Der Leierkastenspieler

Erzählung Eine ungewohnte Melodie.
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Von der Straße her hörte ich eine eigenartige Melodie. Es gibt ja Geräusche, sogar Melodien, die man von der Straße in der man lebt gewohnt ist. Die stets gleiche Melodie des Schrottsammlers zum Beispiel,oder das rasselnde Klingeln des Eismannes, sowie das solide Glockenläuten des Bauern der Kartoffeln und Eier verkauft. Es gibt das penetrante Röhren der Laubbläser im Herbst und das mechanische quietschen der Müllabfuhr begleitet von einem spritgetriebenen Brummen wie einem geschäftigen Poltern. Sirenen heulen aus der Ferne, in Sommernächten werden Autotüren zugeschlagen, aber diesmal war es etwas anderes, etwas unerwartetes.

Ich ging zum Fenster und entdeckte gegenüber auf dem Gehweg einen kräftigen Mann mittleren Alters der gleichmäßig die Kurbel eines Leierkastens drehte. Der Kasten stand auf dem Grundgerüst eines alten Kinderwagens, der Spieler selbst schien vor allem aus einem ockerfarbenen Pullover zu bestehen der seinen großen Bauch überspannte. Er überragte den Kasten um einen Brustkorb und ein speckiges Doppelkinn welches in einen kahlgeschorenen Kopf überging. Er stand still und lächelte.

Mit einer Drehorgel durch die Wohnsiedlung. Das gefiel mir. Es hatte aber auch etwas idiotisches, wie er da so stand. Mit diesem Lächeln allein auf der Straße. Die er zu bespielen gedachte waren doch größtenteils gar nicht zu Hause, stattdessen standen sie im Stau oder stressten sich anderweitig.

Er hörte auf zu drehen und schob den Wagen auf die Straße. Das war gar nicht so einfach, denn die Bordsteine waren hier sehr hoch und sein Gestell schien recht wacklig. Hinzu kam der große Bauch der seine Arme unnötig verkürzte. Ich öffnete das Fenster und sah rechts von mir auf gleicher Höhe ein Paar nackter Arme über einer Fensterbank liegen. Jetzt hievte der Alte die Orgel Stück für Stück über die Bordsteinkante auf den Gehweg. Erst die vorderen beiden Räder, dann die hinteren. Der Nachbar hatte ihm wohl eine oder mehrere Münzen zugeworfen, denn er taperte nun gebückt in kleinen Schritten vor seinem Wagen auf und ab, drehte Kreise, drehte sich um sich selbst, ging in Schleifen und hielt sich dabei den Rücken. Die Nachbarsarme waren inzwischen wieder im Fenster verschwunden. Der Alte tat mir leid und ich musste lachen, weil das so blöd war.

Als ich wieder hinausschaute suchte er immer noch, aber inzwischen hatte sich eine Zeitungsträgerin zu ihm gesellt. Ihr Wagen stand neben seinem und sie suchten gemeinsam. Sie etwas energischer als er, unverändert behäbig aber ausdauernd. Sie suchten so lange, dass mir langweilig wurde. Ich verließ das Fenster und tat dieses und jenes, verschiedene Dinge, bis wieder die Melodie ertönte.

In Hosen- und Jackentaschen suchte ich nach Kleingeld welches ich in ein Stück Papier einrollte. Ich ging ans Fenster und wünschte dem Drehorgelspieler einen guten Morgen. Er stand inzwischen auf der Straße, hörte auf zu spielen und ich versuchte ihm das Päckchen so hinzuwerfen, dass er es fangen konnte, aber es landete unter seinen ausgebreiteten Armen auf dem Asphalt und eine der Münzen sprang beim Aufprall fort, in einen Gulli hinein, während er schon nach einer anderen griff. Als der Spieler die Münzen aufgeklaubt hatte schaute er zu mir herauf und bedankte sich vielmals mit einem zufriedenen Lächeln. Er schlurfte zurück zum Leierkasten und begann ihn weiter die Straße herunter zu schieben. Da erst sah ich den kleinen Affen auf der Orgel sitzen. Er trug einen roten Hut und winkte mechanisch in meine Richtung. Ich winkte zurück.

13:44 30.01.2016
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