Das Öl der Zivilgesellschaft

Karneval Warum ohne Alkohol in Deutschland gar nichts geht
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Öffentlich ausgelebte Freude, Toleranz und spontane Verbrüderung: all das ist in auch in Deutschland 2017 möglich. Wenn die die Treibstoffzufuhr stimmt.

Denn Luschtigsein geht in Deutschland nur dann, wenn man sich vorher die Hemmungen weggesoffen hat. Da wird aus der quinoakauenden Vegetariern die Rampensau, der stocksteife Jack-Wolfskin-Jacke tragende Buchhalter knöpft die Hose auf, setzt sich ein Hütchen auf und brüllt "Zehn nackte Friseusen" und findet sich dabei unheimlich gut und lockerluschtig. Denn wenn er wieder, von März bis Ende Januar, stramm eingeklemmt in der morgendlichen Rushhour seine Graubrotbemme mümmelt, hasst er alle anderen.

Die angebliche kunterbunte (würg!) Festkultur in Deutschland gründet sich fundamental auf das Dogma des Suffs. Ohne diesen wären wir nicht fähig, Karneval, Fussball WM/EM, Apres-Ski, Hüttenzauber, Oktoberfest, Kirmes, Vereinswesen, Betriebsfeiern oder eine private Grillparty zu organisieren. Ohne Suff in den Puff? Undenkbar! Rostock-Lichtenhagen ohne Dosenbier und Jägermeister von Happi-Happi-bei-Appi? Da fehlt die feurige Spritzigkeit, auch in der Jogginghose.

Wie unsere Wirtschaft das Öl benötigt, braucht unser sogenanntes Gemeinwesen den Alkohol zur Selbstbestätigung. Wir sind doch locker, wir sind doch tolerant, wir sind doch lustig - aber nur wenn wir besoffen genug sind. Besoffen können wir uns natürlich auch munter auf die Fresse hauen - und später auf Schuldunfähigkeit ab 1,5 Promille bestehen.

Nähmen wir mal an, ein Gesundheitsminister führte sollte testweise von Januar bis März die Prohibition ein oder verteuerte alkoholische Getränke um 500 Prozent. Was würde passieren?

Meine These: Wir wären mir unseren Neid-, Hass- und Angstkomplexen vor dem (nüchternen!) Islam, vor Flüchtlingen, vor Altersarmut, dem steigenden Benzinpreis und allem anderen Mist der uns um die Ohren geschlagen wird zu nichts anderen fähig, als stumpf und still weiter Hasskommentare auf Facebook zu schreiben. Doch ist das, so ganz nüchtern, eigentlich möglich? Unsere gesamte Rülps- und Furzgesellschaft, die ihren Weg vom bierseligen Stammtisch ins Netz gefunden hat, bräche zusammen.

Wie damals in der DDR. Alkohol gab es da immer und reichlich. So blieb das Land regierbar - bis zum nüchternen Schluss.

08:37 28.02.2017
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

schumporat

Autor, Texter, Leser, Redakteur, Techniker
schumporat

Kommentare 2