Poesie ohne Aufwand

Walter Helmut Fritz

Unter den bedeutenden Lyrikern der Gegenwart ist Walter Helmut Fritz, der am 26. August 70 Jahre alt wird, einer der stillsten. Verhaltenheit, Geduld, Gelassenheit des Blicks kennzeichnen ihn und sein Werk: die Gedichte, die Kurzprosa, auch die aus kleinen Einstellungen zusammengesetzten Romane, mit denen er seit über vier Jahrzehnten gegen den Lärm in der Welt anschreibt. Doch zugleich geht von diesen Texten ein irritierendes Leuchten aus, ein Fünkchen Fremdheit, das den Leser zum Innehalten zwingt und ihm hilft, Sprache und Gesellschaft anders zu sehen und genauer zu verstehen.

Kaum einer weiß so formsicher wie Fritz mit den sparsamsten Notaten umzugehen, mit minimalen Mitteln ein Maximum an Erfahrung einzuholen. Seine Texte sind weder hermetisch verschlüsselt noch besonders komplex. Sie zeichnen sich aus durch sprachliche und gedankliche Klarheit; sie wirken durch die eigentümliche »Art des Aussparens, Andeutens und Verschweigens« (so Harald Hartung), sind lakonisch, hellsichtig und -hörig, eben »Poesie ohne Aufwand«, wie der Dichter es selbst formulierte.

Fritz' Interesse gilt nicht den sogenannten großen Dingen, den Staatsaktionen, sondern dem, was zwischen den Zeilen und Sätzen steht und das Leben tatsächlich ausmacht: den Möglichkeiten des Augenblicks, den kaum merklichen Veränderungen und Mehrdeutigkeiten, der Frage, wie der Mensch mit der Banalität seines Alltags, der Unbegreiflichkeit seines individuellen Schicksals fertig wird. Viele von Fritz' Texten sind - als Kontrast zum Gerede - durch konzentrierte Lektüre, durch Bilder, Landschaften und Reisen angeregt. Es ist etwas Geheimnisvolles in ihnen, das sich nicht leicht erschließt.

Walter Helmut Fritz hat einmal gesagt, am wohlsten fühle er sich »im Gedicht, im Prosagedicht, in der Aufzeichnung. Auch die erzählenden Arbeiten entfernen sich ja nicht allzu weit davon«. Das meint, Fritz ist in all seinen Äußerungen ein kontinuierlich am Poetischen arbeitender Lyriker, in den Prosagedichten oft sogar bildlich kühner und differenzierter als in den Versgedichten. Aus welchem Grund er manche seiner Miniaturen »Prosagedichte« nennt, andere, sehr ähnlich strukturierte indes »Aufzeichnungen«, ist mir unklar geblieben.

Im vorliegenden Prosagedicht blickt das wahrnehmende Ich durch ein »offenes Fenster« auf den immer »neuen Tag«. Der Blick aus dem Fenster ist ein literarischer Topos. Fast jeder Lyriker hat ein solches, zwischen »atmender Nähe und Fernsicht«, drinnen und draußen changierendes Fenster-Poem geschrieben, ja ganze Romane wurden aus dieser Distanz schaffenden Perspektive verfaßt. Walter Helmut Fritz selbst verwendet das Motiv öfter. »Fenster« heißt zum Beispiel ein knappes Gedicht aus den 70er Jahren, dessen Ich sich am Schluß von der sinnlichen Wirklichkeit abwendet und poetologisch resümiert: »Durch Sätze / sehn wir hinaus.« Das bedeutet, daß Sätze oder auch Gedichte in einem übertragenen Sinn selbst »offene Fenster« sind, die zwischen getrennten Räumen, Innen- und Außenwelt vermitteln; Ausblicke, Ausschnitte...

So auch im vorliegenden Text, der zwischen nur scheinbar harmlosen Alltagsbeobachtungen am Rheinufer plötzlich das Grauen der sich entfernenden Geschichte in den Blick rückt: »Mit schwindelerregendem Leben zieht der Fluß fort wie das mörderische Jahrhundert.« Dies geschieht im Bild des Stromes, der wie einst bei Hölderlin »fort in die Ebene« zieht, aber nicht »traurig-froh« wie der Jüngling »in die Fluten der Zeit sich wirft«, sondern alt und mit Leichen bedeckt »sich auf und davon macht«, umtanzt von »tobenden Hunden«.

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