Progressive Erzähler

Zeitschriftenschau Glaubt man Verlegern, Buchhändlern und Kritikern, so verkaufen sich heute fast nur Romane. Erzählungen und Kurzgeschichten gehen schlecht, von Essay- ...

Glaubt man Verlegern, Buchhändlern und Kritikern, so verkaufen sich heute fast nur Romane. Erzählungen und Kurzgeschichten gehen schlecht, von Essay- und Gedichtbänden ganz zu schweigen. Bis ins 19. Jahrhundert galt der Roman als das niedrigste unter den literarischen Genres, denn er war zusammengestoppelt aus Erlebtem und Erfundenem und besaß, so Wolfgang Matz im Augustheft der Akzente, "kein eigenes Formprinzip." Cervantes im Don Quijote und Flaubert in Madame Bovary berichten beispielhaft, welch traurige Folgen die übermäßige Lektüre solcher Produkte haben kann. Flaubert hat mit als erster für eine rigorose Formung des Stoffs gesorgt, also eigene Gesetze entwickelt, die den Roman über das bloß Stoffliche hinausheben.

Die Frage nach der Tradition des Erzählens bestimmt das ganze Akzente-Heft. So konstatiert Wolfgang Matz einleitend: "Ohne die großen Romane der vergangenen Jahrhunderte ist eine Besinnung, was diese Gattung heute vermag, nicht möglich." Nach einer "langen Phase des Experiments" gelte es, den Roman des 19. Jahrhunderts "für heutiges Erzählen wieder fruchtbar zu machen." Exemplarisch sind zwischen die essayistischen Beiträge je ein neu übersetztes Kapitel aus Cervantes´ Don Quijote und Herman Melvilles Bartleby sowie ein erst kürzlich entdeckter tagebuchartiger Text von Gustave Flaubert eingefügt.

Im Zentrum steht ein sehr anspruchsvolles Gespräch über das Romaneschreiben zwischen IngoSchulze und Norbert Niemann, ausgehend von deren Romanen Neue Leben beziehungsweise Willkommen neue Träume. Wer diese Bücher nicht kennt, hat passagenweise Verständnisschwierigkeiten. Klar wird immerhin, dass Schulzes Vorbilder für Neue Leben der Briefroman (Goethes, Hölderlins) und E.T.A. Hoffmanns Kater Murr waren, während Niemann Tolstoi und Stendhal bevorzugte. Leider geraten die beiden ins Politisieren, beklagen breit die "Ökonomisierung aller Lebensbereiche", die "Refeudalisierung des Kulturbetriebs" und das Verschwinden nicht nur des Ostens, sondern auch eines "Westens mit menschlichem Antlitz".

Nach wechselseitigem Loben kommen endlich poetologische Fragen in Sicht, so die Wiederkehr des auktorialen Erzählers, was meint, dass alle Fäden beim Autor zusammenlaufen. Diese Art "altmodischen" Erzählens als "progressiv" verteidigend, meint Niemann, vielleicht sei ja inzwischen "der Blick auf frühere Epochen freier, um aus ihnen Techniken wiederaufzunehmen, die für das 21. Jahrhundert bedeutsam sein könnten." Angesichts der durch die Medien betriebenen Zerstückelung von Wirklichkeit könnte die Aufgabe heutiger Autoren darin bestehen, dem so entstandenen Vakuum "den Entwurf eines Gesamtbilds entgegenzusetzen, statt die Zersprengung weiter zu vertiefen." Es gehe, heißt es fast programmatisch, um Gegenentwürfe zur "erhitzten Daueraktualität".

In einer bemerkenswerten Rede reflektiert Wilhelm Genazino über Heinrich von Kleists "innere Katastrophenverfassung", die sich besonders in seinen Erzählungen abbildete. Schon als Kind habe Kleist stärkste Katastrophen erlebt durch den Verlust der Eltern und neigte dazu, seine Mitmenschen zu überfordern. Der Familientradition folgend, sei er gleichsam als "Kindersoldat" in das Garderegiment Potsdam eingetreten und habe den dort ausgeübten Drill "mit zusammengebissenen Kiefern" ausgehalten. Insofern könne man auch sagen, Kleist habe "mit militärischer Disziplin" erzählt und dabei den "traumatischen Kern des menschlichen Existierens" freigelegt. Franz Kafkas Werk sei, so Genazino, "der nach innen gewendete, der fortgeschriebene Kleist." Denn bei Kafka finden wir "die Ausformung der Melancholie, die Kleist unter dem herrschenden Tapferkeitsdruck ausgeblendet" habe.

Im jüngsten Heft der Zeitschrift Sinn und Form fallen Tagebuch-Notizen von Adam Zagajewski auf, die eine breite europäische Bildungstradition beschwören, aber auch der Selbstreflexion dienen. So konstatiert der polnische Lyriker etwa: "Neben den Theologen bin ich anscheinend einer der letzten Autoren, der gelegentlich vom ´geistigen Leben´ spricht. Manche begegnen mir deshalb mit Misstrauen, sie halten mich für stockkonservativ, wenn nicht für reaktionär." Jochen Rack führt ein Gespräch mit Alexander Kluge, worin es auch um dessen Heimatort Halberstadt geht. Eines Abends besuchte Walter Benjamin dort das Opernhaus, in welchem regelmäßig Kluges Vater als Theaterarzt in Reihe 4 saß - die beiden waren also nur ein paar Meter von einander entfernt, besuchten vielleicht anschließend dasselbe Lokal.

Akzente Heft 4, August 2008 (Postfach 86 04 20, 81631 München), 7,90 EUR

Sinn und Form Heft 4, 2008 (Postfach 21 02 50, 10502 Berlin), 9 EUR

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Geschrieben von

Michael Buselmeier

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