Sehnen und Sehen

TEXTGALERIE Michael Donhauser ist ein ernster, stiller, langsamer Mensch und ein bedächtig-genauer Lyriker und Prosaist. Seine unter dem sperrigen Titel Dich ...

Michael Donhauser ist ein ernster, stiller, langsamer Mensch und ein bedächtig-genauer Lyriker und Prosaist. Seine unter dem sperrigen Titel Dich noch und 1991 erschienenen Liebes- und Lobgedichte erzählen vom einsamen Gehen in der Landschaft, an den Rändern der Stadt, "den Eingängen entlang, den Toreinfahrten, den Baustellen". Sie sprechen die begegnenden Dinge wie "Amsel", "Holunder" oder "Kirschbaum" emphatisch an, als Fundstücke und stumme Zeichen, die - indem sie benannt werden - glückhaft aufleuchten. Es ist ein feierliches Bach- und Himmelsrauschen in diesen Gedichten, besonders in den langzeiligen längeren Texten, ein hymnischer Hölderlin- und wehmütiger Trakl-Ton, der den Leser mit auf Wanderschaft nimmt. Ein steiniger Weg freilich, beginnen doch viele dieser Poeme mit einem Stakkato kurzer, abgerissener Wörter, die - absichtsvoll unpoetisch - den Zugang zu verwehren trachten: "Oder nicht mehr dann, jetzt, noch, nenne ich / Und du wieder dich, die wir und getrennt..." Auch sonst scheint Donhauser öfters bemüht, durch abbrechendes, gleichsam stotterndes Sprechen eine Einstimmung in den eher traditionellen lyrischen Kosmos zu verhindern, als müsse er sich als vermeintlich "Naiver" vor experimentellen Instanzen rechtfertigen.

Auch Donhausers jüngster Gedichtband Sarganserland umfasst zyklisch geordnete Liebes- und Lobgedichte auf Landschaften, die ein gehendes Ich durchstreift, doch sind die einzelnen Texte wesentlich knapper, einfacher, konzentrierter geraten. Es ist allerdings noch immer ein zögerndes, reflektierendes, sich Wort für Wort vorantastendes Sprechen, poetisch und traumverloren, mit gesplitteter Syntax, und unterscheidet sich insofern gründlich von der Glätte und Geschwindigkeit der Alltagssprache. Auf eine ganz eigene und intensiv andere, fast meditative Weise wird das für jeden Sichtbare angesprochen.

Das hier vorgestellte Gedicht, das schon einmal unter dem Titel Nachmittag in einer etwas früheren Fassung in der Zeitschrift manuskripte (Nr. 136/1997) zu lesen war, hält in kunstvoll fragmentierten Sätzen und Bildern, auch verfremdet durch zwei, drei trennend eingesetzte "und"- beziehungsweise "oder"-Konjunktionen, einen späten Herbstnachmittag fest. "Sehnliches oder Sehen" - geht es um die romantische Liebe des Poeten zur sterbenden Natur oder zu einer ätherischen Geliebten ("Dein Park, deine Bank...)? Fallen nicht Sehnen und Sehen zusammen im liebenden Blick, den der Dichter auf die Erscheinungen der Welt wirft und sie dadurch erst eigentlich erkennbar macht, etwa die von Früchten schweren "Zweige" oder die "am Kies" aufschlagenden, "leuchtenden" Kastanien? Vielleicht ist ja auch der "Fuß" der Geliebten nichts als eine "fast weiße" Feder, die sich im abendlichen Herbstwind bewegt, während der Dichter für immer einsam bleibt. Auch in diesem Gedicht klingen mit Hölderlin ("oder bricht / von Früchten schwer") und Trakl ("Denn einsam und mild") die großen, tragisch verdunkelten Vorfahren an.n

Michael Donhauser wurde 1956 in Vaduz im Fürstentum Liechtenstein geboren; er lebt dort und in Wien. Das vorgestellte Gedicht findet sich in dem Band Sarganserland, Urs Engeler Editor (Schusterinsel 7, D-79576 Weil am Rhein), 1998.

Michael Donhauser

SEHNLICHES ODER SEHEN, es

beugen die Zweige sich und

wärmer noch oder bricht

von Früchten schwer, was

zärtlich entlang im Laub

verirrt und leuchtend liegt

Denn einsam und mild, nah

hieß es, dem letzten Schein

sinkt, von Stimmen umspielt

das Haupt, die Hand, es

war, ich nannte dich und

Stille das herbstliche Licht

Dein Park, deine Bank mit

Gezwitscher, Kastanien, die

fallen, die schlagen, auf am

Kies, Sand, ich sah deinen

Fuß, eine Feder fast wie

schaukeln nieder und ruhn

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