Geballte Fäuste

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Kritische Ausgabe nennt sich etwas steril eine Zeitschrift, die im zwölften Jahr, einmal pro Semester, am Institut für Germanistik der Universität Bonn erscheint, eine Art Fachorgan, herausgegeben und zu wesentlichen Teilen auch mit Beiträgen bestückt von Studenten; doch arbeiteten von Anfang an auch Dozenten, Journalisten und Schriftsteller mit. Vermutlich entsteht dadurch der erfreuliche Eindruck der Lesbarkeit auch dort, wo es sich um kompliziertere wissenschaftliche Gegenstände handelt.

Das Thema der jüngsten Kritischen Ausgabe - "Abenteuer" - wird mit einer Vielzahl von Beiträgen eingekreist. Das Wort wurde übrigens im Lauf des 12. Jahrhunderts als "aventiure" aus dem Altfranzösischen entlehnt, zu einer Zeit, als gleich mehrere deutsche Autoren französische Artus-Romane adaptierten. So folgt auch der Parzival des Wolfram von Eschenbach um 1210 einer französischen Vorlage, freilich nur bedingt. Schon zuvor, um 1180, hatte Hartmann von Aue den Erec-Roman des Chrétien de Troyes übertragen. Beatrice Trinca und Irmgard Gephart beschreiben anschaulich die abenteuerlichen Wege dieser Helden "zwischen Gefährdung und Bewährung".

Der deutsche Abenteuerschriftsteller schlechthin war Karl May. Ulrich von Thüna bemüht sich um eine politische Lektüre des umfangreichen Werks. Wie alle Massenautoren habe sich auch May dem Druck des Marktes gebeugt. Erst in einer späteren Phase nutzte er die Möglichkeit, eigene politische Gedanken auszudrücken, und näherte sich dabei pazifistischen Positionen. Doch blieb der früh Gedemütigte stets ein Kind seiner Zeit mit ihren progressiven und rückschrittlichen Ansätzen und natürlich ein Gegner jeder Revolution.

Ein spannend zu lesender Bericht über Sir Ernest Shakletons gescheiterte "Endurance"-Expedition in die Eiswüsten der Antarktis in den Jahren 1914 bis 1916 ziert diese Kritische Ausgabe ebenso wie ein langes Gespräch mit dem emeritierten Bonner Germanisten Norbert Oellers über Friedrich Schiller als Abenteurer. Der Dichter war nicht nur in seinem Werk an Abenteuern und abenteuerlichen Figuren interessiert (man denke an die Balladen, an Die Räuber, Wilhelm Tell, Wallenstein), er profilierte sich auch als Kartenspieler, Trinker und Frauenliebhaber, hat jedoch - wie Karl May - seinen Lebensraum kaum verlassen, sondern lieber mittels seiner abenteuerlichen Phantasie die Welt erobert.

Unter der Rubrik "Vergessene Autoren" stellt Katja Moses den 1923 geborenen Georg Hensel und seinen einzigen Roman Nachtfahrt vor, ein Stück "Trümmerliteratur", kurz nach Kriegsende erschienen und 1994, zwei Jahre vor Hensels Tod, wieder aufgelegt. Das Buch erzählt von den Erlebnissen eines Wehrmachtsoldaten, der in seine zerbombte Heimatstadt zurückkehrt, in der er keinen mehr kennt. Hensel entschied sich bald für den Journalismus und machte als Theaterkritiker bei der FAZ Karriere. Sein Schauspielführer Spielplan gilt bis heute als Standardwerk.

Zu den vergessenen Autoren dürfte auch Erhart Kästner zählen. In meiner Jugend habe ich seine Griechenlandbücher, voran Ölberge, Weinberge bewundert, sie waren mir Wegweiser durch Geschichte und Gegenwart des Landes. Kästner kam es weniger auf sogenannte Bildungserlebnisse und archäologische Wissenschaftlichkeit an. Ihm ging es um Zwiesprache mit der lebendigen Landschaft, um das mystische Licht auf Felsen und Säulen, worin der Wanderer Wesenszüge des Eigenen erkennen sollte.

Geboren 1904 in Schweinfurt, war Kästner nach seiner Promotion ab 1927 an der Sächsischen Landesbibliothek in Dresden beschäftigt. Von 1936 bis 1938 war er Sekretär Gerhart Hauptmanns, während des Krieges Besatzungssoldat in Griechenland, wo er im Auftrag der Wehrmacht drei Bücher über das Land schrieb. In der britischen Gefangenschaft in einem ägyptischen Wüstencamp entstand sein Zeltbuch von Tumilad. Von 1950 bis 1968 leitete er die Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel.

Von dieser Phase in Kästners Leben erzählt Julia Hiller von Gaertringen in Sinn und Form. Leibniz und Lessing haben dort gewirkt, doch die ehemals fürstliche Büchersammlung befand sich in einem schlechten Zustand. Kästner gelang es, der Bibliothek ein neues Selbstbewußtsein fern von jedem Zweckdenken zu geben und sie als "solitäre Einrichtung" im öffentlichen Bewußtsein zu verankern, "in größter Distanz zu bibliothekarischen Fachgremien aller Art, in denen er nur geistlose Technokraten versammelt sah."

Das jüngste Heft der Neuen Rundschau ist der Erinnerung an Wolfgang Hilbig gewidmet, der im Juni 2007 starb. Unter den Weggefährten, die zu Wort kommen, befindet sich auch Hilbigs Lektor Jürgen Hosemann, der über einen Aufenthalt im sächsischen Meuselwitz, der tristen Heimatstadt des Dichters berichtet, die durch ihn zu einem Ort der Literatur wurde. Claudia Rusch schildert Hilbigs Besuch eines Bob Dylan-Konzerts in Berlin, einen Monat vor seinem Krebstod: "Bei jedem Song stieß er die geballten Fäuste in die Luft. Er tobte, grölte, brüllte."

Kritische Ausgabe Sommer 2008 (Universität Bonn, Institut für Germanistik, Am Hof 1d, 53113 Bonn), 4,50 EUR

Sinn und Form Heft 2, 2008 (Postfach 210250, 10502 Berlin), 9 EUR

Neue Rundschau Heft 2, 2008 (Hedderichstraße 114, 60596 Frankfurt am Main), 12 EUR

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Geschrieben von

Michael Buselmeier

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