinigung endete seine politische Karriere, und er wandte sich wieder seinem Herkunftsfach, der Kommunikationswissenschaft zu. Mit seiner Partei hatte er zuletzt nicht mehr allzu viel zu schaffen. In der SPD nahm man dem in Böhmen geborenen Flüchtlingskind vor allem seinen Einsatz für das „Zentrum gegen Vertreibung“ von Erika Steinbach übel, worüber freilich in dem ihm gewidmeten Heft der Neuen Gesellschaft nichts zu lesen ist. Verschwiegen wird auch, dass Glotz sich früh und vergeblich – auch und gerade in seiner Zeitschrift – gegen die Anerkennung von Slowenien und Kroatien wandte und gar nichts von einer militärischen Intervention gegen Serbien hielt.

Wer war noch mal Richard Löwenthal?

Als ein anderer bedeutender Partei-Intellektueller, Richard Löwenthal, im April des vergangenen Jahres hundert Jahre alt geworden wäre, erschien in der Neuen Gesellschaft überhaupt kein Geburtstagsartikel; so weit hatte sich die SPD von ihm entfernt. Klaus Harpprecht holt das jetzt etwas spät nach, indem er Rix Löwenthal als einen der „besten Köpfe“ der SPD feiert und seinen Beitrag zum „freiheitlichen und demokratischen Sozialismus“ würdigt.

Dabei war Löwenthal in seiner Jugend ein führender Linkskommunist gewesen, doch die Erfahrungen im Exil und vor allem Stalins „Große Säuberung“ hatten ihn zur Sozialdemokratie und schließlich zu Willy Brandt geführt, der seine theoretischen Fähigkeiten und seine intellektuelle Brillanz schätzte. Als Politologie-Professor in Berlin prallte er heftig mit den linksradikalen Studenten zusammen, durch deren Vorlesungsstörungen er sich an vergleichbare Aktionen der SA gegen jüdische Dozenten vor 1933 erinnert fühlte. Verschreckt trat er dem konservativen „Bund Freiheit der Wissenschaft“ bei, was ihn bei politisch korrekten Parteigenossen unmöglich machte.

Merkur: Heft 4, April 2009 (Mommsenstraße 27, 10629 Berlin), 11,-
Merkur: Heft 2, Februar 2009 (Mommsenstraße 27, 10629 Berlin), 11,-
Manuskripte: Nr. 183, März 2009 (Sackgasse 17, A-8010 Graz), 1o,-
Schreibheft: Nr. 72, März 2009 (Nieberdingstr. 18, 45147 Essen), 12,-
Neue Gesellschaft/Frankfurter Hefte: 1/2, 2009 (Hiroshimastraße 17, 10785 Berlin), 10,80

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Geschrieben von

Michael Buselmeier

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